Kriminalität Überfälle in Halle: Betroffener Jugendlicher spricht über die Angriffe

Jugendliche, die andere Jugendliche brutal überfallen – das gibt es in Halle seit knapp einem Jahr immer wieder. Die Polizei ermittelt in mehr als 250 Fällen. Auch im Stadtrat wurde über Maßnahmen diskutiert. Ein Betroffener, der schon mehrfach überfallen wurde, erzählt seine Geschichte. Unsere Autorin hat ihn in der Innenstadt von Halle getroffen.

Ein Teenager drückt einen kleineren gewaltsam gegen eine Wand, gestellte Szene
Seit Oktober 2021 gibt es einen deutlichen Anstieg von gewalttätigen Raubüberfällen auf Jugendliche. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Es ist ein sonniger, aber ziemlich kalter Herbsttag mit starkem Wind. Ich stehe auf dem Universitätsgelände in Halle. Dort bin ich mit einem jungen Mann verabredet, der nicht ein Mal, sondern schon vier Mal überfallen wurde. Den Kontakt habe ich über einen Kollegen bekommen. Nach einem kurzen Telefonat erklärte er sich bereit, mit mir zu sprechen und wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Am Treffpunkt muss ich eine Weile warten und schaue mich zunehmend ungeduldiger um. Ich werde von einem Pärchen angesprochen, das mich zum gemeinsamen Bibellesen einlädt. Sie drücken mir eine Karte in die Hand. Dann endlich biegt ein blonder Junge um die Ecke und begrüßt mich. Er erzählt, dass er heute früher Schulschluss hatte, aber keine passende Straßenbahn bekommen und sich deshalb verspätet hat.

Wir suchen uns einen ruhigen Platz auf den Treppenstufen. Bevor wir unser Interview beginnen, sagt er mir, dass ich seine Stimme zwar im Radio verwenden darf, er aber nicht möchte, dass sein Name oder sein Bild irgendwo auftauchen. Er hat Angst, dass die Täter herausfinden könnten, wer er ist.

Zwei Überfälle Anfang des Jahres

Die ersten beiden Überfälle passierten Anfang des Jahres. "Ich glaube es war im Februar, als man langsam wieder rausgehen konnte", sagt er. Bei einem dieser Vorfälle sei er mit Freunden abends am Markt unterwegs gewesen, wo sie von drei Jugendlichen angesprochen wurden, die verlangten, dass sie ihre Wertsachen und Fahrräder abgeben. Nach einer längeren Diskussion hätten sie die Täter aber vertreiben können.

Der zweite Vorfall lief ähnlich. Deshalb entschied der Schüler, dass er keinem davon erzählen wird. Denn das hätte seine Mutter nur unnötig besorgt. Außerdem wollte er weiter rausgehen.

Was die Polizei schon über die Raubüberfälle in Halle weiß

Seit fast einem Jahr ist die Zahl der Raubüberfälle, von denen vor allem Jugendliche betroffen sind, rasant angestiegen. Die Polizei spricht aktuell von mehr als 250 Fällen und hat im April eine Ermittlergruppe gegründet. Alle Überfälle seien nach dem gleichen Schema abgelaufen. Männliche Jugendliche, die am Abend oder in der Nacht alleine oder in kleinen Gruppen unterwegs sind, würden von einer Gruppe gleichaltriger angesprochen und dann überfallen.

Dabei gehen die Täter nach Angaben der Ermittler äußerst brutal vor. Sogar Waffen kämen zum Einsatz. Die Angreifer sollen zwischen 12 und 57 Jahre alt sein. Die meisten seien aber unter 25. Jeder Vierte habe einen Migrationshintergrund. Die Täter treten in Gruppen mit bis zu 25 Mitgliedern auf und nehmen ihren Opfern vor allem Smartphones, Apple-Kopfhörer, Bargeld und Markenschuhe ab. Dabei drohen sie mit Gewalt, wenn die Opfer sich wehren oder versuchen, die Polizei zu rufen. In einigen Fällen seien auch Ausweise fotografiert worden, um die Jugendlichen zum Schweigen zu bringen.

Brutales Ende einer Partynacht

Der dritte Vorfall vor etwa drei Monaten ändert dann aber alles. Da kommt der Zwölftklässler gerade mit einem Freund von einer Party. "Wir sind gegen nachts um zwei aus diesem Club raus, wollten noch ein bisschen spazieren gehen, den Abend ausklingen lassen", erinnert er sich.

In der Nähe vom Stadtpark seien sie von drei Jugendlichen angesprochen worden, die auf der anderen Straßenseite liefen. "Die sind dann auf uns zugekommen und haben, als sie direkt vor uns standen, angefangen, auf uns einzuschlagen."

Die sind dann auf uns zugekommen und haben, als sie direkt vor uns standen, angefangen, auf uns einzuschlagen.

Jugendlicher aus Halle

Als die Täter versuchen, seinem Freund und ihm ihre Wertgegenstände zu entreißen, kommt es zum Kampf. "Das führte dann dazu, dass mein Kumpel mehrfach schwer im Brust- und Bauchbereich verletzt und ihm zwei Zähne ausgeschlagen wurden." Die Täter hätten die Bauchtasche seines Freundes erbeutet und seien dann weggerannt.

Geballte Fäuste
Fälle, in denen Jugendliche andere Jugendliche unvermittelt und brutal überfallen, gibt es in Halle seit letztem Herbst immer häufiger. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / vmd-images

Nicht mehr Schweigen können

Das ist der Moment, in dem der Schüler entscheidet, dass er nicht mehr schweigen kann. "Als mein Kumpel dort mit mehreren Hieb- und Stichwunden am Stadtpark lag, blutig am Boden und gar nicht mehr reden konnte, weil er so unter Schock stand und er dann im Krankenwagen weggefahren wurde, war ich so fertig, dass ich nicht mehr alleine nach Hause kommen konnte", erzählt er.

Man merkt, dass die Bilder ihn nicht loslassen. In dieser Nacht ruft er dann auch seine Mutter an. Auf der Autofahrt nach Hause erfährt sie von den Raubüberfällen und ist erschüttert.

Was der Stadtrat beschlossen hat

Seit April wurde im Stadtrat immer wieder darüber diskutiert, wie man mit der Serie von Raubüberfällen in Halle umgehen soll. Die Fraktionen legten verschiedene Anträge vor und nach hitzigen Debatten gab es im Juni einen ersten Beschluss. Der zentrale Punkt lautete, dass der sogenannte Präventionsrat wiederbelebt werden soll. Ziel der Maßnahme sei es etwa mithilfe von Schulsozialarbeit die Probleme anzugehen, die hinter der Jugendkriminalität stünden, sagte die Stadtratsvorsitzende Katja Müller (DIE LINKE) MDR SACHSEN-ANHALT. Die Stadtverwaltung würde sich aber auch an einem neuen Sicherheitskonzept beteiligen, dass gerade von der Polizei ausgearbeitet werde.

Andere Maßnahmen wie das 24-Stunden-Ordnungsamt gebe es schon länger, so Müller. Sie betont, dass aber auch das eher ein präventiver Ansatz sei. Am Ende bleibe einem dann wohl nur, die Polizei zu rufen. Weiteren Schritte seien seitens des Stadtrates erst mal nicht geplant. Man müsse abwarten, welches Konzept die Polizei vorlege. Trotzdem ist sie sicher, dass das Thema den Stadtrat weiter beschäftigen wird.

Stadtrat Halle
Die Raubüberfälle haben den Stadtrat in Halle seit April immer wieder beschäftigt. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Fragen an den Stadtrat

Kurze Zeit später beschließt der Jugendliche mit seiner Mutter in die Bürgersprechstunde des Stadtrates zu gehen. In den wenigen Minuten, in denen er dort sprechen darf, erzählt er von dem brutalen Überfall, bei dem sein Freund fast verblutet wäre. Dann stellt er drei Fragen an den Stadtrat: "Wieso gibt es nicht mehr Polizei auf den Straßen? Wie kann es sein, dass wir uns als Jugendliche selbst bewaffnen müssen? Und müssen wir als Jugendliche jetzt zu Hause bleiben, um uns vor solchen Übergriffen zu schützen?"

Wieso gibt es nicht mehr Polizei auf den Straßen? Wie kann es sein, dass wir uns als Jugendliche selbst bewaffnen müssen?

Jugendlicher aus Halle

Einer der Stadträte hätte ihm daraufhin erklärt, dass der Stadtrat in diesen Angelegenheiten nur wenig ausrichten könne und man sich deshalb eher auf präventive Maßnahmen beschränken müsse.

Es habe sich so angefühlt, als wären alle Sätze nur Phrasen gewesen, um seine Bitte abzuschmettern, erinnert sich der Schüler. Weder seine Mutter noch er seien mit der Arbeit des Stadtrates zufrieden. Er verstehe nicht, wieso das von einigen Fraktionen vorgeschlagene Sicherheitskonzept trotz der vielen Waffen und Drogen in der Stadt nicht angenommen wurde.

CDU-Fraktion kritisiert Vorgehen der Stadt

Die CDU-Fraktion äußert Mitte September Kritik am Vorgehen der Stadt. In einer Mail fordert sie die Stadtverwaltung auf, endlich zu handeln. Alle wichtigen Akteure müssten in einer "Krisen-Task-Force" gebündelt werden, um zielführende Entscheidungen treffen zu können. In dem Schreiben heißt es weiter, die links-grüne Mehrheit im Stadtrat würde das Problem leugnen und auch der ständige Verweis der Stadtverwaltung auf die Zuständigkeiten der Polizei bringe niemanden weiter. Darüber hinaus kritisiert die CDU-Fraktion, dass das 24-Stunden-Ordnungsamt nachts nicht an den entsprechenden Brennpunkten tätig ist. Außerdem sei es wichtig, dass der Ausländerbeirat sich aktiv und konstruktiv daran beteilige, dieses "gravierende Problem" zu lösen. Immerhin habe jeder vierte Täter einen Migrationshintergrund.

Menschen spielen auf dem Zeltplatz des Hurricane Festivals das Trinkspiel Flunkyball.
Besonders nach der Corona-Pandemie wünschen sich viele Jugendliche in Halle unbeschwerte Momente. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Kaum Zusammenarbeit mit der Polizei

Eine schnelle Besserung der Lage kann sich der Zwölftklässler nicht vorstellen. Die Verbindung zwischen Polizei, Stadt und Jugendlichen sei einfach nicht besonders gut. "Die Stadt sagt immer, sie ist nicht verantwortlich und möchte sich lieber um andere Projekte kümmern. Die Polizei sagt, sie können nichts machen, wenn die Jugendlichen nicht aussagen, nicht mithelfen und bei vielen Jugendlichen ist es verpönt, mit der Polizei zusammenzuarbeiten."

Das sei in den Augen vieler Jugendlicher einfach nicht "cool" und etwas, das man nicht macht. Aber auch die Angst, dass sich die Täter rächen könnten, halte viele davon ab, Anzeige zu erstatten.

Trotzdem die Jugend genießen

Die Konsequenz sei, dass sich seine Freunde und er nun selbst bewaffnen. Weil sie wüssten, wie gefährlich Halle sein kann, hätten sie immer Messer, Pfeffersprays oder Ähnliches dabei. Der Schüler erzählt, dass die Angst unter den Jugendlichen mittlerweile so groß ist, dass beliebte Treffpunkte wie die Peißnitz, ein großer Park in Halle, völlig leer gefegt sind. Die meisten suchten sich jetzt eher abgelegene, ruhige Orte.

Manche treffen sich sogar nur noch in Restaurants und Bars oder gehen nur noch selten abends raus, sagt der Schüler. Das wäre für ihn aber keine Option. Er wünscht sich, dass er nach dieser langen Pandemie wenigstens noch ein bisschen seine Jugend genießen kann, dass er abends wieder unbeschwert rausgehen und schöne Erinnerungen mit seinen Freunden schaffen kann.

MDR (Annekathrin Queck, Moritz Arand) | Erstmals veröffentlicht am 22.09.2022

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 22. September 2022 | 17:30 Uhr

159 Kommentare

Mediator vor 1 Wochen

@Anni22
Der MDR bringt hier lediglich eine NACHRICHT. Das hier ist nicht das Fahndungsforum und schon gar nicht dass der Rassisten, die in den Kommentaren hier konsequent 3/4 der möglichen Tatverdächtigen in der Diskussion ausgeblendet haben, weil 'deutsche' Kriminelle einen Rassiten eigentlich nicht wirklich interessieren und er nur zu Hochformen aufläuft, wenn er von Migranten herumfabulieren kann und wie die unser Land in den Untergang zerren.

Der im Artikel beschriebene Jugendliche hielt es nicht für nötig bei 3 Straftaten die Polizei zu informieren. So was nenne ich ein seltsames Verhalten und er sollte da nicht bei Polizei und Politik die Schuld verorten, wenn ihm wieder etwas passiert, wovon er blöderweise niemandem berichtet hat.

DER Beobachter vor 1 Wochen

Die kann es logisch nur geben, wenn das Opfer anzeigewillig ist. Dann ist es Sache der Entscheidung der Polizei, diese ggf. an die Öffentlichkeit bringen. Gibt ja auch bei der Polizei S-A eine recht lange Fahndungsliste mit Bildern, Täterhinweisen...

Wessi vor 1 Wochen

Gähn!Sie artuklieren sich hier eindeutig migrantenfeindlich @ tim regenbogen und versuchen zu verdrehen.Ich hol dann gleich mal die "Keule".Lach+gähn!

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