Nachhaltiger Dauerwald Wie Sachsen-Anhalts Wälder fit für den Klimawandel gemacht werden sollen

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Zurück in die Zukunft: Im Harz und andernorts in Sachsen-Anhalt haben Hitze, Trockenheit und Schädlinge die Wälder massiv geschädigt. Die Lösung des Problems soll die Entwicklung naturnaher Mischwälder sein, die extremes Klima besser verkraften und gleichzeitig weniger anfällig für Brände sind. Dauerwald nennt sich dieses Prinzip, dessen Ideen teilweise 100 Jahre alt sind. Wie das funktioniert, zeigt ein Besuch im Revier Hakel bei Aschersleben.

Ein Mann steht mit seinem Dackel auf einem Waldweg
Falko Friedel ist seit 2006 Revierförster im Hakel. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Wenn Falko Friedel in diesen Tagen durch den Hakel fährt, sieht sein SUV danach aus, als wäre er gerade durch die Sahara gerollt. Die rötliche Staubschicht auf dem Auto des Försters ist ein untrügliches Zeichen für die Trockenheit, von der auch das Waldgebiet nordwestlich von Aschersleben betroffen ist.

Doch abseits der Wege präsentiert sich der Hakel selbst jetzt im Hochsommer in saftigem Grün: Die meisten Buchen und Eichen tragen kräftige Kronen und Blätter, die ein schattenspendendes Dach bilden, dazwischen leuchten die gelblichen Blüten der Linden. Im Schatten der teils jahrhundertealten Riesen wächst derweil bereits die nächste Baumgeneration heran. Nichts erinnert hier an die Mondlandschaften, in die sich viele Wälder etwa im Harz inzwischen verwandelt haben.

Seit 2006 ist Falko Friedel Revierförster im mehr als 1.200 Hektar großen Hakel. "Damals hatte man hier gerade angefangen, nach dem Dauerwaldprinzip zu bewirtschaften", erinnert er sich an seine Anfangszeit in dem Forst, der schon vor 1.000 Jahren als Jagdrevier Adliger diente.

Wiederentdeckung eines hundert Jahre alten Prinzips

Dauerwald, das bedeutet: Statt Monokulturen aus Fichten, Kiefern oder Buchen gedeiht ein bunter Mischwald, der sich weitestgehend von selbst fortpflanzt und weniger anfällig für Krankheiten und Schädlinge ist. Direkt neben den alten wachsen gleichzeitig immer auch junge Bäume heran. Und statt ganze Areale kahlzuschlagen, bestimmt der Förster nur einzelne Bäume, die gefällt und abtransportiert werden, ohne den Boden oder andere Bäume zu beschädigen.

Blick in einen Wald
Ein Prinzip des Dauerwaldes: Verschiedene Baumarten und -generationen wachsen direkt nebeneinander. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Die Grundlagen dieser Theorie sind schon 100 Jahre alt. Erdacht hat sie Anfang des 20. Jahrhunderts der Forstwissenschaftler Alfred Möller. Doch lange Zeit führte der Dauerwald allenfalls ein Nischendasein, vielerorts dominierten stattdessen die schnell wachsenden und krankheitsanfälligen Monokulturen. Nun feiert der Dauermischwald seit einigen Jahren ein Comeback. Denn im Vergleich zu reinen Kiefern- oder Fichtenwäldern gelten Dauermischwälder als besonders nachhaltig und klimaresistent.

Gewappnet gegen Waldbrände

Und sie sind in Zeiten zunehmender Trockenheit besser gegen Waldbrände geschützt: "Wir haben hier eine intensive Verjüngung, eine Beschattung, das brennt so schnell nicht", sagt Axel Noltensmeier über den Hakel. Noltensmeier arbeitet bei der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA), die Förster wie Falko Friedel bei der Etablierung von Dauerwaldstrukturen wissenschaftlich berät.

Ein Mann mit verschränkten Armen
Axel Noltensmeier berät Förster wie Falko Friedel bei der Etablierung des Dauerwaldes. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

"Wenn wir dagegen in einem Kiefernbestand wären und hier würde ein Funke reinspringen bei der Temperatur und dem Wind, hätten wir sofort ein schnell ausbreitendes Bodenfeuer", erklärt der Waldexperte. Der entscheidende Vorteil des Dauerwaldes seien die verschiedenen Baumarten in unterschiedlichem Alter, die zum einen viel Schatten spendeten und den Boden dadurch vor Austrocknung schützten, und zum anderen unterschiedlich schwer entzündlich seien.

Damit der Hakel als Dauerwald gedeihen kann, streift Falko Friedel in dunkler Arbeitshose und beigem Kurzarmhemd durch sein Revier und greift ein, wo immer es nötig ist. "Wir müssen vor allem das schützen, was nachwächst", sagt der Förster und zeigt auf ein Areal voller junger, kaum mehr als mannshoher Linden und Eichen, die zwischen einigen alten Bäumen wachsen.

Ertrag vs. Artenreichtum

Was er damit meint, erklärt Friedel an einem einfachen Beispiel: Während junge Buchen auch im Schatten prächtig gedeihen würden, bräuchten Eichen Sonnenlicht zum Wachsen. Langfristig würden sich unter den Kronen der alten Bäume also nur Buchen durchsetzen, und ausgerechnet die als besonders klimaresistent geltenden Eichen würden verkümmern. Friedel muss deshalb dafür sorgen, dass dort, wo junge Eichen wachsen, gezielt einige alte Bäume gefällt werden, damit genug Sonnenlicht zum Boden vordringt.

Die Auswahl der Bäume, die letztlich gefällt werden, trifft der Förster anhand verschiedenster Kriterien. Einerseits sollen sie Holz von guter Qualität liefern, denn die Bewirtschaftung eines Dauerwaldes ist besonders pflegeaufwändig – und finanziert wird sie nicht zuletzt durch den Verkauf des Holzes. Andererseits soll Kahlschlag vermieden und Baumartenreichtum erhalten werden.

Ich schütze vor allem die 'Minderheiten', damit seltene Bäume wie Elsbeere, Wildkirsche oder Wildapfel hier erhalten bleiben.

Falko Friedel, Revierförster im Hakel

Auch Bäume, die besonders spektakulär gewachsen sind oder Lebensraum für Tiere bieten, sind tabu. Friedel sprüht dann mit Farbe ein H auf ihre Rinde und erklärt sie so zum "Habitatbaum", der auf keinen Fall gefällt werden darf.

Damit überhaupt erstmal etwas wächst, muss der Förster bisweilen nachhelfen. Wenn etwa dort, wo eigentlich ideale Bedingungen für Eichen herrschen, bislang keine alten Eichen stehen, die sich von selbst fortpflanzen können, sammeln Friedel und seine Waldarbeiter die Eicheln an anderen Stellen in ihrem Revier ein und pflanzen sie dann gezielt in den ausgewählten Arealen ein. Und weil frisch eingegrabene Eicheln und die Triebe junger Bäume ein gefundenes Fressen für Wildschweine, Rehe und Damwild sind, spielt auch die Jagd beim Schutz des Dauerwaldes eine wichtige Rolle.

Spuren des Klimawandels

Wer genau hinsieht, entdeckt allen Anstrengungen zum Trotz selbst im Hakel sichtbare Spuren des Klimawandels. Immer wieder bleibt Förster Friedel beim Gang durch sein Revier stehen und deutet auf Eichen am Wegesrand, deren Rinde an manchen Stellen dunkel verfärbt ist: "Schleimfluss", sagt Friedel und zuckt mit den Schultern, "die Folge von Pilzerkrankungen der Bäume, die durch den Klimawandel immer häufiger vorkommen."

Der beschädigte Stamm einer Eiche
Auch im Hakel zeigen sich an einzelnen Bäumen die Folgen von Pilzerkrankungen, die durch den Klimawandel zunehmen. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Doch obwohl auch im Hakel einzelne Bäume leiden, ist der Dauerwald insgesamt verhältnismäßig gut gegen Hitze und Trockenheit gewappnet. "Durch die Durchmischung verschiedener Baumarten und Altersstufen haben Dauerwälder bessere Chancen, extremen Klimaereignissen nicht so zum Opfer zu fallen, wie es etwa den Fichtenwäldern im Harz passiert ist", sagt Axel Noltensmeier von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt. "Wenn ein alter Baum Klimaeinflüssen oder Schädlingen zum Opfer fällt, steht daneben ja schon ein junger Nachfolger parat."

Die Entwicklung zum Dauerwald macht sich nicht nur in Sachen Klimaresilienz positiv bemerkbar, sie gibt dem Wald auch eine Funktion zurück, die in Monokulturen teilweise verloren gegangen war: als Biotop für unzählige Vogel-, Säugetier- und Insektenarten. Im Hakel lässt sich dieser Artenreichtum bereits beobachten. "Hier brüten zum Beispiel Milane und der extrem seltene Schreiadler", sagt Revierförster Friedel.

Weiter Weg bis zum großen Ziel

Doch der Weg zum Dauerwald ist lang. Selbst im Hakel, in dem die Dauerwaldstrukturen bereits gut entwickelt seien, werde es wohl noch Jahrzehnte dauern, bis man von einem vollständigen Dauerwald sprechen könne, sagt Waldexperte Axel Noltensmeier.

Revierförster Falko Friedel ist davon überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt. "Ich finde gut, wie sich das hier alles entwickelt hat", sagt er über den Hakel. "Selbst wenn eine ganze Baumart ausfallen würde, hätten wir immer noch drei oder vier andere Arten, die das ausgleichen könnten."

Eine Waldkarte
Das Waldgebiet Hakel ist rund 1200 Hektar groß und existiert seit mehr als 1000 Jahren. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Auch in Magdeburg hat man diese Vorteile erkannt. Das Landwirtschaftsministerium hat deshalb ein großes Ziel ausgerufen: Der Dauerwald soll als vorherrschende Form der Waldwirtschaft des 21. Jahrhunderts etabliert werden – nicht nur im Hakel, sondern in ganz Sachsen-Anhalt.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über gesellschaftliche und politische Themen aus den Regionen des Landes.

MDR (Lucas Riemer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Juli 2022 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

hilflos vor 20 Wochen

Ist ja auch eine neue Erkenntnis mit dem Dauerwald. Die nadelholzmonokulturen dienten doch nur der Gewinnmaximierung der Waldbesitzer. Und dass Fichten und Kiefern brennen weiß jeder. Schon das Harz, die Nadeln und jetzt? Spenden wir wieder Buchenwald für die Waldbesitzer??

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