Das Altpapier am 07.03.2019 Mit dem Pümpel der Zurückhaltung

Wem kann man bloß noch vertrauen, wenn es um Vertrauen in Medien geht? Die Debatte um geschlechtersensible Sprache ist in vollem Gange – ob es Kritikern passt oder nicht. Und die Öffentlichkeit leidet an Verstopfung, da kommt die Fastenzeit gerade recht. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 07.März 2019: Lexikonseite mit verschiedenen Gender-Schreibweisen von Journalist
Bildrechte: MEDIEN360G / Panthermedia

Na, was denn nun? Wem sollen Leserinnen und Nutzer da noch vertrauen?!!1??ß!

“Vertrauen in deutsche Medien bleibt konstant“,

heißt es bei Zeit Online.

“Vertrauen in etablierte Medien steigt“,

schreibt der Wissenschafts-Dienst Forschung & Lehre.

“Vorbehalte gegenüber Medien wieder gestiegen“,

liest man bei ZDF “heute“.

In allen Texten geht es um ein und dasselbe: Die “Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen“. Na grandios, und auf was kann man sich jetzt noch verlassen? Nicht auf Heads jedenfalls, denn das hier ist mal wieder ein gutes Beispiel, warum Meinungsbildung auf Basis vom Überschriften Lesen nicht funktioniert. Alles ist richtig und der Kern des Ganzen liegt, wie so oft, irgendwo in der Mitte – und in der Head des Tagesspiegels:

“Glaubwürdigkeit der Medien: Mehr Vertrauen, mehr Misstrauen

Joachim Huber schreibt dort:

“Bei 44 Prozent der Bürger ist die Glaubwürdigkeit der Medien hoch. Das ist ein geringer Zuwachs im Vergleich mit 2017 (42 Prozent) und 2016 (41 Prozent) und ein großer zu 2015, als der Wert bei 28 Prozent lag. Andererseits, und darauf weisen die Forscher des Instituts für Publizistik an der Uni Mainz hin, 'haben sich pausche (sic!) Kritik und Polemik verfestigt‘. Jeder vierte Bürger in Deutschland hält die Medien in Deutschland nicht für glaubwürdig und wirft ihnen gezielte Manipulation vor. Diese Entwicklung in Zahlen: 2018 22 Prozent, 2017 17 Prozent, 2016 22 Prozent, 2015 19 Prozent.“

Häufig werde Vermutung, dass sich immer mehr Menschen von den klassischen, etablierten Medien abwenden, sagte Nikolaus Jackob, Geschäftsführer des Instituts für Publizistik der Universität Mainz bei Deutschlandfunks “@mediasres“. Die große Vertrauenskrise gebe es so gar nicht, Entwarnung könne man aber trotzdem nicht geben. Denn neben einer Polarisierung gebe es auch:

“vielfach das Gefühl, dass die Debatten in den Medien, 'die Themen und die Art und Weise nichts mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat, das sagen über 40 Prozent der Leute‘. Nikolaus Jackob fügte hinzu: 'Da fühlt man sich nicht als Teil des Gesprächs, sondern irgendwie als abgehängt.‘

Für eine zunehmende Polarisierung spricht auch, dass Menschen mit geteilten Ansichten zum Medienvertrauen mit 34 Prozent einen so geringen Anteil einnehmen, wie lange nicht mehr.

Die Umfrage für die Studie fand im Oktober und November 2018 statt, also bevor die Fälschungen und Frisierungen durch die mehrfach preisgekrönten Häupter des Spiegel-Mannes Claas Relotius und kürzlich des freien Journalisten Dirk Gieselmann (klick z.B. ins Altpapier von gestern) öffentlich bekannt wurden. Die genauen Auswirkungen auf das Vertrauen lassen sich also noch nicht zeigen.

Besser wird es wohl vor allem nicht, wenn die Aufklärung weiter so nebelig vorangeht, wie bisher. Ex-Altpapier-Autor Matthias Dell forderte im “Fazit“-Magazin bei Deutschlandfunk Kultur noch einen Tag zuvor einen “Furor nach Innen“:

“Ich finde, dass die Aufklärung bei Relotious als auch jetzt sehr, sehr ausbaufähig ist. Also, die Verlautbarungen sind schmallippig, es wird lange geprüft, es ist dann irgendwie nicht richtig nachzuvollziehen, wo das Problem ist. Und was es eigentlich offensichtlich macht, ist, dass der zweite Fall jetzt sagt, Relotius war eben nicht der eine Lügner, der eine Hochstapler, sondern es gibt das häufiger. Und dann stellt sich auch die Frage: Was hat das mit dem Journalismus selbst zu tun? Welchem Druck sind freie Autoren wie Gieselmann – Relotius war es lange auch – z.B. durch die Wünsche und Bedürfnisse der Redaktionen ausgesetzt (…). Es geht also nicht allein um Dirk Gieselmann, sondern es geht wirklich darum, dass der Journalismus ein systemisches Problem hat, das anfängt bei der Ausbildung, das weitergeht mit Wünschen von Redaktionen und das bei den Preisen endet.“

Empörungspotenzial (hoch 1.000)

Und weiter geht‘s mit einem Thema, das mindestens genauso polarisiert. Kleiner Selbsttest: Was dachten Sie, als Sie die neue Ausgabe des DJV-Magazins Journalist|Journalistin|Journalist/in|Journalist*in aus dem Briefkasten geholt haben?

“Das Empörungspotenzial von Gender-Sternchen, Binnen-I oder Gender-Gap (…) erreichen sonst nur Forderungen nach Tempolimits auf der Autobahn oder vegetarischen Tagen in Kantinen. Dass auf der Erde mindestens zwei Geschlechter existieren, die voneinander zu unterscheiden sind, lässt sich je nach Glaubensrichtung bis zu Adam und Eva oder dem Urknall zurückverfolgen. Doch in der Sprache spiegelt sich das nicht wider“,

schreibt Altpapier-Kollegin Juliane Wiedemeier im neuen Journalist (nicht komplett frei online). Sie hat sich die Mühe gemacht, verschiedene Medien u.a. vom Deutschlandfunk über dpa, taz und “tagesschau“ bis zur Zeit abzuklappern und nach ihrer Einstellung zum Thema zu fragen:

 “Eine Umfrage in deutschen Redaktionen traf (außer bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die trotz mehrfachen Nachhakens die Anfrage unbeantwortet ließ) auf große Bereitschaft, sich diverser auszudrücken. Nicht ob, sondern wie ist die große Herausforderung.“

Das würde den Verein Deutsche Sprache wohl in Rage versetzen. Der scheint sich nämlich mit seinem “Aufruf zum Widerstand“ als eine Art General de Gaulle gegen einen “Gender-Unfug“ und “zerstörerischen Eingriffe in die deutsche Sprache“ zu sehen.

Damit werde gar kein Beitrag zu einer besseren Stellung der Frau in der Gesellschaft geleistet. Stattdessen erzeuge gendersensible Sprache “eine Fülle lächerlicher Sprachgebilde“, dazu komme nun “als weitere Verrenkung noch der seltsame Gender-Stern“, heißt es darüber bei der Saarbrücker Zeitung (epd-Meldung).

Ein häufig verwendetes Contra-Argument ist ja auch der Standpunkt, nicht Sprache verändere die Gesellschaft, sondern vice versa. Also, die Frage

“ob das Sein das Bewusstsein bestimmt oder genau umgekehrt. 'Wer den Überbau verändern möchte, muss an die Basis ran. Und wer möchte, dass wir bei 'Astronauten’ an Frauen denken, muss mehr Astronautinnen ins All schicken‘, meint (Anm. Altpapier: Welt-Redakteur Matthias Heine). 'Wenn sich die Gesellschaft ändert, bekommt die Sprache die Anpassung schon selbst hin.‘“ (nochmal Wiedemeier)

Die Frage nach dem Überbau und der Basis erinnert allerdings auch die nach der Henne und dem Ei. Dass Sprache gesellschaftliche Handlungsmuster prägen kann, weil sie einen Einfluss auf unser Denken hat, legt ein Blick auf die Kognitionswissenschaften nahe. In einem TED-Talk aus dem vergangenen Jahr erklärt Lera Boroditsky, Professorin an der University of California San Diego and Chefredakteurin des Fachmagazins Frontiers in Cultural Psychology:

“In manchen Sprachen gibt es keine exakten Zahlenwörter. In manchen Sprachen gibt es kein Wort für sieben oder für acht. Und mehr noch, ihre Sprecher zählen überhaupt nicht und sie tun sich schwer mit exakten Mengenangaben. Wenn ich sie z.B. bitte, soundso viele Pinguine mit derselben Menge Enten zu vergleichen, könnten Sie das durch Zählen erledigen. Aber wer diesen linguistischen Trick nicht kennt, kann das nicht.“

Zum Thema Geschlecht sagt sie:

“Die Sonne ist feminin im Deutschen, aber maskulin im Spanischen. Beim Mond ist es umgekehrt. Kann das irgendeinen Unterschied im Denken der Menschen machen? Stellen die Deutschen sich die Sonne irgendwie weiblicher vor und den Mond irgendwie männlicher? Genau so ist es. Bittet man Deutsche und Spanier z.B. eine Brücke zu beschreiben, (…) wird ein Deutscher eher sagen, Brücken seien 'schön‘ oder 'elegant‘, also stereotypisch feminine Wörter benutzen. Dagegen würden Spanier eher sagen, sie seien 'stark‘ oder 'lang‘, solche maskulinen Wörter.“

Diesen Erkenntnissen nach sind die Zusammenhänge zwischen Sprache und Wahrnehmungen und daraus entstehenden Eindrücken und Fähigkeiten also keine Einbahnstraße, sondern bedingen sich wohl gegenseitig. Sicherlich kann das Thema noch deutlich mehr erforscht werden. Bezeichnend ist für mich dabei aber auch immer wieder aufs Neue die kategorische, oft wütende oder gar beleidigende Ablehnung, die einige Gegner:innen geschlechtersensibler Sprache zeigen und jegliche Denkansätze in die Richtung von vornherein als falsch bezeichnen, ins Lächerliche ziehen und aus der Öffentlichkeit verbannen wollen.

Die Frankfurter Rundschau hat zu der Thematik jetzt nochmal einen jeweils lesenswerten Pro- und einen Contra-Text von dem Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch und der Welt-Redakteurin Hannah Lühmann aus dem Duden-Debattenband “Gendern?!: Gleichberechtigung in der Sprache – ein Für und ein Wider“ veröffentlicht.

Denn ein Debattenthema ist es natürlich und Sprache ist ja glücklicherweise im stetigen Wandel und keine steife Schablone, über die der Verein Deutsche Sprache wohl gern die Hoheitsrechte hätte. Ich selbst bin absolut für eine stärkere Sensibilität, was Sprache und Geschlecht angeht, das werden Sie gemerkt haben. Wie genau, das ist ein Aushandlungsprozess, der auch im Alltag stattfinden und nicht von selbsternannten Sprachwahrer:innen entschieden wird. Dass der VDS an einer Diskussion überhaupt nicht interessiert ist, zeigen neben den Formulierungen in ihrem “Aufruf zum Widerstand“ auch dieser Tweet und dieser Artikel bei Übermedien.

Verstopfung

So, und nach all dem Erregungspotential zum Schluss noch ein bisschen Detox. Nach den Faschings-Trubel gibt es im Magazin der Süddeutschen mal einen neuen Ansatz für die Fastenzeit. Alena Schröder bringt dort drei Verzichts-Vorschläge jenseits von Bier und Schokolade, z.B.:

“Keine Sorge, es muss natürlich niemand darauf verzichten, eine Meinung zu haben, aber wäre es nicht eine schöne Übung, sie vierzig Tage lang einfach für sich zu behalten und zwar immer dann, wenn es um ein Thema geht, von dem man entweder wenig versteht oder von dem man nicht betroffen ist? Dann würde der öffentliche Diskurs nicht von so vielen Meinungen verstopft und es wäre endlich Raum, um mal zur Abwechslung nur die zu hören, die nicht nur auf einem vagen Bauchgefühl basieren.“

Zurückhaltung als Pümpel für das überflutete Badezimmer namens Öffentlichkeit, gewissermaßen. Auch Mely Kiyak schlug in ihrem lesenswerten Essay “Haltung“ (2018 im Duden Verlag veröffentlicht) Ähnliches vor. Offenbar meine mittlerweile jeder, über alles Bescheid zu wissen. Ein bisschen Ehrlichkeit vor sich selbst tue dabei aber auch gut:

“Ich wurde beispielsweise schon oft darum gebeten, mich zum Thema ‚bedingungsloses Grundeinkommen‘ zu äußern. Selbst, wenn ich wollte, ich könnte es nicht. Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll. Ich habe auch keine Idee, wie man das Rentensystem reformieren soll. Woher auch? Mir fehlt schlichtweg die Expertise.“ (S. 44)

Das würde sicherlich auch Zeitungen und Radioprogramme von schnell im Stress des redaktionellen Alltags dahingeschmissenen Kommentaren und Glossen (Rückblende z.B. zum Fauxpas beim Thema Chipdesign vor etwa einem Jahr) entschlacken, die halt jetzt mal irgendwer schreiben muss, weil das Thema gerade trendet. Das ist wohl auch ein Teil dessen, was Dell weiter oben als systemisches Problem des Journalismus‘ sieht. Kiyak sieht in dem Zwang zur Festlegung auf eine Meinung auch ein antidemokratisches Merkmal:

 “Gerade die Antidemokraten wollen einen dazu zwingen 'Farbe zu bekennen‘. Man soll sagen, ob man für oder gegen das Kopftuch ist, für oder gegen Beschneidung. Oder man soll wenigstens eine Meinung dazu haben, ob es legitim ist, dass ein Nationalspieler mit ausländischen Eltern sich weigert, die Nationalhymne zu singen. Wer sich nicht positionieren will oder kann, wer Zweifel hegt oder sich für diese Themen nicht interessiert, wird gnadenlos als Feind gebrandmarkt.“ (S. 15)

Solche Zweifel aber zuzulassen, sie erstmal im Raum stehen zu lassen und von mehreren Seiten zu beleuchten, bevor Schlüsse gezogen werden, ist eine wichtige Aufgaben von Journalismus.

Altpapierkorb (Rundfunkbeitrag, Sehdauer bei Youtube, russische Talksows)

+++ Michael Hanfeld schreibt bei FAZ.net über das Indexmodell für den Rundfunkbeitrag, für das sich nun die Rundfunkkommission der Länder ausgesprochen hat. Er bezieht sich auf den hier im Altpapier schonmal erwähnten Text von Volker Nünning aus der Medienkorrespondenz.

+++ Die Süddeutsche widmet das “Thema des Tages“ der Diskussion um Uploadfilter: Einerseits mit Berichten über zunehmende Proteste, andererseits aber auch über technische Hintergründe. Darin der kluge Satz von Ska Keller, Spitzenkandidatin der europäischen Grünen: "Man muss die Meinung der Kritiker ja nicht teilen, aber man muss sich schon ernsthaft damit auseinandersetzen." 

+++ Zeit-Autor Ulrich Greiner als Akteur eines “Kulturkampfes von rechts“? Bei Übermedien wirft Matthias Dell einen ausführlichen Blick auf Greiners Veröffentlichungen.

+++ Auf der FAZ-Medienseite (hier bei Blendle) schreibt Boris Reitschuster über seine Erfahrungen auf dem Podium einer Talkshow im russischen Staats-TV.

+++ Conrad Albert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von ProSiebenSat.1, findet die Träume von einer europäischen “Supermediathek“ utopisch. Jeder wisse, dass “dieser hehre Wunsch leider so unrealistisch ist wie übermorgen eine Reise zum Mars“, sagt er bei Horizont+ im Gespräch mit Juliane Paperlein.

+++ Se Fjutschor is nau: Die AGF (Arbeitsgemeinschaft Videoforschung) und Youtube haben erstmals Ergebnisse ihrer gemeinsamen Bewegtbildmessung veröffentlicht. Bei W&V berichtet Thomas Nötting: “Die Zahlen aus Frankfurt sind allerdings noch nicht das, was AGF und Google letztendlich anstreben: eine gemeinsame, übergreifende und offizielle Bewegtbildreichweite inklusive des wichtigsten Onlinevideo-Anbieters Youtube. Dennoch sind sie ein wichtiger Zwischenschritt. Erstmals überhaupt verlässt der Onlineriese seine Walled Gardens und lässt Leistungsdaten von unabhängigen Dritten ausweisen.“

+++ “Was die anhand von Rollenprofilen und eigenen Erfahrungen fröhlich improvisierenden Akteure auch tun, es hat eine so ergreifend echte Anmutung und einen so tief aus dem Inneren kommenden Witz, dass man süchtig danach werden kann“, jubiliert Oliver Jungen (FAZ.net) in seiner Kritik “Klassentreffen“ von Jan Georg Schütte (6. März, 20.15 im Ersten, in Serienform am 7. März auf One). Jens Müller ist bei taz.de ebenfalls angetan und alle anderen irgendwie auch.

+++ Falls Sie den Trailer zur neuen und letzten Staffel “Game of Thrones“ noch nicht gesehen haben und etwas Barmherziges tun wollen: Schenken Sie den Traffic dem Kölner Stadtanzeiger, DuMont wird es Ihnen danken. Oder halt nicht.

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.