Kommentar Serbien: Aufstand der Ärzte

Fotomontage Mann vor Fahne
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Serbische Ärzte werfen der Regierung Serbiens ein völliges Versagen beim Umgang mit der Corona-Pandemie vor. Präsident Aleksandar Vučić reagiert mit Hohn. Ein Kommentar unseres Ostbloggers Andrej Ivanji.

Andrej Ivanji
Andrej Ivanji, Ostblogger in Serbien Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Serbien darf es nur eine Wahrheit geben: die des Staatspräsident Aleksandar Vučić. Und in seiner Darstellung der Wirklichkeit ist Serbien der Weltmeister im Meistern der Coronavirus- Krise. Nun haben innerhalb von nur zwei Tagen mehr als 1000 Ärzte eine Petition mit dem Namen "Vereint gegen Covid" unterzeichnet. Das gleicht einem Aufstand.

Krisenstab soll zurücktreten

In der Petition steht, dass die Rücknahme der Maßnahmen gegen die Pandemie vor den Parlaments- und Kommunalwahlen am 21. Juni – Kundgebungen, Fußballspiele, Turniere, Festlichkeiten – zum Verlust der Kontrolle über die epidemiologische Lage geführt habe und nicht mit sachlichen Argumenten erklärt werden könne.

Widersprüchliche Erklärungen und zur Zahl der Erkrankten und Verstorbenen hätten das Gesundheitssystem erschüttert, dem sowohl Bürger, als auch Mediziner nicht länger vertrauten, steht weiter in der Petition. Deshalb wolle man sich "scharf von dem Covid 19-Krisenstab der Republik distanzieren" und fordere seinen Rücktritt. Der "Einschüchterung" von Ärzten und der "Politisierung" des Gesundheitswesens müsse ein Ende gesetzt werden.

Was war passiert? In den letzten Wochen war die Zahl der Ansteckungen in Serbien mit dem Coronavirus dramatisch gestiegen.
In ihrem offenen Brief werfen die Ärzte der Regierung von Präsident Aleksandar Vučić vor, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu abrupt und vorschnell gelockert zu haben. Im Ausnahmezustand, den Vučić Mitte März verhängt hatte, hatten strikte Ausgangssperren gegolten. Mit deren Aufhebung Anfang Mai war jedoch plötzlich alles wieder erlaubt, bis zu Fußballspielen vor 18 000 Zuschauern und Partys in Nachtclubs. Am 21. Juni fanden außerdem Parlamentswahlen statt, die die SNS-Partei von Vučić haushoch gewann und denen Wahlkampfveranstaltungen vorausgegangen waren.

Gegenangriff des Regimes

Der offene Brief der Ärzte glich einer Majestätsbeleidigung. Präsident Vučić und seine Mitläufer reagierten böse, höhnisch und herablassend.

Serbiens Präsident Aleksandar Vucic
Serbiens Präsident Aleksandar Vučić nimmt den Protest der Ärzte nicht ernst. Bildrechte: imago images/Pixsell

Den Kampf der Regierung und des Krisenstabs gegen das Coronavirus kritisierten jene, die in Krankenhäusern lediglich "das Linoleum in den Fahrstühlen gewechselt haben", während er mehr in das Gesundheitswesen investiert hätte, als in den letzten 75 Jahren, erklärte Vučić. "Ich werde nicht zulassen, dass der Angriff auf die Besten unter uns ohne Antwort bleibt", setzte Vučić fort, denn so manche hätten "das Ziel, alles in Serbien zu zerstören".

"Aleksandar Vučić ist der Schlimmste der Welt – kein Problem. Aber lasst diese Ärzte, diese wundervollen Menschen in Ruhe", sagte Vučić gegenüber dem Staatsfernsehen. Er meinte die Ärzte im Krisenstab. Im ähnlicher Weise sprachen serbische Minister von einem politischen Komplott. Medien verbreiteten, dass die Opposition und die "Feinde Serbiens" die rebellierenden Ärzte bezahlt hätten, und dass in Serbien rund 33.000 "wundervolle" Ärzte arbeiteten.

Drastische Verschlechterung der Lage

Einer der Ärzte, die in den Augen des Präsidenten weniger „wundervoll“ sein dürften, ist Professor an der medizinischen Fakultät in Belgrad Slobodan Savic sagte: "Hätten 1000 Studenten eine Petition gegen mich unterzeichnet, würde es mich nachdenklich machen, ob ich etwas falsch gemacht habe."

Polizisten stoßen mit Demonstranten zusammen, die sich vor dem Parlament versammeln.
Proteste Anfang Juli in Belgrad. Der Frust über die Regierung wächst - auch unter Ärzten. Bildrechte: dpa

Fachärzte, die den Krisenstab kritisiert haben, wehrten beleidigt oder achselzuckend jegliche Vorwürfe des Regimes ab, denn sie hätten wegen der rasanten Verschlechterung der epidemiologischen Lage lediglich aufgrund ihres Gewissens gehandelt.

Und die ist offensichtlich. Drastische Maßnahmen im März und April führten Ende Mai zu einer deutlichen Verringerung der Neu-Infizierten und Toten, die nach den Wahlen wieder beschwingt stieg. Täglich werden in Serbien nun offiziell über 400 Neuangesteckte und um die zehn Verstorbene gemeldet. Unabhängige Medien berichten, dass die tatsächlichen Zahlen wesentlich höher seien. Dass Krankenhäuser voll sind, und sich vor den Covid-Ambulanzen riesige Schlangen bilden, kann man mit eigenen Augen sehen. Die EU empfahl Mitgliedsstaaten, serbische Staatsbürger nicht frei einreisen zu lassen.

Die Angst schwindet

Seit Vučić vor acht Jahren die Macht ergriff, bemühte er sich, und zwar mit großem Erfolg, jeglichen politischen Widerstand zu brechen, jede kritische Stimme stumm zu schalten. Gegen Andersdenkende wurden und werden systematische Hexenjagden organisiert, Angestellte in staatlichen Institutionen, auch im Gesundheitswesen, heftigem politischem Druck ausgesetzt.

Auch bisher kritisierten Ärzte die epidemiologische Lage, aber sie wollten nicht genannt werden, weil sie die Unannehmlichkeiten nicht in Kauf nehmen wollten.

Die Angst vor der Krankheit hat nun offensichtlich die Angst vor politischer Vergeltung verdrängt. Mehr als 1000 Ärzte setzten ihre Unterschrift unter ein Schreiben, das direkt die Staatsspitze kritisiert. In der serbischen Autokratie gleicht das einem Aufstand, weil es die Autorität von Präsident Vučić in Frage stellt. Denn was wäre, wenn Polizisten, Staatsanwälte oder Richter dem Beispiel der Ärzte folgten?

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL TV | 19. Juni 2020 | 17:45 Uhr