Steine als kleine Schätze Wandern im Harz: Das bunte Glück am Wegesrand

11. Januar 2023, 19:54 Uhr

Das Glück liegt manchmal einfach so am Wegesrand. Im Harz zum Beispiel. Und zwar in Form kleiner, bemalter Steine. Kunstwerke für die Hosentasche. Wandersteine heißt das Phänomen. In der Natur liebe Grüße von Unbekannten zu finden, das kann ein Hobby für die ganze Familie sein. Tom Gräbe ist für das MDR-Reiseformat #hinREISEND auf Wanderstein-Suche gegangen.

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

So richtig knackig kalt ist es an diesem Vormittag in Treseburg. Trockene Kälte, die Sonne scheint über die Berggipfel und ich bin hier als Reporter auf dem großen Parkplatz direkt an der Bode zum Wandern verabredet. Mit Familie Kruse und ihren Freunden. Wir wollen heute Wandersteine suchen. Kleine Kunstwerke, die Menschen mit viel Fantasie bemalen und am Wegesrand auslegen, um anderen Freude zu schenken. Dafür braucht es eigentlich nur einen einigermaßen glatten Kiesel, ein paar Acrylstifte und schmissige Ideen.

Familie Kruse, ihr Sohn Simon, ihre Freunde Luisa und David und ich, bilden die eine Wandergruppe. Die Kinder sind dick eingepackt. An so kalten Tagen greift das Zwiebelprinzip. Alles was isoliert drunter. Und eine winddichte Schicht drüber. Sonst braucht es eigentlich nur etwas Verpflegung und ein Ziel.

Auf dem Weg zum "Weißen Hirsch"

Wir wollen an diesem Vormittag zum "Weißen Hirsch" wandern. Das ist ein Aussichtspunkt auf dem Bergkamm in der Nähe des Orts. Keine weite Strecke. Ideal für kurze Beine an kalten Tagen. Und vielleicht finden wir ja unterwegs einen Wanderstein.

"Für meinen Sohn ist das dann auch immer so ein Highlight, wenn er einen findet", sagt Janett Kruse, während der achtjährige Simon routiniert einen der Stempelkästen der Harzer Wandernadel am Wegesrand öffnet. Wandersteine liegen häufig an den Stempelstellen der Harzer Wandernadel. Sie wollen ja gefunden werden. Der Stempelkasten in Treseburg aber, der ist an diesem Vormittag leer. Also weiter. Simon sagt, er hat häufiger Glück. Einmal hat die Familie bei einer Wanderung sogar vier bemalte Steine gefunden. Das hat er sich gemerkt.

Steine werden "ausgewildert"

Unterwegs stehen Bänke an Aussichtspunkten im Wald. Es geht recht steil bergauf. An den Rastplätzen: Keine Steine. Also legen wir einen aus. Ich habe vorgesorgt und ein paar bunte Steine im Rucksack. Ganz wichtig beim Steine "auswildern" - so nennen das die Profis: ein Foto auf Facebook posten. Mit dem Ort des Steines.

Wandersteine gibt es auch im Internet. Allein die Gruppe "Harzsteine", in der sich engagierte Steinwanderer austauschen, hat rund 30.000 Mitglieder. Wandersteine sind ein Phänomen. Wenn ich vor der Wanderung davon erzählt habe, dass ich Wandersteine suchen gehen will, war die Reaktion häufig: Schulterzucken. Kleine, bemalte Steine am Wegesrand hatte dann aber jeder irgendwie schon mal gesehen. Das Foto des Steins in der Facebook-Gruppe jedenfalls sorgt für viele Likes, Wertschätzung für das kleine Kunstwerk. Das motiviert.

Überhaupt: Motivation ist gar kein Thema, hier auf der Wanderung. Bei den Kindern ist das Sammelfieber ausgebrochen. Schnell weiter. Vielleicht liegt irgendwo doch noch ein lieber Gruß eines unbekannten Künstlers.

Aber: Auch an der zweiten Bank: Nichts. Wir legen noch einen Stein aus.

Ein kleines Glück im Alltag

Am Aussichtspunkt: Eine herrliche klare Sicht auf den Brocken. Irgendwo dort unten liegt Treseburg. Ein Moment durchzuatmen, nach dem Aufstieg. Und ein Moment, um über die Folgen der Wanderung nachzudenken:

"Man hat ja immer die Hoffnung, dass die Kinder abends dann so k.o. sind, dass sie einschlafen. Aber leider funktioniert das meistens so eher in die andere Richtung, dass Mama und Papa kaputt sind.", sagt Sebastian Kruse. 

Dann ist es Zeit zum Essen. Ein wenig Proviant braucht es, hier im Wald. "Wir haben immer ein bisschen was dabei. Wenn die Kinder mittendrin Hunger kriegen", stellt der Familienvater fest.

Draußen, in der Natur die Ruhe genießen. In Familie, an einem sonnigen Tag – mehr braucht´s eigentlich nicht, fürs kleine Glück im Alltag.

Keine Garantie, aber ein Ansporn

Apropos Glück. Einen Wanderstein haben wir noch immer nicht gefunden. Unsere ausgelegten Steine sind allerdings weg. Das stellen wir auf der Rücktour fest. Irgendjemand freut sich jetzt über einen kleinen Gruß. Und: Schenken macht ja mindestens genau so viel Spaß wie geschenkt bekommen.

Kurze Zeit später sind wir wieder im Tal. So langsam wird es doch etwas kalt. Eine Finde-Garantie für Wandersteine, die gibt es nicht. Umso größer ist die Freude, wenn dann doch mal einer am Wegesrand liegt.

Die Kinder jedenfalls, die haben nicht nur gut durchgehalten, kleine Kunstwerke im Wald zu suchen, das war auch Ansporn. Ansporn, der auch dafür sorgt, dass nicht mit den Augen gerollt wird, wenn es schon wieder wandern geht. Dinge entdecken, auch vor der eigenen Haustür, vorher: mit Kreativität und Ideen aus grauen Kieseln kleine Kunstwerke gestalten – und die Erfolge mit anderen teilen, on- und offline. Das ist das Konzept der Wandersteine. Natur und Mini-Kunstwerke im Wald.

Wer mitmachen will, der muss eigentlich nur die Augen in der Natur offenhalten.

#hinreisend: Wandersteine 20 min
#hinreisend: Wandersteine Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR (Tom Gräbe, Oliver Leiste)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. Januar 2023 | 19:00 Uhr

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