Gestelltes Schattenbild zum Thema häusliche Gewalt
Gesellschaftlich gibt es beim Thema Häusliche Gewalt viel aufzuarbeiten. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Experte zu Gewalt gegen Frauen Warum es in Partnerschaften zu häuslicher Gewalt kommt

30. April 2023, 18:00 Uhr

Gewalt in Partnerschaften findet meist im Verborgenen statt. Die Betroffenen schämen sich und suchen deshalb erst spät Hilfe. Bei Gewalt von Männern gegenüber Frauen spielen auch veraltete Rollenbilder und Besitzansprüche eine Rolle. Ein Sexualwissenschaftler der Hochschule Merseburg sieht noch großes gesellschaftliches Aufarbeitungspotenzial.

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

In Sachsen-Anhalt hat es im Jahr 2021 fast 6.700 registrierte Fälle von häuslicher Gewalt gegeben. Zum Jahr 2018 ist das ein Anstieg von etwa sieben Prozent, zeigen Zahlen des Landeskriminalamts. Die Mehrzahl der Fälle werden innerhalb einer Partnerschaft begangen. Etwa 80 Prozent der Opfer sind Frauen. Der Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt und die Beratungs- und Hilfseinrichtungen gehen allerdings von einer erheblich größeren Dunkelziffer aus.

Heinz-Jürgen Voß ist Professor für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg. Im Interview erklärt er, wann es in Beziehungen zu Gewalt kommt und warum es für die Betroffenen so schwierig ist, sich aus diesen Strukturen zu lösen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Voß, die Fälle von häuslicher Gewalt in Sachsen-Anhalt steigen. Die Mehrheit davon findet in Partnerschaften statt. Wann kommt es zu Gewalt in Beziehungen?

Professor Heinz-Jürgen Voß: Einige Auslöser können ganz konkret benannt werden. Das sind häufig stressige Ereignisse, allgemeine Lebensumstände, Meinungsverschiedenheiten, aber zum Beispiel auch das Zusammenziehen in eine gemeinsame Wohnung oder wenn ein weiteres Kind dazukommt. Oder wenn eine Ehe eingegangen wird, können wiederum auch Streitigkeiten entstehen. Aus Studien lässt sich sagen: Zu 50 Prozent haben Frauen bereits häusliche Gewalt, spezifisch Partnerschaftsgewalt, erlebt und das geht auch durch alle Schichten durch.

Welche Rolle spielt die persönliche Veranlagung eines Menschen?

Dass persönliche Veranlagungen eine Rolle spielen, würde ich nicht sagen. Wir benötigen einen guten Umgang, dass Menschen tatsächlich Grenzen lernen. Also dass sie jeweils lernen, was Gewalt ist, wo Grenzüberschreitungen sind. Dass ich mir Dinge nicht einfach nehmen kann. Das sind wichtige Aspekte. Und Personen, die in übergriffigen Verhältnissen aufgewachsen sind, die auch im Elternhaus schon Übergriffe erlebt haben, erfahren auch in größerem Maße im weiteren Lebensverlauf Übergriffe. Tatsächlich in der Größenordnung, dass die Wahrscheinlichkeit, von einem Vergewaltigungsversuch beziehungsweise einer Vergewaltigung in der Partnerschaft betroffen zu sein, sich etwa vervierfacht.

Personen, die in übergriffigen Verhältnissen aufgewachsen sind erfahren auch in größerem Maße im weiteren Lebensverlauf Übergriffe.

Heinz-Jürgen Voß, Professor für Sexualwissenschaft

Sind da auch immer noch alte Rollenbilder am Werk? Also zum Beispiel die Ansicht, dass die Frau sich unterzuordnen hat?

Alte Rollenbilder spielen ohnehin gesellschaftlich noch eine größere Rolle. Lange Zeit galten Übergriffe eher als Kavaliersdelikte. Wenn wir historisch zurückblicken, ist eine Vergewaltigung in der Ehe überhaupt erst seit 1997 ein Straftatbestand. Wir sind jetzt erst richtig in dem Prozess drin, dass wir uns mehr mit Gewaltverhältnissen auseinandersetzen. Dass Dinge, die früher als Kavaliersdelikte galten, heute als Übergriffe gewertet werden. Und dass auch in einer Ehe klar ist: Man muss nicht alles ertragen, sondern auch dort ist eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung.

Ein Mann im Anzug mit kurzen Haaren und blauer Brille lächelt in die Kamera.
Heinz-Jürgen Voß forscht als Professor für Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg unter anderem zu sexualisierter Gewalt, Partnerschaftsgewalt und Stalking. Bildrechte: Christian Auspurg, Hochschule Merseburg

Viele Frauen ertragen Gewalt in einer Partnerschaft oft über viele Jahre. Es ist für Betroffene häufig nicht leicht, sich aus dieser Beziehungsstruktur zu lösen. Warum ist das so?

Personen, die verheiratet sind, bleiben länger miteinander zusammen. Da ist die Dauer in gewaltvollen Beziehungen ungefähr auf das Vierfache erhöht. Der zweite Risikofaktor sind Kinder in der Beziehung. Auch damit steigt die Dauer des Zusammenlebens in der Gewaltbeziehung von durchschnittlich 32 Monaten auf über 104 Monate. Es sollte deshalb deutlich einfacher werden, eine Ehe aufzulösen. Da gibt es ja neue Modelle, zum Beispiel in Frankreich mit dem zivilen Solidaritätspakt. Und ein weiterer Grund ist, dass die Frauen die Verantwortung für die Kinder sehr stark wahrnehmen. Sie haben die Befürchtung, dass sie ihre Kinder nicht mehr sehen können, weil der Partner Lügen über sie verbreitet und sagt: "Du bist eine schlechte Mutter". Damit können große Sorgen entstehen.

Für Hilfs- und Schutzangebote brauchen Betroffene oft mehrere Anläufe. Viele Frauen melden sich auch gar nicht. Sie haben deshalb eine Dunkelfeldbefragung zu geschlechterspezifischer Gewalt durchgeführt. Welche Erkenntnisse konnten Sie gewinnen?

Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Es sind große Hemmschwellen dabei, dass es polizeibekannt wird. Frauen geben sich fälschlicherweise selber eine Schuld oder müssen überhaupt erst in den Blick nehmen, dass es sich um eine gewaltvolle Beziehung handelt. Weil es schleichend anfangen kann, der Partner in vielen Situationen auch friedvoll und zärtlich ist. Dann kann schnell ein Entschuldigungsverhalten einsetzen. Und dann gibt es wiederum auch eine Erwartungshaltung, dass einem nach außen nicht geglaubt wird. Bei Fachstellen müssen deshalb Strategien entwickelt werden, dass den Lügen vom gewalttätigen Partner nicht mehr geglaubt wird als der betroffenen Person.

In unserer Studie hat sich auch gezeigt, dass Frauen sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben. Eine ganze Reihe Polizeibeamt:innen sind jeweils schon gut eingestellt. Bei anderen gibt es erheblichen Nachholbedarf. Mit der Justiz ist die Zufriedenheit noch deutlich geringer. Und was uns bei der Studie überrascht: Die Beratung bei den Fachberatungsstellen wird nur zum Teil als positiv erlebt. Betroffene beschreiben, dass sie dort eine Täter-Opfer-Umkehr erlebten. Da müssen wir auch ran.

Wir müssen im gesamten gesellschaftlichen Kontext intensiver auf Gewalt sehen, sie wahrnehmen und da sensibler werden.

Heinz-Jürgen Voß, Professor für Sexualwissenschaft

Wir müssten allgemein unser Hilfesystem umbauen, dass wir gar nicht nur darauf gehen, dass die Betroffenen sich selbst Hilfe suchen, sondern dass wir immer davon ausgehen, dass es eine Vertrauensperson gibt. Eine betroffene Person wird unter Umständen erst mal mit Freundinnen darüber sprechen und sich dann Hilfe holen, gegebenenfalls gemeinsam. Wir müssen an diese vertrauten Personen heran. Wichtig ist ein Einstellungswandel, sodass man sich insgesamt in einer Gesellschaft Gedanken macht, wenn eine Person im eigenen Umfeld auf einmal keinen Kontakt mehr sucht und nicht mehr präsent ist. Dann nachzufragen, an der Person interessiert zu sein, ist wichtig.

Gerade wenn Frauen länger in gewaltvollen Beziehungen bleiben, kann die Gewaltspirale immer gefährlicher werden. In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. Wie kann Liebe so stark in Hass umschlagen, dass es bis zum Femizid kommt?

Solche Taten sind nicht entschuldbar. Wir haben es in der deutschen Gesellschaft häufig, dass von einem "Familiendrama", einem "Ehedrama", einer "Überreaktion des Mannes", einer "psychischen Belastung", gesprochen wird. Das sehe ich als ein Grundproblem. Wir haben verschiedene Mechanismen, die in der Gesellschaft wirken, dass Täter unentwegt entschuldigt werden. Und gerade bei so einer Situation, wenn die Partnerin umgebracht wird, würde ich deutlich in Frage stellen, ob da tatsächlich so etwas wie Liebe vorhanden war. Weil das durchaus schon auf ein intensives Anspruchsdenken und eine Erwartungshaltung, auf ein "Ich habe ein Anrecht an dir" verweist.

Trennung kann ein zentraler Auslöser für Tötungen beziehungsweise Morde sein. Das heißt aber auch, wir haben als Gesellschaft im Regelfall schon viele Punkte, wo vorher Unterstützung gegeben werden kann. Solche Gewalt baut sich nach für nach auf. Das nimmt die Istanbul-Konvention gut in den Blick. Deutschland hat sie ja auch unterzeichnet. Und da sind konkrete Maßnahmen zu treffen.

Wir haben verschiedene Mechanismen, die in der Gesellschaft wirken, dass Täter unentwegt entschuldigt werden.

Heinz-Jürgen Voß, Professor für Sexualwissenschaft

Die Istanbul-Konvention als Übereinkommen des Europarats verpflichtet Deutschland zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Wo stehen wir da aktuell?

Für das gesamte deutsche System zeigt sich, dass unsere Unterstützungssysteme deutlich zurück sind. Wir hatten auch für Sachsen-Anhalt eine Monitoring-Studie zur Istanbul-Konvention gemacht. Es gibt schlicht zu wenig Plätze in Frauenschutzhäusern. Das Hilfesystem ist unzureichend ausgeprägt. Beratungsstellen für Betroffene von sexualisierter Gewalt gibt es häufig nicht in jedem Landkreis. Wenn jemand Gewalt erlebt hat, davon traumatisiert ist, braucht die Person eine verlässliche Umgebung. Eine Frau, die geschlagen wird, kann sich nicht stundenlang von Zuhause entfernen. Dann taucht vielleicht der Mann zu Hause auf und wundert sich, wo die Frau ist. Dann ist die Gewalt noch ausgeprägter. Und wir müssen im gesamten gesellschaftlichen Kontext intensiver auf Gewalt sehen, sie wahrnehmen und da sensibler werden.

Hier bekommen Sie Hilfe

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" (08000 116 016) ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar, auch für Angehörige.

Die Vereine Wildwasser Magdeburg und Wildwasser Halle bieten persönliche Beratung bei sexualisierte Gewalt an – vor Ort als auch per Telefon oder Chat.

Eine Übersicht der Hilfsangebote in Sachsen-Anhalt gibt es unter: www.gewaltfreies-sachsen-anhalt.de

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Über Sarah-Maria Köpf Sarah-Maria Köpf arbeitet seit Mai 2021 für MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist in Leipzig aufgewachsen und hat dort Kommunikations- und Medienwissenschaft studiert, bevor es sie für den Master in "Multimedia & Autorschaft" nach Halle zog.

Neben dem Studium arbeitete sie für den Radiosender Mephisto 97.6, die Leipziger Volkszeitung und das Grazia Magazin.

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MDR (Sarah-Maria Köpf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. April 2023 | 18:00 Uhr

3 Kommentare

geradeaus vor 43 Wochen

Wir leben in einer "Männer-Normierten" Welt. Es wird zwar etwas getan dagegen, jedoch nicht ausreichend und mit zu wenig Enthusiasmus.
Das ginge jedoch nur wenn mehr Frauen in Führungspositionen tätig sind.

KittiKat vor 43 Wochen

Die Männer haben diesbezüglich ein noch größeres Schamgefühl. Die Wenigsten suchen sich Hilfe oder gehen

Altmagdeburger vor 43 Wochen

Es mag sein das Frauen mehr ausgesetzt sind, aber es gibt auch männliche Häusliche Gewalt und sogar im Berufsleben.

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