Sankt Petersburg Neubau-Boom: Russlands Mittelschicht liebt Hochhäuser

Fotomontage Mann vor Fahne
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Russlands wachsende Mittelschicht träumt von Wohneigentum. In Metropolen wie Sankt Petersburg entstehen daher riesige Neubauviertel. Kritiker sehen darin die sozialen Brennpunkte von morgen.

Fußgänger auf einer Straße zwischen gelben Hochhäusern bei grauem Himmel.
Mehr als 20 Stockwerke hoch sind viele der Neubauten, die gerade in ganz Russland entstehen, um den Hunger der Russen nach Wohneigentum zu befriedigen. Etwa hier im Neubauviertel Parnas in der Millionenmetropole Sankt Petersburg. Bildrechte: Maxim Kireev

Wenn Julia Pankratowa über ihre neue Zweiraumwohnung am Stadtrand von Sankt Petersburg spricht, dann kommt ihr das Wort "Flucht" in den Sinn. "Wir sind hierher geflohen aus unserer alten maroden Wohnung im Stadtzentrum", sagt die 42-jährige Hausfrau. Seit ein paar Jahren lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem schmucklosen Wohnturm unweit des Autobahnrings der Fünf-Millionen-Metropole: 18 Stockwerke, ockerfarbene Klinkersteine, einheitlich verglaste Balkone.

Lebenstraum Eigentumswohnung

Das Viertel Parnas im äußersten Norden von Sankt Petersburg wurde in den vergangenen zehn Jahren aus dem Boden gestampft. Früher gab es hier nur Garagen und Industriebrachen. Heute besteht Parnas aus gut dreißig riesigen Wohnblöcken mit Platz für mehr als 100.000 Bewohner. Was anmutet wie eine Neuauflage der schlimmsten Bautraditionen aus der Sowjetzeit, ist der Lebenstraum für viele Russen der neuen Mittelschicht.

Zu der zählt auch die Familie von Julia Pankratowa. Ihr Mann gehört als Programmierer zu den Besserverdienern in Russland. Sein Gehalt möchte sie zwar nicht nennen, aber Löhne zwischen umgerechnet 1.500 und 2.000 Euro im Monat gelten in der Branche als üblich. Das Durchschnittsgehalt in Sankt Petersburg beträgt umgerechnet lediglich 700 Euro. Trotzdem, erzählt Julia Pankratowa, geht für den Wohnungskredit etwa ein Drittel des Familieneinkommens drauf. Umgerechnet fast 90.000 Euro kostet eine 60 Quadratmeter große Zweiraumwohnung im Neubauviertel Parnas.

Es ist besser einen Kredit abzuzahlen und später eine eigene Wohnung zu haben, als den Vermieter mit ähnlich großen Summen reich zu machen.

Julia Pankratowa

Zudem hätten Mieter in Russland weniger Rechte: "Du weißt nie wann du gebeten wirst, die Wohnung zu räumen." Der Mietmarkt ist daher begrenzt. Rund 90 Prozent der Russen wohnen in einer Eigentumswohnung oder einem Haus, in Deutschland sind es lediglich 51,3 Prozent der Menschen.

Mond scheint über Sankt Petersburg
Bei entsprechender Beleuchtung können die tristen Wohntürme von St. Petersburg auch ganz romantisch wirken. Das Hochhaus des Lakhta Centers im Hintergrund sorgt sogar für einen Hauch Manhattan. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Bauboom in Metropolen

Trotzdem ist die Nachfrage nach Neubauten enorm. Denn viele Bestandswohnungen sind klein und die Häuser in einem miserablen Zustand. Und so wachsen derzeit unzählige neue Wohnviertel rund um die Millionenstädte des Landes. Allein in Sankt Petersburg sind in den letzten Jahren mehr als zehn Großwohnsiedlungen mit Platz für jeweils mehrere Zehntausend Menschen entstanden. Noch größer ist der Boom in Moskau, aber auch in anderen Millionenstädten drehen sich die Baukräne unermüdlich.

Allein im Jahr 2018 wurden in Russland nach Angaben des staatlichen Statistikamtes mehr als eine Million neue Wohnungen gebaut. In Deutschland waren es etwa 250.000. Jedoch sind die Neubauten in Russland nur schwer mit den hiesigen vergleichbar. Während jedem Deutschen im Schnitt mehr als 40 Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung stehen, sind es in Russland nur 25 Quadratmeter.

Außerdem entfällt mehr als die Hälfte der neuen Wohnungen auf Hochhäuser. In Moskau hat ein Neubau im Schnitt 20 Stockwerke, in Sankt Petersburg 17. In den autobahnnahen Neubauvierteln wie Parnas sind 22 Stockwerke die Norm. Viele der typisch russischen Plattenbauviertel, die in der Sowjetunion entstanden sind, wirken verglichen mit den neuen Wohnanlagen fast beschaulich klein. 

Fußgänger vor Baustellenabsperrung. Im Hintergrund gelbe Hochhäuser bei grauem Himmel.
Überall in Sankt Petersburg wird gebaut. Auch das Neubauviertel Parnas mit seinen mehr als 100.000 Einwohnern wächst ständig weiter. Bildrechte: Maxim Kireev

Problemviertel von morgen?

Unter Stadtplanern gibt es daher auch kritische Stimmen. Sie sehen in den neuen Stadtvierteln die sozialen Brennpunkte von morgen. Die Viertel seien reine Schlafstädte für Pendler und es fehle oft an sozialer Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäusern, so die Kritik. Und weil sich das Straßennetz und der öffentliche Nahverkehr langsamer entwickeln als die Viertel, nehmen die Staus im Berufsverkehr massiv zu. Sollten die neuen Mittelschichtbewohner die Viertel daher irgendwann doch wieder verlassen, könnten sie zu sozialen Brennpunkten werden, ähnlich westeuropäischer Großwohnsiedlungen aus der Nachkriegszeit.

Ljubow Tschernyschowa von der Europäischen Universität in Sankt-Petersburg teilt diese Einschätzung jedoch nicht: "Russische Städte funktionieren einfach anders als die in Westeuropa", sagt die Soziologin, die das Viertel Parnas erforscht.

Die meisten hier sind Eigentümer ihrer Wohnung. Sie haben genug Einkommen, um eine Hypothek von der Bank zu kriegen und haben in der Regel einen festen Job. Mit sozialen Ghettos hat das nur wenig zu tun.

Soziologin Ljubow Tschernyschowa

Sicherheit und Komfort

Ähnlich sieht es auch die Parnas-Bewohnerin Julia Pankratowa. "Unsere Wohngegend wird von manchen abwertend als Ghetto bezeichnet. Ich habe das jedoch von keinem gehört, der hier selber lebt", sagt die Petersburgerin. Im Erdgeschoss ihres Wohnblocks zeigt sich das auch. Hier haben Sushi-Läden, Bäckereien und Supermärkte der gehobenen Preiskategorie eröffnet. Das Geschäft läuft.

Gleichzeitig würde Parnas die Sicherheit eines Vororts ausstrahlen, sagt Julia Pankratowa: "Ich fühle mich absolut sicher, wenn ich um Mitternacht mit den Kindern von der U-Bahn nach Hause gehe. Wir sind hier auch mit vielen Anwohnern in Chats und Gruppen im Internet vernetzt und helfen uns gegenseitig." Ein Problem seien eigentlich nur die wenigen Grünanlagen und Schulen. Julia Pankratowas Kinder besuchen daher Schulen im Nachbarviertel, einer Großwohnsiedlung aus Sowjetzeiten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Januar 2020 | 07:05 Uhr

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