Auf einem Zettel zwischen zahllosen Kerzen steht "Vergib uns Alexandra" in Andenken an zwei junge Mädchen, die  offenbar von einem Mann in der südrumänischen Stadt Caracal vergewaltigt und getötet worden sind
In vielen rumänischen Städten war Ende Juli mit Kerzen der getöteten Schülerin gedacht worden. Bildrechte: dpa

Rumänien Mord an Schülerin - Behördenversagen auf ganzer Linie

Ende Juli sorgte der Mord an einem 15-jährigen Mädchen in Rumänien für Schlagzeilen und Proteste. Der rumänische Innenminister trat zurück. Jetzt gibt es einen Bericht über die Pannen der Ermittlungsbehörden.

Auf einem Zettel zwischen zahllosen Kerzen steht "Vergib uns Alexandra" in Andenken an zwei junge Mädchen, die  offenbar von einem Mann in der südrumänischen Stadt Caracal vergewaltigt und getötet worden sind
In vielen rumänischen Städten war Ende Juli mit Kerzen der getöteten Schülerin gedacht worden. Bildrechte: dpa

Im Mordfall eines verschwundenen Mädchens im südrumänischen Kreis Olt verdichten sich die Hinweise auf ein umfassendes Behördenversagen.

Mitschriften über Notrufe

Dem 15-jährigen Mädchen, das Ende Juli beim Trampen verschwunden war, war es einem Tag nach seiner Entführung gelungen, sich dreimal per Notruf zu melden - über ein Handy des Entführers, das sie am Tatort gefunden hatte. Sie gab dabei der Polizei Hinweise, wo sie gefangen gehalten wird. Trotzdem half ihr lange Zeit niemand. Eine konkrete Anschrift hatte sie nicht nennen können.

Die Mitschriften der Notrufe zeigen deutlich, dass die Behördenvertreter das hörbar verzweifelte Mädchen zunächst nicht ernst nahmen. So hatte einer der Dispatcher die Jugendliche ironisch gefragt, wie man sie denn finde solle, wenn sie keinen konkreten Anhaltspunkt nennen könne. Als das schluchzende Mädchen in einem dritten Anruf wissen wollte, ob die Beamten schon auf dem Weg seien, bekam sie zynisch zu hören, dass man schließlich nicht fliegen könne, sie solle sich von ihrem Ort nicht wegbewegen. Auf die Frage, ob sie in der Leitung bleiben dürfe, weil sie sich ängstige, antwortete ihr ein Polizist, er könne nicht länger mit ihr telefonieren, es gebe schließlich auch andere Notrufe.

Bericht bestätigt Behördenversagen

Die Ermittler stürmten erst rund 19 Stunden später den Tatort, als das Mädchen längst ermordet war. In dieser Woche veröffentlichte die rumänische Presse einen Bericht der Generalstaatsanwaltschaft, aus dem hervorgeht, wie pannenhaft die Ermittler bei ihrer Fahndung vorgegangen waren.

So hatte die örtliche Polizei zunächst gezögert, die zuständige Staatsanwaltschaft einzuschalten. Wertvolle Ermittlungszeit sei damit verschwendet worden. Auch hätten sich die Ermittler darauf verständigt, das Haus des Tatverdächtigen erst im Morgengrauen zu stürmen, weil sie keine Gefahr in Verzug sahen. So warteten die lokalen Polizisten in der Nacht geduldig vor dem Haus des mutmaßlichen Entführers, bis sie eingriffen. Der 66-jährige Tatverdächtige gestand nach seiner Festnahme, das Mädchen verschleppt und getötet zu haben.

Medienkritik an Polizei

Bis heute ist die Kritik am fehlerhaften Vorgehen der Ermittlungsbehörden nicht abgeebbt. So kritisiert die Wochenzeitung "Revista 22" in ihrer jüngsten Ausgabe die Polizei dafür, dass sie in alten Denkstrukturen verharrten, arrogant und grob inkompetent seien sowie mangelnde Fürsorge gegenüber den Bürgern zeigten. Ähnliche Vorwürfe gibt es von zahlreichen anderen Medien im Land.

Nach Bekanntwerden der pannenhaften Fahndung waren der Chef der Landespolizei und der Innenminister zurückgetreten. Veränderungen in der rumänischen Polizei seien damit aber noch nicht auf den Weg gebracht, kritisieren rumänische Medien.

Wenn junge Mädchen verschwinden

Auch die Eltern des getöteten Mädchens werfen den Behörden Versagen vor. So bekam der Vater bei seiner Vermisstenanzeige von Polizisten zu hören, dass seine jugendliche Tochter vermutlich 'mit irgendeinem Typen durchgebrannt' sei.

Die Zahl der vermissten Kinder in Rumänien liegt hoch. Allein im vorigen Jahr blieben 400 Fälle ungelöst. Auch heranwachsenden Mädchen verschwinden immer wieder. Sie werden gerade in kleinen Ortschaften von lokalen Banden erpresst, sich als Prostituierte zu verdingen oder systematisch von sogenannten Loverboys verführt – jungen Männern, die vorgeben, die Mädchen zu lieben, sie dann aber zur Zuhälterei zwingen.

Junge Frauen von Frauenrechtsorganisationen halten Zettel mit der Aufschrift «Polizei mordet» und «Stop Gewalt gegen Frauen» in Andenken an zwei junge Mädchen, die offenbar von einem Mann in der südrumänischen Stadt Caracal vergewaltigt und getötet worden sind
Nach dem Mord an dem jungen Mädchen hatte es Ende Juli Proteste gegeben: Auf den Zetteln der Demonstrantinnen steht "Polizei mordet" und "Stoppt Gewalt gegen Frauen". Bildrechte: dpa

Geständnis des Tatverdächtigen

In den Mitschriften der Notrufe ist zu hören, wie das verängstigte entführte Mädchen sagt: "Er kommt, er kommt." Der mutmaßliche Täter gestand später bei der Polizei, sein Opfer gleich nach den Anrufen getötet und seine Leichenteile in einem Fass mit Batteriesäure aufgelöst zu haben. DNA-Spuren des Mädchens fanden die Ermittler auf dem Hof des Rentners. Er wird zudem verdächtigt, vor vier Monaten ein anderes Mädchen vergewaltigt und getötet zu haben. Die Polizei war ihm damals nicht auf die Spur gekommen. Stattdessen hatten die Eltern von den Beamten zu hören bekommen, dass ihre Tochter wohl mit dem Traumprinzen ausgebüxt sei.

(amue/G4media/Revista 22/digi24)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. August 2019 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. August 2019, 05:00 Uhr