Teasergrafik zum Altpapier vom 01. November 2018: Die Ambivalenz des Hastags - Ein Hashtagsymbol in der Mitte, eine Teufelsgestalt links sowie eine Engelsgestalt rechts davon im Bild.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 2. November 2018 Die Ambivalenz des Hashtags

Eine leider zu verführerische Geschichte. Journalismus als Ort der Mäßigung. Eine Erörterung, inwiefern die medialen und sprachlichen Umstände der #MeToo-Debatte die inhaltlichen Verläufe mitgeprägt haben. Und weitere Einlassungen zur Frage, wie Böhmermanns antisemitische Witze zu bewerten sind. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik zum Altpapier vom 01. November 2018: Die Ambivalenz des Hastags - Ein Hashtagsymbol in der Mitte, eine Teufelsgestalt links sowie eine Engelsgestalt rechts davon im Bild.
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Verführung, ja, das ist es. Es geht darum, Geschichten zu erzählen. In der Kommunikationswissenschaft gibt es bekanntlich die Theorie von den Nachrichtenwerten, die auf Walter Lippman zurückgeht und später immer wieder einmal überdacht und nachbearbeitet wurde. Prominenz, Überraschung, Konsonanz, Personalisierung – Sie können das selber bei Wikipedia nachlesen, oder noch besser, in den Universitätsbibliotheken.

Man kann es, unwissenschaftlich, aber auch so sagen: Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, das merkt man dann schon. "Es ist aber auch eine zu verführerische Geschichte“, schreibt Stefan Niggemeier bei Übermedien über die Reanimation eines Politikers im nordrhein-westfälischen Landtag durch zwei Abgeordnete anderer Fraktionen: "Türkischstämmiger Politiker rettet AfD-Mann das Leben! Ausgerechnet ein Mann mit Migrationshintergrund! Ausgerechnet ein Sozialdemokrat! Ausgerechnet einem AfD-Mann! Nehmt das, ihr Ausländerhasser! Es leuchtet spontan ein, warum das eine gute Geschichte ist, aber bei genauerem Hinsehen hat diese Art der Erzählung etwas sehr Frivoles.“

 Was daran frivol ist, ist straight durchargumentiert: Frivol ist es, zum Beispiel, den einen der beiden eingreifenden Abgeordneten erheblich stärker hervorzuheben als die andere – nämlich den, der besser in die Geschichte passt. Dass die FDP-Landtagsabgeordnete Susanne Schneider auch beteiligt war, hatte zum Beispiel ich, der ich die Angelegenheit zuvor nur in Tweets verfolgt habe, bislang gar nicht wahrgenommen. Den Namen des anderen Abgeordneten dagegen, Serdar Yüksel, sehr wohl. Stefan Niggemeier schreibt:

"Yüksel und Schneider verdienen jede Anerkennung, weil sie einem Menschen vermutlich das Leben gerettet haben, aber doch keine besondere Anerkennung, weil es ein AfD-Mann war. Im Gegenteil: Es entwertet ihren Einsatz, wenn man ihn nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Besonderheit feiert. Und wenn man ihren Akt der Lebensrettung als politische Lektion für AfD-Leute interpretiert. (…) Wer Yüksel auf seinen Migrationshintergrund reduziert, macht damit das, was auch AfD und ihre rechten Verbündeten jeden Tag mit Menschen tun, nur ins Positive gewendet.“

Was hier erzählt wurde, ist also nicht die Geschichte einer Rettungsaktion durch zwei Menschen im Landtag, die am Ende gut ausging, und die – wenn man sie schon erzählt – eigentlich erzählt werden müsste, weil sie dem Geschehen am nähesten kommen dürfte. Sondern die Geschichte eines politischen Konflikts, der die Polarisierung nur bedient – weil sie sicher besser zündet. Ohne Rücksicht auf Wahrhaftigkeit und handwerkliche Qualität.

Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Aber sie sollte halt nach den Regeln des journalistischen Betriebs geschrieben worden sein: Was ist passiert? – Das ist die Frage. Nicht: Was sollte passieren oder gar passiert sein, damit die Geschichte noch besser wird?

Über Journalismus 2018

Das klingt nun ein wenig kanzelpredigerisch, und dafür bitte ich um Entschuldigung, ich bin ja selbst nur ein armer Sünder. Aber ich habe gerade Teile der neuen Ausgabe von epd Medien gelesen, in der die Tagung "Medien im Wandel – Medien in der Krise?“ des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing von Mitte Juni dokumentiert ist, und die ist voll mit guten Beobachtungen zum Medienbetrieb, allerdings auch mit ein paar Kalendersätzen, die in der Praxis vor allem sonntags gelten dürften. Aber: Es ist ein lesenswertes Heft. Auf der Tagung wurde vielleicht nicht nur Neues über den Journalismus der Gegenwart gesagt, doch wenn in vielen Jahren mal jemand wissen will, wie 2018 Medien gemacht wurden, dann könnte das Heft helfen. Beiträge von Wolfgang Thierse, Julia Bönisch, Peter Frey, Stefan Raue und diversen anderen sind darin versammelt, aber weil man hier ja schlecht alle zitieren kann, seien wenigstens Ulrich Wickert und Georg Mascolo zitiert, mit Sätzen, die man zum Teil als Metaäußerungen auch zum obigen Beispiel lesen kann. Mascolo etwa schreibt:

"Journalismus muss heute mehr denn je ein Ort der Mäßigung und des zweiten Gedankens sein, der akzeptiert, dass die Argumente für eine Sache doch in Wahrheit oft nicht schlechter sind als die dagegen. Er muss mit der Komplexität der Welt Schritt halten können, er darf vereinfachen. Das ist sogar eine Kunst. Aber er darf die Substanz nicht verfälschen. Wir Journalisten müssen auch aufpassen, dass wir mit dieser ständigen Beschleunigung der Politik die Räume nicht zu eng machen.“

Und Wickert:

"Die Neugier an der politischen Figur wiegt heute schwerer als Inhalte und Programme. Berichterstattung wird leider zunehmend von Voyeurismus getrieben.“

Wobei Letzteres auch für die insgesagt überdimensioniert wirkende Personalberichterstattung über Friedrich Merz und die anderen Kandidaten für den CDU-Vorsitz gelten kann. Laptop auf, Internet an, Merz Merz Merz Merz Merz mit e. Spahn. Laschet. Kaum Kramp-Karrenbauer. Das war die zurückliegende Woche in Kurzform. Aber das war gestern an dieser Stelle schon Thema.

Über Hashtags

Nun kann eine Bestandsaufnahme des Gegenwartsjournalismus kaum ohne den bekannten, aber immer wieder notwendigen Hinweis – Diemut Roether gibt ihn in epd Medien – auskommen, dass Journalisten längst keine Gatekeeper mehr sind. Themen können auch ohne sie groß werden. Hashtagdebatten sind ein Beispiel. Andreas Bernard hat darüber Erhellendes in einem Buch geschrieben, "Das Diktat des Hashtags: Über ein Prinzip der aktuellen Debattenbildung“, aus dem Die Zeit eine bearbeitete Passage vorabdruckt:

"Unter dem Schlagwort '#Me­Too‘ ist in den vergangenen zwölf Monaten etwa eine weltweit geführte, epochemachende Diskussion über sexualisierte Gewalt entstanden, deren inhaltliche Positionen und Legitimationen in allen Facetten diskutiert worden sind. Was bislang jedoch so gut wie nie zur Sprache kam, ist die Frage, inwiefern die medialen und sprachlichen Umstände dieser Debatte die inhaltlichen Verläufe mitgeprägt haben, inwiefern zum Beispiel die wiederkehrenden Missverständnisse und Konflikte zwischen den Beiträgerinnen und Beiträgern angesichts der Eingrenzung dessen, was 'Belästigung‘ oder 'Missbrauch‘ heißt, auf die spezifische Organisation der Aussagen durch den Hashtag zurückweisen. Denn wenn die unterschiedlichen und vielfältigen Stimmen, die ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt teilen, dies allesamt unter dem gleichen, identitätsstiftenden Schlagwort tun – '#Me­Too‘ –, verstärken die medialen Rahmenbedingungen womöglich genau jene Homogenisierungs- und Nivellierungstendenzen, die in der Debatte dann inhaltlich kritisiert wurden.“

Eine unauflösbare Ambivalenz macht Bernard aus. Der Hashtag sammle verstreute Stimmen ein und tilge gleichzeitig ihre Einzigartigkeit.

Über den Kontext einer "antisemitischen Witzelei“

Es ist, wenn man die Einzigartigkeit einzelner Stimmen berücksichtigt, dann aber auch notwendig, das auch in Debatten zu tun, die genuin journalistisch sind. Oliver Polak hat in seinem an Beispielen für Antisemitismus reichen Buch "Gegen Judenhass“ keine Namen genannt. Es ist eine Darstellung von strukturellem Antisemitismus, da würden Namen nicht der Sache dienen, hat er zur Kenntnis gegeben. Sobald aber einzelne Personen dann doch namentlich genannt sind – und dass an einer Stelle Jan Böhmermann gemeint ist, ist mittlerweile ja gut bekannt (siehe Altpapier vom 26.10.) –, muss man sie fairerweise auch separat und in ihrem jeweiligen Kontext betrachten. Lars Weisbrod und Antonia Baum haben, ebenfalls in der Zeit, also über die Frage diskutiert (€), ob Böhmermann für "antisemitische Witzeleien“ kritisiert werden muss. Die Form des Pro & Contra ist speziell, oft auch etwas armselig krawallig; in diesem Fall scheint mir das Zusammenspiel der Texte aber geglückt zu sein.

Denn Baums "Ja“ ist erstmal klug: "(M)it dem sogenannten Witz über Polak hat Böhmermann im Selbstverständnis des modernen Deutschlands, das über sich selbst die Geschichte der weltweit besten Erinnerungskultur erzählt, einen wunden Punkt berührt. Dieses Konstrukt von einem Deutschland, in dem es keinen Antisemitismus gibt, weil das einfach nicht sein kann, funktioniert aber nur, wenn Juden in Deutschland offiziell gut behandelt werden. Der Autor Polak jedoch fühlt sich hier überhaupt nicht gut behandelt“.

Lars Weisbrod aber schaut sich in seinem "Nein“-Beitrag, der eher ein "Nein, aber“ ist, den Kontext, in dem der sogenannte Witz 2010 entstand, nochmal genauer an als alle bisherigen Beiträge zum Thema. Und das ist auch klug. Er verortet ihn "gerade nicht im Lichte eines neuen Superdeutschlands, in dem man sich wieder alles erlauben durfte. Sondern im Schatten eines neuen Sarrazin-Deutschlands, gegen das sich Böhmermann alles erlaubte“:

"War die Szene auf der Bühne antisemitisch? Natürlich war sie das, aber in dem Sinne, als dass sie Antisemitismus demonstrativ vorführte. Das bewusste, für jeden sichtbare Ziel der Sendung war das provokative Spiel mit Klischees. Bloß: Diese Rechtfertigung zählt 2018 offenbar nicht mehr. In den vergangenen acht Jahren haben sich die Vorstellungen davon, was Satire soll und darf, radikal verändert. An jenem Abend gab man sich unter den Künstlern überzeugt davon, dass noch der geschmackloseste Witz eine aufklärerische Kraft entfalten kann, mit der Rechtspopulisten wie Sarrazin zurückgeschlagen werden können. 'Wir lassen uns‘, sagt Somuncu am Ende der Show, von Nazis 'das Spielen nicht verbieten‘.“

Ein guter Witz ist ein guter Witz, aber kein guter Witz ist trotzdem auch immer noch kein guter Witz. Trotzdem ist die Eröffnung eines zweiten Interpretationsrahmens – mit Georg Mascolo gesprochen ("Journalismus muss heute mehr denn je ein Ort der Mäßigung und des zweiten Gedankens sein“) – wichtig. Und dann eben auch hier.

Über Böhmermanns Reaktion

Böhmermann selbst ist in seinem "Neo Magazin Royale“ am Donnerstagabend übrigens auf die Angelegenheit vage eingegangen: "Böhmermann und sein Team thematisierten den Vorwurf, indem sie ihn nicht thematisierten“, schreibt Arno Frank bei Spiegel Online: Nach langer Vorrede zu einem Skandal, der ihn betreffe, und für den er sich entschuldigen wolle, tut er das dann auch – allerdings geht es bei dem Skandal dann bloß um irgendeinen ausgedachten Unsinn, der "rein gar nichts mit Antisemitismus oder Oliver Polak zu tun hatte“.

"Schlimmstenfalls wäre Böhmermann vorzuwerfen, dass er sich damit einen schlanken Fuß gemacht hat. Bestenfalls wäre ihm zugutezuhalten, dass eine Auseinandersetzung mit, puh, strukturellem Antisemitismus den Rahmen einer neunmalklugen Quatschsendung auch dann sprengt, wenn diese sich als Kraft des Guten versteht und verkauft.“

Mit diesen mäßigenden Worten über einen – Achtung, Meinungsbeitrag – ziemlichen Scheißwitz nun zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.


Altpapierkorb (Polnische Medienkritik, russische Medien in Berlin, "House Of Cards“, "Homecoming“)

+++ "Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat vor einem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) scharfe Kritik an polnischen Medien in deutschem Besitz geübt. Solche Medien würden 'interne Angelegenheiten Polens’ beeinflussen und 'die derzeitige Regierung angreifen’, sagte Morawiecki am Mittwoch dem Privatsender Republika.“ Vor allem ist das gegen die deutsch-schweizerische Mediengruppe Ringier Axel Springer Media gerichtet, zu der das Wochenmagazin Newsweek Polska, die Tageszeitung Fakt und auf das Online-Portal Onet gehören, "die kritisch über die Arbeit der rechtsnationalistischen Regierung berichten“. Berichten Tagesspiegel und FAZ.

+++ Die SZ derweil berichtet über von Russland finanzierte Onlinekanäle, die von Berlin aus "eine neue Art von Propaganda verbreiten“: "Während Radio Sputnik und der russische Staatsfernsehsender RT in ihren deutschen Programmen Verschwörungstheorien verbreiten und auch schon mal rechte Stimmungsmache betreiben wie jüngst mit einer erfundenen Vergewaltigung durch Flüchtlinge, geben die neuen Onlinemedien sich links und kosmopolitisch und verbreiten ihre Botschaften auf Englisch. Das verwirrt so manchen Interviewpartner. Eine Bundestagsabgeordnete etwa wurde von Redfish interviewt. Dass sie mit Putins Medienapparat gesprochen hat, wurde ihr erst später klar. Redfish und die anderen Plattformen wollen laut eigenen Angaben eine Gegenöffentlichkeit schaffen zu den 'Systemmedien‘.“

+++ Dass am heutigen Abend die sechste und wohl letzte Staffel von "House of Cards“ anläuft, schreibt vielleicht nicht jede Medienredaktion, aber es sind schon recht viele: die der Welt, die des Tagesspiegels, die der Süddeutschen und in der Printausgabe auch die der FAZ.

+++ Letztere bespricht auch "Homecoming“ mit Julia Roberts, von heute an bei Amazon Prime, genau wie der Tagesspiegel.

Das Altpapier ist am Montag wieder da. Angenehmes Wochenende!

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