Das Altpapier am 12. April 2018 Willkommen im Diskussionstheater!

Was spricht dafür, gesellschaftspolitische Debatten in der Form von Pro-und-Contra-Texten zu führen, und was dagegen? Die Nannen Preise wurden verliehen. Marcus Wolter und Stefan Raab wollen beruflich wieder was zusammen machen. Das ZDF unterliegt ZDFneo. Und der Lehrbuchsatz des Tages kommt vom Tagesspiegel. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zum Altpapier am 12. April 2018: Was spricht dafür, gesellschaftspolitische Debatten in der Form von Pro-und-Contra-Texten zu führen, und was dagegen?
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Wir hätten heute ein "Pro und Contra" für Sie. Wir wollten sowas einfach auch mal machen, denn Die Zeit macht ja vor, wie supergut sowas läuft: Vergangene Woche titelte sie mit Jens Jessens Wutrede gegen einen vermeintlich "totalitären Feminismus", heute schreibt Bernd Ulrich, warum Jessen falsch liegt.

Unser Thema lautet: Was spricht für das journalistische Format "Pro und Contra", was spricht dagegen?

Contra "Pro und Contra"

Die Welt ist groß und voller Grautöne. Man kann sie sich auch bunt vorstellen. Eines aber ist sie definitiv nicht: schwarz-weiß. Wer sich ihr schreibend nähern will, wird unterschiedlich harte Bleistifte benutzen müssen. Das Schreibwerkzeug des Pro und Contra aber ist die Sprühdose, mit der in großen Lettern mächtige Slogans auf Wände gemalt werden. Dafür und dagegen, mehr gibt es nicht – als wäre Journalismus eine Abfolge von Großdemonstrationen. Das ist antiaufklärerisch. Go home, Pro und Contra!

Als zum Beispiel Jens Jessen vor einer Woche in der Zeit wider den "totalitären Feminismus" anschrieb (Altpapier), sagte er nicht: Die eine oder andere Frau tätigt schon auch mal gemeinerweise eine etwas zu sehr zugespitzte Aussage, huiuiui! Nein, was er vermittelte, war die Apokalypse: Die wollen uns Männer vernichten.

Das war der Form geschuldet: Er tat, was das Format des Für und Wider verlangt. Erst wühlt jemand ohne jede Zurückhaltung Dreck auf. Denn dann, weiß man ja eh, kommt ja hinterher jemand, um durchzuwischen. Jessen war der Matschmann.

Bernd Ulrich hat ihm nun, wie schon vergangene Woche in der Zeit angekündigt, geantwortet. Er schreibt: "Jessen macht in seinem Text exakt das, was er 'den' Feministinnen vorwirft. So wie jene alle Männer angeblich in einen Topf werfen und zum Schlechteren hin homogenisieren, so veranstaltet er es mit den Feministinnen." Und warum tut Jessen das? Doch nicht, weil er nicht zur Differenzierung fähig wäre, oder weil er nicht wüsste, dass ein Argument stärker ist, das im Schreibprozess erkennbar hinterfragt wurde. Sondern doch eher, weil ein Rant jene heftige Reaktionen verursacht, die in der Bilanz dann auf die Marke einzahlen. Wir wissen aus Talkshows, dass Maximalpositions-Wrestling nicht nur kolossal nerven kann, sondern auch die Debatte nicht voranbringt. Es verstellt vielmehr den Blick auf Details. "Pro und Contra"-Texte sind ein großes Kasperletheater mit festgelegten Rollen. Sie senken das Niveau. Und statt Blümchen in den Rissen der Gesellschaft zu pflanzen, spalten sie.

Pro "Pro und Contra"

Natürlich könnte man zu jeder gesellschaftspolitischen Debatte nur ausgewogene Texte einfordern, nuancierte Analysen, die ihre eigene Widerlegung bereits enthalten. Wenige aber vermitteln die Dringlichkeit eines Themas so markant wie ein Wutausbruch und der darauf folgende Zweifel, den er erst ermöglicht.

Bernd Ulrich zitiert in seiner Replik auf Jens Jessen an einer Stelle die britische Feministin Laurie Penny mit einer Passage über junge Männer, die eigene Pein für einen "Fehler von Frauen oder Minderheiten" halten würden. Und er kommentiert das mit den Worten: "Diese Darstellung kommt mir etwas zu drastisch vor, gerade dafür muss man Penny und den radikalen Feministinnen allerdings danken: Sie machen Dinge sichtbar, vielleicht auch durch Übertreibung." So ist es auch beim Pro-und-Contra. Es ist keine Schwäche, sondern eine ausgewiesene Stärke des Formats, dass Grautöne ausgespart bleiben: So kann sie sich hinterher jede Leserin und jeder Leser selbst zusammenmischen.

Außerdem, das darf man nicht vergessen, sind zwei aufeinander aufbauende Texte zu einem Thema auch viel besser für die Aufmerksamkeitsbilanz eines Mediums als einer; zumal dann, wenn der erste, dank aufgedrehtem Lautstärkeregler, für große Aufmerksamkeit sorgte, aber die Katharsis noch fehlte.

Erst also Schlammbad, dann duschen. Man kann sich als Leserin und Leser im Prinzip sogar selber aussuchen, welcher Text für einen Schlammbad und welcher Dusche ist. Hinterher jedenfalls haben sich alle ihre Wut abgewaschen und sind schlauer als vorher.

Zum Wohle aller: für mehr Pro und Contra!

Das Gute und das Schlechte am Nannen Preis

Apropos ausgebuffter Journalismus, am Mittwochabend wurden, parallel zur Fußballübertragung im ZDF, die Nannen Preise verliehen. Das Tolle ist: Man muss sich nicht immer für das eine und gegen das andere entscheiden – zwei Browserfenster auf, und man konnte beides im Livestream parallel haben; bei entsprechender Lautstärkeregelung führte Preismoderatorin Caren Miosga dann durch das Bayernspiel (0:0).

Das Schlechte an der Nannen-Preis-Verleihung hat Meedia: "(B)is auf eine Ausnahme waren alle Preisträger Männer." Von uns erfahren Sie jetzt aber auch das Gute: Ein Nannen Preis ging an eine Frau.

Genau genommen gingen sogar zwei Preise an Frauen. Nicht nur Caterina Lobenstein bekam schließlich einen (in der Kategorie "Beste Dokumentation" für "Warum verdient Frau Noe nicht mehr?"), sondern auch Souad Mekhennet, die Sicherheitskorrespondentin der Washington Post. Sie erhielt nach dem Ludwig-Börne-Preis im Februar nun den Nannen Sonderpreis der Stern-Chefredaktion.

Im Stern steht ein Mekhennet-Porträt, das mit dem Interview beginnt, das sie mit Abu Yusaf führte, einem direkten "Gefolgsmann des "IS"-Führers al-Baghdadi: 'Wir müssen mit diesen Leuten reden', sagt sie. 'Nur so können wir verstehen, was sie antreibt.'"

Neues vom Fernsehbusiness

Kommen wir aber jetzt doch mal zu einer richtigen Jungssache: zum Fernsehbusiness.

Marcus Wolter und Stefan Raab haben zusammen früher Fernsehen für Sechzehnjährige gemacht – bei "Vivasion" zum Beispiel irgendwann in den Neunzigern, wo Wolter eine Art Sidekick gab (Beispiel? Minute 15:39). Dann arbeiteten sie zusammen bei Brainpool an "TV total". Und nun, schreibt die SZ, dürfte es "zu einer neuerlichen Zusammenarbeit von Wolter und Raab kommen":

"(V)on Sommer an soll Wolter, der Anfang des Jahrtausends zum Anrufsender NeunLive wechselte und dann lange Jahre die Geschäfte von Endemol Deutschland und danach von Endemol Shine Germany führte, als CEO die jüngst gegründete Firma Banijay Germany auf dem hiesigen Markt stark machen."

So viel Spiegelstrich-Wissen muss sein. Aber wir müssen uns an dieser Stelle nicht in Details verlieren – die hat DWDL besser drauf –, sondern können gleich zum Krimiplot kommen: Jörg Grabosch, der Gründer von Brainpool, "der lange Jahre als ein Ermöglicher hinter Raab galt, nun aber offenbar dessen Gunst verloren hat" (SZ), wehrt sich noch juristisch gegen die Übernahme von Brainpool durch Banijay (Altpapier).

ZDF sticht sich selbst mit Krimi aus

Drei Männer, Ränke, Business – wir wittern da ja fast schon eine ZDF-Serie. Die bei ZDFneo dann wiederholt werden könnte. Dass das "neo" in ZDFneo überschaubar und der Sender eher die "ZDF-Recyclingmaschine" ist, dass also nur sehr wenige neue eigene Formate laufen, hat Übermedien vor Kurzem aufgeschlüsselt.

Aber wenn es doch erfolgreich ist! "Am Dienstagabend (…) schrieb ZDFneo Geschichte", heißt es bei Spiegel Online:

"Normalerweise liegt sein Marktanteil zwischen 1,6 und vier Prozent. Am Dienstag um 20.15 Uhr schoss er auf sagenhafte 7,8 Prozent. Und nicht nur das: Der Sender überholte damit auch noch das Mutterschiff: Das ZDF dümpelte um die Uhrzeit bei 5,5 Prozent."

Und was lief wohl am Dienstagabend bei ZDFneo? Krimi. Eine Folge der Krimi-Reihe "Nord Nord Mord" von 2011. Mit Krimis machst du einfach Stiche – die logischste Logik des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hat am Dienstag einfach mal wieder gezeigt, was sie kann.

Hunde-News kann es aber auch: Die "heute"-Sendung am Dienstag habe mit einer emotionalen Tiermeldung geschlossen, ist dem Tagesspiegel aufgefallen. Joachim Huber schreibt dazu einen Satz, den wir uns hier auf unsere Schürzen zu sticken gedenken:

"Nachrichten, die keine Nachrichten mehr sein wollen, sind keine Nachrichten mehr."

Was uns smooth zum Thema Facebook bringt, das heute hier mal ein Häuchlein weniger Prominenz bekommt: im…

Altpapierkorb (Facebook, WDR, Radio)

+++ Wenn Emotionen aber doch nun mal der Treibstoff der Informationsindustrie sind! Steigen wir in den Facebook-Komplex (siehe ausführlich das Altpapier vom Mittwoch) heute mal mit Sascha Lobos Kolumne ein: "Treibstoff der sozialen Infrastruktur Facebook sind: Emotionen. Alle wesentlichen Probleme – wie auch die wirtschaftlichen Vorteile – ergeben sich aus der Macht von Facebook, flächendeckend Emotionen auszulösen. Genau dafür ist Facebook gebaut, wie man schon an Standardreaktionen sieht: Like, Love, Haha, Wow, Sad, Angry." Lobo: "Das eigentliche Problem ist, wie Facebook auf ganze Gesellschaften wirkt – egal, ob einzelne Werbetreibende illegal gewonnene Daten verwendet haben oder nicht. Denn die neue, digitalsoziale Infrastruktur verändert Öffentlichkeit, Politik und Gemeinwesen ganzer Länder."

+++ Es gibt auch noch einmal gut Stoff zur Zuckerberg-Anhörung im US-Kongress. Im von billiger.de versandten Newsletter heißt es zum Beispiel: "Schock-Ankündigung: Facebook bald kostenpflichtig". Martin Giesler hat darüber hinaus aber auch noch eine lesenswerte Einordnung. Und die SZ schreibt: "'Grillen' – das klingt nach Hitze, Rauch und Verbrennungen; danach, dass jemand seine Zähne in ein Stück Fleisch schlägt. Doch um es vorwegzunehmen: Die Anhörung im Senat erinnerte eher an gedämpftes Gemüse."

+++ Und wie wäre es mit einem "Fairbook"? Die Frankfurter Rundschau hat ein Interview mit Hans-Jörg Naumer, dem Leiter Kapitalmarktanalyse beim Frankfurter Vermögensverwalter Allianz Global Investors, der "an die Idee der Daten-Genossenschaften" glaube.

+++ Vergangene Woche gab es von Stern und Correctiv eine (Altpapier) Recherche über sexuelle Belästigung beim WDR. Die Fortsetzung steht nun nicht im Print-Stern, aber bei stern.de und bei Correctiv. Es geht um einen zweiten Fall, der vergangene Woche schon online vage angekündigt worden war: "Auch dieser Mann berichtet bis heute für die ARD, man sieht ihn regelmäßig in der 'Tagesschau' und in den 'Tagesthemen'." Thema ist auch diesmal, noch stärker als vergangene Woche, die WDR-interne Bearbeitung des Falls. Und der Sender hat zumindest zu tun, sich zum ganzen Komplex auch öffentlich zu verhalten. @Mediasres hat mit einer Autorin der Recherche gesprochen.

+++ Der epd-Medien-Beitrag von Lorenz Wolf, des Vorsitzenden des Rundfunkrats des Bayerischen Rundfunks, an dem kürzlich Juliane Wiedemeier an dieser Stelle "Selbstmitleid bei gleichzeitiger Selbstgerechtigkeit" auffiel, ist jetzt online.

+++ "Die vergangene Woche geschürte Aufregung, der Empfang von nichtdigitalem Antennenradio könne in dieser Woche abrupt abgeschaltet werden, hat sich 'in letzter Minute' (Landesmedienanstalten) erst einmal verzogen", hieß es am Dienstag im Altpapier. Nachschlag zum Thema heute in der taz und im Tagesspiegel.

+++ Jens Spahn, Minister für Debattenanstoß und Erhöhung des eigenen Bekanntheitsgrads, hat den Anstoß zum Aufmacher der SZ-Medienseite geliefert: Sollten Journalisten bei Twitter deutlich ihre Meinung sagen? Die SZ hat eine Umfrage gemacht.

+++ Die FAZ bespricht die ZDF-Familienserie "Tonio & Julia" und "die fabelhafte Serie '1993 – Jede Revolution hat ihren Preis'", ebenfalls im ZDF.

Neues Altpapier gibt es am Freitag.

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