Das Altpapier am 24. Oktober 2022 Kritik am Arbeitgeber ist ein Bürgerrecht

Die "Berliner Zeitung" degradiert einen Ressortleiter, nachdem er ein dubioses Verlags-Event kritisiert hatte. Jakob Augstein fehlt das Einfühlungsvermögen, um zu bemerken, dass er kein Einfühlungsvermögen hat. Übermorgen startet ard-kultur.de. Ein Altpapier von René Martens

Das Altpapier am 24. Oktober 2022: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
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Das Meinungsfreiheitsverständnis der "Berliner Zeitung"

Vor etwas weniger als zwei Wochen präsentierten der ultrakonservative "Cicero" und die "Berliner Zeitung" ein vormittägliches Bühnengespräch mit dem ungarischen Autokraten Viktor Orbán. Es lockte wohl einen beträchtlichen Anteil von finsteren Gesellen an, jedenfalls gab es - so der Politikjournalist Stephan Detjen in diesem Tweet, in dem auch ein Mitschnitt verlinkt ist - "lauten Applaus" für Orbáns Äußerung "Die Hoffnung für den Frieden heißt Donald Trump".

BLZ-Ressortleiter Hanno Hauenstein hatte auf das Event, bei dem als Fragesteller für die "Berliner Zeitung" deren Verleger Holger Friedrich auftrat, folgendermaßen reagiert:

"for the record: ich halte es nicht für sinnvoll, Viktor #Orbán zu Gesprächen einzuladen."

Diese äußerst zurückhaltend formulierte Kritik hat ihn nun seinen Posten als Leiter des Kulturressorts der Wochenendausgabe gekostet. Er sei zum einfachen Redakteur degradiert worden, wie Zeit Online am Freitagabend berichtete. Zahlreiche Journalistinnen und Journalisten haben das bei Twitter kommentiert, etwa Felix Dachsel ("Spiegel") und Lorenz Maroldt ("Tagesspiegel"). Letzterer mit den Worten:

"Hinweis: Die Meldung 'Kulturchef nach Kritik am Verleger degradiert' kommt nicht aus Ungarn."

Wenn eine Zeitung, die Positionen autokratischer Staaten recht viel Raum gibt (siehe Texte von mir für die taz und "Übermedien" im Februar und März dieses Jahres) und einem Pressefreiheitsfeind eine Bühne bereitet, sich gegen die Meinungsfreiheit stellt, ist das natürlich irgendwie stimmig.

Am Tag nach dem Bühnengespräch mit dem ungarischen Autokraten erschien in der "Berliner Zeitung" zwar ein - wohlgemerkt von Hauenstein geführtes - Interview mit der Politikwissenschaftlerin und Osteuropa-Expertin Jelena Subotić, die kritisierte, der Umgang mit LGBTQ-Menschen, "die Islamophobie und der Antisemitismus in Ungarn" seien "fester Bestandteil der Aushöhlung der Demokratie". Und kurz darauf schrieb die ungarische Journalistin Viktória Serdült über Einschränkungen für und Repressionen gegen Journalisten in Ungarn. Doch dieser Anschein von Binnenpluralismus trog.

Eigentlich gehört es ja zu den Vorteilen von Twitter, dass man hier mitbekommen kann, wenn sich Journalisten von ihren eigenen Redaktionen oder in ihren Medien erscheinenden Beiträgen distanzieren. Als Harald Martenstein Anfang des Jahres im "Tagesspiegel" auf seinem Marsch nach rechts einen weiteren Markstein setzte, indem er darlegte, dass die "Ungeimpft"-Sterne auf Querdenker-Demos nicht antisemitisch seien (es sollte seine letzten Kolumne für die Zeitung sein), war das zum Beispiel der Fall.

Johannes Schneider erwähnt in seinem Text noch, dass Hauenstein "auch sonst für Debatten gut" sei und "pointierte Meinungen speziell zur Politik Israels" habe. In diesem Zusammenhang zitiert er Chefredakteur Tomasz Kurianowicz in indirekter Rede:

"Generell habe (…) schon länger die Frage im Raum gestanden, ob das Ressort unter Hauenstein, den er als Stimme und Kollegen überaus schätze, bezüglich Genres, Thematiken und Standpunkten nicht zu einseitig geworden sei."

Ach so! Wenn eine Chefredaktion einen Kollegen als Ressortleiter nicht (mehr) für geeignet hält, dann sollte sie das aber anders lösen können. Besonders professionell wirkt ihr Agieren jedenfalls nicht. Dass Hauenstein nicht gegen Social-Media-Guidelines verstoßen hat, wäre auch noch bemerkenswert. Konnte er allerdings auch gar nicht, weil es solche Regeln bei der "Berliner Zeitung" nicht gibt (wie Kurianowicz gegenüber Zeit Online sagt).

Einen Ressortleiter zum Redakteur zu degradieren, nachdem dieser den Verleger "öffentlich kritisiert" hat, sei "eine Ausnahme in der deutschen Presselandschaft und ist eigentlich ein NoGo. In der Regel wird das hinter den Kulissen über Aufhebungsverträge geregelt", bemerkt dazu Verdi-Mann Jörg Reichel. In einem Thread geht der Gewerkschafter noch auf einen weiteren arbeitsrechtlichen Aspekt ein: "Der Verstoß eines angestellten Redakteurs eines Presseunternehmens gegen die publizistische Tendenz des Verlegers" könne "eine Kündigung rechtfertigen", sagt er mit Bezug auf das Bundesverfassungsgericht (gemeint ist dieses Urteil). Und eine öffentliche Degradierung sei mit einer Kündigung vergleichbar.

Reichel kommt dennoch zu dem Schluss, dass "Solidarität" mit Hauenstein angezeigt sei, und zwar "weil die öffentliche Kritik eines Arbeitgebers ein Bürgerrecht ist und nicht gegen die Treuepflicht eines Arbeitnehmers oder Tendenzloyalität gegenüber einer Zeitung verstößt".

Dunning-Kruger-Effekt bei Jakob Augstein

Viele öffentliche Intellektuelle sind im Zuge der Pandemie und/oder des Kriegs in der Ukraine wunderlich geworden (um es nett zu formulieren). "Freitag"-Verleger Jakob Augstein gehört zu jenen Exemplaren, bei denen das schon wesentlich früher passiert ist, siehe etwa 2016 die Rekrutierung von Jürgen Todenhöfer als "Freitag"-Herausgeber (der nach knapp einem Jahr dann aber wieder von dannen zog).

Wie Augstein sich und die Welt sieht - das beschreibt nun Samira El Ouasssil ("Übermedien") anhand eines Gesprächs, das er für den "Salon" von "Freitag" und Radio Eins mit der ukrainischen Schriftstellerin Tanja Maljartschuk führte (und nach Ansicht der "Leipziger Internet-Zeitung" "beinahe" ein "kommunikativer 'Splatter-Movie‘" war):

"(Augsteins) bemerkenswerte Demonstration ausgeführter Empathielosigkeit, (war) eine ziemlich exemplarische Präsentation dessen, wie der Dunning-Kruger-Effekt funktioniert: Augstein fehlte das Einfühlungsvermögen, um zu bemerken, dass ihm das Einfühlungsvermögen fehlte."

El Ouassil nimmt die Veranstaltung auch zum Anlass, darüber zu schreiben, wie sich die Rollen von Teilnehmenden bei unterschiedlichen öffentlichen Gesprächsformaten unterscheiden:

"Ob in Talkshows, Zeitungsinterviews oder einem Podcast: In Gesprächen ist relevant, welchen Hut die Befragenden beim Austausch aufhaben, weil damit bestimmte Dialogmodi einhergehen, aber auch die Frage, wann die Grenzen der Professionalität erreicht werden. Bei einem politischen Streitgespräch machen die Gesprächsführenden sich selbst und ihre persönlichen Erfahrung eher seltener zum Thema, beim Kamingespräch würde man das eher zugestehen und sogar befürworten, um Interaktion auf Augenhöhe zu haben, dem Gegenüber durch Selbstöffnung die Möglichkeit zu bieten, dies ebenso zu tun und ein Gespräch zu führen, statt ein Ab- und Ausfragen zu absolvieren. In diesem 'Freitag-Salon‘ entstand aber eine atemberaubende Vermischung der Funktionen des Gastgebers. Mal war Augstein Moderator, mal Journalist, mal Gast in seiner eigenen Sendung. Er versuchte, in Aufklärungspose der Schriftstellerin ein politisches Zugeständnis an seine Positionen abzuringen, ging zugleich nicht auf ihre Fragen ein und wollte seine eigene Position vor den kritischen Nachfragen seiner Gästin verteidigen. Er verfiel so permanent in Introspektion und Darlegen seiner anekdotischen Evidenzen."

Als "wesentliche Quelle" ihrer "Befremdung" benennt El Ouassil Folgendes:

"Augstein präsentiert Maljartschuk das eigene Kriegstrauma, ein biographisch geerbtes, das offensichtlich Teil seiner Sozialisierung war, um seinen Punkt deutlich zu machen. Die Art, wie er das tut, blendet in dieser Betrachtung der eigenen Verletzung ihre Position, ihr akutes Trauma, aus und wird fast ungewollt komisch, wenn er einer Frau, deren Land gerade in zertrümmert wird, von der Traurigkeit hanseatischer Trümmer berichtet, mit denen er gezwungen war aufzuwachsen, weil Deutschland im Krieg war."

Dass der Verleger ausblendet, dass "dieser Krieg, der diese Trümmer erzeugt hat, der die Familie von Augstein und in zweiter Ordnung Augstein traumatisiert hat, ein deutscher ist" und "übrigens auch die Ukraine überzogen hat" - das betont El Ouassil sehr zu Recht dann auch noch.

Weimarer Schaufenster

Am Mittwoch legt die Plattform ARD Kultur los, und aus diesem Anlass hat "epd Medien" mit Programmgeschäftsführerin Bettina Kasten und Jana Brandt gesprochen, der Leiterin der Programmdirektion des MDR in Halle. Die Direktion in Halle hat die Federführung für das neue Angebot. Kasten sagt in dem bei turi2.de republizierten Gespräch unter anderem:

"Das Portal www.ardkultur.de wird die Kulturinhalte der gesamten ARD sowohl im Audiobereich als auch im Videobereich vereinen."

Was man auch als indirekten Hinweis darauf verstehen kann, dass diese Inhalte bisher nicht optimal auffindbar waren. Es solle "ein Schaufenster für Inhalte geschaffen werden, die schon existieren, aber eben neu kuratiert wurden", ergänzt Brandt. Außerdem sagt sie.

"ARD-Kultur stehen pro Jahr fünf Millionen Euro zur Verfügung. Damit müssen sowohl das Personal, Portalkosten, Infrastruktur als auch die Koproduktionsanteile, die Produktionsanteile und die Kuratierungsanteile abgedeckt werden."

Das macht noch einmal deutlich, dass die Schaffung einer Kulturplattform unter Verantwortung des MDR eine standort- und medienpolitische Entscheidung war - die 2020 übrigens dazu führte, dass sich der damalige BR-Intendant Ulrich Wilhelm von der ARD verabschiedete (Hintergrund in diesem Altpapier) - und nicht auf einer ambitionierten journalistischen Idee beruht. Denn: Mit fünf Millionen Euro lässt sich nicht allzu viel auf die Beine stellen - das sind ungefähr die Kosten für drei "Tatort"-Filme. Abgesehen davon, dass (siehe oben) von der Summe ja auch noch Personalkosten etc, bezahlt werden müssen, fürs rein Kreative also noch wesentlich weniger zur Verfügung steht.

Noch einmal Brandt:

"Wir gehen davon aus, dass pro Jahr etwa 25 Neuproduktionen und Koproduktionen entstehen können."

Ein Schaufenster zu dekorieren, in dem man das, was man hat, besser präsentiert als vorher, ist im Prinzip natürlich nicht verkehrt. Man könnte aber auch einmal darüber nachdenken, mehr Geld für die Produktion jener Dinge auszugeben, die man ins Schaufenster stellt. Bei den Kulturwellen des ARD-Hörfunks hat man jedenfalls allzu oft den Eindruck, dass eine der wichtigsten Maximen der Programmgestaltung die Honorarvermeidung ist.

Ein Beispiel: Am 15. Oktober bekam der Berliner Choreograph Christoph Winkler in Essen den Deutschen Tanzpreis verliehen. Aus diesem Anlass lief bei RBB Kultur ein Winkler-Porträt. Seltsamerweise werden darin aber nur Produktionen Winklers erwähnt, die bis Ende 2013 entstanden sind. Hätte er seitdem Däumchen gedreht, hätte er in diesem Jahr aber wohl kaum den Tanzpreis bekommen. Diese Unaktualität lässt jedenfalls den Schluss zu, dass es sich um die Wiederholung eines sehr, sehr alten Beitrags handelt. Offensichtlich aus Kostengründen, denn Wiederholungshonorare gibt's bei RBB Kultur schon lange nicht mehr. Dass es sich um eine Wiederholung handelte, blieb im Programm übrigens unerwähnt. Das ist natürlich nicht die feine Art.

Zur Prime Time wird's heute politisch

Eine der ungeschriebenen goldenen Regeln des öffentlich-rechtlichen Fernsehens lautet: Wenn eine Moderatorin oder ein Moderator einen gewissen Popularitätsgrad erreicht haben, dürfen sie größere Reportagen machen, in denen sie selbst im Mittelpunkt stehen. Claus Kleber, Ingo Zamperoni, Jochen Breyer und Judith Rakers haben dies auf jeweils ihre Art schon getan, und nun ist die unter anderem als Moderatorin der "Sportschau" und von "ARD extra"-Sendungen zur Corona-Lage bekannte Jessy Wellmer an der Reihe.

Die aus Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern stammende Journalistin darf in "Die Story im Ersten Russland, Putin und wir Ostdeutsche" sogar zur allerbesten Sendezeit "erkunden, warum die Menschen zwischen Lubmin und Dresden die Dinge so oft ein bisschen anders sehen (…) (und) so oft das Gefühl haben, nicht gehört zu werden, obwohl das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf ein Stück Streuselkuchen vorbeikommt" (wie es Ulrike Nimz in der "Süddeutschen Zeitung" formuliert).

Joachim Huber schreibt im "Tagesspiegel":

"Wellmer und ihr Team arbeiten nicht mit Filter, sie sammeln und fangen ein, was gesagt und gedacht wird (wobei Wellmer im Off ihre eigene Meinung kundtut). Das Bild, so der Eindruck, ist nicht geschönt und nicht verunstaltet, es ist ein Panorama der Gefühls- und Gedankenwelt im Osten Deutschlands."

Wellmers Maxime, sich in den Gesprächen, sagen wir: zurückzuhalten ("Ich will niemanden verurteilen. Ich will Fragen stellen und zuhören") findet SZ-Autorin Nimz problematisch:

"Dadurch schafft sie Momente der Wahrhaftigkeit, aber auch Situationen zum Haareraufen."

Wenn man berücksichtigt, dass dieser Film so gemacht ist, dass er um 20.15 Uhr "funktionieren" und sich an ein Publikum richten soll, das sonst zu einem erheblichen Teil wohl eher selten öffentlich-rechtliche Reportagen und Dokumentationen schaut, ist "Russland, Putin und wir Ostdeutsche" relativ gut gelungen. Wer mal reinzappen möchte: Was Gregor Gysi (etwa ab Time Code 16:00) bei einem Spaziergang mit Wellmer über Menschen sagt, die nicht zugeben können, dass sie offensichtlich Unrecht hatten und mit einer gewundenen "Erklärung" für das vor ihnen nicht Vorhergesehene (konkret geht es natürlich um die russische Invasion in der Ukraine) bloß "sich selbst retten" wollen - das ist recht kurzweilig.

Dass an einem Abend in den Hauptprogrammen sowohl von ARD und ZDF um 20.15 Uhr gesellschaftspolitische relevante Themen auf der Agenda stehen, ist eher die Ausnahme. Heute ist es der Fall: Während im Ersten Wellmer on the road zu sehen ist, läuft zur Prime Time im Zweiten ein fiktionaler Film, in dem die Bürgermeisterin eines fiktiven Orts zum Hassobjekt von Rechten wird, weil in ihrem Ort eine Geflüchtetenunterkunft eingerichtet werden soll. Den Film habe ich, anders als "Russland, Putin und wir Ostdeutsche", nicht gesehen. Die Rezensentinnen und Rezensenten kommen zu einem einhelligen Urteil.

Susan Vahabzadeh schreibt in der SZ über "Die Bürgermeisterin", wie der Film schlicht heißt:

"Vor etwas mehr als drei Jahren, also vor einem Krieg, einer Pandemie und hundert Kleinkrisen, wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke von einem Rechtsextremisten ermordet, nach jahrelangen Hasskommentaren, die sich über ihn ergossen, weil er selbst nicht hasste. Das entfachte eine Debatte darüber, was Lokal- und Regionalpolitiker oft erdulden müssen, und was es für die Demokratie bedeuten würde, wenn gerade das bürgernahe politische Engagement nur noch für Leute infrage käme, die weder Tod noch Teufel fürchten. Die Regisseurin Christiane Balthasar hat nun fürs ZDF einen großartigen kleinen lakonischen Film gemacht, der sehr klug ausleuchtet, wovon wir da reden, lange bevor ein Mord geschieht."

Die Bezüge zum Fall Lübcke - fiktionale Produktionen brauchen halt mehrere Jahre Zeit, bis sie auf politische Entwicklungen reagieren können - erwähnt auch Heike Hupertz in der FAZ. Außerdem lobt sie:

"Die anschwellende Bedrohung, die Gewalteskalation und den Versuch der Vernichtung der Ortsbürgermeisterin zeigt die Kamera von Hannes Hubach oft wie im Vorbeigehen, dafür umso wirkungsvoller."

Nikolaus von Festenberg stellt im "Tagesspiegel" derweil Alexander Beyer heraus, der den Unternehmer Veith Landauer gibt, den "Anführer des rechten Lagers" in dem erfundenen Ort:

"Der Schauspieler erfüllt seine Rolle erschreckend realistisch. Ewig gestrig ist der Anführer der Schläger, Beschimpfer und Beschmierer nur in seinem bewusst unsichtbar gehaltenen braunen Selbst. Er tarnt sich als beleidigte Leberwurst, als Opfer linker Attacken vor allem ausländischer Helfer, die die verlogene Heimeligkeit des Kaffs stören."

Und es gibt über Walter Lübcke hinaus auch andere deutliche Bezüge zu realen Personen. Einige von ihnen werden - Tilmann P. Gangloff weist in der "Stuttgarter Zeitung" darauf hin - in der an den Spielfilm anschließenden Dokumentation "Engagiert und attackiert" vorgestellt.


Altpapierkorb (Harald Welzer interessiert sich nicht für Empirie, Ben Smith will den Nachrichtenjournalismus neu erfinden, Elon Musk braucht keine Pressestelle, Johannes Boie isst Pizza Salami)

+++ Zur von der ARD auf der Buchmesse veranstalteten Diskussion mit Stefan Niggemeier, Harald Welzer und Richard David Precht zu dem von den beiden letzteren Herren komponierten Buch "Die vierte Gewalt - Medien auf dem Prüfstand" (Video und Kürzestzusammenfassung siehe hessenschau.de) bemerkt der Philosoph Daniel-Pascal Zorn, dass Welzer "auch gegen offensichtliche Belege, dass seine Urteile empirisch falsch sind, weiter auf seiner Meinung beharrt. Das ist eher unglücklich für einen Soziologen". Dass jemand, der populistische Narrative bedienen möchte, einen unkonventionellen Umgang mit Belegen pflegt, die seine Urteile konterkarieren, liegt aber in der Natur der Sache.

+++ "Semafor" heißt das ambitionierte Projekt des früheren "New York Times"-Medienjournalisten Ben Smith, das in dieser Woche an den Start gegangen ist. Zu seinen letzten Großtaten für sein altes Medium hatten Recherchen über Julian Reichelt und den Springer-Konzern gehört. Harald Staun widmet sich "Semafor" in seiner FAS-Kolumne "Die lieben Kollegen" (Blendle-Link). Neben vielem anderen wollten Smith und seine Leute "die Form des Nachrichtenartikels neu erfinden", schreibt Staun.

+++ Wie die Pressefeindlichkeit von Elon Musk und Tesla (siehe zuletzt dieses Altpapier) sich auf die Arbeit von Medien auswirkt, die in der Region ansässig sind, in der der Konzern seinen deutschen Standort hat, berichtet Janine Richter von der "Märkischen Oderzeitung" im "Übermedien"-Podcast. Auf 90 Prozent ihrer Anfragen ans Unternehmen bekomme sie gar keine Antwort, sagt Richter, es gebe nicht einmal eine Pressestelle im eigentliche Sinne. "Wir sind auf Whistleblower angewiesen, die kommen auf uns zu, ganz klassisch."

+++ Der Spiegel porträtiert in seiner neuen Ausgabe "Bild"-Chefredakteur Johannes Boie. Meine Lieblingspassagen in dem Text von Anton Rainer: "Mit Politikredakteur Ralf Schuler ging Boie mehrmals Pizza essen, scharfe Salami mit roten Zwiebeln. Schuler bedankte sich beim Chef mit einem scharfen Kündigungsschreiben (…)" Und: "Ein 'Bild‘-Mann klingelt den 'Spiegel‘-Journalisten nach Mitternacht aus dem Bett, weil er fürchtet, man könnte zu gut über seinen Chef schreiben." Wenn ein Autor über sich schreibt und dabei die erste Person vermeidet, klingt das oft recht krampfig, und letzterer Satz ist mal wieder ein Beispiel dafür.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

1 Kommentar

Rainer Meyer vor 15 Wochen

Die Kritik an Augstein mit dem Dunning-Kruger-Effekt zu beginnen, finde ich ganz lustig, zumal die Argumentation dafür eher knapp ausfällt bzw. auf Sachen zurückgreift, die ziemlich lange zurückliegen. Mir fällt dazu nur noch die Bibel ein: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“
Ich danke trotzdem gerne, denn der Meinungsfreiheit-Beitrag zur Berliner Zeitung finde ich sehr erhellend.

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