Interview Wie produktive Arbeit Schulabbrechern helfen kann

Das Projekt "Stabil" versucht Jugendliche, die keinen Schulabschluss geschafft haben, wieder in Richtung Schule, Ausbildung und Beruf zu leiten. Die Sozialarbeiterin Elke Häntsche erklärt, wie mit den Jugendlichen auf dieses Ziel hingearbeitet wird. Dreh- und Angelpunkt des Ansatzes ist Arbeit.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie versucht "Stabil" Schulabbrechern zu helfen?

Elke Häntsche: Wir betrachten Lernen ganzheitlich, über den produktiven Ansatz. Das heißt, die Produktion ist unser Herzstück des Projektes und die Jugendlichen arbeiten in vier Werkstattbereichen. Sie arbeiten produktiv, das heißt: Sie stellen etwas her; etwas, das Sinn macht. Oder sie übernehmen eine Dienstleistung und erfahren über diesen Ansatz Wertschätzung.

Ergänzend dazu gibt es auch eine Lehrkraft, die sich überwiegend in der Einzelarbeit darum bemüht, mit schulmüden oder lernschwachen Jugendlichen zu arbeiten.

Wie vermitteln Sie den Jugendlichen Wertschätzung – und warum ist das überhaupt wichtig?

Das besondere an dem Projekt ist, dass die Kollegen und Mitarbeiter gemeinsam mit den Jugendlichen produzierend tätig sind. Sie sind nicht höher gestellt und auch nicht niedriger. Das vermittelt den Jugendlichen so ein Gefühl von 'Ich bin hier wichtig – und wenn ich hier fehle, können wir den Produktionsauftrag nicht so umsetzen, wie es sein soll.' Das macht natürlich was mit dem Selbstbewusstsein.

Mit welchen Problemen kommen die Jugendlichen hier her?

Meist geht eine Überforderung voraus, ob in Familie oder Schule oder im eigenständigen Wohnen. Obwohl es ja gesetzliche Vorgaben gibt, ab wann ein Mensch allein wohnen darf, ist die Realität eine andere. 80 Prozent der Stabil-Teilnehmer leben schon in einem eigenen Wohnraum, weil das Familienleben in irgendeiner Form nicht mehr funktioniert. Sehr häufig bekommen Sie diese Kompetenzen nicht mit vermittelt, wie es im eigenen Wohnraum funktionieren sollte.

Es gibt durchaus Jugendliche, die von Obdachlosigkeit bedroht sind oder eine Schuldenproblematik mit sich bringen. Und ein Thema was mehr und mehr zunimmt, sind einfach Suchtmittelkonsum und die Konsequenzen daraus.

Wie hängen diese Probleme mit den Schulabbrüchen Ihrer Erfahrung nach zusammen?

Ich denke, dass diese Belastungsmerkmale immer jünger einsetzen. Es gibt Teilnehmer, die bereits in der 5. oder 6. Klasse Berührungspunkte hatten mit Suchtmitteln – oder wo Familienkonstellationen im Wege stehen und sie den Weg in die Schule einfach nicht mehr finden oder sie sich dann isolieren oder auf der Straße sind.

Wie bringen Sie so jemanden wieder auf eine Spur in Richtung Schulabschluss?

Wir beginnen den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück. Sehr häufig kennen die Jugendlichen hier das gar nicht, gemeinsame Mahlzeiten einzunehmen. Der Hintergrund ist auch abzufragen, wie sie heute drauf sind und unsere Strategien darauf auszurichten. Wir verbinden das mit Gesprächen zum Produktionsalltag aber auch darüber hinaus. Wir begehen hier Geburtstage zusammen – sehr häufig erleben die Jugendlichen das überhaupt nicht mehr, dass an diese Geburtstage gedacht wird und feiern diese. Auch Weihnachten oder Ostern sind so Feste, wo wir die Jugendlichen versuchen einzubinden, ihnen Traditionen und Bräuche nahebringen.

Das klingt nach Familien-Ersatz.

Genau. Das ist das, wonach sie sich sehnen.

In den Projektwerkstätten gibt es auch Personal – und die sind häufig auch Familienersatz.

Über diese Beziehungsarbeit erfahren wir eine ganze Menge über ihr Leben und das macht vertraut. Was wir wollen ist, dass die Jugendlichen auch mit ihren Sorgen und Problemen zu uns kommen. Und sie erleben im gemeinsamen Arbeiten und Abbauen ihrer Problemlagen Erfolg, manchmal auch Misserfolg.

Was passiert, wenn nach zwölf Monaten die Zeit für einen Jugendlichen bei "Stabil" endet?

Wir hatten in den zehn Jahren ca. mit 900 Jugendlichen gearbeitet und fertigen natürlich auch Projektstatistiken an, weil das sein muss. Und wenn wir von Erfolg sprechen, den wir auch definieren in beruflichen Integrationszahlen, dann liegen wir zwischen 50 und 60 Prozent. Bezogen mit den Problemlagen, die die Jugendlichen mitbringen, sind wir damit schon zufrieden. 

Was bedeutet denn berufliche Integration? Fangen die Jugendlichen dann eine Ausbildung an?

Vielfältig – es geht natürlich um die Aufnahme einer Ausbildung. Das kann eine schulische Ausbildung sein, es kann eine betriebliche sein. Das können aber auch Schritte davor sein, also eine berufsvorbereitende Maßnahme bei einem anderen Träger, es kann die Fortsetzung der Schule sein, ein Berufsvorbereitungsjahr. Alles, was derjenige braucht. Wir achten auch darauf, dass es passgenaue Schritte sind – weil Überforderungen meist auch schiefgehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Roland Jäger.

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR Fakt ist aus Magdeburg | 30. September 2019 | 22:05 Uhr

1 Kommentar

Ernst678 am 01.10.2019

Ein prima Artikel, der wieder mal mit Vollgas an den wirklichen Ursachen vorbeidonnert. Das Kind liegt im Brunnen, warum hat man es erst hineinfallen lassen? Einige Stichworte: Überfordern? Obwohl das Niveau in deutschen Schulen schon merklich gesenkt wurde, nicht zuletzt wegen der massenhaft reinströmenden Migranten um deren "Chancen zu verbessern (!!!???)". Aussagen von Lehrern: Wegen der vielen Migrantenkindern mit mangelhaften Deutschkenntnissen ist ein geordneten Unterricht nicht mehr möglich! Stichwort Obdachlosigkeit: Ein beschämender Umstand in diesem angeblich so reichen Land in dem man angeblich so "gut und gerne lebt". Ein Wunder ist das nicht da man sich ja lieber vorrangig um Millionen Herbeigeeilter und Herbeigeholter kümmert als um die eigene in Armut lebende und von Armut bedrohte Unterschicht der Bevölkerung die man so gut mit Klimahysterie von den wirklichen Problemen ablenken kann. Ja, ihr lieben Deutschen, einstmals Volk der Dichter und Denker, Showdown!

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