Podcast "Digital leben" Online-Handel: Digital-Experten aus Sachsen-Anhalt kritisieren bräsige Innenstädte

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Lebensmittel, Tierfutter, Batterien oder Kleidung – eines haben die vergangenen anderthalb Jahre gezeigt: Online lässt sich alles bestellen. Deshalb befürchten die Einzelhändler, dass die Deutschen nach Corona weniger in Geschäften einkaufen wollen. Bis zu 80.000 Geschäfte könnten in den kommenden Jahren schließen. Ist das der Todesstoß für die deutschen Innenstädte?

Passanten gehen mit Papiertüten in den Händen durch die Innenstadt.
An der Lage vieler Innenstädte sei deren schlechte Verwaltung schuld, sagten Digital-Experten – und nicht der Online-Handel. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Sie klingt erst einmal plausibel: Eine Paketabgabe, die den deutschen Innenstädten und dem Einzelhandel helfen soll. Das hatten im vergangenen Dezember Unions-Bundestagsabgeordnete vorgeschlagen (PDF). Die Abgabe sollte sich nach Höhe des Bestellwertes richten und von den Online-Händlern ans Finanzamt überwiesen werden. Diese Einnahmen sollten zu einem "Innenstadtfonds" beitragen, mit dessen Geldern lebendige Innenstädten entwickeln werden sollen. SPD-Politiker, Städte- und Gemeindebund hatten die Idee begrüßt, FDP-Politiker lehnten sie ab.

Ist der Online-Handel Schuld an der Krise der Innenstädte? Was sind spannende Ideen, um Innenstädte zu beleben? Darüber reden wir im Podcast "Digital leben" ausführlich.

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Auch, wenn es wieder still um die Idee eine Paketabgabe für Online-Händler Idee geworden ist: Martin Menz hält nichts von ihr. Der Grund für die Lage der Innenstädte sei nicht der Online-Handel:

Es ist ein konzeptionelles Versagen oder ein Managementversagen.

Martin Menz, Relaxdays Halle über den Grund für die Lage der Innenstädte

Menz ist Geschäftsführer von Relaxdays in Halle und sagt, dass der Online-Handel natürlich davon profitiere, dass sich das Kundenverhalten ändere. Die Verantwortung der Innenstädte liege aber nicht beim Online-Handel: "Wir bedienen ja eine Nachfrage. Wenn jetzt niemand online etwas bestellen würde, dann bräuchte es Firmen wie die Relaxdays nicht. Ich würde davon absehen, dass wir da eine Verantwortung haben." Trotzdem sei er daran interessiert, dass wir bestimmte Dinge in Städten bewahren. "Aber man muss halt auch gucken, ob man an utopischen Dingen festhält, die nicht funktionieren."

Junger Mann mit blonden strubbeligen Haaren, in weißem T-Shirt lächelt in die Kamera
Martin Menz ist Geschäftsführer von Relaxdays aus Halle. Bildrechte: relaxdays/Martin Menz

Online-Handel boomt

Menz' Firma funktioniert wohl tadellos: Relaxdays beschäftigt 450 Mitarbeiter und bezeichnet sich selbst als größten e-Commerce-Player in Mitteldeutschland mit Standorten in Könnern, Leipzig und Dresden, mit 20.000 Produkten und sieben Millionen Kunden in ganz Europa. Ein erfolgreiches Unternehmen.

Aber die vergangenen anderthalb Jahre haben Relaxdays alles abverlangt – nur mit großer Kraft war das Geschäft zu bewältigen, sagt Menz. "Normalerweise wachsen wir um 50 Prozent, in Corona-Zeiten waren es Monat für Monat um 100 Prozent oder mehr." Ein enorme Arbeitsbelastung im Frühjahr. "Wir sind ja im Haus-, Garten- und Freizeitbereich und weil die Leute Zuhause waren, war das natürlich schon eine ganz gute Zeit, hat uns aber auch mal Dinge abverlangt, die so eigentlich gar nicht möglich waren."

Ein Einkaufswagen steht auf der Tastatur eines Laptops.
Der Einkaufswagen nutzt vor dem Rechner nicht viel. Aber er wird wohl auch in der echten Welt immer weniger genutzt. Bildrechte: Colourbox.de

Dass bei Relaxdays so viel los war, liegt auch daran, dass der Online-Händler alles selbst macht: Fotos und Beschreibungen der Produkte für die Website, das Programmieren des Onlineshops und natürlich auch der Vertrieb. Und wenn dann über eine längere Zeit IT an Serverkapazitäten zur Verfügung haben. Mittlerweile scheint Martin Menz etwas froh zu sein, dass der Boom erst einmal etwas nachlässt. "Das hat sich jetzt wieder ein bisschen relativiert. Wir merken gerade deutlich, dass die Leute wieder reisen, rausgehen und das Leben außerhalb der vier eigenen vier Wände genießen."

Nahaufnahme eines Smartphones mit der App eines Lebensmittellieferdienstes und verschiedener Eiscremebecher zur Auswahl. Wird von Hand gehalten, unscharfer Hintergrund. mit Audio
Eiscreme und andere Süßigkeiten haben bei Onlinesupermärkten schlechtere Karten als im stationären Einzelhandel. Bildrechte: MDR/Florian Zinner

Handel in der Innenstadt schrumpft

Durchatmen beim Online-Händler aus Halle: Und auch wenn die Menschen das Leben außerhalb der eigenen vier Wände genießen – ob die deutschen Innenstädte etwas davon haben? Durchatmen können die Einzelhändler in den Städten schon länger nicht mehr. Und der Innenstadt-Handel wird wohl weiter schrumpfen: Fast 80.000 Geschäfte könnten bis 2023 schließen. Das wäre jedes fünfte Geschäft, schätzen Handelsexperten. "Viele Konsumenten lernen zurzeit, ohne Innenstadt auszukommen", sagte einer von ihnen dem Handelsblatt.

Und auch Martin Menz sagt:

Es wird nie mehr so viel Handel geben wie es mal war. Diese Tendenz kann jeder erkennen, der sich ein bisschen mit Zahlen auskennt.

Martin Menz Relaxdays Halle

Und diese Entwicklung gibt es nicht erst seit Corona und dem Boom des Online-Handels. Genauso sieht es Franziska Briese. Sie ist derzeit in Elternzeit und hat davor fünf Jahre lang das Geschäftsstraßenmanagement "Im Stadtfeld" in Magdeburg betreut.

Briese sagt, man dürfe auch dem größten Online-Händler, Amazon, nicht die Schuld an der Krise der Innenstädte geben: "Was bringt es, mit dem Finger auf Amazon zu zeigen? Wenn es eine Stadt nicht schafft, schlauer zu sein, eine höhere Identifikation für den Ort aufzubauen und die Leute davon zu überzeugen, dass es nicht so gut ist, bei Amazon einzukaufen, dann hat man echt einfach was verpennt." Man könne dem Konzern nicht vorwerfen, sich geschäftstüchtig Lücken oder Graubereiche in der Gesetzgebung zu nutzen. Aber Briese sagt auch: "Moralisch steht das auf einem anderen Blatt."

Junge Frau in gelben Mandtel und mit blonden, schulterlangen Locken steht auf einer breiten Geschäftsstraße, hinter ihr fährt eine Straßenbahn
Franziska Briese war fünf Jahre lang Geschäftsstraßenmanagerin bei "im Stadtfeld" in Magdeburg. Bildrechte: IM STADTFELD / Franziska Briese / Mathias Sasse

Innenstädte müssen sich ändern

Briese selbst sagt, sie würde immer erst versuchen, stationär zu kaufen, bevor sie auf ein Online-Angebot ausweiche. "Als Letztes habe ich Babykleidung gekauft." Sie wünscht sich, dass sich Online- und stationärer Handel besser verknüpfen. "Oft gucke ich online irgendwas nach und kaufe dann doch im Laden und andersrum genauso. Manchmal geht man auch in ein Geschäft, nimmt etwas in die Hand und bestellt es dann online. Mal geht da eine leer aus, mal der andere. So ist es einfach." Es sei an der Zeit, sich zu verändern.

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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 17.08.2021 17:11Uhr 01:30 min

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Allerdings würden die deutschen Städte quasi in den 1960er Jahren verharren. "Man will mit alten Lösungen neuen Problemen begegnen", sagt Briese. Es werde nicht über den Handel hinaus gedacht. Weder bei Händlern noch bei Stadtverwaltungen. "Am besten soll alles so bleiben, wie es ist. Dabei gibt es einen permanenten Wandel." Dabei müssten Oberzentren oder Stadtteilzentren mehr bieten als ausschließlich Handel. Die Pro-Kopf-Verkaufsfläche in Deutschland sei zu hoch und der Handel allein werde unsere Innenstädte nicht mehr retten.

Wir haben jahrelang Handel, Handel, Handel gehabt. Jetzt kommt ein neues Zeitalter. Wie geht man jetzt mit diesen leerstehenden Flächen um? Ich sehe das als eine Riesenchance.

Franziska Briese

Sie kritisiert auch die Renditeerwartungen der Immobilien- und der Bauwirtschaft für die Flächen in den Innenstädten. "Riesengroße Ladenfläche kann und will keiner mehr bezahlen. Warum also nicht ein Kindergarten oder ein Tischtennisverein im Zentrum?" Das käme sicher auch Martin Menz entgegen. Die letzten Büros, die er für Relaxdays angemietet hat, sind in der Innenstadt von Leipzig und von Dresden.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

MDR/Marcel Roth

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 11. August 2021 | 13:58 Uhr

55 Kommentare

Mediator vor 13 Wochen

Reuter4774:
Entschuldigung, aber wenn hier jemand behauptet nicht mehr in die Stadt zum Einkaufen zu fahren, weil man dort ständig belästigt wird, dann kann man das glauben, muss es aber nicht!

Betrachtet man dann noch die Person derjenigen die so etwas behaupten und würdigt ihre sonstigen Äußerungen hier, dann wird zumindestens mir klar, dass hier ein Kaptain Blau- oder Braunbär das Blaue vom Himmel lügt um seine übliche Kernbotschaft zu senden.

Kein Mann und keine Frau schätzt übrigens Belästigung, aber wenn ich so durch die Stadt gehe, dann kann ich nichts von den behaupteten Belästigungen auch nur ansatzweise nachvollziehen. Selbst in der "Szene" um den Bahnhof, in der sich wohl überall eine gewisse "Subkultur" tummelt, lebt man wohl eher desinteressiert nebeneinander statt einen auf Konfrontation zu machen.

So zu tun als beruhen die Probleme des Einzelhandels in den Innenstädten auf belästigten Kundinnen ist doch verlogen und dumm!

Mediator vor 13 Wochen

@tim regenbogen:
Ich denke sie wissen schon wo sie am einfachsten ihren Wochenkauf erledigen können. Die Menschen in den Innenstädten, die mit dem ÖPNV einkaufen fahren müssen, würden dies vermutlich gerne ortsnah erledigen.

Aber für Fachgeschäfte oder Läden die etwas besonderes bieten, da könnten auch sie in die Stadt fahren.

Mediator vor 13 Wochen

@Anni22

Bitte nicht so überheblich bei der Wortwahl!
- "So langsam sollten Sie mal begreifen" .... wie oft haben wir darüber diskutiert? Wohl nie! Warum also die Eile?

- "Einkaufen als Erlebnis": Was wissen sie, was für mich und Andere erstrebenswert ist? Etwas einzukaufen bedeutet ja nicht zwangsläufig kurzlebigen Mist zu kaufen. Wer Geld für etwas ausgibt will dies i.d.r in schönem Ambiente tun und nicht in einem Umfeld, dass so aussieht wie eine DDR Kaufhalle

- Er schriebt denn, dass Shoppen ein Hobby ist? Aber mehrere schöne Dinge in einer attraktiven Stadt zu verbinden ist durchaus erstrebenswert

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