Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 06.März 2019: Zeitungsstapel mit Klemmbrett "Affäre Relotius, Affäre Geiselmann, wer noch?"r
Bildrechte: Collage MEDIEN360G / Panthermedia

Das Altpapier am 6. März 2019 Schade und scheiße

Heute geht es um unterschiedliche Ausprägungen eines "gestörten Verhältnisses zur Wahrheit", die bei Journalisten zuletzt zu beobachten waren. Außerdem: Ein Team des Kinderkanals wäre bei Dreharbeiten fast getötet wurden, aber die Berichterstattung darüber ist bisher defensiv. Ein Altpapier von René Martens.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 06.März 2019: Zeitungsstapel mit Klemmbrett "Affäre Relotius, Affäre Geiselmann, wer noch?"r
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Erinnert sich eigentlich noch jemand an Marcel Anders? Weniger als ein halbes Jahr ist es her, da kam der Kulturjournalist in der medienjournalistischen Nische kurz ins Gerede, weil er ein Interview mit Ennio Morricone verfälscht hatte. Was dann wiederum den Auftraggeber des Interviews zu einer Strafanzeige bewog.

Ein Monat später war diese Missetat bereits verblasst, weil sie mikroskopisch klein erschien angesichts der Dinge, die sich Claas Relotius geleistet hatte. Schnell wurden dann geringfügigere, aber auf jeweils eigene Weise dann doch wieder spektakuläre Fälle unsauberen Arbeitens bekannt. Erstes Stichwort: "Menschen hautnah" (siehe u.a. dieses Altpapier). Und dann enthüllte Übermedien in der vergangenen Woche auf recht fulminante Weise das Wirken des recht fulminant benamten Erdenbürgers Edmund Brettschneider, der auch in seinem fünften Frühling noch sehr viele Interviews mit sehr prominenten Menschen an den Mann zu bringen versteht - bei denen es aber "Zweifel" gibt, "wie 'exklusiv‘ sie sind" und manchmal auch, ob sie "überhaupt stattgefunden haben".

Neu auf dieser schmuddeligen Bühne: der mehrfach preisgekrönte Dirk Gieselmann. Gewiss, ganz neu nicht, denn Meedia hatte diesen Fall bereits vor zwei Wochen aufgegriffen, damals (siehe Altpapier) hatten SZ und SZ-Magazin sich von dem Autor getrennt, weil er eine Protagonistin erfunden hatte. Zu diesem Zeitpunkt erwähnte Meedia den Namen Gieselmann noch nicht, gab aber ein paar Hinweise. An diesem Montag verkündete Die Zeit in ihrem "Glashaus"-Blog nun ebenfalls die Trennung von Gieselmann (ohne den Namen zu nennen). - was dann für Meedia der Anlass war, sich mit Gieselmanns "gestörtem Verhältnis zur Wahrheit" mal in aller gebotenen Opulenz zu befassen.

Worin bestand die "Störung" konkret?

"Neben Schludrigkeiten und Unsauberkeiten waren auch einige Fehler darunter, die offenbar die Dramaturgie der Beiträge unterstützen sollten",

steht dazu im "Glashaus"-Blog. Welche Korrekturen die Faktenchecker von der Zeit bei einem Zeit-Magazin-Text vornahmen, kann man hier nachverfolgen. Meedia findet im Übrigen die Art der Korrekturen nur bedingt hilfreich:

"Generell lassen Zeit und Zeit Online in ihren Korrekturen genaue Angaben, beispielsweise was konkret falsch war, oft offen. So bleibt auch schwer einzuschätzen, bei welchen Korrekturen – egal wie umfangreich oder knapp – es sich um für Geschichten elementare oder tragende Passagen handelt."

Das Ausmaß der, sagen wir’s mal maximal neutral: dramaturgischen Eingriffe, die Gieselmann vorgenommen hat, bleibt also unklar.

Ein anderer von Meedia geschilderter Fall aus dem Oeuvre des Vielschreibers Gieselmann, der auch in Orten zugange war, die nicht im Blick des Altpapiers sind, betrifft die Verwertung einer Geschichte, die er unterschiedlichen Kunden (Tagesspiegel, Spiegel) verkaufte - wobei er aber unterschiedliche Realitätsvarianten anbot.

Es geht um ein Mädchen, das sich auf dem Weg zum Tanzunterricht verlaufen hatte. Der Spiegel bietet diesen Text infolge der Meedia-Recherchen mittlerweile nicht mehr an. In der Begründung heißt es:

"Beide Texte weichen in mehreren Details voneinander ab. So trägt unter anderem die Hauptperson in beiden Stücken jeweils einen anderen Namen; in einem Text spielt die Geschichte offenkundig im Winter – die Hauptperson trägt eine Daunenjacke, zittert und trägt eine beschlagene Brille. Im anderen Fall spielt die Geschichte an einem schönen Sommertag."

Dieser Aspekt des "Falls Gieselmann" erinnert nun ein bisschen an Katharina Wulff-Bräutigam - also jene Dokuautorin, die für die oben bereits erwähnte Reihe "Menschen hautnah" den gleichen Personen in unterschiedliche Filmen unterschiedliche Namen gab und auch sonst zum Variieren von Fakten neigte (siehe Altpapier und die Erst-Rekonstruktion jenes Falls von Paul Bartmuß).

Was man aber vielleicht auch betonen muss: In den Medien der Spiegel-Gruppe sind 43 Gieselmann-Artikel erschienen, und "bei 39 Texten wurden keine Hinweise auf bewusste Manipulationen festgestellt", wie es in einer ausführlichen Spiegel-Stellungnahme gegenüber Meedia heißt.

Was passiert nun mit all den Preisen, die Gieselmann bekommen hat? Den Nannen-Preis von 2010 wird er behalten dürfen, er hat ihn, erstens, gemeinsam mit einem Team gewonnen - und zweitens war die Leistung, die hier prämiert wurde, ein Live-Ticker. Die Auszeichnung beim Deutschen Reporterpreis 2013 in der Kategorie Webreportage und für sein "Oscar Wildesches Maß an Humor" bekam er ebenfalls fürs Live-Tickern. Die aktuelle Bronzemedaille im vom Medium Magazin veranstalteten Wettbewerb "Journalisten des Jahres" (Kategorie Unterhaltung) wird man ihm wohl aberkennen - Claas Relotius, der ursprünglich Vierter in der Kategorie "Reportage (national)" war, ist ja auch aus dem Klassement geflogen.

Auch mit Blick auf künftige Enthüllungen stellt sich eine nicht völlig abwegige Frage: Sollte man es bei Journalistenpreisen ähnlich handhaben wie bei Olympischen Spielen oder Meisterschaften, bei denen dass Medaillengewinner aus dem Klassement fallen, weil sie des Dopings überführt wurden? Beim Sport ist es ja so, dass dann jeweils der Nächstplatzierte nachrückt. Würde man es so machen, käme bei den besten Unterhaltungsjournalisten des Jahres 2018 Anja Rützel, die bisherige Viertplatzierte, auf Platz drei.

Mein eher persönliches Fazit: Die Einschläge kommen näher. Der Name Claas Relotius war mir kein Begriff, als er aufflog, von Gieselmann dagegen habe ich ziemlich viel gelesen, zumindest seine Irgendwas-mit-Fußball-Texte. Hinzu kommt: Er war Autor bei Zeit Online - und ich schreibe dort zumindest gelegentlich, siehe heutiger Altpapierkorb. Um mal ungewöhnlich wehmütig aus diesem Thema auszusteigen: Aufgeflogen ist, wie es Wayne Schlegel bei Twitter formuliert,

"der Erfinder des humoristischen Fußball-Livetickers, der Mann, der Weltliteratur in Echtzeit produziert hat. Wie unendlich schade und scheiße"

Der Name Relotius fiel nun heute schon dreimal - wobei angesichts des bisher Geschriebenen auch deutlich geworden sein dürfte, dass die skizzierten "Fälle" sich doch stark unterscheiden. Was zu folgender Frage führt: Ist es grundsätzlich kontraproduktiv, all die Journalisten, die auf sehr unterschiedliche Weise zu erkennen gegeben haben, dass sie ein "gestörtes Verhältnis zur Wahrheit" haben (um die Meedia-Formulierung aufzugreifen) in einen Zusammenhang zu bringen, oder kann es auch mal hilfreich sein?

Das Sinnieren über diese Frage wird auch durch einen Beitrag von Patrick Gensing und Andrej Reisin für den "Faktenfinder" der "Tagesschau" angeregt, der dem Zeit-Magazin-Kolumnisten und dem Zeit-Herausgeber unter anderem "unpräzise", "irreführende" und "grob irreführende" Formulierungen nachweist. Martenstein war in eine Kolumne, in der er sich auf Joffe beruft, folgendermaßen eingestiegen:

„In den USA verlangen einige Linke und Feministinnen, dass Kinder in Zukunft auch noch während der Geburt getötet werden dürfen."

Das klingt zunächst einmal nicht untypisch für jemanden wie Martenstein, der seinen festen Wohnsitz schon lange in Spinnerhausen hat, und dennoch ist es noch ein bisschen wirrer als das, was man von ihm kennt. Warum? Gensing/Reisin bilanzieren:

"Die Debatte bezieht sich tatsächlich auf die Bedingungen für späte Abtreibungen bei schweren Problemen in der Schwangerschaft oder extrem schwer erkrankten Kindern. Also um aktive oder passive Sterbehilfe - nicht um "Kindstötung" oder sogar "Mord", von dem Martenstein schreibt. In seiner Zeit-Kolumne werden verschiedene Debatten aus dem Kontext gerissen und grob vereinfacht bis falsch dargestellt. Auf Anfrage äußerte er sich bislang nicht."

Kika-Team in Lebensgefahr

In diesem Frühjahr ist im Kinderkanal für die Doku-Reihe "Schau in meine Welt" ein Film über ein Kind vorgesehen, das im Rohingya-Camp Kutupalong lebt, dem im südöstlichen Bangladesch gelegenen größten Flüchtlingslager der Welt. Das würde, zugegeben, an dieser Stelle normalerweise nicht Erwähnung finden. Warum geschieht es doch? Weil die vom HR beauftragte Autorin Stefanie Appel, ihr Kameramann und ihr Tonmann bei Dreharbeiten in dem Lager beinahe getötet worden wären  - von "einem organisierten Mob von 200 Männern zwischen 16 und 50", wie Appel sagt (mit der ich gesprochen habe, nachdem sie bei Facebook auf den Angriff hingewiesen hatte). "Wäre die Army nicht gekommen, wären wir wohl tot."

Auffällig ist die bisher defensive Berichterstattung zu der Attacke, die am 21. Februar geschah. Am selben Tag erschien bei n-tv.de ein in mehrerer Hinsicht unpräziser Beitrag, in der aus der Dokumentations-Autorin Appel "ein deutscher Dokumentarfilmer" wurde. Appel sagt dazu, dass "niemand von n-tv mit uns gesprochen hat".

Und der deutsche Botschafter Peter Fahrenholtz twitterte:

"It happened because of a misunderstanding. They are well and safe now."

Alles ein Missverständnis?Als"bizarre wording" bezeichnete dies dann auch Peter Gerhardt, der Südostasienkorrespondent der ARD, in einer Antwort. Fahrenholtz nimmt dabei Bezug auf die örtliche Presse, die berichtet, der Mob habe die deutschen TV-Leute für "child trafficker" gehalten (hier und hier). Appel:

"Das ist Bullshit. Wir waren mit Equipment vor Ort, haben unsere Presseausweise gezeigt, hatten eine Drehgenehmigung - und wir haben sofort kommuniziert, wer wir sind. Sie haben trotzdem draufgehauen, ohne Unterlass."

Im Rückblick wirkt es so, dass Fahrenholtz die Sache heruntergespielt hat, weil kein Schatten fallen sollte auf die Besuche deutscher Parlamentarier in Bangladesch: Zwei Tage nach dem Angriff traf eine dreiköpfige Bundestags-Delegation ein, angeführt von Parlaments-Vizepräsidentin Claudia Roth, eine weitere dreiköpfige folgte am Montag darauf.

Darüber twitterte Botschafter Fahrenholtz - der als Twitter-Handle "Peter Fahren" nutzt, sich aber für den Account-Namen "German Ambassador to Bangladesh" entschieden hat, obwohl er wiederum "only my private opinions as a global citizen" zu verbreiten vorgibt - dann sehr ausführlich, berichtete vom Treffen von deutschen Abgeordneten mit Rohinga-Frauen, zeigte Claudia Roth bei sich in der Botschaft ("gives an interview for N-TV at my residence") und noch mal was mit Claudia Roth und hier noch einmal (er unterwegs mit ihr).

Mit N-TV ist übrigens nicht der RTL-Kanal gemeint, sondern ein  bangladeschischer Sender. Das Interview ist, sagen wir mal: rein formal betrachtet, auch nicht uninteressant, aber das nur am Rande.

Appel ist noch aus einem anderen Grund nicht gut auf den Botschafter zu sprechen. Der Angriff geschah am Donnerstag, die Botschaft habe nur kurz gefragt, "ob wir ok sind", sei danach für ihre Kollegen aber zwei Tage nicht erreichbar gewesen, auch über eine sogenannte Notfallnummer nicht. Wohlgemerkt: Vorausgegangen war eine der dramatischsten Situationen, in denen deutsche Medienvertreter sich seit langem befunden hatten. 

In einer Hinsicht ist es nachvollziehbar, dass bisher fast nichts über die Sache berichtet wurde, weil man Journalist*innen, die gerade mit dem Leben davon gekommen sind, nicht unbedingt damit dazu drängen muss, anderen Journalist*innen wieder und wieder zu erzählen, was passiert ist. Andererseits dient die Berichterstattung über solche Angriffe immer auch dazu, andere Journalist*innen zu warnen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wo die Arbeit aus welchen Gründen gefährlich ist - und welche Maßnahmen zu treffen wären, um gefährliche Situationen sogar zu verhindern.

Auch von den deutschen Politiker*innen, die in Bangladesch waren, scheint sich bisher niemand zu Wort gemeldet zu haben, obwohl es angesichts der örtlichen Berichterstattung schwer vorstellbar ist, dass die Delegation nichts von dem Angriff mitbekommen hat.

Und wo bleibt das Positive? Es wurden zwar verschiedene Dinge gestohlen, aber die meisten hat das TV-Team wieder bekommen. Appel sagt:

"Den Film kann ich machen, den größten Teil des Materials habe ich."


Altpapierkorb (DuMont, Ippen, Neu-Intendantin Gerner, Reichelts Delirium, Winnenden, Katapult)

+++ Anlässlich der Entwicklungen bei DuMont (siehe zuletzt Altpapier von Dienstag) habe ich mich bei Zeit Online an einem Überblick über die Lage der Lokal- und Regionalzeitungen versucht. Inclusive folgender Aspekte: Presseförderung, Mindestlohn für Zusteller, Klagen gegen "presseähnliche" städtische Informationsangebote. Diskutiert wird der Text u.a. in Markus Hesselmanns Facebook-Timeline.

+++ Ein Aspekt, den ich dem Artikel ausgespart habe: die Zentralredaktionen. Der Bildblog kritisiert das Clickbaiting bzw. die systematische Irreführung in den Überschriften und Teasern der Ippen-Digital-Zentralredaktion. Was der ehemalige Ippen-Digital-Chef Thomas Kaspar, der seit 1. März in einem Gespann mit Bascha Mika die FR führt (siehe dazu auch einen kurzen Schlenker im Zeit-Online-Text), im vergangenen Jahr zum Thema Clickbaiting gesagt hat, steht in einem Text, den ich für die Drehscheibe geschrieben habe. Dass zu den vielen, vielen Zentralredaktionen nun noch eine weitere hinzukommt, soll auch nicht unerwähnt bleiben: Bei Ippen gibt’s neuerdings neben einer in München noch eine "Digital-Zentralredaktion Mitte", die für die Versorgung der hessischen Ippen-Titel zuständig ist. mmm.verdi.de berichtet.

+++ Über die Wahl Yvette Gerners zur neuen Intendantin von Radio Bremen berichten unter anderem der Weser-Kurier und Meedia.

+++ Die Wochenzeitung Kontext war bei einer Veranstaltung des Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrums der Deutschen Sinti und Roma dabei, die den Titel "Ethik und Moral im Boulevard?" trug - und zu der die Organisatoren seltsamerweise Julian Reichelt eingeladen hatten, der sich dort dann in "seinem selbstreferentiellen Delirium verirrte".

+++ Am 11. März jährt sich der Amoklauf von Winnenden zum zehnten Mal. Stefan Mayr erinnert in der SZ an die Rücksichtslosigkeit vieler damals berichtender Journalisten - und empfiehlt die SWR-Dokumentation "Die Wunden des Amoklaufs - Winnenden 10 Jahre danach". Anlässlich des fünften Jahrestags der Tat hatte ich 2014 für die taz auf die Verfehlungen verschiedener Medienvertreter eingegangen.

+++ Des Weiteren auf der SZ-Medienseite: Willi Winkler greift einen Artikel aus dem New Yorker auf: "Fox News ist längst, wie die Reporterin Jane Mayer jetzt (dort) in einer großen Reportage (…) belegt, ein Propagandasender, wie es ihn sonst diesseits des ehemaligen Ostblocks kaum mehr gibt. Vor der Wahl 2016 soll der Sender sogar einen gründlich belegten Bericht über die Affäre des heutigen Präsidenten mit der damaligen Pornodarstellerin Stormy Daniels zurückgehalten haben, wie das Magazin schreibt." Auch der Guardian befasst sich mit den New-Yorker-Recherchen über die "symbiotic relationship between Trump’s White House and America’s most watched cable news network".

+++ Und Sibel Schick hat für die taz Benjamin Friedrich interviewt, den Chefredakteur des angesichts seiner Nischigkeit bemerkenswert erfolgreichen Grafik- und Kartenmagazins Katapult. Anlass: Gerade ist "100 Karten, die deine Sicht auf die Welt verändern" erschienen, also das Buch zum Magazin.


Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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