Polen Polizeiaktion gegen Menschenrechtsaktivistin

In Polen schlagen die Wogen hoch, nachdem die Polizei eine Menschenrechtlerin in ihrer Wohnung festgenommen hat. Die Frau hatte ein Heiligenbild mit einem LGBT-Regenbogen verziert. Die dadurch entfachte Debatte fällt mitten in den polnischen Wahlkampf.

von Monika Sieradzka

Regelmäßig stellt die polnische Polizei TV-Sendern Videos bereit, die ihre Einsätze gegen Drogendealer, Waffenhändler und organisierte Kriminelle zeigen. Zu sehen ist darin, wie Spezialeinheiten Türen aufbrechen, Verdächtige überwältigen und Beweise beschlagnahmen. So auch vergangene Woche.

Nur eines war diesmal anders. Denn festgenommen wurde bei dem gefilmten Einsatz eine 51-jährige Menschenrechtsaktivistin aus der Kreisstadt Płock nördlich von Warschau. Elżbieta Podleśna wird die "Verletzung religiöser Gefühle" vorgeworfen. Denn sie hatte die berühmte "Schwarze Madonna", ein Bildnis der Jungfrau Maria, mit dem Regenbogen-Heiligenschein verziert.

Eine Grafik von einer Frau vor einem Regenbogen.
Ein Porträt vom Facebook-Profil von Elżbieta Podleśna. Bildrechte: Facebook/Elzbieta Podlesna

Protest gegen katholische Kirche

Das Motiv hatte Podleśna in verschiedenen Varianten auf Plakate gedruckt und diese kurz nach Ostern in ihrer Heimatstadt Płock verteilt. Darauf zu sehen waren unter dem Regenbogenbildnis Begriffe wie "Gender" und "LGBT". Die Orte waren nicht zufällig gewählt. Die Plakate hingen an mobilen Toilettenkabinen und Mülleimern in der Nähe einer Kirche.

Diese Kirche hatte kurz zuvor für Kritik gesorgt. Denn zu den Osterfeierlichkeiten standen neben dem traditionellen Ostergrab Kartons, auf denen vermeintliche Sünden aufgelistet waren: Neben "Verrat", "Gier" und "Verachtung" waren dort auch "Gender" und "LGBT" aufgeführt.

Mit dem Regenbogen als Heiligenschein wollte Aktivistin Elżbieta Podleśna dagegen protestieren, dass die polnische Kirche immer wieder Menschen aufgrund ihrer Sexualität anprangert und ausgrenzt. Dafür wählte die 51-Jährige ein Bild, das als polnische Nationalikone gilt. Die "Schwarze Madonna" hängt im Kloster in Tschenstochau, einem der wichtigsten Wahlfahrtsorte polnischer Katholiken, dass jedes Jahr von Millionen Menschen besucht wird.

Prtestierende halten Plakate hoch, auf denen die Jngfrau Maria mit einem Regenbogen-Heiligenschein zu sehen ist.
Sorgt für Diskussionsstoff in Polen: eine mit einem Regenbogen verzierte Madonna. Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Eine "musterhafte" Polizeiaktion

Diese Plakataktion reichte den Behörden, um Podleśnas Wohnung zu durchsuchen und sie mehrere Stunden zu verhören. Dabei habe sie sich "wie eine Kriminelle" gefühlt, sagte die Aktivistin in einem Zeitungsinterview. So habe die Polizei Geruchsproben und Fingerabdrücke genommen. Außerdem sei sie aufgefordert worden, ihre Strumpfhose auszuziehen, was sie aber verweigert habe.

Die Polizei bekam unterdessen für ihr Vorgehen Lob von höchster Stelle. Polens Innenminister Joachim Brudzińsk dankte den Beamten auf Twitter und sprach von einer "Entweihung des für die Polen seit Jahrhunderten als heilig geltenden Madonna-Bildes". Podleśna droht nun eine Verurteilung wegen "öffentlicher Beleidigung der religiösen Gefühle oder Schändung eines Kultgegenstandes". Das kann nach polnischem Strafgesetz mit einer Geldstrafe oder bis zu zwei Jahren Gefängnis geahndet werden.

Eine engagierte Aktivistin

Elżbieta Podleśna ist keine Unbekannte in Polen. Sie nahm in den vergangen Jahren aktiv an den sogenannten Frauenprotesten teil und ist auch mit der Oppositionsgruppe "Bürger der Republik Polen" (Obywatele RP) verbunden. Um auf Parallelen im autoritären Stil der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) und der früheren Kommunistischen Partei hinzuweisen, sprühte sie im vergangenen Jahr deren Kürzel an das Fenster eines PiS-Abgeordneten.

Proteste der Opposition

In Warschau protestierten Hunderte Menschen gegen die Festnahme von Podleśna. "Es geht um mehr als die Unterstützung einer Aktivistin: Die katholische Kirche in Polen ist allmächtig, sie ist ein Staat im Staate und unterliegt keinen Regeln", sagte ein junger Mann einem polnischen TV-Sender. Die Festnahme von Elżbieta Podleśna sei die Konsequenz dieser Allmacht der Kirche. 

Auf offiziellen Gebäuden wie dem Sitz der national-konservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), dem Justizministerium und der Staatsanwaltschaft tauchten kurz nach der umstrittenen Polizeiaktion Bilder mit der Regenbogen-Madonna auf. Außerdem wurden Flyer verteilt, auf denen PiS-Chef Jarosław Kaczyński vor einem Regenbogen-Hintergrund zu sehen ist.    

Die Suche nach Feindbildern

Jaroslaw Kaczynski im Sejm.
PiS-Chef Jarosław Kaczyński sieht die LGBT-Bewegung als Gefahr für Polen. Bildrechte: imago/newspix

Der Streit um die Regenbogen-Madonna fällt mitten in ein wichtiges Wahljahr. Neben den EU-Wahlen Ende Mai stehen im Herbst Parlamentswahlen in Polen an. PiS-Chef Kaczyński setzt dabei starke Akzente auf die Themen Kirche, Familie und Tradition. Dagegen seien die LGBT-Bewegung und die "Sexualisierung" von Jugendlichen Gefahren für die polnische Identität, meint Kaczyński.

So wetterte er gegen die sogenannte LGBT-Charta des liberalen Warschauer Bürgermeisters Rafał Trzaskowski. Diese ruft zu Toleranz gegenüber Homosexuellen sowie einer Sexualerziehung in Schulen auf. Laut Kaczyński sei das ein "Angriff auf Familie und Kinder". Außerdem seien für den PiS-Chef die "polnische Moral" und katholische Wertvorstellungen dasselbe. Kaczyński sehe daher "Attacken auf die Kirche als Attacken auf ganz Polen" an. Und daher schlägt er im Fall der "Schwarzen Madonna" nun mit Festnahmen und Anklagen zurück.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 29.06.2018 | 17:45 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 14. Mai 2019, 15:17 Uhr