Das Ende des Halle-Prozesses Was die Überlebenden des Anschlags von Halle zu sagen haben

Der Prozess um das Halle-Attentat ist am Montag mit dem Urteilsspruch zu Ende gegangen. Für die Überlebenden steht fest, dass sie noch Jahre mit den Folgen des Anschlags zu kämpfen haben. Sie alle haben sich zum Prozess geäußert, Wünsche und Hoffnungen geäußert und beschrieben, wie es ihnen heute geht.

Das Einzige, was mich noch sehr belastet, und ich weiß nicht, ob sich das jemals ändern wird: Ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass zwei Menschen tot sind, weil ich es nicht bin.
Iona B. erlebte den Anschlag an Jom Kippur in der Synagoge. Sie war Teil einer Berliner Gruppe, welche die Synagoge besuchte. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Ich bin nur froh, wenn irgendwann der Punkt kommt, dass der Schmerz etwas weniger wird. Immer wieder jeden Tag neu kämpfen, durchstehen, durchhalten.
Karsten Lissau, der Vater von Kevin S., arbeitete damals noch in Nordrhein-Westfalen. Nachdem sein Sohn sich nicht mehr meldete, fing er an ihn über Bekannte und Facebook zu suchen. Er erfuhr vom Tod seines Sohnes, als ihm ein Bekannter das Video des Attentäters schickte. Er sah dort wie sein Sohn erschossen wurde. Karsten Lissau ist seitdem in therapeutischer Behandlung. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Ich werde hier bleiben und mir eine Zukunft, meine Familie aufbauen. Und du, du musst für den Rest deines Lebens damit leben: Was du getan hast, hat nichts gebracht.
Roman Remis, der Vorbeter, handelt am Tag des Anschlags laut den Aussagen anderer Betroffener sehr ruhig und koordiniert. Er kümmerte sich darum, dass Türen verbarrikadiert wurden. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Ich schränke mein Leben draußen ein. Ich habe nichts mehr seit dem 9. Oktober, was mir Freude bereitet. Ich freue mich nicht mehr.
Aftax Ibrahim wurde vom Angeklagten bei der Flucht aus Halle angefahren. Er überlegt, aus Halle wegzuziehen, um neu anfangen zu können. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Das Einzige, was mich noch sehr belastet, und ich weiß nicht, ob sich das jemals ändern wird: Ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass zwei Menschen tot sind, weil ich es nicht bin.
Iona B. erlebte den Anschlag an Jom Kippur in der Synagoge. Sie war Teil einer Berliner Gruppe, welche die Synagoge besuchte. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Ich hoffe und vertraue darauf, dass sie ihn lebenslang ins Gefängnis bringen. Aber er ist nur ein Symptom einer rechtsextremen White-Supremacy-Ideologie, die in die Worte der Politik und der Medien sickert. Nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt.
Talya F. war als Teil der Berliner Gruppe zum Zeitpunkt des Anschlags in der Synagoge. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Ich sehe es (mit dem Anschlag) als meine Mission, an der Wiederbelebung des jüdischen Lebens in Deutschland beizutragen - zu zeigen, dass das Judentum sehr lebendig ist, dass es den Dialog mit der Gesellschaft sucht, warm und offen ist. Es ist eine andauernde Aufgabe sich den dunklen Momenten der Vergangenheit zu stellen - und ebenso dem Antisemitismus, Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit der Gegenwart.
Naomi Henkel-Gümbel erlebte den Anschlag an Jom Kippur in der Synagoge. Auch sie war Teil der Berliner Gruppe. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Mein Herz läuft vor Trauer über, wenn ich sehe, dass Antisemitismus immer noch nicht beendet ist. (...) Heute ist es notwendig zu sagen: Stopp, es reicht!
Die Studentin der School of Jewish Theology ist die Enkelin polnischer Überlebender des Holocaust. Sie war als Teil einer Berliner Gruppe in der Synagoge. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Die Zukunft kann man natürlich nicht vorhersehen. Aber es ist natürlich so: Wir wollen hierbleiben und standhaft bleiben und wir wollen uns natürlich auch, wie alle deutschen Bürger hier, für dieses Land einsetzen.
Rifat Tekin arbeitete im Kiez Döner, als der Attentäter hereinkam und schoss. Wie viele Überlebende hat er noch heute Schlaf- und Angststörungen. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Der Anschlagstag ist der schlechteste Tag unseres Lebens. Ich glaube, das, was wir erlebt haben, dass kann man nicht vergessen. Aber: Ich habe sehr gute, schöne, nette Menschen kennengelernt, die ein sehr großes Herz haben. Und das ist das Schönste, was dabei rausgekommen ist.
Ismet Tekin rannte über die Ludwig-Wucherer-Straße zum Kiez Döner, um seinem Bruder zu helfen, als er auf den Attentäter traf, der hier schoss. Tekin hatte danach Schlafprobleme, wenig Freude. Doch er versucht positiv nach vorn zu schauen und will den Kiez-Döner in Halle unbedingt halten – auch als Erinnerung an Kevin S. und Jana L. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Ich erwarte, dass durch das Verfahren, die Einlassungen aller Beteiligten – auch des Angeklagten – klargemacht wird, dass hier ein zutiefst verabscheuungswürdiges Verbrechen vorliegt, das aus der schlafmützigen Mitte der Gesellschaft heraus geschehen konnte.
Bernd H. aß im Kiez Döner zu Mittag, als der Attentäter hereinkam. H. konnte sich durch ein Toilettenfenster im hinteren Bereich retten. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Na klar wünsche ich mir, dass es keinen Rassismus mehr gibt, dass es keinen Antisemitismus mehr gibt, Homophobie diese ganzen Schlagwörter gegen die man sein Leben lang irgendwie auf Demonstrationen geht und wo jeder in der eigenen sozialen Blase sagt: Ja ich kann auch nicht verstehen, warum Leute transphobisch sind. Offensichtlich ist es häufig genug, dass trotzdem noch Leute dafür zusammengeschlagen oder erschossen werden. Manchmal fühlt man sich wie Sisyphos. Das man versucht eine Tonne Dummheit einen Felsen hochzuschieben ... und man immer wieder davon überrollt.
Conrad Rößler aß im Kiez Döner Mittag als der Attentäter hereinkam. Rößler flüchtete sich hinter eine unscheinbare Tür, die zu einer Toilette gehörte. Seit dem Anschlag hat er Schlafprobleme und ist nicht gern in Räumen, deren Ausgang er nicht sehen kann. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Ich hoffe, dass Sie keinen Tag mehr in Freiheit verbringen.
Die Zeugin stieg unmittelbar hinter Jana L. aus der Straßenbahn aus und war nur wenige Meter hinter ihr, als Jana L. getötet wurde. Es hätte auch sie treffen können. Seit dem Tag leidet sie unter Schlafstörungen. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Ich habe jemanden an der Synagoge liegen sehen und hielt an um auszusteigen und zu sehen, was los ist. Vielleicht könnte ich erste Hilfe leisten? In dem Moment rief jemand: weg, weg, mach dich weg. Ich habe geguckt, aber niemanden gesehen und dann habe ich jemanden gesehen, der auf mich zielte.
Der 73-Jährige hielt mit seinem Auto an und stieg aus, um Jana L. auf dem Boden zu helfen. Er flüchtete erst, als der Attentäter ihn ebenfalls mit der Waffe bedrohte. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Das Wichtigste ist, dass er ordentlich bestraft wird. Dass auch die Familien der zwei Getöteten ihr Recht durchsetzen können. Dass sie zur Ruhe kommen können – irgendwann.
Daniel Waclawzyk fuhrt dem Attentäter hinterher, nachdem dieser in einer Autowerkstatt eines seiner Taxis erpresst hatte. An Spätfolgen leide Waclawzyk nicht, sagt er. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Es hat sich alles verändert. Man traut sich gar nicht mehr wirklich aus dem Haus, kann nichts mehr großartig machen. Mein Enkelkind, das im August geboren wurde, habe ich noch nicht gesehen, weil ich die Strecke nicht fahren kann.
Der Attentäter schoss Dagmar M. aus Wiedersdorf in die Hüfte, weil sie ihm die Autoschlüssel nicht geben wollte. Sie musste im Krankenhaus behandelt werden, auch psychisch verfolgt sie der Tag des Attentats. Bildrechte: MDR/Max Schörm
Sie haben mich nicht übernommen. Einen kranken Menschen übernimmt man nicht freiwillig.
Jens Z. wurde vom Attentäter in den Hals geschossen, weil Z. ihm die Autoschlüssel zum Wagen vor dem Haus nicht geben wollte. Er hat psychische wie körperliche Spätfolgen wegen der Schussverletzung. Außerdem hat er seinen Job verloren und ist aktuell arbeitsunfähig. Bildrechte: MDR/Max Schörm
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