Teasergrafik zum Altpapier vom 01. November 2018: Portraitfoto von Friedrich Merz mit dem CDU-Logo auf einer grossen Plakatwerbewand.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 1. November 2018 Erlöser gesucht

Der deutsche Politikjournalismus hat einen neuen Posterboy, und das wirft mal wieder die Frage auf, ob dieses Genre mehr bieten sollte als Personalisierungsxzesse. Außerdem: Neue Männer braucht der WDR. Und ein AfD-MdB liefert innerhalb weniger Tage sehr unterschiedliche Erklärungen dafür, dass er per WhatsApp Hitler- und Hakenkreuzbildchen verbreitet hat. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik zum Altpapier vom 01. November 2018: Portraitfoto von Friedrich Merz mit dem CDU-Logo auf einer grossen Plakatwerbewand.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Zu Beginn des heutigen Altpapiers müssen wir uns gleich mal entschuldigen bei jenen nicht-anglophilen Lesern, denen sich unser folgendes Einstiegszitat möglicherweise nicht auf den ersten Blick erschließt:

"Ich hoffe, das Merz-Wankfest deutscher Journalisten ist übermorgen wieder vorbei",

twitterte Christina Dongowski am Dienstag, und zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch nicht ahnen, auf welche Weise sich tags darauf Gabor Steingart u.a. bei Focus Online quasi zum Vorturner dieses, um bei ihren Worten zu bleiben, Wankfestes aufschwingen würde, nämlich im 1a-Titanic-Stil ("Die Magie der bisherigen Spielführerin Angela Merkel schwindet, neue Kraftfelder bilden sich, die tektonischen Platten der Innenpolitik vibrieren").

Dass der deutsche Politikjournalismus in Friedrich Merz einen neuen Posterboy gefunden hat, war am Mittwoch auch Thema bei @mediasres. Unter anderem unter Bezug auf den Beitrag Steingarts hat Michael Borgers mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über "die Berichterstattung der vergangenen zwei Tage" gesprochen.

Es würden derzeit Personen "zu Erlösergestalten hochgeschrieben", meint Pörksen, das zeige "wie inhaltlich ausgezehrt Teile des politischen Journalismus" seien. Oder auch:

"Was sich hier zeigt, ist eine Entleerung politischer Berichterstattung."

Des weiteren spricht er von einem "Personalisierungsexzess", der ein "Symptom" dafür sei, dass man "den inhaltlichen Streit verlernt" habe. Davon profitierten nicht zuletzt "die Emotionsproduzenten von rechts".

Wohl gesprochen, Berni, altes Haus! Allein, es wird wohl nix nützen, denn beim Stichwort "Personalisierungsexzess" müssen wir unbescheiden einwerfen, dass im Altpapier etwa bereits im April 2016 von der "zwischen kindlich und manisch anzusiedelnden Personalisierung" des Themas Flüchtlingspolitik die Rede war und im Januar dieses Jahres ganz generell von der "elenden Personalisierung politischer Sachverhalte", aber geholfen hat es offenbar nüscht.

Da wir gerade bei der Politikberichterstattung sind: Der Politikwissenschaftler Gero Neugebauer befasst sich bei Übermedien (€) mit dem Wörtchen "Volkspartei", dem Fünf-Euro-ins-Phrasenschwein-Begriff der Stunde:

"(Es) ergibt (…) wenig Sinn, eine wissenschaftlich geprägte Diskussion darüber zu führen, ob der Begriff 'Volkspartei' in Medien gebraucht werden sollte. Klar ist aber, dass die Parteiführer*innen, die diesen Begriff für ihre Partei benutzen, damit einen Anspruch legitimieren wollen, der nicht mehr erfüllt werden kann. Die deutsche Gesellschaft besteht aus vielen kleinen Völkern, die sich nicht nur durch Herkunft – ein Fünftel hat einen Migrationshintergrund – und Heimat (Lebensmittelpunkt), sondern zugleich durch verschiedene Lebensstile wie durch Wertorientierungen und politische Überzeugungen so sehr unterscheiden, dass sie schon lange nicht mehr große soziale oder politische Milieus bilden, also Gruppen mit gleichen oder ähnlichen sozialstrukturellen Merkmalen oder politischen Orientierungen."

Einen guten Rat hat er für die Kollegen dann auch noch parat:

"Vielleicht sollten sich die medialen Verfechter des Wortes bewusst werden, dass sie vor allem Parteivertretern behilflich sind, deren Anspruch zu legitimieren, wenn sie von 'Volksparteien' sprechen oder schreiben."

"Warum ist die Lüge so stark?"

Der Grundsatzartikel, sagen wir mal: der Woche, stammt von Constantin Seibt (Republik), er geht, basierend auf einem Katalogtext für eine Ausstellung der Frage nach, "warum die Lüge ein so brauchbares Mittel in der Politik" ist, und - Achtung, kleiner Spoiler - all jene, "die glauben, dass Fakten das Fundament einer Gesellschaft bilden", sich "Illusionen machen":

"Der erste Schritt moderner Demagogen ist, Tatsachen wie Meinungen zu behandeln. Und damit egal was als beliebig umstritten hinzustellen",

meint Seibt, und so habe ja auch Trump angefangen. Darüber hinaus schreibt der Republik-Redakteur, es sei "harte, teure Arbeit (…), Tatsachen zu Meinungen zu verwässern:

"In den USA finanzierten konservative Milliardäre über dreissig Jahre eine ganze Industrie zur Produktion von alternativen Fakten: Thinktanks, Universitäten, Medienimperien – von Radioshows bis zum Sender Fox News (…). Ist die gewünschte Ware Rohheit, schadet es Autokraten wie Trump nicht, wenn die Washington Post seine nun über 5000 Falschaussagen im Netz auflistet (Linksetzung von mir - RM). Denn bei allen Lügen war Trump von Anfang an in einer Hinsicht schamlos ehrlich: über seine Natur als Barbar. Es gibt nichts an ihm zu entlarven. Seine Wähler machten sich über ihn nur wenige Illusionen. Sie wählten ihn, um eine Handgranate ins Weisse Haus zu werfen."

Damit hat er ja indirekt eine sehr akute Schwäche der Journalisten benannt, nicht zuletzt der deutschen. Sie wollen immer bei irgendwem irgendwas "entlarven", bei dem es nichts zu entlarven gibt. Oder, um im Bild zu bleiben: Die Wähler der AfD haben die Handgranate ganz bewusst geworfen, nicht aus Versehen.

Am Ende fragt Seibt:

"Warum ist die Lüge so stark? Das Verführerische an ihr ist die Freiheit. Die Lüge ist, wie Hannah Arendt einmal bemerkte, einer der wenigen Beweise der Freiheit des menschlichen Willens: die seltsame Fähigkeit zu sagen, es regnet, wenn die Sonne scheint".

Virtuoser Umgang mit der Wahrheit

Besitzt diese "seltsame Fähigkeit" auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Stefan Keuter, der "per Whatsapp Hitlerbildchen und Hakenkreuzfotos verschickt" hat, wie Marcus Bensmann und Wigbert Löer im Rahmen einer gemeinsamen Recherche für Correctiv und den Stern berichten? Zumindest pflegt er einen relativ virtuosen Umgang mit dem, was man in gemütlicheren Zeiten mal Wahrheit zu nennen pflegte.

Als ihn Stern und Correctiv auf die bräunlichen Bildchen ansprachen, sagte er zunächst, und zwar am Freitag:

"Das Versenden des von Ihnen erwähnten Bildmaterials ist mir nicht erinnerlich und liegt mir fremd."

Am Samstag präsentierte der plietsche Bursche dann die Erklärungsvariante, "dass hier kein authentisches Material vorliegt". Bensmann/Löer fassen den Zwischenstand so zusammen:

"Keuter ging also offenbar von vielleicht gefälschtem, vielleicht manipulierten, vielleicht am Computer zusammengebauten, jedenfalls nicht von 'authentischem' Material aus."

Hier schien sich das einfallsreiche Bundestags-Finanzausschuss-Mitglied also kurzfristig für die dreiste Meine-Chatbeiträge-sind-nicht-von-mir-Strategie entschieden zu haben, mit der ein Mitarbeiter zweier baden-württembergischer AfD-Landtagsabgeordneter sogar juristisch reüssierte, weil der zuständige Richter keinen Bock hatte, sich das Beweismaterial anzuschauen (siehe ausführlich dieses Altpapier und kurz dieses).

Einen weiteren Tag später teilte Keuter dann mit, er habe die Bilder einem früheren Mitarbeiter geschickt:

"Im Rahmen seiner politischen Tätigkeit hat er von mir regelmäßig Arbeitsaufträge, Unterlagen zur Archivierung, Beurteilung und politischen Einordnung erhalten." 

Handelt es sich hier auch um eine überflüssige Entlarvung? Jein. Kein Keuter-Wähler wird wegen dieser Recherchen abtrünnig werden, aber dennoch ist es hilfreich zu wissen, dass AfD-Leute in dem Rahmen, den sie für privat halten, sich noch radikaler gebaren als sie es in der Öffentlichkeit tun. Und interessant ist der Bensmann/Löer-Text nicht zuletzt, weil es bisher wahrscheinlich bisher nicht einmal Donald Trump gelungen ist, innerhalb eines Wochenendes drei einander widersprechende Wortmeldungen zu einem Thema von sich zu geben. Hübsch allemal das Fazit des Artikels:

"Es wäre spannend zu wissen, ob auch andere Bundestagsabgeordnete der Partei ihren Mitarbeitern Bilder von Hakenkreuzen und Hitler schicken, zur Archivierung und politischen Einordnung."

Eine andere AfD-Strategie: Falls jemand nationalsozialistische Wortbeiträge mitbekommen hat, der es nicht mitbekommen soll, passiert Folgendes:

"Mittlerweile sind die meisten Kommentare und Reaktionen gelöscht worden und nur noch über die Sammlung von Achtsegel zugänglich."

Das Zitat stammt aus einem Artikel von Rebecca Röhrich für die Frankfurter Neue Presse, die sich wiederum auf Acht Segel beruft, laut eigenem Twitter-Account ein "Büro für demokratische Kommunikation und politische Bildung im Netz", das zu Facebook-Postings und -Kommentaren der künftigen hessischen Landtagsabgeordneten Alexandra Walter recherchiert hat, in denen u.a. Lobpreisungen eines ehemaligen Waffen-SS-Mannes zu finden sind. Hierzu gibt es einen Twitter-Thread und einen Artikel bei Blick nach rechts. Das Acht-Segel-Fazit:

"So jemand hat im hessischen Landtag nix, aber auch gar nix verloren. Das Abfeiern von Angehörigen der Waffen-SS muss eine rote Linie in Deutschland sein und bleiben."

Ex-Merkel-Fanboy Gauland

Bleiben wir noch zwei Momente bei der AfD - zum einen, weil wir so noch einmal einen Bogen zum großen Stichwort Lüge schlagen können ("5 Fälle, in denen die Polizei die Lügen der AfD aufdecken musste", hat Thomas Laschyk für den Volksverpetzer zusammengestellt, und mit einer davon beschäftigt sich die Badische Zeitung ausführlich), zum anderen weil die Blätter für deutsche und internationale Politik in ihrer November-Ausgabe einen Blick auf die "Selbstradikalisierung" Alexander Gaulands werfen, und zwar - Surprise, Surprise! - unter Rückgriff auf das eigene Archiv. Der frühere CDU-Mann hat nämlich mal Gastbeiträge verfasst für die linke Monatszeitschrift. Über einen aus dem Januar 1998 stammenden Text schreibt Bastian Reichardt jetzt, "der damals wertkonservative CDU-Politiker" habe darin "programmatisch auf der Linie Angela Merkels" gelegen - "ja, er spricht der damaligen Generalsekretärin sogar seine Unterstützung für den Parteivorstand aus". Gauland sah Merkel seinerzeit, so die Formulierung Reichardts, "als Hoffnungsfigur eines neuen Wertkonservatismus".

Heute ist Gauland dem Wertkonservatismus ja ungefähr so nah wie das Altpapier dem Neuen Blatt. Reichardts Blätter-Text ist übrigens für einen Euro zu haben.

"Unsouveräne Leute verdienen keine Macht"

In der Debatte um die Vorwürfe der sexuellen Belästigung beim WDR drang bekanntlich eine weit darüber hinaus gehende Kritik nach außen: Die Strukturen seien zu hierarchisch, es fehle an einer Kontrolle von Machtmissbrauch, viele Mitarbeiter hätten grundsätzlich Angst, sich kritisch zu äußern - was dann auch in Monika Wulf-Mathies’ unabhängigem Prüfbericht deutlich wurde (siehe etwa dieses Altpapier aus dem September).

Mit diesem Bericht befasst sich jetzt unter verschiedenen Aspekten die langjährige Arte-Redakteurin Sabine Rollberg für die Medienkorrespondenz.

Über das "Klima der Angst, des Machtmissbrauchs und der Diskriminierung" schreibt sie generell:

"Ich selbst habe in meinen insgesamt 38 Jahren im WDR vieles erlebt, wovon die Rede in besagtem Bericht ist; zu betonen ist dabei allerdings, dass meine negativen Erfahrungen sich ausschließlich auf die letzten Jahre beziehen."

Damit ist die Zahl der Personen, die gemeint sein könnten, ja schon mal stark eingeschränkt. Und warum ist das Programm viel schlechter als es sein könnte? Erstens:

"Früher gab es Historiker in der Geschichtsredaktion, heute gibt es nicht mal mehr eine Geschichtsredaktion. Heute gibt es im WDR-Fernsehbereich – und das wurde von Monika Wulf-Mathies mit am heftigsten kritisiert – keine Fachredaktionen mehr für bildende Kunst, Musik, Theater …"

Und zweitens:

"Ein Autor hat es inzwischen fast immer gleichzeitig mit zwei Redakteuren zu tun, der freie Mitarbeiter ist aufgrund dessen automatisch in einer Position der Schwäche (…) Der freie Autor hat kaum Chancen, sich durchzusetzen. Die Redaktionsleitung über den beiden Redakteuren ist dann die letzte Instanz. Sie nimmt jeden Beitrag noch einmal ab (…) Oft genug willkürlich entscheidet diese Leitung dann, Text, Musik, Schnitt, Grafik oder was auch immer zu ändern. Das wird dann nicht einmal mit dem Autor besprochen, das wird angeordnet. Der Filmemacher, der ja meist der wirkliche Experte zu dem entsprechenden Thema ist, wird nicht gefragt."

Dass sich von Obermacker*innen derart bloß gestellte Redakteure nicht offiziell beschweren, sei

"ein Beleg der herrschenden Angst, die Monika Wulf-Mathies in ihrem Abschlussbericht benannt hat. Die Redakteure scheuen Konflikte. Wieso waren ihre Kollegen in früheren Zeiten mutiger? Weil sie bessere und unbefristete Verträge hatten? Weil sie heute vereinzelt sind und jeder nur für sich kämpft? Weil sie an Beispielen älterer Kollegen gesehen haben, wie diese schikaniert, ausgegrenzt und an ihrem Fortkommen gehindert und dann sogar krank wurden?"

Am Schluss steht ein nicht zuletzt emotionaler Appell:

"Die Verbesserung von innerbetrieblichen Strukturen und Kommunikationsmöglichkeiten sind eine große Hilfe. Aber emotionale Viren werden in einem Unternehmen von Menschen verbreitet, daher kann die Hoffnung für den WDR vor allem darin bestehen, dass die Vorgesetzten, die bisher ihren Cocktail aus Misstrauen, Neid und Kontrollwahn durch die Klimaanlage in alle Räume geblasen haben, in Zukunft daran gehindert werden, dies weiterhin zu tun. Unsouveräne Leute verdienen keine Macht über Menschen".

Altpapierkorb (ARD/ZDF/Telekom-Deal, Mysteryfilme, Exiljournalisten, Horst Tomayer)

+++ Mehr Öffentlich-Rechtliches: Unter anderem darum, dass Kulturinstitutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eigentlich verteidigen müssten, es aber aufgrund der im Kontext des Rollberg-Texts eben skizzierten Programmverflachung nicht tun, geht es in einem Medienkorrespondenz-Text, den ich über eine medienpolitische Verdi-Tagung geschrieben habe.

+++ Mehr Öffentlich-Rechtliches (II): "Bei den öffentlich-rechtlichen Mediatheken verschwinden große Teile der Inhalte nach vier Wochen. Hier haben wir Lizenzvereinbarungen mit den Anstalten getroffen, um diese Inhalte auch länger zeigen zu können." Wer sagt’s? Ein von Hans-Peter Siebenhaar zitierter Telekom-Manager. Aus dem bei meedia.de republizierten Handelsblatt-Beitrag geht hervor, dass ARD und ZDF mit dem sympathischen Start-up aus der ehemaligen Bundeshauptstadt einen nicht undubiosen Deal abgeschlossen haben. 

+++ Mehr Öffentlich-Rechtliches (III). Ich habe für die taz über die Mystery-Filme geschrieben, die derzeit in der NDR-Nachwuchsfilmreihe "Nordlichter" laufen.

+++ "Wie Exiljournalisten die deutsche Medienlandschaft verändern", hat der Tagesspiegel aufgeschrieben. Anlass der Berichterstattung ist das erste "Exile Media Forum", das am Montag und Dienstag in Hamburg stattfand. Auch @mediasres berichtet darüber.

+++ Stefan Ripplinger würdigt im Neuen Deutschland den vor fünf Jahren verstorbenen TV-Schauspieler und "ein halbes Leben lang im Auftrag der Zeitschrift konkret" dichtenden Schriftsteller Horst "Hotte" Tomayer, der am heutigen Donnerstag 80 Jahre alt geworden wäre. "In seinen oft bajuwarisch gefärbten Moritaten hat dieser Dichter der deutschen Sprache, die das wirklich nicht verdient hat, ganz neue Seiten abgewonnen", schreibt Ripplinger. Passend zum runden Jahrestag gibt es heute im Nachtasyl des Thalia Theaters in Hamburg und am Montag im Theaterhaus Stuttgart die multimediale Hommage-Revue "Das Wort Hottes" zu sehen.

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.