Das Altpapier am 24. Oktober 2023: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
"Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren im aktuellen Altpapier die wichtigsten Medienthemen des Tages. Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Kolumne: Das Altpapier am 24. Oktober 2023 Tödliche Überforderungsängste

24. Oktober 2023, 11:41 Uhr

Warum haben die Quotendenker und Denkfaulen in den Senderspitzen des ÖRR kein Interesse daran, die Demokratie zu erhalten? Ist das Böse unkritisierbar geworden, weil auch Kritik es weiter aufbläht? Haben die Menschen bei Bluesky am Kommunizieren mehr Spaß als bei Mastodon? Heute kommentiert René Martens die Medienberichterstattung.

Das Altpapier "Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren und bewerten aus ihrer Sicht die aktuellen medienjournalistischen Themen.

Erinnerungen an die Bilder aus Butscha

Auf Robin Detjes Newsletter "Lasst uns gemeinsam einen besseren Weltuntergang bauen!" bin ich erst am Montag gestoßen, und angesichts des genialen Titels befürchte ich, einiges versäumt zu haben. In der bereits 22. Ausgabe des Newsletters bringt der Übersetzer und Journalist Detje ein Unbehagen auf den Punkt, das ich in den letzten Tagen auch hatte:

"Bei der Verarbeitung des gegen meinen Willen erworbenen Wissens über das Massaker der Hamas und meines Schreckens darüber, mit wie viel Wuppdich Teile der deutschen Linken sofort ihre anti-israelischen und antisemitischen Parolen aus dem Schrank geholt haben, hilft mir das Strammstehen der deutschen Staatsführung in Solidarität mit Israel nicht wirklich."

Detje schreibt das, nachdem er auf das Massaker eingegangen ist - indem er ausführlich aus einem Interview mit dem "Paris Match"-Journalisten Nicolas Delesalle zitiert hat. Delessale, "der die Leichen der Opfer des Massakers gesehen hat" (Detje), sagt:

"Vom ersten Tag an war mir klar, dass es hier nicht nur um den Krieg ging, sondern auch um Menschen, die an einer Bushaltestelle massakriert wurden, um alte Frauen. Alle möglichen Verbrechen wurden begangen. Das wurde mir vor Ort auch gesagt: 'Alles, was möglich war, wurde getan.' Butscha [in der Ukraine] zum Beispiel war ein absoluter Gewaltausbruch zu einem bestimmten Zeitpunkt. Aber weniger an der restlichen Front. Hier war es so, als hätte es einen generellen Befehl gegeben, so viel wie möglich zu foltern. Ob es alle Zeugenaussagen vom Musikfestival sind, alle Zeugenaussagen aus den Kibbuzim, sie sind immer gleich. Es gab ein sadistisches, perverses Spiel, um Menschen leiden zu lassen. Dieses Phänomen eint alle Kriege, aber nicht in diesem Ausmaß, an einem einzigen Tag. In diesem Fall war es ein Massaker."

Das scheint mir eine Einordnung zu sein, die man bei jeder weiteren Berichterstattung über den Krieg berücksichtigen sollte.

"Wer keinen Anspruch mehr anbietet, schafft keine Nachfrage nach Anspruch"

Wer einige prägnante Formulierungen braucht für die Debatte um die Zukunft des ÖRR, der findet sie heute im linearen Programm von Bayern 2 in Christian Schüles "Nachtstudio"-Sendung "Demokratie der Stimmen. Eine Hommage an das Hören" - oder in einer Rezension des Essays von Stefan Fischer in der SZ:

"Im Nachtstudio (…) (sind) Sendungen zu hören (…), die zum Klügsten und Wichtigsten im Radio-Angebot des Bayerischen Rundfunks zählen."

Es werde "nun aber fatalerweise abgeschafft von der Sendeleitung des BR". Wie bereits angedeutet, geht es in dem von Fischer empfohlenen Essay Schüles aber gar nicht nur um das "Nachtstudio" und nicht nur um den BR:

"Seine Nachtstudio-Sendung 'Demokratie der Stimmen. Eine Hommage an das Hören’ ist eine Utopie, die sich aus der Erfahrung der Vergangenheit speist, dass Radio ein großes und vor allem eingehaltenes Versprechen sein kann. Das Nachtstudio im Radioprogramm von Bayern 2 (…) war und ist über die Jahrzehnte hinweg ein Ort für Debatten, die diesen Namen verdienen. (Die Sendung) ist ein Raum für Autorinnen und Autoren, sich vertiefende Gedanken zu machen zu gesellschaftlichen Entwicklungen, zu kulturellen Themen von großer Tragweite."

Und "vertiefende Gedanken zu gesellschaftlichen Entwicklungen" sind für viele, die bei den Öffentlich-Rechtlichen was zu sagen haben, ja generell ein rotes Tuch. Fischer weiter:

"Sehr klar in seinen Argumenten legt Christian Schüle dar, wie unerlässlich ein von Quotendenken, Überforderungsängsten und Denkfaulheit freies Kulturprogramm für den Erhalt der Demokratie ist. Und wer sollte ein solches zuvorderst anbieten, wenn nicht die beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender? Immer niederschwelliger werden zu wollen, führe zu einer Nivellierung von Kontexten, zu glatt polierten Oberflächen, auf denen nichts mehr haften bleibe. 'Wer keinen Anspruch mehr anbietet, schafft keine Nachfrage nach Anspruch. Weshalb er selbst irgendwann keinen Anspruch mehr hat, Anspruch anzubieten.’"

Hamburgs Kultur- und Mediensenator Carsten Brosda hat bei Bluesky letzteren Satz aus Schüles Essay herausgegriffen. Zu streiten wäre noch darüber, warum die Quotendenker, Überforderungsangstmacher und Denkfaulen in den Senderspitzen die Demokratie nicht erhalten wollen.

Kann man dem Krimi-Publikum keine kaputten Fichten zumuten?

Keine explizite Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen kommt in dem Interview zum Ausdruck, das Aurelie von Blazekovic und Harald Hordych für die "Süddeutsche Zeitung" mit Elisabeth und Maria Furtwängler von der Malisa-Stiftung über deren neue Studie zur Präsenz von Klimawandel und Biodiversität im Fernsehen geführt haben. Gemeint ist der ÖRR in einigen Passagen aber allemal. Die SZ-Leute fragen:

"In der Studie sagen 41 Prozent, dass sie zufrieden sind mit der Berichterstattung über Klimawandel und Biodiversität. In 1,8 Prozent der Sendeminuten geht es um diese Themen. Wie interpretieren Sie dieses Verhältnis?"

Maria Furtwängler entgegnet:

"Tatsächlich ist das Thema relativ präsent in der Information, aber kaum in der Fiktion. Da liegt ein Riesenpotenzial. Das Thema Artensterben wird nur bei 18 Prozent als sehr präsent erlebt, nur 0,2 Prozent der Sendeminuten kreisen unmittelbar um das Thema. Wenn, kommt das in Dokus vor, zum Beispiel über die Löwen in Afrika, und dabei entsteht häufig noch der Eindruck einer intakten Wildnis - aber die gibt es kaum mehr auf dieser Erde. Die ARD hat so viele Mitarbeitende, wie es auf der ganzen Welt noch Löwen gibt."

Nachfrage der Interviewführenden:

"Müssen denn wirklich auch Spielfilme Klimawandel und Artensterben verhandeln?"

Die Antwort von Furtwängler senior hat einen, Spoiler!, selbstkritischem Twist:

"Eine Kollegin hat einen Krimi im Harz gedreht und erzählte mir, im Hintergrund waren bei einer Einstellung nur kaputte Fichtenwälder zu sehen, alles morsch und tot. Im Nachgang wurde das nachbearbeitet, weil: Das könne man dem Publikum so nicht zumuten. Und ich so: Empörend! Dann habe ich mich erinnert, dass wir für eine Weihnachtskomödie, die ich koproduziert habe und die Mitte Dezember im Ersten läuft, unbedingt Schnee wollten. Wir haben ihn mit Ächzen gefunden, aber beim Schlussbild vor einer Kapelle war alles rundum quietschgrün. Was haben wir gemacht, um unsere Vorstellung von einer ordentlichen Weihnacht zu erfüllen? Wir haben digital Schnee drübergelegt."

Theo Kolls Bildschirm-Abschied

Am Sonntag verabschiedete sich Theo Koll, der Leiter des ZDF-Hauptstudios, in der Sendung "Berlin direkt" in den Ruhestand, und Michael Hanfeld würdigt ihn in der FAZ unter anderem mit folgenden Worten:

"Wenn es einen guten, personifizierten Grund gibt, seinen Rundfunkbeitrag zu zahlen, dann ist das Theo Koll."

Der FAZ-Mann zitiert auch die zentralen Worte aus Kolls kurzer Abschiedsrede:

"Erhalten Sie das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Es ist wahrlich nicht ohne Fehler. Aber es ist beim überall abnehmenden Wert von Wahrheit eine der wichtigen Bastionen für so verlässlich wie möglich geprüfte Informationen und für eine verantwortungs­volle Einordnung."

Aber da Michael Hanfeld jeden Tag, den der Herr werden lässt, mit einem Schaumbad vorm Mund aufwacht, muss halt auch eine Passage rein, die, rein formal betrachtet, in so einem Verabschiedungsartikel gar nichts verloren hat:

"Das journalistische Profil des ZDF prägt halt leider nicht nur der besonnene Theo Koll, sondern auch ein aufmerksamkeitsheischender, überbezahlter Satirehanswurst, dessen Faxen Millionen Follower beklatschen."

Die Reichweite bei Twitter/X ist irrelevant geworden

netzpolitik.org hat "Medien wie ARD, ZDF, FAZ und taz sowie mehrere Journalist:innen zum Zustand von Twitter/X befragt", und Adrienne Fichter vom Schweizer Magazin "Republik" hat zum Beispiel Folgendes geantwortet:

"Früher war Twitter die erste Site, die ich morgens vor allen aufrief, selbst vor meinen Mails. Immer: Twitter first. Heute ist es eher die letzte Webseite."

Wenn überhaupt, würde ich, der auf einigen Geräten die Twitter-App gelöscht hat, da ergänzen.

Ein Fazit des Beitrags lautet:

"Die Antworten spiegeln (…) ein Dilemma, in dem sich die ganze Branche befindet. So kritisch viele die Entwicklung bei X sehen: Solange Medien und Politik weiter in großer Zahl dort anzutreffen sind, ist es schwer, die Plattform zu verlassen. Unter den Alternativen hat sich bislang keine richtig durchgesetzt, denn das braucht Zeit. Wer X jetzt verlässt, verpasst möglicherweise etwas – doch wer bleibt, sorgt selbst dafür, die Relevanz der problematischen Plattform aufrechtzuerhalten (…) Schon jetzt zeigt unsere Umfrage, dass der Rückzug relevanter Communities und die bewusste Inaktivität einiger Journalist:innen zur sinkenden Relevanz von X beitragen."

Der interessanteste Abschnitt ist der in eigener Sache - unter der Überschrift "Und was macht netzpolitik.org?":

"Auch (wir) diskutieren (…) derzeit über den Umgang mit Twitter/X. Einige Stimmen im Team plädieren für den Rückzug, andere (noch) für den Verbleib. Reichweite spielt dabei überhaupt keine Rolle mehr, es geht eher um die immer noch hohe Präsenz anderer Journalist:innen, Medien und der (internationalen) Zivilgesellschaft auf der Plattform (…) Bei Mastodon sind die Interaktionen deutlich höher als bei den anderen Netzwerken."

Das beobachten wir beim Altpapier auch, die Anzahl der Reaktionen auf Posts ist bei Mastodon - jedenfalls für unsere Verhältnisse! - oft exorbitant hoch, viel höher als einst bei Twitter in vermeintlich besseren Zeiten. Auch Bluesky macht, was Interaktionen angeht, wesentlich mehr her als jetzt X, aber das ist, um mal kurz in die Fußballersprache abzugleiten, natürlich nur eine Momentaufnahme.

An dieser Stelle bietet es sich an, noch einmal auf die aktuelle Ausgabe von Robin Detjes Newsletter zurückzukommen, denn mit Bluesky bzw. der Art, wie "die Neuen" dort agieren, beschäftigt er sich auch:

"(Sie) trauern (…) dem alten Twitter nach und bestätigen einander, dass es richtig war, dort jetzt gegangen zu sein (nachdem Nero schon drei Viertel von Rom abgebrannt hatte, na ja, kann man so und so sehen)."

Vor allem sieht er eine bei Bluesky verbreitete Mentalität kritisch:

"Die Hauptvereinbarung lautet (…), dass das Böse totgeschwiegen werden muss: Das skandalöse neue Interview von XY auf Z soll man nicht zitieren, nicht verlinken, XY soll man nicht abbilden. So ist meine Timeline ein Ort des Raunens und der Andeutungen geworden: Was XY da wieder von sich gegeben hat, war natürlich skandalös! Aber kein Hinweis darauf, was genau XY gesagt hat und wo. Keine Chance, Quellen zu recherchieren, Aussagen zu veröffentlichen, um sie kritisierbar zu machen und ihnen etwas entgegenzusetzen. Die Theorie dahinter besagt, dass jeder Klick und jede Abbildung des Bösen dem Bösen nützen, weil das Böse sich von Aufmerksamkeit in all ihren Formen ernährt. Dass das Böse unkritisierbar geworden ist, weil auch Kritik es weiter aufbläht. Das bedeutet aber auch, dass man sich der Vorstellung von Social Media als dämonischem Aufmerksamkeitsmoloch völlig ergeben hat. Den Gedanken, dass Social Media ein Mittel sein könnte, kritische Öffentlichkeit herzustellen, hat man aufgegeben."

Was Positives über Bluesky hat Detje aber auch parat:

"Auf Bluesky haben die Menschen am Kommunizieren offenbar einfach mehr Spaß, und Mastodon hat irgendetwas in den Knochen, das wie ein Verbot des Spielerischen wirkt."


Altpapierkorb ("Inside Rheinmetall", ein Überblick über aktuelle memetische Kriegsführung, der Umgang mit der Falschberichterstattung zur Krankenhaus-Explosion, ehrenwerte WamS-Anfragen-Ablehner)

+++ In der Reihe "ARD Story" läuft heute die sehr facettenreiche und teilweise aufwändig fotografierte Dokumentation "Inside Rheinmetall - Zwischen Krieg und Frieden". Sechs Monate lang hatte der NDR-Reporter Klaus Scherer bei Deutschlands größtem Rüstungskonzern "Zugänge, die noch kein Fernsehteam hatte", wie er zu Beginn des Films betont. In seiner Dokumentation gibt er einen Einblick in den Alltag der Waffen- und Munitionsproduktion und die Mentalitäten der Menschen, die mit Rüstung zu tun haben. Ich habe den Film für Zeit Online besprochen, und die SZ empfiehlt ihn auch.

+++ Veronika Kracher hat sich für "Belltower News" mit der "memetischen Kriegsführung" auf der Plattform 4chan beschäftigt (damit wir es nicht tun müssen): "Unter dem Kürzel /mwg - "Memetic Warfare General" - betreiben 4chan-User (…) wieder das, was sie am besten können: den politischen Diskurs mit Memes zerstören. Sie rufen dazu auf, mittels KI antisemitische Bilder und Memes zu generieren. Der erste dieser Threads wurde kurz nach dem Beginn des Angriffes auf Israel veröffentlicht, jeden Tag gibt es einen neuen – und in jedem Thread finden sich Dutzende, wenn nicht Hunderte von Memes (…) Seit Beginn des palästinensischen Angriffskriegs auf Israel amüsieren sich 4chan-User auf /pol über das Leid der israelischen Zivilbevölkerung. 'Wir betreiben Propaganda aus Spaß heraus. Mach mit, es ist bequem!’ steht in einem Thread, in dem sich ein antisemitisches Hassbild an das nächste reiht (…)"

+++ Die "New York Times" hat sich dezent selbstkritisch zur ursprünglichen Falschberichtersattung über die Explosion am Al-Ahli-Krankenhaus in Gaza-Stadt (Altpapier, Altpapier) geäußert. Inwiefern man hier von "a limited mea culpa" sprechen kann, legt Joshua Benton fürs "Nieman Lab" dar. Andere haben nicht mal ein "limited mea culpa" hinbekommen. Dazu Oliver Darcy im CNN-Medien-Newsletter: "A spokesperson for The WSJ declined comment. Meanwhile, spokespeople for the AP and Al Jazeera ignored my inquiries." Darcy kritisiert auch das eigene Haus: "Im (…) ersten Online-Artikel hieß es, (…), dass Israel definitiv für die tödliche Explosion verantwortlich sei (…) Der Fehler wurde nie in einer Korrektur oder einem redaktionellen Vermerk eingeräumt."

+++ Natürlich kann es auch gute Gründe geben, Anfragen von Journalisten zu ignorieren - oder Absagen zu schicken. Dann nämlich, wenn das anfragende Medium nicht sonderlich seriös ist. Erfreulich viele Prominente haben dies getan, als sie eine "Für die kommende Welt am Sonntag sammle ich Stimmen gegen Judenhass"-Anfrage im Postfach hatten. Darüber, wie diese Ehrenfrauen und Ehrenmänner nun bei Springer "vorgeführt" werden, schreibt Boris Rosenkranz bei "Übermedien".

Das Altpapier am Mittwoch schreibt Christian Bartels.

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