Kolumne: Das Altpapier am 7. Dezember 2022 Das Versagen westlicher Medien

Die Berichterstattung hiesiger Redaktionen zu den Entwicklungen im Iran steht erneut in der Kritik. Zwei der Fragen in diesem Kontext lauten: Warum sind deutsche Journalisten so fixiert auf das Kopftuch-Thema? Warum kaufen sie Terrorregime-Vertretern ihre Narrative ab? Heute kommentiert René Martens die Medienberichterstattung.

Das Altpapier am 07. Dezember 2022: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
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Für die Menschen im Iran ist Twitter überlebenswichtig

Dass die Journalistin Gilda Sahebi das "Gesicht" der Kritik an der Iran-Berichterstattung der deutsche Medien sei, stand vor sieben Wochen hier im Altpapier. Abgesehen von der prinzipiell natürlich kritisierbaren Plakativität einer solchen Einschätzung, gilt das weiterhin. Seit dem Wochenende hat Sahebi ihre Kritik unter anderem in der "Aktuellen Stunde" des WDR und bei "ZDF heute live" formuliert - und am vielleicht ausführlichsten bisher am Dienstag im "Übermedien"-Podcast "Holger ruft an".

"Warum übernehmen Medien (…) immer noch häufig die Narrative der iranischen Führung und verbreiten dadurch Desinformation?" lautet eine in der Textzusammenfassung des Interviews aufgeworfene Frage. Der Aufhänger für das Gespräch mit Sahebi: Viele Medien hatten am Wochenende und am Montag Äußerungen des iranischen Generalstaatsanwalts Mohammad Javad Montazeri unvollständig verbreitet bzw. irreführend interpretiert. Der falsche Tenor der Meldung: Die iranische "Sittenpolizei" werde "abgeschafft" - was, wie Sahebi dann im Laufe des Interviews erläutert, nicht einmal relevant gewesen wäre, wenn es gestimmt hätte.

Die vage Ankündigung des Regimes sei ein "Ablenkungsmanöver von den Menschenrechtsverletzungen" gewesen, sagt Sahebi des weiteren. "Diese Taktik funktioniert seit Jahren". In der taz schrieb sie dazu gerade:

"Westlichen Staaten soll sig­nalisiert werden, dass der Iran sehr wohl reformfähig sei – ein Spiel, dass das Regime seit vielen Jahren mit dem Westen spielt. Das überwältigende Echo deutscher Medien ist ein Hinweis darauf, dass dieses Spiel immer noch allzu gut funktioniert."

Aber warum bloß? Weil "autoritäre Regimes oft sehr viel bessere Theorien & Pragmatiken zur Funktionsweise marktförmig-demokratischer Medien haben, als diese selbst & die dazugehörigen Medienwissenschaften", würde Christina Dongowski sagen.

Eine Erklärung von Sahebi im "Übermedien"-Podcast lautet: Eine Person, "die sich nicht auskennt mit dem System der iranischen Republik", denke möglicherweise: "Wow, sie haben nachgegeben."

Das Problem, so Sahebi: In den vergangenen Jahren hätten die hiesigen Medien "keine Iran-Expert*innen aufgebaut". Beziehungsweise: Es gebe "leider wenig richtig erfahrene Journalist*innen zum Iran", jedenfalls verglichen damit, wie viele Journalistinnen und Journalisten "sich mit Russland auskennen" - und auch gemessen daran, dass der Iran "ein riesiges Land" sei, das "Israel zerstören" wolle.

Ihr verheerendes, wenn auch nicht unbedingt überraschendes Fazit:

"Die verlässlichen Informationen gibt es gerade nicht in den Zeitungen, (…) sondern in den sozialen Medien."

Unter anderem dank "erfahrener Medienschaffender" aus Großbritannien, USA, Australien und Kanada, "die sich schon lange mit dem Iran beschäftigen" und auf Twitter aktiv sind. Vor allem sei, und das müsse man angesichts der durch die Twitter-Übernahme von Elon Musk ausgelösten Debatte betonen, Twitter "gerade ein Überlebens-Tool für Iraner*innen". Um es zu präzisieren:

"Die Leute im Iran nutzen Twitter Spaces und Twitter, um zu überleben, um überlebenswichtige Informationen zu teilen."

Mit anderen Worten: Eine halbwegs privilegierte Kartoffel wie ich kann es sich leisten, darüber nachzudenken, Twitter zu verlassen, Twitternde aus dem Iran können es nicht.

Einen weiteren Kritikpunkt benennt Sahebi in der bereits verlinkten ZDF-Schalte: Die deutschen Medien seien fixiert auf das Symbol des Kopftuchs, "schon vor Beginn der Protestwelle ging es immer um das Kopftuch, das lenkt total ab von dem, was im Iran los ist". Es lenke ab von der "kompletten Entrechtung" der Frauen, von den Misshandlungen und Folterungen, "die seit 1979 passieren".

Im Podcast wirft Sahebi kurz auch eine Art historischen Blick auf die westliche Iran-Berichterstattung. Sie verweist auf einen im Oktober 2021 unter der Überschrift "Western media aren’t telling you the truth about Iran" im "Wall Street Journal" erschienenen Artikel des regimekritischen Bloggers Hossein Ronaghi. Er schrieb seinerzeit:

"We aren’t victims of global ignorance but of a deliberate and systematic attempt by the Islamic Republic to manipulate world opinion through apologists in the foreign media."

In eine nicht unähnliche Richtung gehen die Überlegungen, die die Iran-Expertin Golineh Atai kürzlich für die November-Ausgabe der "Blätter für deutsche und internationale Politik" anstellte. Unter der Zwischenüberschrift "Das Versagen des Westens" schreibt die Studioleiterin des ZDF in Kairo (zu deren Berichterstattungsgebiet der Iran allerdings nicht gehört):  

"Wir haben zu lange nicht verstanden, wer die alles entscheidende Macht im Iran verkörpert. Wir haben die Etiketten zur Kennzeichnung der 'Reformer' und ihnen nahestehender Kreise von Anfang an falsch interpretiert. Wir haben die zunehmende Bedeutungsleere dieser Kategorie nicht erkannt."

Und:

"Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass die typischen Kategorisierungen in unserer Berichterstattung über den Iran schon lange ins Leere laufen."

Auch wenn solche Vergleiche nicht unproblematisch sind: Ähnliche "Wir haben bisher nicht genau hingeschaut"-Bilanzen gab es ja nach der russischen Invasion in der Ukraine.

Ein paar düstere Gedanken zur Lage des Medienjournalismus

Das Ende der Schweizer "Medienwoche" haben wir an dieser Stelle schon kurz vermeldet. Die Einstellung zum Ende des Jahres war nun der Anlass für die (mir bisher nicht bekannte) "Werbewoche", "Medienwoche"-Redaktionsleiter Nick Lüthi für einen Podcast zu interviewen. Zu Beginn liefert er erst einmal eine Differenzierung:

"Ich sehe mich nicht als Medienkritiker, dagegen wehre ich mich eigentlich immer, ich bin Medienjournalist."

Seine Erläuterung dazu: Kritik sei "meinungsbetont", und eine Meinung hätten viele, ihn interessiere es dagegen, "Dingen auf den Grund zu gehen, Zusammenhänge zu erkennen, die andere vielleicht nicht erkannt haben."

Wenn es mit der "Medienwoche" überhaupt hätte weitergehen können, dann nur mit neuen Berichterstattungsformaten. Das Schreiben von Artikeln habe sich jedenfalls "totgelaufen" bzw. funktioniere nicht mehr, das Interesse sei kontinuierlich gesunken und Reaktionen seien "praktisch inexistent" gewesen. Zuletzt habe er das Gefühl gehabt, seine Beiträge seien "Fingerübungen, die ich für mich mache" - beziehungsweise für "ein paar hundert Leute". Wer sind die?

"Es lesen uns genau die, über die geschrieben wird - und ein paar Fans."

Medienjournalismus, so Lüthi, "interessierte schon immer nur eine Minderheit", und heute wisse man das dank Lesedauer-Messungen noch genauer. Es gebe zudem immer weniger "junge Kolleginnen und Kollegen, die sich auf Medienjournalismus spezialisieren", weil es "schlicht keine Perspektiven" gebe, nach einer gewissen Zeit aufzusteigen. Die Stellen, die es noch gebe im Medienjournalismus, könne man "an ein, zwei Händen abzählen".

Lüthis Befunde kann man zum Anlass für die Feststellung nehmen, dass in Sachen Medienjournalismus vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk (der ja auch diese Kolumne seit mehr als fünf Jahren beherbergt) in der Pflicht ist. Der muss schließlich quasi per definitionem über objektiv Relevantes berichten, auch wenn’s nicht klickt.


Altpapierkorb (schärfere Compliance-Regeln für den ÖRR, "Plusminus", "ARD History", "She said")

+++ Dass die Bundesländer "ARD und ZDF die Zügel anlegen" berichtet Helmut Hartung heute in der FAZ: "Mit dem 4. Medienänderungsstaatsvertrag, dessen Entwurf in der heutigen Sitzung der für Medienpolitik Verantwortlichen aller Bundesländer beschlossen werden soll, wird eine Verbesserung der Transparenz, der Compliance sowie der Gremienaufsicht und eine Vermeidung von Interessenkollisionen erwartet." Dieser Text von der medienpolitischen Front ist ein Passivkonstruktions-Festival allererster Kajüte. Siehe auch: "Der Entwurf des 4. Medienänderungsstaatsvertrags soll wieder öffentlich zur Diskussion gestellt werden."

+++ Um das Für und Wider der Eigenständigkeit des kleinen Saarländischen Rundfunks ging es am Dienstag an dieser Stelle. Dass diese kleine Landesrundfunkanstalt durchaus, sagen wir mal: selbstbewusst aufzutreten vermag, zeigt eine Meldung zu den geplanten Veränderungen beim ARD-Wirtschaftsmagazin "Plusminus". Während sich die beteiligten Sender BR, HR, MDR, NDR, SWR und WDR darauf einigten, dass ab Anfang 2023 mit Alev Seker eine Moderatorin die von ihnen verantworteten Sendungen präsentiert (bisher waren es sieben verschiedene Moderierende gewesen), hielt man beim ebenfalls beteiligten SR nichts von einer einheitlichen Lösung. Die "Plusminus"-Sendung aus Saarbrücken moderiert daher nicht Seker, sondern Julia Lehmann. Das sei doch eine "Posse", schimpfen die Kollegen von dwdl.de.

+++ Weitere Veränderungen im Ersten Programm, auf die dwdl.de eingeht: Bereits vor einem Jahr hatte die ARD angekündigt, dass sie ihren Reihentitel "Die Story im Ersten" durch "ARD Story" ersetzen will - und für "Geschichte im Ersten" noch einen neuen sucht. Ich schrieb damals in der "Medienkorrespondenz" darüber. Ab 2023 soll das Label "ARD Story" nun tatsächlich zum Einsatz kommen. Und für ihr Geschichtsformat ist den ARD-Strategen auch was, äh, Neues eingefallen: "ARD History". Im besagten MK-Text hatte ich noch vermutet: "Diese einfache Lösung steht wohl kaum zur Debatte. 'ZDF-History' gibt es ja schließlich schon." Tja.

+++ "Glichen Reporter in Filmen über investigative Journalisten lange Zeit den frühen Detektiven der Schwarzen Serie, waren also einsame Typen, die sich so tief in ihre Arbeit vergruben, dass sie kein funktionierendes Leben außerhalb ihrer Ermittlungen zustande brachten, so schaffen es (Carey) Mulligan und (Zoe) Kazan, glaubhaft zu vermitteln, dass Reporterinnen heute Arbeit und familiäre Aufgaben auf gleich hohem Niveau meistern müssen und können" - in einer Kritik zu Maria Schraders Spielfilm "She said", der die Aufdeckung des Systems Weinstein zum Thema hat, hebt Maria Wiesner in der FAZ diese Leistungen der beiden Reporterinnen-Darstellerinnen hervor.

Das Altpapier von Donnerstag schreibt Ralf Heimann.

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