Flächendenkmal Wie ein junges Paar einen der ältesten Fachwerkhöfe in Quedlinburg saniert

Quedlinburg ist eines der größten Fachwerkzentren in Deutschland. Der Ruf des größten Flächendenkmals und der Charakter des "Alten" locken viele Besucher in die Stadt. Knapp 2.000 bunte Häuser, enge Gassen und feine Schnitzereien machen die pure Fachwerkidylle aus. Doch von nichts kommt nichts: die Stadt, ebenso Privatleute arbeiten daran, die Faszination Fachwerk aufrecht zu erhalten – was nicht immer ganz einfach ist.

Blick auf einen kleinen Hof aus Fachwerkhäusern, in dem viele Pflanzen wachsen.
Idylle pur: Diesen fast 550 Jahre alten Fachwerkhof sanieren Antje und René Walliser. Bildrechte: MDR/Christin Rüdebusch

Vermessen. Verputzen. Von vorne anfangen. Das ist seit etwa zehn Jahren der Alltag von Antje und René Walliser. Nach drei Jahren langer Suche hatten die beiden ihren fast 550 Jahre alten Fachwerkhof gefunden. Ihre Hofanlage ist eine der ältesten in Quedlinburg. René kommt ursprünglich aus Quedlinburg und ist dann gemeinsam mit Antje wieder zurückgezogen. Die beiden arbeiteten im Feld der Unternehmensberatung und im Finanzsektor. Für ihren Traum vom Fachwerkhaus haben sie ihre Jobs aufgegeben.

Dann haben wir uns neu in diese Stadt verliebt und wollten Teil von dem Ganzen sein.

René Walliser Bauherr in Quedlinburg
Fachwerkhäuser in Quedlinburg
Quedlinburg bietet jede Menge Fachwerk. Bildrechte: © MDR/Studio DD, honorarfrei

"Ich bin hier groß geworden, ich habe Quedlinburg schon als kleiner Junge kennen gelernt", erzählt René Walliser. "Ich habe dann Antje kennengelernt und wir beide haben uns in alte Städte verliebt. Und irgendwann war mir im Bewusstsein: 'Ich bin ja selber in so einer Stadt groß geworden.' Und dann haben wir uns neu in diese Stadt verliebt und wollten Teil von dem Ganzen sein."

Helfende Hände in Quedlinburg

Die meisten Arbeiten an ihrem Haus erledigen sie selbst. Dabei sind sie ohne jegliche Vorerfahrung gestartet. Nach und nach haben sie sich viele Fertigkeiten beigebracht, wie das Aufarbeiten alter Fenster und Türen oder Putzen mit Lehm. Doch auch bei schwierigen Aufgaben ist die nächste helfende Hand in Quedlinburg nicht weit. So half die Lebenshilfe Harz, zu der eine Behindertenwerkstätte gehört, dabei, die Türen der Familie Walliser richtig aufzuarbeiten – eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Dankbar können Antje und René Walliser so die feinen Details ihrer Tür bewundern: Von einem kleinen eingravierten Herz bis zu den alten Stahlnägeln.

Ein Paar steht in einem Holzrahmen im eigenen Fachwerkhaus in Quedlinburg.
Antje und René Walliser sprechen sich immer wieder ab. Die gemeinsamen Planungen und Ideen sind die Grundlage für die ganze Sanierung. Bildrechte: MDR/Christin Rüdebusch

Die Arbeit macht ihnen Spaß, besonders das Stöbern im Quedlinburger Depot für historische Baustoffe, das die Stadt betreibt. Der holzige, urige Geruch erfüllt den gesamten Raum. 1.000 Türen, 200 Fenster und viele andere historische Baustücke stehen nebeneinander, nach Größen und Zustand geordnet – ein Paradies für alle Fachwerkhaus-Besitzer. Bonus: Alles aus dem Depot ist gratis, wenn man ein Fachwerkhaus in Quedlinburg saniert.

Für die Sanierung ist es superwichtig, solche historischen Bauteile zu haben.

Sophia Dombrowski Stadtplanerin in Quedlinburg

Gerettete Baustoffe warten auf neues Zuhause

Nach der Wende begann die Sicherung der alten Baumaterialien. Immer wenn alte Fachwerkhäuser abgerissen wurden, wanderten Türen, Fenster, Treppengeländer ins Depot. Nun warten die geretteten Baustoffe im Depot auf ihr neues Zuhause, dem sie einen ganz eigenen Charme verleihen. Die Menge an alten Baumaterialen ist beeindruckend. Ohne das streng geordnete System würden hier sonst einige Schätze verloren gehen. Im Depot gibt es noch genügend alte Baustoffe für all die vielen Fachwerkhäuser, die noch auf ihre Verschönerung und Sanierung warten. Denn auch wenn Hunderte Fachwerkhäuser schon saniert sind, Dutzende stehen noch leer und warten auf neue Besitzer.

Der Dom in Quedlinburg 45 min
Dom in Quedlinburg Bildrechte: © MDR/Axel Berger, honorarfrei
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Mehr als eintausend Fachwerkhäuser auf nur 84 Hektar Fläche - Quedlinburg ist eine wahre Pracht fürs Auge. Und es ist daher auch kein Wunder, dass jedes Jahr hunderttausende Besucher in die Stadt strömen.

Der Osten - Entdecke wo du lebst Di 06.09.2022 21:00Uhr 44:41 min

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Stadtplanerin Sophia Dombrowski unterstreicht die Bedeutung des Lagers: "Für die Sanierung ist es superwichtig, solche historischen Bauteile zu haben", erklärt sie. "Wenn wir uns jetzt mal einen Raum vorstellen, den wir komplett neu auskleiden von innen, vielleicht auch schön mit alten Lehmputzen arbeiten. Und ich habe dann die Chance, im Innenraum überall originale barocke Türen – vielleicht nicht aus dem Haus, aber aus dem Nachbarhaus, die hier eingelagert sind – dann auch wiedereinzusetzen, um diesen Charakter wiederherzustellen." Dafür sei es "total toll, dass wir das Lager haben und dass es das leisten kann."

Eine Frau lässt sich von einem Mann beraten, ein Kameramann filmt die Szene.
Bauherrin Antje Walliser lässt sich von Horst Schöne beraten, dem früheren Chef des Baustoff-Depots. Bildrechte: MDR/Christin Rüdebusch

Kein Fachwerkhaus ohne Schattenseite

Doch trotz der Vorteile steckt hinter der jetzt schönen Fassade eine Riesenmenge Arbeit, wie Antje Walliser berichtet. Das sei das Geheimnis alter Häuser, sagt sie. "Dass du an dem einen Ende fertig bist und ich dir dann hier schon wieder zehn Sachen sagen kann, die man wieder machen muss." Dann fange man einfach wieder von vorn an und so ziehe sich der Kreis.

Das ist nämlich genau das Geheimnis an alten Häusern. Dass du an dem einen Ende fertig bist und ich dir dann hier schon wieder zehn Sachen sagen kann, die man wieder machen muss.

Antje Walliser Besitzerin eines Fachwerkhauses in Quedlinburg

Motivationstiefs lassen sich bei der langen Zeit von fast zehn Jahren Baustelle kaum vermeiden. Die körperliche Arbeit auf einer so großen Fläche ermüdet. Jede Arbeit erstreckt sich nicht nur auf eine, sondern auf Dutzende Wände und Böden. Eine Anstrengung, die die beiden nicht eingeplant hatten, waren auch die Vorarbeiten. Allein den Bauschutt aus dem Fachwerkhof zu entfernen, war eine große Hürde, die Entsorgung teuer. Nicht nur die Sanierung, auch der Weg zur Sanierung war also ein langer Prozess.

Ausgleich auf dem Wasser

Wenn die Arbeit und Anstrengung mal zu viel werden, dann geht es für die beiden raus aufs Wasser. Stand Up-Paddeln und Kiten als optimaler Ausgleich zum Alltag auf der Baustelle. Das ist auch ihr Geheimnis, um dran zu bleiben. Denn so ein großes Projekt zieht viel Energie, da braucht man einen Fluchtort um die Batterien wieder aufzuladen.

Doch ein Ende ist in Sicht: 2023 soll ihr Traumhaus endlich fertig sein und dann heißt es: Leben in der Fachwerkidylle.

Einladung zur Preview in Quedlinburg Die Reportage "Quedlinburg – Wunderbar verwandelt" hat der MDR vor der Ausstrahlung im Fernsehen vor Ort in der Welterbestadt gezeigt. Zu der Preview am 31. August 2022 ab 18 Uhr waren alle Interessierten herzlich in die Kulturkirche St. Blasii (Blasiistr. 6, Quedlinburg) eingeladen.

Mehr aus und über Quedlinburg

MDR (Luca Deutschländer) | Erstmals veröffentlicht am 30.08.2022

Dieses Thema im Programm: Der Osten – Entdecke, wo du lebst | 06. September 2022 | 21:00 Uhr

4 Kommentare

geradeaus vor 14 Wochen

Auch dieses Depot das von Horst Schöne betrieben wird ist fantastisch. Alles kostenlos, man muss halt 1 Fachwerkhaus besitzen. Wie finanziert sich das interessiert mich, wird das von der Stadt gesponsert ?

geradeaus vor 14 Wochen

Nachtrag. Als ich schrieb "wenn alles fertig ist" meinte ich natürlich lediglich die gröbsten Arbeiten. Fertig wird es ja "fast nie" ich Witzbold. Dennoch wie gesagt, es wird sehr schon werden und ich drücke der Familie Walliser die Daumen.

geradeaus vor 14 Wochen

Tolle Aktion. Dafür braucht man nicht nur handwerkliches Geschick und Ausdauer sondern auch ne ordentliche Portion Mut ^^.
Ich hoffe das sich nicht allzu viele neue Probleme ergeben, das alle Arbeiten reibungslos funktionieren.

Wenn es dann fertig ist...dann ist es der Hammer.

Grüße

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