Das Altpapier am 13. Oktober 2023: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
"Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren im aktuellen Altpapier die wichtigsten Medienthemen des Tages. Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Kolumne: Das Altpapier am 13. Oktober 2023 Die Intensität des Horrors

13. Oktober 2023, 11:47 Uhr

Wer die Asylpolitik verschärft, stärkt die AfD, und es bräuchte mehr Journalistinnen und Journalisten, die eine solche Politik kritisieren. Die Tötungsvideos des IS und der Hamas haben viel gemein, es gibt aber auch Unterschiede. Heute kommentiert René Martens die Medienberichterstattung.

Das Altpapier "Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren und bewerten aus ihrer Sicht die aktuellen medienjournalistischen Themen.

Die Medien und die "sogenannte Migrationskrise"

Seit dem vergangenen Landtagswahl-Wochenende (Altpapier) ist die Frage, was "Journalist*innen, die die Nazi-Partei behandeln wie jede andere", antreibt (wörtlich so formuliert von Anne Roth bei Bluesky), mal wieder besonders virulente. Ebenso aktuell ist die damit verwandte Frage, wie Journalisten mit der AfD-Förderpolitik anderer Parteien umgehen.

Auf der SZ-Meinungsseite erschien am Donnerstag ein Kommentar (€), dessen Headline-und-Teaser-Schöpfer den Text so zusammenfasst: Dass "die Koalition nun schnellere Abschiebungen ermöglichen will" sei eine "Offensive gegen rechts".

Die Journalistin Gilda Sahebi postet dazu auf verschiedenen Accounts, zum Beispiel hier:

"Es ist erstaunlich, wie dieses Narrativ in fast allen Medien (nicht nur SZ, z.B. auch DLF und andere) ungeprüft wiederholt wird. Rechte Politik führt *nicht* zur Schwächung von rechts, sondern zur Stärkung. Dazu gibt es weltweit eindeutige Studien. Aber es wird völlig ignoriert."

Tatsächlich sind die geplanten Maßnahmen ja eine Offensive für die Rechten. Selbst wenn man damit der AfD Stimmen abnehmen könnte, wäre das auch nicht besser: Ist dann, wenn die Rechtsextremen nicht mehr die AfD wählen, weil die etablierten Parteien rechtsextreme Politik machen, etwa alles chico?

Es bräuchte mehr Journalistinnen und Journalisten, die diese bizarren Machtsicherungsversuche kritisieren. Positiv zu nennen wäre in diesem Kontext Ann-Katrin Müller, die sich in ihrem aktuellen "Spiegel"-Leitartikel (€) an diverse Parteien richtet:

"Gar nichts nützt es (…), wenn man der AfD hinterherrennt, inhaltlich oder rhetorisch (Nun seid ihr gemeint, liebe Unionsparteien, FDP, Freie Wähler) Auch das ist wissenschaftlich wunderbar belegt, können aber auch die Kollegen der ÖVP in Österreich berichten. Oder die aus Italien. Oder Ungarn. Stattdessen sollten sich alle freimachen davon, was die AfD erzählt. Und schon gar nicht sollte man glauben, dass man der AfD massenhaft Wähler wegnimmt, wenn man einfach ständig über Migration redet und die Asylpolitik verschärft. Im Gegenteil, man stärkt nicht nur die Menschenfeindlichkeit, sondern auch die AfD, kurz- und langfristig."

Die Entscheider in den Parteien kennen die Studien, auf die auch Sahebi in ihren Posts abhebt, natürlich, zahlreiche Minister-Referenten oder Mitarbeitende in den Abgeordnetenbüros können die zentralen Passagen wahrscheinlich im Schlaf singen. Die Frage, die Journalistinnen und Journalisten stellen müssten, lautet daher: Leute, ihr wisst, dass ihr mit rechter Politik die AfD nicht schwächt, sondern stärkt. Warum macht ihr es trotzdem?

Müllers Leitartikel richtet sich zwar an die Parteien, aber das, was sie schreibt, lässt sich auch auf die Journalistinnen und Journalisten übertragen, die ständig mit der "sogenannten Migrationskrise" (Georg Restle gestern in einer Anmoderation bei "Monitor") hausieren gehen.

Was an der Berichterstattung zur Migrationspolitik auch noch zu kritisieren wäre: Längst nicht alle Medien setzen den Begriff "Rückführungspaket" (O. Scholz) in Anführungszeichen. epd, der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag und Melanie Amann im "Spiegel" tun es zum Beispiel nicht. Anders "Tagesspiegel"-Redakteur Markus Hesselmann, der auf seinen Accounts, zum Beispiel hier, von einer "Stilblüte des Grauens" spricht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es das trifft. Zumindest lässt sich sagen: Die Formulierung "Rückführungspaket" ist kein Versehen, vielmehr bringt sie die Ideologie der Inhumanitätsapostel gut auf den Punkt.

Die Medienstrategie der Hamas

Um all die medialen Aspekte des Krieges abzubilden, den die Terrororganisation Hamas gegen Israel begonnen hat, bräuchte es wahrscheinlich mehrere Altpapier-Sonderausgaben. Was ich aktuell erwähnenswert finde: unter anderem einen Artikel der "Los Angeles Times", in dem Stephen Battaglio die Bilder dieses Krieges medienhistorisch einordnet:

"Viewers have become accustomed to live shots of bombs and rising smoke from airstrikes since CNN reported from Baghdad during the first Gulf War in 1991, widely considered the first war televised in real time. However, the horror that has unfolded onscreen over the last several days from the Middle East is presenting a level of intensity not witnessed since the terror attacks on Sept. 11, 2001."

Drew Harwell beginnt seinen "Washington Post"-Text über die Tötungspropaganda der Hamas mit einem Verweis auf die Terrortaten in Buffalo und Christchurch ("Bleiben im Internet sichtbar und wurden noch lange nach den Massentötungen millionenfach angesehen") und den Islamischen Staat (IS), "der vor fast zehn Jahren mit Videos, die die Enthauptung von Journalisten, Entwicklungshelfern und anderen gefangenen Zivilisten zeigten, Angst verbreitete und Aufmerksamkeit erregte".

Mit Blick auf den IS schreibt die WaPo:

"Diese Videos waren jedoch zuvor aufgenommen und bearbeitet worden. Das Versprechen der Hamas, Hinrichtungen, die noch nicht stattgefunden haben, aufzuzeichnen und auszustrahlen, ist neu und scheint darauf abzuzielen, Angst vor der bevorstehenden Barbarei zu schüren."

Und zu den aktuellen Hamas-Videos auf Telegram:

"Viele der Videos weisen relativ ausgefeilte Elemente auf, zum Beispiel Animationen zu Beginn des Titels und Soundtracks im Stil von Actionfilmen, was darauf schließen lässt, dass die Gruppe über einen vorgefertigten Arbeitsablauf für die Aufnahme, Bearbeitung und Veröffentlichung verfügt. Einige der Videos erschienen in bearbeiteter Form bereits wenige Stunden nach Beginn des Überfalls im Internet."

Hamas agiert, so zynisch das klingt, professioneller und medienkompenter als der IS - das ist eine Aussage des Textes. Graham Brookie vom Atlantic Council's Digital Forensic Research Lab kommt hier folgendermaßen zu Wort:

"This is one of the first times we've seen this glossy propaganda content recorded in real time.”

Äußerungen Brookies greift der WaPo-Autor auch in einer weiteren Passage auf:

"Die (Hamas) könnte die Hinrichtungen aber auch über einen Wegwerf-Account live auf eine Social-Media-Plattform oder eine andere Website übertragen, wie es Massenmörder in den letzten Jahren getan haben. Diese Videos könnten dann gespeichert und über eine Reihe anderer Videodienste erneut veröffentlicht werden, wodurch praktisch garantiert wäre, dass die Clips nie aus dem Internet verschwinden würden.

'Man kann eine Übertragung im Stil von Christchurch nicht ausschließen‘, sagt Brookie und bezieht sich dabei auf die Ermordung von 49 Menschen in zwei neuseeländischen Moscheen im Jahr 2019, die per Live-Stream auf Facebook übertragen wurde. 'Es gibt nur sehr wenige Möglichkeiten, das zu verhindern. Es erreicht vielleicht nur ein paar Leute im Moment, aber es hat das Potenzial, sich zu verbreiten.'"

Dietrich Leder hat für den KNA-Mediendienst (nur für Abonnenten) zwischen Samstag und Dienstag die Berichterstattung über den Krieg im deutschem Fernsehen (vor allem im öffentlich-rechtlichen) beobachtet:

"Rekonstruiert man nun, wie beide öffentlich-rechtlichen Sender auf die Ereignisse in Israel reagierten, kann man feststellen, dass sie bereits am Samstag angemessen berichteten (…) Dass sich dennoch ein ungutes Gefühl vor dem Fernsehapparat einstellte, lag an der Einbettung dieser Sendungen in das laufende Programm."

Inwiefern?

"Das Problem zeigte sich bereits in der Anmoderation der 'Brennpunkt‘-Ausgabe, als Moderator (Christian) Nitsche sagte, dass die Sendung 'Verstehen Sie Spaß?‘" sich 'um ungefähr 15 Minuten verschieben‘ würde. 'Nein‘ wollte man an diesem Abend in Richtung der ARD-Programmdirektion sagen, heute wolle man keinen und erst recht nicht diesen Spaß verstehen, der ja darin besteht, Menschen im Alltag vor versteckten Kameras zu erschrecken und sich an ihrem Schrecken zu weiden. Ein Spaß, der immer schon grenzwertig war, sich aber an einem Tag wie diesem, an dem ein realer Schrecken über die Menschen in Israel hereingebrochen war, im Grunde verbot."

Ähnliches gelte für die Krimis, die ARD und ZDF am Wochenende zeigten. Leder schreibt aber auch:

"Die abrupte Rückkehr zum Normalprogramm, die neben ARD und ZDF ja auch alle anderen Sender vollzogen, ist vermutlich alternativlos. Denn was hätte stattdessen aus den Archiven hervorgeholt werden können, was dem Ernst der Lage auf der einen Seite und dem Unterhaltungsbedürfnis der Zuschauerinnen und Zuschauer auf der anderen Seite gerecht werden könnte? Vielleicht muss man es deshalb anders sagen: Dieser Fernsehabend bewies nachdrücklich, wie weit das Unterhaltungsprogramm von jedweder Wirklichkeit abgehoben ist."

Über die von den Sendern befragten Experten schreibt Leder:

"Selbstverständlich kamen in diesen Tagen wieder alle zu Wort, die in Krisenzeiten die Fernsehschirme bevölkern, ob sie nun als Experten für den Nahen Osten, für Krisen und Kriege, für internationale Politik oder für Terrorismus gelten. Oft weiß man schon, was sie von sich geben, wenn etwa Michael Lüders im ZDF reflexhaft auf die Lage der Palästinenser im Gazastreifen verweist, als erklärte diese den Terror der islamistischen Hamas, oder wenn Carlo Masala in der ARD die weltpolitischen Dimensionen des Nahostkonflikts in düstersten Farben ausmalt. Ungewöhnlich war hingegen das, was der israelische Historiker Moshe Zimmermann am Sonntag in einer weiteren 'Brennpunkt‘-Sendung sagte. Er verwies zum ersten darauf, dass der Angriff der Hamas auch deshalb möglich wurde, weil das israelische Militär vor einiger Zeit aus innenpolitischen Gründen eine Militäreinheit aus dem Gebiet vor Gaza abgezogen und in der Nähe des Westjordanlandes stationiert habe. Zum zweiten verwandte er für den Terror den Begriff 'Pogrom‘, mit dem ja seit Jahrhunderten die antisemitischen Attacken auf Jüdinnen und Juden bezeichnet werden."

Ein maßgebliches Wort in diesem großen Zitatblock: natürlich das Verb "gelten". Nach meiner Wahrnehmung kennen die öffentlich-rechtlichen Redaktion eher wenig Nahost-Experten. Dass man in der aktuellen Situation auf den bestens bekannten Carlo Masala zurückgreift, scheint mir jedenfalls ein Indiz dafür zu sein, dass das Kontingent noch ausbaufähig ist.


Altpapierkorb (Druck auf Whistleblower, die Bedeutung des SZ-Erfolgs gegen Lindemann, ein neues Wirtschaftsmagazin für Kinder, ein neuer Altpapier-Account)

+++ Wie ein Whistleblower unter Druck geriet, nachdem er "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR einen Einblick "in das lukrative Geschäft mit Krebsinfusionen" gegeben hatte, berichten die an der Recherchen Beteiligten ("Süddeutsche", tagesschau.de).

+++ Zur Niederlage Till Lindemanns gegen die SZ vor dem Landgericht Frankfurt (Altpapier von Donnerstag) schreibt Anne Fromm in der taz: "Das Urteil stärkt nicht nur die Berichterstattung der SZ, sondern auch Recherchen zu #metoo-Fällen generell. In vielen dieser Fälle gibt es nur zwei Beteiligte, es steht Aussage gegen Aussage, Beweise gibt es selten." Und: "Die Rich­te­rin­nen sehen ein 'überragendes öffentliches Informationsinteresse‘, vor allem unter 'Präventionsgesichtspunkten‘. 'Dass junge Frauen systematisch für sexuelle Handlungen mit dem Kläger ausgesucht und diesem organisiert zugeführt werden", sei von erheblichem öffentlichen Interesse."

+++ Eine Zeitschriftenneugründung gibt es aus Hamburg zu vermelden: "Brand eins" und der Carlsen Verlag haben "weil." auf den Markt gebracht, ein Wirtschaftsmagazin, das sich an Kinder richtet. Katrin Wilkens stellt es bei "Übermedien" vor: "Das Magazin versucht auch subversiv politisch aufzuklären. Etwa, wenn das Heft der Frage nachgeht, wie viel Geld von einem 119 Euro teuren Sneaker für die Näherinnen übrig bleibt? (Antwort: 2,50 Euro.)" Der Text ist in der "Übermedien"-Rubrik "Bahnhofskiosk" erschienen - obwohl es das Heft weder dort noch an anderen Kiosken gibt. Susanne Risch, die Chefredakteurin von "weil." dazu: "Das hat etwas mit unserem Verständnis von Nachhaltigkeit zu tun, warum sollen wir Ausgaben auf teurem Papier drucken, wenn es hinterher wieder eingestampft werden muss?" Auf den Verkauf am Kiosk zu verzichten, scheint mir für neue oder kleine Printmedien tatsächlich ein sinnvoller Weg zu sein. Das Fußball-Magazin "Zeitspiel" zum Beispiel (siehe dazu diesen Text von mir) setzt ja auch auf diese Strategie.

+++ Zu guter Letzt: Wir sind jetzt bei Bluesky, unter @altpapier.bsky.social.

Das Altpapier am Montag schreibt Klaus Raab. Schönes Wochenende!

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