Das Altpapier am 23. April 2018 Asse unter sich

"Ein Pokerspiel": ARD und ZDF wollen nicht mehr sparen – können sie sich verzocken? Hat der WDR "massiv Druck" auf den NDR ausgeübt, einen Beitrag aus dem Netz zu nehmen? Sieht man mit dem Zweiten die Royals besser als mit RTL? Und was treibt Bild-Chefredakteur Julian Reichelt? Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 23. April 2018: ARD und ZDF wollen nicht mehr sparen.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/panthermedia/dpa

Dass die Frist nicht eingehalten worden wäre, kann niemand behaupten: Die Rundfunkkommission der Länder hatte von ARD, ZDF und Deutschlandradio bis Freitag eine Stellungnahme zu ihren Sparüberlegungen für die Zukunft verlangt. Und bitte sehr: Die Stellungnahme ist eingetroffen.

Nach dem ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm, der sich am Donnerstag entsprechend geäußert hatte (Altpapier), hat am Freitag allerdings auch ZDF-Intendant Thomas Bellut zur allgemeinen Kenntnis gegeben, dass über die bereits geplanten Sparvorhaben hinaus "zurzeit seriös keine weiteren Maßnahmen" identifizierbar seien.

Wer findet das wohl nicht so gut? Zum Beispiel Malu Dreyer (SPD), the derzeitige Queen of Rundfunkkommission, die sagte, das sei ja nun leider "nicht zielführend". Wäre Rundfunkpolitik Gegenstand gewisser Rap-Spielarten, mit denen sich derzeit so viele Einstecktuchträger so wahnsinnig gut auskennen, wäre die Sache ohne Verfluchungen speziell von Ulrich Wilhelms Mutter womöglich nicht über die Bühne gegangen.

Zum Beispiel aber auch Michael Hanfeld von der FAZ, der wohlwollend darauf hinweist, dass die Politik in Gestalt der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin "für ihre Verhältnisse streng auf die Haltung der Sender reagierte". Er schrieb am Samstag, im Subtext nicht unargwöhnisch:

"Das hatte sich abgezeichnet. ARD und ZDF sehen sich außerstande, den Bundesländern neue Sparvorschläge für die geforderte Strukturreform der Sender vorzulegen."

Der "hermeneutische Zirkel des Ulrich Wilhelm"

Dass sich das abgezeichnet hatte, stimmt freilich. Schon zum Amtsantritt als ARD-Vorsitzender im Januar hatte – erinnert Christian Buß bei Spiegel Online – Wilhelm "ein Horrorszenario an die Wand gemalt, wenn es zu weiteren Einschnitten kommen sollte: 'Es würden kurzfristig drei Milliarden Euro fehlen, die wir im Wesentlichen im Programm einsparen müssten.'"

Hier haben wir das zentrale Argument der ARD in dieser Phase der Reform- und vor allem Gebührendebatte. Christian Meier und Stefan Winterbauer gehen im Podcast der Welt darauf ein. Winterbauer spricht vom "hermeneutischen Zirkel des Ulrich Wilhelm" (Minute 27:00): "Wenn wir mehr sparen, geht’s ans Programm, das will niemand, also werden nicht mehr sparen."

Meier und Winterbauer sehen "ein Pokerspiel": Die ARD setze darauf, dass über Programmeinschnitte in den für die Medienpolitik verantwortlichen Ländern keine Einigkeit bestehe, glauben sie – dass sich also die Länder nicht darauf einigen würden, dass die Öffentlich-Rechtlichen am Programm sparen müssen. Andererseits könne man aber nicht davon ausgehen, dass alle Länder einer Beitragserhöhung zustimmen; aus Sachsen-Anhalt habe es schließlich entsprechende Signale ("Keinesfalls") gegeben.

Denkt man das weiter, könnten die medienpolitischen Reformideen für die Öffentlich-Rechtlichen lauten: keine Beitragserhöhung. Und keine Sparverordnung.

Andere Option: Die Politik beantwortet irgendwann "die Grundsatzfrage", die Michael Hanfeld durch die "Blockadehaltung" von ARD und ZDF herausgefordert sieht – "was ist öffentlich-rechtlicher Rundfunk?" Wenn die Sender nichts an ihrer Struktur veränderten, schreibt er, müsse eben die Politik "definieren, was dem Auftrag unterfällt". Und, das ist ja eigentlich gemeint: was nicht.

Brechen wir diese Frage mal auf Erna Müller runter: Was sollen ARD, ZDF und Deutschlandradio senden?

Sieht man eine Royal Wedding mit dem Zweiten besser?

Am 19. Mai ist in Großbritannien Königshochzeit – gehört die Berichterstattung darüber zum öffentlich-rechtlichen Auftrag oder nicht? Dem Tagesspiegel ist aufgefallen, dass nicht nur das ZDF, sondern auch RTL zum Thema einiges in der Pipeline habe. Er schreibt:

"Ob ZDF oder RTL, das Ereignis bleibt dasselbe, die Bilder bleiben dieselben, also warum muss sich das ZDF derart ins Zeug legen?"

In dieser Frage steckt der Gedanke, zum öffentlich-rechtlichen Auftrag gehöre das, was die Privaten nicht machen. Dass das so nicht funktionieren kann, liegt allerdings eigentlich auf der Hand. Woher soll das ZDF zu dem Zeitpunkt, zu dem es mit den Planungen beginnt, wissen, welcher private Konkurrent sich zu welchem Thema genau wie sehr ins Zeug legt? Und sollen die Öffentlich-Rechtlichen ihr Programm wirklich davon abhängig machen, was RTL und Co. in die Programmzeitschriften durchgeben?

Schwierig. Zumal die Privaten dann ja auch noch rechtzeitig ihre Sendepläne einreichen müssten, damit die Öffentlich-Rechtlichen herausfinden können, was für sie an Themen übrig bleibt. Was die Privaten aber schon deshalb nicht tun würden, weil warum sollten sie?

Kurz, dass zum öffentlich-rechtlichen Auftrag das gehöre, was die Privaten nicht machen, könnten wir schon aus Gründen der fehlenden Praktikabilität von der Liste der möglichen Auftragsdefinitionen also eigentlich mal streichen.

Ob eine Royal Wedding dann ausführlich ins Programm des ZDF gehört, ist eine andere Frage, aber inhaltlich kaum eine Frage der Auftragsdefinition: Eine Königshochzeit als politische und damit per se relevante Berichterstattung auszuweisen, dürfte für die Füchse aus Mainz eine der leichteren Übungen sein.

Der WDR und "massiv Druck"

Über zu viel gute Presse kann sich der WDR derzeit nicht beklagen. Es geht um den internen Umgang mit Vorwürfen gegenüber Mitarbeitern wegen sexueller Belästigung. Der Spiegel fasst das Problem nun so zusammen:

"Die Hausspitze rund um Intendant Tom Buhrow hat Aufklärung versprochen, doch immer neue Berichte lassen Mitarbeiter und den Personalrat zweifeln, wie ernst ihnen das Anliegen ist."

Konkret gibt es jetzt eine weitere Umdrehung, wie der Spiegel schreibt (Kurzfassung online): In der WDR-Abteilung Revision sei ein "Überblick zu den bislang bestehenden Vorwürfen sexueller Belästigung" erstellt worden. "Dabei liegen gegen einen Mitarbeiter dieser Abteilung 'massive Vorwürfe wegen sexueller Belästigung' vor. Das sagte dem Spiegel jemand, der aufgrund seiner Position im WDR darüber Bescheid weiß. 'Da wurde der Bock zum Gärtner gemacht.'"

Jetzt schon kann man sagen: Wer es dereinst schafft, die Geschichte dieser vom Spiegel so getauften "Affäre WDR" (siehe Altpapier) im Zusammenhang zu erzählen, hat gewonnen. Und dann hätten wir da noch ein Posting des NDR-Medienmagazins "Zapp". Es entschuldigt sich darin ausführlich dafür, dass eine E-Mail-Antwort der WDR-Pressestelle übersehen wurde und nicht Eingang in einen "Zapp"-Beitrag zum Thema gefunden habe.

Das ist in der Tat ein Fehler, aber es ist kein Fehler, der in allen vergleichbaren Fällen zwangsläufig die Depublikation des ganzen Beitrags zur Folge hätte. Eine Ergänzung in der Mediathek und auf der Website hätten es theoretisch auch tun können. Stattdessen stehen nun die Mail-Antworten des WDR online, aber der Film ist weg. Wie kommt es dazu? Joachim Huber vom Tagesspiegel behauptet, der WDR habe "massiv Druck" gemacht:

"Jetzt entfaltete der WDR seine Macht und seine Herrlichkeit (…). Der 'Zapp'-Beitrag wurde aus der ARD-Mediathek entfernt, der NDR zum Eingeständnis eines 'gravierenden Fehlers' motiviert, in der 'Zapp'-Ausgabe am nächsten Mittwoch wird eine Richtigstellung gesendet."

Macht, Herrlichkeit, Druck – jetzt kommt zur derzeit schlechten Presse auch noch schlechte Presse wegen des Verhinderns schlechter Presse hinzu.

Julian Reichelts Legendenbildung

Dass sich in der Aufarbeitung von Fällen sexueller Belästigung, Nötigung oder Gewalt die Unternehmenskultur zeigt, ist eine der Annahmen, auf denen die "Affäre WDR" beruht.

Springen wir zu Springer. In einem langen, lesenswerten Spiegel-Porträt des Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt steht auch eine Passage über seinen Vorgänger, den ehemaligen Bild-Herausgeber Kai Diekmann. Der wurde 2016 von einer Mitarbeiterin beschuldigt, übergriffig geworden zu sein.

"Was sich in der Nacht und den Monaten danach bei 'Bild' und im Konzern abgespielt hat, sagt dennoch viel über die Unternehmenskultur bei Springer."

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, wie es der Spiegel tut, dass die Staatsanwaltschaft Potsdam das Verfahren gegen Diekmann vor acht Monaten eingestellt hat, "weil sich kein hinreichender Tatverdacht ermitteln ließ". Dass aber laut Spiegel drei Männer, darunter Reichelt, Material gegen die Frau sammelten, das ihre mangelnde Glaubwürdigkeit belegen sollte, ist, um es mit Boris Rosenkranz von Übermedien zu sagen – "ein bemerkenswerter Vorgang". Der Spiegel:

"Die Recherche lief wie eine 'Bild'-Kampagne im eigenen Haus."

Ob es Reichelt insgesamt sogar gefällt, was der Spiegel über ihn schreibt? Tendenziell: ja – weil es der Legendenbildung vielleicht gar nicht abträglich ist, wenn in einem großen Spiegel-Porträt mal stand:

"Reichelt wird nicht darüber stolpern, dass er hier ein bisschen zündelt und dort ein wenig an der Wahrheit vorbeischrammt. Affären wie sein 'Titanic'-Gau können einen Journalisten sogar stählen. Rückblickend sind das dann die Narben, die von geschlagenen Schlachten zeugen. Im Idealfall dienen sie der eigenen Legendenbildung. Doch funktioniert das nur bei Menschen, die in der Lage sind, die Kontrolle zu behalten, auch über sich selbst. Diekmann konnte das. Es gab immer einen kleinen Spalt zwischen dem Menschen und der Kunstfigur. Reichelt spielt nicht Reichelt, er ist so. Ein Überzeugungstäter. Ein Besessener. Schwer zu sagen, wie sehr er sich dessen bewusst ist."

Altpapierkorb (Westworld, Gomorrha, Serien)

+++ Die zweite Staffel von "Westworld" ist das Fernsehereignis der Stunde (ab Montag auf Sky). Besprochen wird sie von der FAZ, Zeit Online, der SZ oder der FAS.

+++ Weitere Serien? Immer. Um die dritte Staffel von "Gomorrha" geht es in der taz.

+++ Die SZ berichtet auch von der Existenz einer Programmzeitschrift nur für Serien. Sie heißt, man muss sich ja nicht immer verkünsteln, SerienMagazin: Der größte Haken dürfte "sein, dass man nach der Lektüre zwar weiß, was läuft, aber trotzdem nicht, wann man all das gucken soll."

+++ Und weil sonst niemand über Serien zu berichten droht, berichtet die FAZ über den "Serien-Summit" in Köln. Zitiert wird darin die beruhigende Botschaft: "Angst vor einer Serienblase müsse niemand haben."

Frisches Altpapier gibt es am Dienstag.

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