Schulklasse hört im Klassenraum Lehrerin zu.
Maximilian (vorn) mit seinen Mitschülern. Bildrechte: A. Hertel

Max aus Weimar im Auslands-Schuljahr (Teil 4/4) Ein Jahr Ukraine: Was macht das mit einem 15-Jährigen?

Neun Monate verbrachte der 15-jährige Maximilian aus Weimar in der Ukraine und ging dort zur Schule. Mit dem feierlichen letzten Schultag endet sein außergewöhnliches Auslandsjahr. Hier erzählt er, wie ihn diese Erfahrung verändert hat.

von Maximilian Hertel

Schulklasse hört im Klassenraum Lehrerin zu.
Maximilian (vorn) mit seinen Mitschülern. Bildrechte: A. Hertel

Das war es also. Meine neun Monate in der Ukraine sind nun wirklich um. Und ich kann es immer noch nicht so richtig glauben. Der letzte Schultag war auch noch einmal etwas ganz Besonderes! Schon als ich morgens ankam, spürte ich eine ganz spezielle Atmosphäre. Alle waren total aufgeregt und jeder machte etwas Anderes, bevor es losging. Manche Jungs richteten sich die Krawatten, die Mädchen trugen nochmal etwas Make-up auf und irgendwo hörte ich jemanden seine Rede vor sich hinmurmeln. Und dann ging es los.

Wie schon am ersten Schultag versammelten sich alle Schüler auf dem großen Platz vor dem Gebäude. Unsere Schülersprecher hielten einige Reden, bevor eine Gruppe von Eltern kleine Banner vor dem Hauptausgang aufspannte. Unter denen mussten dann alle Schüler hindurchlaufen, die die Schule nach diesem Jahr verlassen. Danach begann das eigentliche Fest.

Jugendliche laufen unter von Erwachsenen aufgespannten Bannern entlang.
Zum letzten Mal durchschreiten die Absolventen von Maximilians Schule den Schulausgang, traditionell begleitet durch ein Eltern-Spalier. Bildrechte: U. Hertel

Tanzen mit Schülern, Eltern und Rauchbomben

Zuerst wurde - natürlich - die Nationalhymne gesungen, danach die Schulhymne. Dann wurden zahlreiche Schüler für besondere schulische Erfolge ausgezeichnet, bevor die Absolventen ihr eigenes Programm starteten. Auf das hatten wir alle aufgeregt gewartet. Zuerst wurde gesungen, dann startete die erste Gruppe eine Tanzeinlage. Die endete damit, dass einige Eltern den ganzen Schulhof mit bunten Rauchbomben eindeckten. Stellen Sie sich das mal in Deutschland vor!

Mädchen in festlicher Kleidung tanzen synchron auf einem Schulhof.
Tanzeinlagen gehören zum festen Repertoire letzter Schultage in der Ukraine. Genau wie traditionelle Outfits, eine Hinterlassenschaft der Sowjetunion. Bildrechte: U. Hertel

Die Mädchen brillierten mit einer Balletteinlage und die Jungs versuchten sich im Hip-Hop-Tanzen. Zum Abschluss gab es auch einen großen Tanzkreis der Eltern, die danach Ballons in die Höhe steigen ließen. Dann endete es, wie es begonnen hatte: Die Eltern spannten noch einmal die Banner und nun liefen alle Schüler den Absolventen hinterher. Warum wir das machen, fragte ich meinen Freund Arsenij. "Wir sollen damit dem guten Beispiel der ‚Elfer’ folgen", sagte er.

Ein letzter Gruß an Mitschüler und Lehrer

Nun kam der schwerste Teil: Ich musste mich von meiner Klasse verabschieden. Dazu versammelten wir uns im Klassenraum. Meine Klassenlehrerin teilte die Zeugnisse aus und rief mich anschließend nach vorne, wo sie mir alles Gute für die Zukunft wünschte. Ich sei jetzt ein Teil der Klassenfamilie und solle unbedingt mal wieder vorbeischauen.

Ich stattete dann meiner Deutschlehrerin noch einen letzten Besuch ab. Zu ihr hatte ich ein ganz besonderes Verhältnis. Ich war in vielen Deutschstunden sozusagen der "Experte", den sie befragen konnte. Dank ihrer Begeisterung und ihrer unnachgiebigen Aufforderung an die Schüler, korrekt zu sprechen und zu schreiben, habe ich eine ganz neue Sicht auf meine Muttersprache bekommen. Sie schenkte mir eine kleine Kosaken-Figur, die mir ihrer Meinung nach ähnlich sieht.

Zurück in Deutschland, die Ukraine im Kopf

Zwei Jugendliche posieren mit Handzeichen für Kamera.
Maximilian (rechts) aus Weimar und sein neuer Kumpel Arsenij aus Tscherkassy. Bildrechte: U. Hertel

Es war ein  komisches Gefühl zu wissen: Das war also mein letzter Schultag und zwei Tage später fliege ich schon nach Hause. Hier, in Weimar, sitze ich nun und denke über die letzten neun Monate nach. Was ich auf jeden Fall sagen kann: Es war kein Fehler, in die Ukraine zu gehen! Ich kann es jedem nur empfehlen, einmal in seiner Schulzeit ins Ausland zu gehen, egal wohin.

Ich habe in der Ukraine nun viele neue Freunde und Bekannte. Ich habe in dieser Zeit aber auch viel über mich gelernt, über das Heimatland meines Vaters und über das Leben an sich: Dass man so dankbar sein sollte für das, was hier in Deutschland normal ist. Angefangen bei ebenen und schlaglochfreien Straßen bis hin zu einem Schulalltag, der hier nicht ansatzweise so stressig und vollgepackt ist wie in der Ukraine.

Erfahrung fürs Leben

Meine Freunde in Deutschland sagen, ich sei erwachsener geworden und hätte mich stark verändert. Meine Mutter sagt dazu gerne, ich sei als Junge losgefahren und komme jetzt als junger Mann zurück. Das stimmt sicher. Auf jeden Fall habe ich eine andere Kultur und Sprache kennengelernt.

Auch bin ich meinem Vater sehr viel näher gekommen, verstehe seine Wurzeln besser und konnte auch meine ukrainische Oma ein paar Mal besuchen. Ich muss an dieser Stelle auch mal meiner Mutter für diese Möglichkeit danken und dafür, dass sie es diese intensiven neun Monate mit mir Pubertier, wie sie mich manchmal liebevoll nennt, ausgehalten hat.

Über die Ukraine in die (Jugend-)Bundesliga

Außerdem hatte ich die Möglichkeit, in der Ukraine neben der Schule auf einem anderen Niveau als in Deutschland Fußball zu spielen. Denn bei allen Problemen der Ukraine: Bei meinem dortigen Fussballverein "Tscherkassy 80" hatten wir mehrere ordentliche Rasenplätze. Vier Mal pro Woche wurde trainiert, manchmal auch am Wochenende. Es gab Trainer, die selbst als Profis gespielt haben und eine strenge, aber auch individuelle Ansprache.

Jugendliche in Trikots stehen auf einem Fußballplatz. Im Hintergrund sozialistische Plattenbauten.
Unweit seines neuen Zuhauses in einer sozialistischen Wohnsiedlung in Tscherkassy trainierte Maximilian (hier als Bayern Münchens Gnabry) mehrmals die Woche Fußball. Bildrechte: A. Hertel

Ich habe mich unter ihnen so weit entwickelt, dass ich nach einem Probetraining in Deutschland in die Jugendmannschaft von Carl Zeiss Jena aufgenommen wurde. Kommende Saison spielen wir in der B-Junioren Bundesliga Nord/Nordost gegen die Nachwuchsteams von RB Leipzig, dem Hamburger SV und Werder Bremen. Ohne meine Zeit in der Ukraine hätte ich das wohl nie geschafft.

Ich hätte mir all das vor einem Jahr, als meine Mutter das geplant hat, nicht vorstellen können. Vieles aus dem vergangenen Jahr wird mir fehlen. Aber jetzt freue ich mich wieder auf mein Leben in Deutschland. Endlich habe ich meine ganze Familie wieder bei mir, mein Tag wird wieder flexibler und lockerer. Und ich kann endlich wieder ohne Probleme mit allen sprechen, einfach so, ohne nach Wörtern suchen zu müssen.

Maximilian Hertel wurde am 8. August 2003 in Weimar geboren und besuchte bis zum Sommer die achte Klasse am Gymnasium. Seine Mutter ist Dolmetscherin für Russisch und Polnisch und gab zuletzt Deutschkurse für Flüchtlinge. Sein Vater stammt aus Priluki in der Zentralukraine. Maximilians Halbbruder Alexander Hertel ist redaktioneller Mitarbeiter und Reporter für MDR "Heute im Osten" und hat diesen Text redaktionell betreut.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 23.11.2018 | 17:45 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 22. Februar 2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2019, 05:00 Uhr