Datenanalyse zur Coronavirus-Pandemie Verzerrte Inzidenzen begünstigen zu frühe Corona-Lockerungen

Aufgrund sinkender Inzidenzen können immer mehr Städte und Landkreise erste Corona-Maßnahmen lockern. Ob Ihre Region auch dazugehört und warum manche Lockerung aufgrund verzerrter Inzidenz-Angaben verfrüht ist: das und mehr im aktuellen Corona-Daten-Update.

Ein Kellner arbeitet in einem Biergarten und trägt dabei Gummihandschuhe. Im Vordergrund steht der Schriftzug "Corona-Daten-Update".
Infolge gesunkener Inzidenzen kann vielerorts die Außengastronomie wieder Gäste empfangen. In einigen Regionen kommen diese Lockerungen aus Datensicht allerdings zu früh. Bildrechte: dpa

Die aktuelle Lage

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Die positive Entwicklung der Corona-Kennzahlen hat sich in den vergangenen Tagen weiter fortgesetzt. Die Zahl der bestätigten Neuinfektionen sowie die der Intensivpatientinnen und -patienten sind weiter spürbar gesunken – sowohl in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen als auch deutschlandweit.

Fallende Werte bei den täglichen Neuinfektionen bedingen zwangsläufig auch sinkende 7-Tage-Inzidenzen. Deutschlandweit lag der Wert nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) am Freitag bei rund 67, vor einer Woche mit fast 97 noch deutlich höher.

Eine ähnliche Entspannung ist auch in Sachsen-Anhalt (von 103 auf 61) und Sachsen (134 auf 86) sichtbar. Und auch in Thüringen sank die 7-Tage-Inzidenz innerhalb einer Woche von 149 auf 106. Der Freistaat ist damit aber immer noch das Bundesland mit der höchsten Inzidenz.

Pfingsten ohne "Notbremse"

Die vielerorts sinkenden Inzidenz-Werte habe auch zur Folge, dass in immer mehr Landkreisen und kreisfreien Städten nicht mehr die sogenannte Bundesnotbremse in Kraft ist, sondern die jeweils aktuellen Landesverordnungen gelten – verbunden mit ersten Lockerungen beispielsweise in der Außengastronomie.

Das ist die aktuelle Situation in unseren drei Bundesländern:

Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt ist die Bundesnotbremse mit Stand Freitag bereits in fünf Regionen (Börde, Magdeburg, Jerichower Land, Anhalt-Bitterfeld, Dessau-Roßlau) außer Kraft. Samstag (Altmarkkreis Salzwedel, Halle) und Sonntag (Mansfeld-Südharz) werden drei weitere Landkreise folgen, sofern entsprechende Bekanntmachungen der jeweiligen Regionen veröffentlicht werden.

Sachsen

In Sachsen sind bereits die Städte Dresden und Leipzig sowie der Landkreis Nordsachsen und der Vogtlandkreis ohne Notbremse, der Landkreis Leipzig könnte nach Bekanntmachung am Pfingstsonntag folgen. Absehbar ist auch, dass die Stadt Chemnitz und der Landkreis Bautzen bei weiterhin stabiler Inzidenz-Lage am Pfingstmontag folgen könnten.

Thüringen

In Thüringen sind es die kreisfreien Städte Erfurt, Weimar und Jena, die mit der 7-Tage-Inzidenz schon stabil unter 100 liegen. Der Landkreis Eichsfeld könnte nach Bekanntmachung am Pfingstsonntag auf die Regeln der Landesverordnung wechseln. Alle weiteren Regionen verharren aufgrund erhöhter Inzidenz-Werte weiterhin in der Bundesnotbremse. Das aktuelle Stand-Land-Gefälle bei den Inzidenzen verläuft dabei nicht geräuschlos. So warf die Greizer Landrätin dem Ministerpräsidenten Ramelow eine Diskreditierung der Landbevölkerung vor.

RKI-Inzidenzen unterschätzen reale Situation

Problematisch hinsichtlich möglicher Lockerungen der Corona-Maßnahmen sind nach wie vor die täglich veröffentlichten 7-Tage-Inzidenzen des RKI. Denn durch die verzögerte Übermittlung der Fallzahlen an die Bundesbehörde fehlen in der täglichen Berechnung je nach Region mal mehr und mal weniger Corona-Fälle. Die Folge: Inzidenzen werden niedriger angegeben, als sie in der Realität sind.

Allerdings: Sind die Inzidenzen einmal veröffentlicht, werden sie "eingefroren" und entscheiden darüber, ob eine Region beispielsweise nach fünf Werktagen unter dem Grenzwert von 100 aus der sogenannten Bundesnotbremse ausscheren kann. Dass sich die Inzidenzwerte durch Nachmeldungen bereits am nächsten Tag rückwirkend noch stark ändern und in der Regel erhöhen, spielt für politische Entscheidungen dann keine Rolle mehr.

Eine Datenauswertung des Bayerischen Rundfunks (BR) der RKI-Zahlen von Anfang März bis Mitte Mai zeigt, dass es in ganz Deutschland zu nachträglichen Abweichungen kommt. Demnach verändern sich die 7-Tage-Inzidenzen der Landkreise und Städte bereits einen Tag nach Veröffentlichung durch das RKI im bundesweiten Durchschnitt um fünf Prozent.

In einigen Landkreisen liegt diese Abweichung sogar bei gut 20 Prozent. Die meisten Nachmeldungen passieren bereits am Folgetag, aber auch später werden immer noch Fälle nachgemeldet, die die Inzidenz ansteigen lassen.

Verzerrte Inzidenzen begünstigen verfrühte Lockerungen

Auf Anfrage des BR teilte das RKI mit, es sei bekannt, "dass sich die 7-Tage-Inzidenzen durch nachübermittelte Fälle regelmäßig erhöhen". Dass allerdings die Inzidenz in der "eingefrorenen" Form maßgeblich für die "Bundesnotbremse" ist, sei eine politische Entscheidung. Die daraus resultierenden Konsequenzen seien vom RKI nicht abschätzbar. Das Bundesgesundheitsministerium äußert sich auf Nachfrage nicht näher zum Gesetzgebungsverfahren.

In der folgenden Grafik können Sie nachvollziehen, wie stark die 7-Tage-Inzidenz in Ihrer Region durch Nachmeldungen nachträglich noch erhöht im Vergleich zum "eingefrorenen" Wert:

Ein Beispiel für starke Diskrepanzen zwischen eingefrorenen und nachträglich korrigierten Inzindenz-Angaben ist der sächsische Landkreis Bautzen. Auf Nachfrage teilte der Landkreis MDR SACHSEN mit, dass es oft Nachmeldungen gebe, "vor allem aufgrund der Bestätigungen von Schnelltests durch PCR-Tests und auch aufgrund des Tests von engen Kontaktpersonen. Diese Tests werden auf den jeweiligen Tag des Tests bzw. Erkrankungstag gemeldet".

Das alles erfolge laut Landkreis aber im Einklang mit den Meldepflichten und RKI-Empfehlungen. "Wichtig ist uns die Feststellung, dass der Landkreis Bautzen in keinster Weise mit einem strategischen Meldemodus die Inzidenzberechnung des RKI aktiv beeinflusst."

Und dennoch: Betrachtet man allein die Inzidenz-Angaben der aktuellen Wochen, so werden eklatante Abweichungen offensichtlich. Nicht nur im Landkreis Bautzen, sondern auch noch in weiteren Regionen, die bereits im Zeitraum März bis Anfang Mai starke Abweichungen aufwiesen:

So auch in Sachsen-Anhalt in den Landkreisen Anhalt-Bitterfeld und im Burgenlandkreis. Am Donnerstag beispielsweise wurde die 7-Tage-Inzidenz in Anhalt-Bitterfeld mit 29,0 angegeben. Am Freitag verdoppelte sich der Wert durch Nachmeldungen fast auf 54,9. Im Burgenlandkreis wurde der Donnerstagswert 76,6 einen Tag später auf 107,9 korrigiert.

Keine Besserung in Sicht

Fakt ist, dass durch das politisch gewollte Nicht-Berücksichtigen der Nachmeldungen einige Regionen früher die Corona-Maßnahmen lockern, als es das reale Infektionsgeschehen zulassen würde. Eine Sprecherin des Sozialministeriums Sachsen-Anhalt sagte dem BR, dass es für dieses Problem bereits einen möglichen Lösungsansatz gebe:

Das RKI wurde auf fachlicher Ebene wiederholt gebeten, in die Berechnung seiner 7-Tage-Inzidenz die sieben beendeten Vortage einfließen zu lassen und nicht den jeweils aktuellen Tag. Dadurch wären auch die eingefrorenen RKI-Inzidenzen näher am tatsächlichen Geschehen und aus fachlicher Sicht eine gute Basis für Maßnahmen der bundeseinheitlichen Notbremse.

Sprecherin des Sozialministeriums Sachsen-Anhalt

In der Praxis geändert hat sich seither allerdings: nichts.

Mehr Informationen zur Corona-Situation in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Deutschland finden Sie hier:

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

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MDR/Manuel Mohr, David Muschenich

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. Mai 2021 | 19:00 Uhr

81 Kommentare

DER Beobachter vor 34 Wochen

Ach, Ernst: Sie betonen hier ja ständig, dass Sie an der Qualität der Aussagen des pwsksk nichts auszusetzen haben. Bloß gibts von dem ja gar keine Aussagen. Und wenn Sie an der Qualität meiner etc. Aussagen was auszusetzen haben, warum können Sie dann an den entsprechenden Stellen keine Fakten entgegensetzen?

DER Beobachter vor 34 Wochen

World Economic Outlook des IWF rechnet mit mögl. 17 Billionen Dollar Covid- und Covidfolge-Kosten welt(!)weit, EU mit 2,2 Billionen Euro in allen EU27-Staaten (also einschließlich noch mit GB, das seine eigenen Kosten auf ca. 600-700 Mrd. Pfund schätzt, ohne anders als D seinen Betroffenen mit konsequenterem Lock-Down größer unter die Arme zu greifen. Einzig verifizierbare Angabe für D ist die des Bundesfinanzministeriums von +/- 1,446 Bio. auf die Anfrage des Linken Bartsch, aber da ist alles dabei von Bürgschaften für betroffene Unternehmen, KA-Geld, Hilfsfondsbeteiligungen und alle sonstigen öffentlichen Ausgaben der Kommunen, Bund und Länder zum Ausgleich und zur Bekämpfung... Dass die größte Pandemie seit mindestens 100 Jahren Kosten verursacht, bezweifelt übrigens niemand. Lieber MDR - die Frage und Bitte sei gestattet, warum Sie die Antwort auf den frei geschalteten durchaus vagen Inhalt von Frau Sauer zuerst nicht freischalten mochten und nun das hoffentlich tun?

MDR-Team vor 34 Wochen

Hallo ule! Die Maßnahmen waren sehr komplex. Reisen waren zum Beispiel erst ab ab Ende Mai 2020 möglich. Zudem waren durch den Frühling im Privaten auch wieder eher Treffen außerhalb von geschlossenen Räumen möglich. Es gibt da wohl nicht die eine Erklärung. Viele Grüße aus der MDR.de-Redaktion

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