Drei junge Personen sitzen an einem Tisch und arebeiten an Laptop oder Smartphone. 1 min
35 Jahre nach der Wende gibt es immer noch Gehaltsunterschiede in Ost und West. Mehr dazu im Audio. Bildrechte: IMAGO / Pond5 Images
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Auch 35 Jahre nach der Wende verdienen junge Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen deutlich schlechter als Westdeutsche im gleichen Alter. Gehen oder Bleiben?

MDR SACHSEN-ANHALT Mi 29.05.2024 05:30Uhr 00:31 min

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Lohnunterschiede Warum die Gen Z im Osten weniger verdient

29. Mai 2024, 12:39 Uhr

Auch 35 Jahre nach der Wende verdienen junge Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen deutlich schlechter als Westdeutsche im gleichen Alter. Ein Problem, das zu einer altbekannten Frage führt: Gehen oder Bleiben?

Junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Ostdeutschland verdienen besonders wenig. Das geht aus aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts hervor, die MDR SACHSEN-ANHALT ausgewertet hat. Demnach ist der Stundenlohn junger Menschen in Ostdeutschland im Schnitt geringer als der junger Menschen in Westdeutschland.

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter 25 Jahren haben der Auswertung zufolge in vier ostdeutschen Bundesländern im Stichmonat April 2023 den niedrigsten Bruttostundenlohn erhalten. Am wenigsten sei in der Altersgruppe unter 25 in Mecklenburg-Vorpommern (11,54 Euro), Sachsen-Anhalt (12,23 Euro), Thüringen (12,31 Euro) und Sachsen (12,34 Euro) verdient worden.

Lohnunterschiede kein neues Phänomen

Lohnunterschiede in Ost und West sind kein neues Phänomen. 35 Jahre nach der Wende zeigt der Verdienst über alle Altersklassen hinweg nach wie vor ein deutliches Ost-West-Gefälle. Am höchsten ist der Bruttostundenlohn von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aller Altersklassen derzeit in Hamburg (25,65 Euro). Am wenigsten verdienen Menschen in Mecklenburg-Vorpommern (19,18 Euro).

Dass besonders die Jüngeren noch weniger verdienen, führt zu existenziellen Fragen. In der Generation Z spiele "die Frage nach dem Gehen und Bleiben immer noch eine ganz große Rolle", sagt Daniel Kubiak, Sozialwissenschaftler von der Humboldt-Universität in Berlin (HU Berlin) im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT.

Mehr Grafiken zu den Verdienstunterschieden

Ein Problem: Firmenzentralen, Bundesministerien oder Bundesämter seien im Osten immer noch sehr viel seltener. "Wenn junge Ostdeutsche zum Beispiel in einer Firmenzentrale arbeiten wollten, etwa von einem DAX-Unternehmen, müssen sie ihre Heimat verlassen", so Kubiak.

Abwanderung wegen geringer Einkommen

Generell sei zu beobachten, dass es in den ostdeutschen Bundesländern eher Jobs in der Produktion und im Dienstleistungssektor gebe, weniger jedoch etwa im Management. Damit gingen auch schlechtere Verdienstmöglichkeiten einher. Auch das bedeute: "Weiterhin gehen viele gut ausgebildete junge Ostdeutsche in den Westen."

Es gibt laut Kubiak jedoch bestimmte Berufsfelder, die durchaus auch in ländlichen Regionen Ostdeutschlands Fuß fassen können. Das seien vor allem die Kreativwirtschaft und Digital-Start-ups: "Das sind individuelle Lösungen, das sind Positiv-Beispiele, die es unbedingt braucht, die allerdings nicht darüber hinwegtäuschen sollten, dass es auch ein strukturelles Problem gibt."

Produktivität und Fachkräftemangel

Für den Ökonomen Dr. Steffen Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) ist eines dieser strukturellen Probleme und der Hauptgrund für die niedrigeren Löhne die geringere Arbeitsproduktivität. Das sagte er bereits im April im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Nachdem die ostdeutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahren bis auf 80 Prozent der westdeutschen Produktivität herangekommen sei, ändere sich an der Lücke jedoch kaum noch etwas.

Das könne man nicht auf mangelnde Motivation der Beschäftigten zurückführen. "Die Ost-West-Forschung zeigt eher, dass es an den Unternehmen liegt", sagt Müller. "Der Westen ist gerade in der Industrie eine sehr, sehr leistungsfähige Region, die selber auch immer produktiver wird. Da aufzuholen ist einfach sehr schwer."

Zudem werde der "extreme" Fachkräftemangel in den kommenden Jahren ein Problem sein, sagt Müller. "Aber der Fachkräftemangel dürfte einen positiven Effekt auf die Löhne haben. Denn wenn sich Arbeitgeber um weniger Beschäftigte streiten, dann werden sie mit den Löhnen nach oben gehen müssen." Auf der anderen Seite würden viele Unternehmen diesen Wettbewerb nicht überleben.

Eine große Chance für Sachsen-Anhalt sieht Müller im deutschlandweiten Strukturwandel hin zu mehr Robotik, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. "Das erfordert ganz neue Geschäftsmodelle. Das erfordert neue Produkte. Und es ist immer leichter als aufholende Region dort aufzuholen, wo Dinge gerade im Entstehen sind."

Liegt es am Niedriglohnsektor?

Für Martin Mandel vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Sachsen-Anhalt ist hingegen der Niedriglohnsektor das größere Übel. In Sachsen-Anhalt falle jedes vierte Beschäftigungsverhältnis darunter. Gerade das Gastgewerbe sei hier betroffen, "wo dann meist der Mindestlohn als Nonplusultra angesehen wird. Also oftmals der Lohn nicht höher liegt als die gesetzliche Haltelinie, die der Bundesgesetzgeber eingezogen hat."

Neues Twitch-Format zum Thema

Die Generation Z ist Jahre nach der Wende geboren – aber sie lebt nach wie vor mit den Konsequenzen der Teilung. Welche Relevanz haben diese Unterschiede für junge Menschen, die die DDR nicht erlebt haben? Wie blicken sie heute auf Ost und West? Welche Rolle spielen Vorurteile und Klischees? Ist die Mauer in den Köpfen noch ein Thema?

Was ist die Gen Z? Die Generation Z ist wie alle anderen Generationen nicht offiziell definiert. Mehrheitlich wird gesagt, dass Menschen dieser Generation zwischen 1995 und 2010 geboren sind. Es ist die erste Generation, die mit digitalen Medien aufgewachsen ist.

Ein neues Projekt des Mitteldeutschen Rundfunks möchte das Thema der Ost- und Westunterschiede und Klischees durch die Augen der jungen Generation betrachten. Als Auftakt des Projekts findet eine Online-Debatte auf dem ARD Twitch-Kanal statt. "Ostdeutschland – underrated oder overhated?" ist am 29. Mai 2024 ab 20:30 Uhr unter folgendem Link abrufbar: https://www.twitch.tv/ard. Die Diskussion wird später ein Bestandteil einer Doku-Serie zu diesem Thema für die ARD Mediathek.

MDR (Anna Wulffert, Anja Höhne)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. Mai 2024 | 05:30 Uhr

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