Der Altpapier-Jahresrückblick am 26. Dezember 2019 Rezos Kaninchenbau

Rezo riss die (traditionelle) Medienbranche 2019 ins Youtube-Rabbithole. Gleichzeitig sprang er ins tiefe Kaninchenloch des deutschen Mediensystems. Von Digital-Analphabetismus, Überforderung und einer Zerstörung, die in mancher Hinsicht auch Brücken baute. Ein Jahresrückblick von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 26. Dezember 2019: Youtube Influencer Rezo
Bildrechte: MDR Medien360G Foto: dpa

2019 war in mancher Hinsicht wie ein Kaninchenbau bei "Alice im Wunderland". Obwohl das Bild eine echt ausgelutschte, schon allzu oft bemühte Metapher ist, trifft kaum etwas besser auf die Ereignisse zu, die im Mai losgetreten wurden, als dieser Internet-Dude namens Rezo Ende Mai die Öffentlichkeit abseits seiner bisherigen Youtube-Bubble erstürmte.

Mit seinen mittlerweile rund 16,5 Millionen Klicks war der 55-Minuten-Rant "Zerstörung der CDU" das erfolgreichste deutsche Video des Youtube-Jahres 2019. Und was dann folgte (siehe Altpapier-Archiv), könnte man rückblickend wohlwollend als Überforderung bezeichnen.

In der (traditionellen) Medienbranche und auch auf politischer Ebene schien es teilweise unglaublich schwer zu fallen, mit diesem blauhaarigen Digital-Native-Geschöpf umzugehen, das gern pastellfarbene Pullis trägt, eigentlich eher Musik oder youtubeskes Unterhaltungs-Gedöns macht und auf einmal mit Journalismus-ähnlichen Mitteln seine Meinung zur politischen Situation im Land rausblies.

Journos im Youtubeland

Journalistinnen und Journalisten und Politikerinnen und Politiker schienen teilweise ziemlich unvorbereitet in diesen tiefen Kaninchenbau Richtung Youtube-Wunderland zu fallen und erst mal nicht das richtige Mittel zu finden, um durch irgendeine Tür heraus zu gelangen aus dieser ungewohnten Situation.

Ja, hömma, darf der das überhaupt, so als Netz-Clown? Einfach seine Riesen-Reichweite nutzen, um was Politisches zu sagen? Wo kämen wir denn da hin... Und überhaupt, das ist doch gar nicht seine Privatmeinung, der wurde doch dafür bezahlt. Ähnliche Befürchtungen und Abqualifizierungen schienen einige Digital Immigrants nach dem CDU-Video im Mai und auch nach Rezos Auftritt auf dem "Space Frog"-Kanal in dem "Wir BILDen Rezo"-Video (siehe auch Altpapier vom 21.8.) im Kopf zu haben. Wer in Erinnerungen an einige der ärgsten Youtube-Analphabetismen 2019 schwelgen mag, schlage z.B. nochmal die Äußerungen von FAZ-Innenpolitik-Influencer Jasper von Altenbockum, der CDU-Oberhaupt Annegret Kramp-Karrenbauer oder DJV-Bandenführer Frank Überall nach. Zumindest von Letzterem gab es eine Entschuldigung.

Aus vielen Reaktionen konnte man herauslesen: Da hat irgendein seltsamer Klamaukmacher was gesagt, viel Aufmerksamkeit geerntet, und wir fühlen uns angegriffen. Die Reaktionen von CDU-Seite beschrieb Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne als "Crescendo der Hilflosigkeit". Und auch von journalistischer Seite gab es erst mal Distanzierungen:

"Zunächst kamen die Faktenchecks. Deutlich war zu spüren, wie sich der Qualitätsjournalismus vor allem bemühte, erst einmal eine ganz klare Grenze zu ziehen. Hier der YouTuber, dort der seriöse Journalismus. Nicht selten auch mit leicht überheblichem Tonfall",

schrieb Alexander Graf bei der taz. Nun sind Faktenchecks natürlich nicht verkehrt, wenn sie Fehler sichtbar machen und richtigstellen. Der Zweck schien aber eben häufig eher Distanzierung zu sein, auch wenn Rezo nie für sich in Anspruch nahm, als Journalist gesehen werden zu wollen. (Mittlerweile spielt er in seiner Zeit-Kolumne damit, wenn er schreibt: "Liebe Journalistenkollegen (lol, ich darf das jetzt sagen)".)

Das Video und seine Gattung wurde allerdings kaum genauer eingeordnet, außer z.B. von Samira El Ouassil bei Übermedien. Sie sieht Youtuber als "moderne Essayisten":

"Video-Essays sind eine Form der Informationsvermittlung, die alle kommunikativen Codes einer Generation vereint, von der Meme-Kultur, die mit visuellen Intertextualitäten und Subtexten arbeitet, und der Remix-Kultur, die aus Montagen neue Informationen generiert, zur mediengesellschaftlichen Entwicklung, dass jede Person ein eigener Broadcaster werden kann; weg von den medialen und politischen Gatekeepern, bis hin zu parasozialen Glaubwürdigkeitsdynamiken zwischen Influencern und einer interagierenden, sich vernetzenden Community. (…) Der Youtube-Videoessay ist Produkt und Ergebnis einer digitalen, autodidaktisch aufgewachsenen Generation, die hungrig ist nach einer eigenen Durchdringung und einem (Selbst)Verständnis ihrer Wirklichkeit."

Youtuber im Journoland

In diesem digitalen Wunderland bewegte Rezo sich bisher. Durch sein CDU-Video katapultierte er sich gewissermaßen heraus aus seinem Kaninchenbau hinein in die ebenso seltsame Branche klassischer Medienhäuser. Und darin steht er nun seit einigen Monaten und ist dabei, diese wundersame Welt zu entdecken und zu durchdringen.

Deutlich wird das z.B. in dem fast neunstündigen Gespräch mit Jochen Wegner und Christoph Amend im "Alles gesagt"-Podcast der Zeit. Darin erzählt er u.a. von seiner Verwunderung über sich ständig wiederholende Fehler in der Berichterstattung über "Die Zerstörung der CDU" und wie ihm schließlich klar wurde, dass der Dominoeffekt durch die Verbreitung über eine Nachrichtenagentur zustande kam. Mit der dpa habe er dann viel telefoniert, bis die Redaktion schließlich öffentlich um Entschuldigung bat.

Ein interessanter Aspekt an den Ereignissen ist der Umgang Rezos mit Journalisten und Medienmenschen. Denn es scheint so, als würde er einen sehr transparenten Umgang mit Fehlern einfordern. Auch mit dem DJV stand er nach der peinlichen Reaktion auf das oben erwähnte "Space Frogs"-Video in Kontakt, bis auch Überall sich entschuldigte. (Dass er bei eigenen Fehlern noch einen souveränen Umgang finden muss, zeigt u.a. die Diskussion um die "Kiss, Marry, Kill"-Chose.)

Auf die Frage, ob er noch weitere politische Videos machen werde, antwortete Rezo übrigens im t3n-Interview:

"Bestimmt irgendwann. Aber durch den immensen Aufwand, Kosten und anderweitige Probleme wie die Erzeugung von Feinden und Morddrohungen werde ich das nicht sehr häufig machen."

Er fasst damit wunderbar unfreiwillig das Finanzierungsdilemmata vieler Medienhäuser zusammen. Recherche ist teuer, ist also auch eine Nachricht, die zumindest unterschwellig an Rezos Youtube-Kosmos rausgeht – was journalistische Redaktionen selbst bisher nicht so richtig zu vermitteln schaffen.

So entdeckt Rezo mit frischem Blick Tücken und Besonderheiten der "alten Medien", wie er es formuliert. Und dabei nimmt er hoffentlich auch 2020 viele junge Menschen mit.

Der Altpapier-Jahresrückblick 2019