Corona in Schlachtbetrieben Polen: Selber schlachten gegen Corona

In Polen bringen auch kleine landwirtschaftliche Betriebe ihr Vieh zur professionellen Schlachtung in größere Schlachthöfe. Das ist bislang Gesetz. Doch wegen der Corona-Gefahr soll auf den Höfen selbst geschlachtet werden. Eigentlich müssen Schlachter eine dreimonatige theoretische und praktitsche Ausbildung durchlaufen haben. Das polnische Agrarministerium will diese Praxis nun auf die theoretische Ausbildung beschränken und die Bauern selbst schlachten lassen. Es regt sich Protest.

Ein Schwein in einem Stall schaut nach draußen.
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In vielen deutschen Schlachthöfen herrschen erschreckende Zustände. Das ist schon lange bekannt. Das Problem: In den großen Schlachthöfen schuften vor allem Arbeitskräften aus Osteuropa, die wenig verdienen und in engen und muffigen Unterkünften zusammmengepfercht sind. Viele der Arbeiter sind am Corona-Virus erkrankt.

In Polen ist die Situation eine gänzlich andere. Das Problem, das in Deutschland derzeit für so viel Aufregung sorgt, stellt sich in unserem Nachbarland so nicht. Doch im Zuge der Corona-Krise sah sich das Warschauer Landwirtschaftsministerium kürzlich doch zum Handeln veranlasst. Um die Corona-Pandemie zu bekämpfen setzt Polen fortan darauf, dass Bauern ihr Vieh nicht in Schlachthöfen schlachten lassen, sondern es selbst zerlegen.

Bauern dürfen selbst schlachten

In Polen bringen die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe ihr Vieh für gewöhnlich zur professionellen Schlachtung in die größeren Schlachthöfe der Umgebung. So sah es das Gesetz bislang vor. Die Schlachter vor Ort müssen eine theoretische Ausbildung sowie eine dreimonatige Lehrzeit in einem Schlachthof durchlaufen haben. Das polnische Landwirtschaftsministerium hat diese Praxis nun auf die theoretische Ausbildung beschränkt und dafür gesorgt, dass Bauern vermehrt selbst schlachten dürfen.

Kleine Bauern werden von Verordnung befreit

Zu diesem Zweck erließ das Warschauer Landwirtschaftsministerium unlängst eine "Verordnung" über die Qualifikation von Personen, die zur berufsmäßigen Schlachtung berechtigt sind. Personen, die die Tötung und damit zusammenhängende Tätigkeiten in landwirtschaftlichen Schlachthöfen durchführen, werden "von der Verpflichtung befreit, sich einer 3-monatigen Praxis im Schlachthof zu unterziehen". Zur Begründung wird die Coronavirus-Pandemie angegeben. Die Gesetzesnovelle würde so das Überleben vieler kleiner Betriebe sichern.

Schlachtung für Endverbraucher auf eigenem Hof

Zunächst hat das Landwirtschaftsministerium die Möglichkeit eingeführt, landwirtschaftliche Nutztiere auf dem eigenen Hof für den Eigenverbrauch zu schlachten. Dies hat dazu beigetragen, die Taschen der Landwirte zu entlasten, die ihre eigenen Tiere zu geringen Kosten in Schlachthöfen schlachten lassen mussten. In diesem Jahr wurde außerdem die Möglichkeit der sogenannten "landwirtschaftlichen Schlachthöfe" eingeführt, die es dem Landwirt erlauben, Tiere auf seinem Bauernhof zu schlachten, um Fleisch an die Verbraucher zu verkaufen.

Aufschrei von Tierschützern

Das Landwirtschaftsministerium schätzt, dass etwa 10.000 landwirtschaftliche Betriebe von der neuen "Verordnung" profitieren und künftig selbst schlachten würden. Polnische Tierschützer aber schlagen Alarm. "Das Projekt ist Teil eines noch nie da gewesenen Trends zur Verschlechterung des Schutzes von Nutztieren in Polen", sagte Cezary Wyszyński von der polnischen Tierschutzorganisation "Viva!" in einem Zeitungsinterview mit der "Rzeczpospolita". Die Regierung wolle unter dem Deckmantel der Bekämpfung einer Pandemie die umstrittenen Regelungen einführen. Die Ausbildungsanforderungen an normale Schlachtbetriebe seien bereits sehr gering. "Das Töten eines Tieres ist eine sensible Tätigkeit, die, wenn sie unprofessionell ausgeführt wird, unvorstellbare Leiden verursacht", sagt Wyszyński. Dies könne jedoch nur in Anwesenheit eines Tierarztes geschehen. Dessen Anwesenheit ist nach der neuen "Verordnung" beim Hausschlachten aber nicht mehr vorgeschrieben.

(adg, sl)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 19. Juni 2020 | 19:30 Uhr