Kolumne: Das Altpapier am 3. Januar 2023 Arthrose in Bautzen

Der frische ARD-Vorsitzende Kai Gniffke ist schon voll auf Sendung. Befinden sich ARD und ZDF im "publizistischen Wettbewerb" miteinander? Der deutsche Mastodon-Pionier wird nur international interviewt. Außerdem: "medialer Analphabetismus" in der Bundesregierung. Heute kommentiert Christian Bartels die Medienberichterstattung.

Das Altpapier am 03. Januar 2023: Porträt der Altpapier-Autoren Christian Bartels
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Der RBB freute sich zu früh

Das neue Jahr geht ohne Anlauf hochtourig los. Die erste spektakulärere Medienmedien-Schlagzeile 2023 erntete der Aufmerksamkeits-Magnet RBB, zumindest in der bayerischen "Süddeutschen": "Sendepanne beim RBB: Der doppelte Countdown". Wobei das vorzeitige Abschießen der Silvester-Sendung im Berliner "Tagesspiegel" schon bzw. noch die letzte spektakulärere Medienmedien-Schlagzeile 2022 war.

Was jedenfalls zeigt, dass die maßgeblich vom RBB angestoßene Öffentlich-Rechtlichen-Debatten, die medienmedial weite Teile des Jahres 2022 bestimmten, weitergehen. Die ARD, die in den Debatten die wohl wichtigste Hauptrolle spielt, hat einen frischen Vorsitzenden, und der ist mit bereits zwei ausführlichen Antrittsinterviews sowie einer hörenswerten Videobotschaft ("... die neue Leidenschaft für die Wirklichkeit..."), aber nicht auf Insta oder Tiktok, sondern in Internetauftritten der ARD und ihrer nach Stuttgart umgesiedelten Pressestelle, schon voll auf Sendung.

Kai Gniffke ist früh am Start

Das eine große Interview, das Gniffke in seinem Büro "im 17. Stock" des SWR-Sitzes führte, veröffentlichte die "Süddeutsche" (€) am Montag. Auch da zeigt sich der Intendant wortgewaltig ("Es hagelt ganz schön rein ins Dach der Demokratie") und nachdenklich, tatkräftig und optimistisch, und hat sogar, mitten im schriftlichen Wortlaut-Interview, eine kleinen performativen Auftritt. Wie Aurelie von Blazekovic einschiebt:

"Gniffke steht auf und holt ein Buch vom Schreibtisch. Es ist die jüngste Veröffentlichung des Club of Rome. Er hat eine Seite mit einem Klebezettel vorgemerkt, und liest vor.

'Denn die bedeutendste Herausforderung unserer Tage ist nicht der Klimawandel, der Verlust an Biodiversität, Diversität oder Pandemien. Das bedeutendste Problem ist unsere kollektive Unfähigkeit, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden.' Das hat mich beeindruckt. Das muss die Aufgabe eines unabhängigen öffentlich-rechtlichen Anbieters sein.

Was heißt das inhaltlich?"

Dass ARD-Dokus künftig weniger inszenierte Reenactments enthalten, wohl nicht, sondern eher, dass die ARD voll auf Augenhöhe mit Netflix und Amazon informieren, aber auch unterhalten möchte. Okay, an manchen Stellen vertrüge das Wording noch ein bisserl Feilen. Wenn es etwa um die seit dem Schlesinger-Skandal schon erfolgreich erledigten Aufgaben geht, zählt Gniffke auf:

"Wir können an viele Sachen einen Haken machen, die wir uns im Sommer vorgenommen haben. Wir mussten unsere Compliance-Standards synchronisieren. Wir mussten in Sachen Transparenz besser werden. Das haben wir geschafft. Das Dritte ist die Stärkung der Aufsicht. Die Stellen sind ausgeschrieben und wir haben die ersten Besetzungen vorgenommen, sodass die Gremien ihren Kontrollaufgaben noch besser nachkommen können. Alles innerhalb weniger Monate, das war echt sportlich ..."

Dass die ARD selbst ("Wir") Stellen besetzt, um von den Gremien "noch besser" kontrolliert zu werden als sowieso schon, wird das außerhalb der ARD-Chefetagen und Gremien ohnehin nicht übermäßig ausgeprägte Vertrauen in unabhängige Kontrolle nicht unbedingt stärken. Aber das sind Feinheiten, und Kai Gniffke feilt ja echt an Formulierungen, die er weiterentwickelt. Das zeigt das eingangs verlinkte Video. Und wenn es in der "SZ", nun zur angekündigten Zusammenarbeit der Dritten Programmen, heißt:

"Gesundheitsmagazine im Fernsehen zum Beispiel. Ist Arthrose in Bautzen nicht genauso unangenehm wie in Bitburg? Das ist nichts, das eine besondere regionale Farbe hat. Beim Regionalprogramm können wir Kräfte bündeln",

erinnern das Hardcore-Interview-Leser natürlich an:

"Lasst uns bitte nicht neun Podcasts zum Thema Klimawandel produzieren, sondern einen einzigen, der eine konkurrenzlose Recherchetiefe besitzt. So eine Koordination ist ein Quantensprung für die ARD. Der Klimawandel betrifft ja nicht nur einzelne Bundesländer und Arthrose ist in Bautzen genauso unangenehm wie in Bitburg."

Das war ein Gniffke-Satz aus dem "Spiegel"-Doppelinterview mit ihm und seinem damals noch amtierenden Vorgänger Tom Buhrow Mitte Dezember (Altpapier). Daraus erregten übrigens später noch die von Gniffke verwendeten Verben "Quieken" und "Jaulen" Aufmerksamkeit, also Wut, auf die Gniffke dann bloggend reagierte. Nun in den neuen Gniffke-Interviews kommen die Verben nicht mehr vor, dafür aber die "Leidenschaft", mit der der Intendant Gniffke die Wortwahl entschuldigte. Wobei wir nun im anderen Antrittsinterview sind.

"Publizistischer Wettbewerb" zwischen ARD und ZDF?

Das andere große Antrittsinterview bekam die dpa. Im Wortlaut nachlesen lässt es sich etwa bei meedia.de. Bei horizont.net lautet die Überschrift "Warum der neue ARD-Chef eine Fusion mit dem ZDF ablehnt", was subtil darauf deutet, dass die dpa kurz zuvor ein recht ähnliches Interview mit dem nicht mehr ganz neuen ZDF-Chef, also Intendant Norbert Himmler, führte, dessen Zusammenfassung unter Überschriften wie "Warum ZDF-Intendant Himmler gegen eine Fusion mit der ARD ist - und für eigenständige Mediatheken plädiert" (kress.de) zu haben ist.

Natürlich wollen ARD und ZDF nicht fusioniert werden. Und offenbar haben sich auch Gniffke und Himmler abgestimmt und wollen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. "Am Kern der Kritik, die an ihrem System geübt wird, reden sie gezielt vorbei", schäumt Michael Hanfeld heute in der "FAZ". Ein von inzwischen beiden Intendanten verwendetes Argument erzielte bereits vorab Anschluss-Aufmerksamkeit, nämlich:

"Ich finde es falsch, den publizistischen Wettbewerb von ARD und ZDF infrage zu stellen. Ich halte ihn für essenziell",

wie Himmler laut kress.de sagte. Der ZDF-Chef sprach, etwas nervös vielleicht, gar dreimal von "Wettbewerb". Von "publizistischem Wettbewerb" spricht Gniffke einmal auch, in seiner Antwort auf die Fusions-Frage der "SZ", bezieht das aber eher auf "Konzentrationsprozesse in der digitalen Welt durch große Tech-Konzerne" und in der Verlagsbranche, in der ja tatsächlich kräftig fusioniert wird. Himmlers Behauptung fand kritisches Echo in der "Welt" und, schön böse, in einer "FAZ"-Glosse von Claudius Seidl:

"Wer jemals die 'Kreuzfahrt ins Glück' oder das 'Adventsfest der ­ 100.000 Lichter' auch nur fünf Minuten lang gesehen hat, weiß, wie hart dieser Wettbewerb ist."

Wozu man wissen muss, was nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Zeitgenossen kaum parat haben dürften: dass "Kreuzfahrt ins Glück" eine starke Marke des öffentlich-rechlichen Vollprogramms ZDF ist, wohingegen "Adventsfest der ­ 100.000 Lichter" eine unserer ARD ist.

Schade, dass die Fragensteller der dpa bei Himmler offenbar nicht nachfragten, wo zum Beispiel sich "publizistischer Wettbewerb" zwischen ARD und ZDF denn dem interessierten Publikum zeigen könnte. Dem neuen ARD-Vorsitzenden sollten künftige Interviewer so eine Frage aber mal stellen. Wenn es in ungefähr ähnlicher Frequenz weitergeht, kann man sich ja noch auf allerhand Gniffke-Interviews freuen ...

Wer interviewt den Mastodon-Gründer?

Zugegeben, richtig Überraschendes enthielten die bislang hier besprochenen Intendanten-Interviews natürlich nicht, gab es aber zwischen den Jahren aber schon: Jemand hat fünfmal Geld in sechsstelliger Dollar-Höhe abgelehnt. Es handelt sich um Eugen Rochko.

Eugen wer? Der Mastodon-Gründer wurde vor zwei Monaten (Altpapier) schon mal von "Time" interviewt und nun von der "Financial Times" (€) befragt.

Interviews in deutschen Medien gab es hingegen nicht (falls ich keine übersah). Dabei ist die Mastodon-Keimzelle doch eine gGmbH aus Berlin-Zehlendorf und Rochko Deutscher – auch wenn deutsche Medien wie aktuell businessinsider.de ihn gerne als "deutsch-russisch" bezeichnen (was zumindest in den Kriegszeiten einen negativen Beiklang hat).

Und Mastodon ist, seit Elon Musk Twitter kaufte und nach seinen rasch wechselnden Launen ummodelt, zwar besonders in Deutschland, aber längst nicht nur dort als ähnliche Vorteile bietende, alternatives Netzwerk im Gespräch. Inzwischen hätten ehr als fünf potenziellen Investoren, und zwar "aus dem US-amerikanischen Silicon Valley" (wie t3n.de ergänzt), mit "mehreren Hunderttausend Dollar" einsteigen wollen. So übersetzt netzpolitik.org aus der FT-Meldung, und ergänzt:

"'Mastodon wird sich nicht in all das verwandeln, was man an Twitter hasst', so Rochko. 'Die Tatsache, dass es an einen umstrittenen Milliardär verkauft werden kann, die Tatsache, dass es abgeschaltet werden kann, in Konkurs gehen kann und so weiter. Das ist der Unterschied in den Paradigmen.' Derzeit finanziert sich die Mastodon gGmbH über ein Patreon-Unterstützungsmodell, mit dem von 8.500 Nutzer:innen derzeit knapp 30.000 Euro im Monat zusammen kommen."

Schon deswegen verdient das wohl einzige soziale Medium, das vermutlich kein "sog." davor benötigt, wie ich neulich schon mal schrieb, wohlwollendes Interesse. Der angekündigte Mastodon-Auftritt des Altpapiers ist nun übrigens hier zu finden. Und deutsche Nachrichtenmedien, die sich beim Gniffke-Interviewen hinten anstellen müssen, könnten man ja in Zehlendorf nach einem Termin bei Eugen Rochko anfragen. Weniger spannend dürfte das Ergebnis nicht werden.

Ministerin Lambrecht trendet schon wieder

"Das erste Fettnäpfchen des neuen Jahres, juchhu", ist noch einer der nüchternsten Kommentare. Nicht nur der aufsehenerregendste Bundesregierungsmitglieds-Post des noch jungen Jahres, sondern einer der wohl aufsehenerregendsten in der bisherigen Mediengeschichte deutscher Bundesregierungen sorgt für Aufregung. Bei uebermedien.de kritisiert Hendrik Wieduwilt, aufbauend auf einem dort verlinkten businessinsider.de-Beitrag, bemerkenswert scharf den "Leiter des Stabs Informationsarbeit und Sprecher im Bundesverteidigungsministerium", bevor er von "medialem Analphabetismus in vielen deutschen Ministerien" spricht (wobei dannn leider "kulturhistorische" Schlenker außer zu Hitler und Goebbels auch zu Ludwig XIV. und Thomas Mann die These eher abwürgen als untermauern).

Aber das Instagram-Silvester-Video von Bundesverteidigungsministerin Lambrecht, das wir hier nicht verlinken, weil alle verlinkten beiträge es einbinden, wird überall kritisiert. Selbst die "Tagesschau", die deutschen Regierungsparteien nun wirklich nicht kritisch gegenübersteht, und der SPD gleich gar nicht, tut's in ihrem Internetauftritt. Die Kritik kommt derart unisono, dass man sich fast schon wünschen würde, irgendwas aus dem Video ließe sich auch anders bewerten. Lässt sich aber nicht. "Grotesker hätte es Gerhard Polt auch nicht abdrehen können", ist der noch der freundlichste Farbtupfer, der Co-Herausgeber Jürgen Kaube in der "FAZ" gelingt

Vielleicht könnte Bundeskanzler Scholz noch mal seine Richtlinienkompetenz auspacken und die Kabinettsmitglieder anweisen, dass, wenn sie schon herumposten zu müssen meinen, es dann nicht auf  Plattformen des Facebook-Konzerns tun, von denen der Bundesbeauftragte für den Datenschutz ja sowieso abrät, sondern lieber bei Mastodon. Dann käme all die Aufmerksamkeit wenigstens einer gemeinnützigen GmbH zugute.


Altpapierkorb (Negativpreis-Aufregung, Alan Smithee bei der Degeto, Cybersicherheit, "Hilfe! Wir werden homogenisiert")

+++ "Der Reflex von Medien und Nachrichtenagenturen, jedes subjektive Ranking, jede Vergabe irgendeines Preises oder Negativpreises, mit einer Nachricht zu verwechseln und so zu tun, als hätten hier irgendwelche offiziellen oder dafür zuständige Gremien ein Wort ausgezeichnet – und nicht einfach nur zwei Journalisten gesagt, was sie politisch doof finden", ist auch ein Problem. So ordnet Stefan Niggemeier bei uebermedien.de gelinde, von renommierten Agenturen (und natürlich tagesschau.de) gesteigerte Aufregung um einen überschätzten Negativpreis ein. +++

+++ Wow, für die Regie ihres ersten Films 2023, heute abend um 20.15 Uhr (und jetzt schon in der Mediathek!) konnte das ARD-Filmstudio Degeto die Hollywood-Legende Alan Smithee gewinnen. Was dahinter steckt, beschreibt Heike Hupertz auf der "FAZ"-Medienseite: "'Barfuß durch Australien' ist ein Klischeehöllentrip".

+++ Leider überhaupt nicht ausgedacht ist, was der ukrainischen Bürgerjournalistin und hauptberuflichen Krankenschwester Irina Danilowitsch auf der russisch annektierten Krim widerfuhr. Darauf machen die Reporter ohne Grenzen und ebenfalls die "FAZ" aufmerksam. +++

+++ Bundesinnenministerin Faeser bekommt nun Ärger mit dem Personalrat der Cybersicherheits-Behörde, deren Präsident Schönbohm sie (ohne für den nicht unwichtigen Posten schon einen Nachfolger gefunden zu haben) auf einen völlig anderen Posten versetzte, weiß die "Welt". +++

+++"Der in die Kritik geratene Spiegel-Korrespondent Giorgos Christides, der nur wenig Deutsch spricht, habe den Artikel auf Englisch eingereicht und dabei abschwächende Formulierungen benutzt ... 'Ein Mitglied der Auslandsressortleitung', gemeint ist der stellvertretende Ressortleiter Maximilian Popp, habe den Artikel übersetzt, redigiert und ergänzt - und dabei die abschwächenden Formulierungen entfernt", fasste die "SZ" die zwischen den Jahren erschienene ausführliche "Spiegel"-Aufarbeitung des eigenen "Falls Maria" zusammen. +++

+++ Und "Hilfe! Wir werden homogenisiert", nämlich durch "neue Staffeln, Sequel, Prequel, Spin-Off", also "keine neuen Ideen, keine neue Geschichten, keine neuen Formate", beklagt Joachim Huber ("Tagesspiegel") außer im linearen Programm auch bei Streaming-Anbietern wie Netflix. +++

Am Mittwoch schreibt René Martens das nächste Altpapier.

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