Nostalgie am Marktplatz Zerbster Kaufhaus am Markt feiert 45. Geburtstag
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16. August 2024, 16:29 Uhr
Schaut man auf Karstadt oder Galeria Kaufhof, sind große Kaufhäuser am Aussterben. Nicht so in Zerbst: Dort feiert das Kaufhaus am Markt am Freitag sein 45-jähriges Bestehen. Viele Verkäuferinnen sind schon seit Jahrzehnten dabei und haben entsprechend viel zu erzählen.
- Das Kaufhaus am Markt in Zerbst wird 45.
- Viele Verkäuferinnen haben jahrzehntelang dort gearbeitet.
- Mit dem Charme einer DDR-Sporthalle hofft das Kaufhaus auf neue Kundschaft.
Stolz sind die Mitarbeiterinnen auf ihr Warenhaus. Die großen Schaufenster sind extra für das Jubiläum umgestaltet worden, mit Mode aus vier Jahrzehnten. "Sogar einige Dekostücke im Depot stammen noch aus der Gründungszeit", sagt Annemarie Heidecker aus der Personalabteilung. Im Eingangsbereich hängen viele historische Fotos. Für die Kundinnen ist der rote Teppich ausgerollt. "Wir feiern unseren Geburtstag mit einem Sektempfang und danach gibt es eine Modenschau von unseren Verkäuferinnen".
Kaufhaus Zerbst: Alles auf einer Etage
Hella Schrader ist eine, die hat im Kaufhaus am Markt ihre Ausbildung gemacht. Und sie ist heute noch Verkäuferin im Haus. "Am 1.9.1986 habe ich hier angefangen, in der Schuhabteilung und bin dann durch alle Abteilungen durchgelaufen: Parfüm, Damen- und Herrenkonfektion und auch die junge Mode", berichtet sie.
"Und alles auf einer Etage. Wenn Ware gekommen ist, standen die Kunden jeder Abteilung bis auf die Straße. Zur Jugendweihezeit und Weihnachten haben wir die Kunden nur stoßweise reingelassen", erinnert sich Hella Schrader.
Weihnachtsfeier wegen geklautem Mantel abgesagt
Sogar bei der Eröffnung dabei vor 45 Jahren war Helga Röder. Mittlerweile ist sie längst in Rente, schaut aber noch immer in ihrem Kaufhaus vorbei. Sie erinnert sich vor allem daran, dass die Verkäuferinnen damals nicht nur beraten, sondern auch geputzt haben. "Wenn mal ein Kleiderbügel in der Umkleide hing, den wir nicht weggeräumt haben, haben wir stramm gestanden, so streng war unsere Chefin damals. Als im Winter mal ein wertvoller Mantel geklaut worden ist, hat sie zur Strafe die Weihnachtsfeier ausfallen lassen", erzählt Helga Röder schmunzelnd.
Verkäuferin erinnert sich: Maximal drei Schlüpfer pro Kundin
Allein, selten zu zweit hätten sie auch stets die Tageseinnahmen in einem selbstgenähten Säckchen zur Bank gebracht: "Das waren gerade in der Weihnachtszeit gerne mal 100.000 Mark". Vergessen kann Helga Röder auch nicht, wie knapp manchmal die Ware war. "Wenn wir Lieferung bekommen haben, etwa Unterwäsche für Damen und wir durften nur drei Schlüpfer pro Kundin rausgeben. Da war mal eine Mutti da und sagte, sie hätte drei Mädchen. Da konnte ich nichts machen".
Gefallen hat es ihr auch im "HOB" und "DOB" – also in den Abteilungen Herrenoberbekleidung und Damenoberbekleidung. "Denn wir haben die Kunden noch beraten, wir hatten ein Auge, was jemand steht und was nicht", sagt sie. Bis zu 30 Verkäuferinnen gab es damals auf der einen Fläche.
Hoffnung auf neue Stammkunden in Zerbst
Das Warenhaus am Markt in Zerbst hat die DDR-Zeit, die politische Wende und auch die zeitweilige Schließung in Corona-Zeiten überstanden. Noch immer befinden sich alle Abteilungen auf einer Fläche. Noch immer hat das Warenhaus von außen den Charme einer DDR-Sporthalle. "Manche finden es hässlich, gerade von der Seite der Bundesstraße 184 aus", sagt Hella Schrader, "aber viele Kunden kommen auch rein und sagen, das ist doch unser nostalgisches Warenhaus."
[...] viele Kunden kommen auch rein und sagen, das ist doch unser nostalgisches Warenhaus.
Leicht ist es heutzutage nicht, das Warenhaus am Leben zu erhalten, sagt Annemarie Heidecker: "Der Trend online einzukaufen hält an." – "Aber bei uns erhalten die Kundinnen Beratung, sie können die Stoffe fühlen und riechen und die Sachen anprobieren" ergänzt Hella Schrader. Mit dem Geburtstag – so hoffen die drei Kolleginnen – kann das Kaufhaus am Markt auch wieder neue Stammkunden gewinnen.
MDR (Susanne Reh, Oliver Leiste)
Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. August 2024 | 10:40 Uhr
Lok vor 32 Wochen
Jedes Mal, wenn ich da vorbei komme, muss ich schmunzeln, ob des DDR-Charmes des Gebäudes. Ehrlicherweise habe ich das Kaufhaus deshalb bisher stets als vermutlichen Ramsch-Laden abgetan, im Schatten vom benachbarten Kaufland.
Danke für den Artikel, nun werde ich beim nächsten Stop in Zerbst dort mal reinschnuppern.
burkhard_geyer vor 32 Wochen
"Verkäuferin erinnert sich: Maximal drei Schlüpfer pro Kundin"
Wie war das mit der Rationierung von Sonnenblumenöl, Toilettenpapier, Mehl und Zucker vor nicht allzu langer Zeit. Aber immer schön über die Deutsche Demokratische Republik herziehen.
pwsksk vor 32 Wochen
@bg, das ist so gewollt.