Geflüchtetenhilfe Magdeburger Programmierer flieht vor dem Terror

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Der Verein Refugium hilft jungen Geflüchteten, in Sachsen-Anhalt Fuß zu fassen. Yusuf ist einer von ihnen. Er flüchtete über das Mittelmeer nach Deutschland, lernte die deutsche Sprache – und strebt jetzt ein Studium an. Seinen "Ersatzeltern" ist er dankbar.

Ein Schlauchboot mit Geflüchteten treibt auf dem Mittelmeer.
Das Hauptziel des Refugium in der Vormundschaftsführung ist die Wahrung der Rechte der Geflüchteten Mündel. Bildrechte: dpa

Farbige Buchstabenreihen blinken auf dem dunklen Bildschirm. Yusuf Ahmed Abdullahi fügt mit flinken Fingern weitere Buchstaben und Zahlen hinzu.

Ein Mann sitzt an seinem Schreibtisch vor einem Computer.
Yusuf flüchtete mit 16 Jahren nach Deutschland. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Der Somalier ist Softwareprogrammierer, arbeitet für eine Magdeburger Firma. Seine Dienste sind gefragt, Leute wie er werden gesucht. Yusuf stammt aus Somalia, und er wusste immer, was er wollte. Auf gar keinem Fall zu Al-Shabaab. Doch die Terrororganisation hat ausgerechnet in seinem somalischen Heimatort ihre Hochburg.

Mit 16 machte sich Yusuf auf den Weg nach Europa, einen gefährlichen Weg. Er dauerte zweieinhalb Monate, führte von Somalia über Kenia, Uganda, den Südsudan, den Sudan, Libyen und schließlich übers Mittelmeer.

Flucht übers Mittelmeer nach Deutschland

Die Erinnerung an die Überfahrt verfolgte Yusuf lange. Das Boot mit seinen 340 bis 350 Menschen kenterte. Jeder kämpfte ums Überleben. Die wenigsten schafften es. "Es war der schlimmste Teil der Reise", erzählt Yusuf. Er erinnert sich daran, wie kräftige Männer das Boot zerteilten, so dass sich die Ertrinkenden an das Holz klammern konnten.

Ein Schlauchboot mit Geflüchteten treibt auf dem Mittelmeer.
Wie Yusuf ging es vielen Flüchtlingen (Symbolbild). Bildrechte: dpa

70 Überlebende wurden damals nach Italien gebracht. Yusuf wurde dann nach Deutschland verteilt. "Null Deutsch", habe er gesprochen, berichtet Yusuf, der damals gerade erst 16 Jahre alt war, aber gut Englisch konnte.

Aber er wollte die Sprache lernen, besorgte sich Bücher, lud sich Videos von Sprachkursen aus dem Internet herunter. Die Betreuer im Heim halfen ihm. Im Juni war das, und sein Ziel war klar: so schnell wie möglich eine Schule besuchen.

Refugium übernimmt die Rolle der Eltern

Als unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter gelangte Yusuf in die Obhut von Refugium. Der Verein existiert seit 25 Jahren. Er begleitet Kinder und Jugendliche auf dem Weg in ihre neue Heimat. Über 600 waren es in dieser Zeit, aus mehr als 60 Ländern kamen sie. Die meisten waren zwischen 15 und 17 Jahre alt, manche auch jünger. Sogar für ein vierjähriges Kind übernahm der Verein die Rolle, die die Eltern nicht ausüben konnten.

Roland Bartnig wurde Yusufs Vormund. "Man liest den Namen, legt eine Akte an", erzählt der Sozialarbeiter. "Aber ich lese keine Beurteilungen, ich bilde mir meine eigene Meinung." Yusuf habe er an einem trüben Tag zum ersten Mal getroffen.

Er unterschied sich von anderen Jugendlichen, weil er so genau wusste, was er wollte, und trotzdem Rat annahm. Mit Händen und Füßen, mit Mimik und Gesten verständigten sich die beiden. Yusuf wollte Bücher, um Deutsch zu lernen. So schnell wie möglich eingeschult werden. Und den höchstmöglichen Abschluss, denn er wollte Computerfachmann werden.

So wie Roland Bartnig gibt es viele Vormünder, die die Interessen ihrer Mündel vertreten. Er selbst hat derzeit 35 Mündel, aber es waren auch schon mal 60 gleichzeitig. "Je weniger es sind, desto intensiver kann ich ihre Belange vertreten", so der Mann mit dem Stirnband, der in der Freizeit Musik macht.

"Vertrauen aufzubauen ist die größte Herausforderung", weiß Monika Schwenke, die Vorsitzende von Refugium und Abteilungsleiterin Beratende Dienste/Sozialpolitik bei der Caritas in Magdeburg. "Das ist manchmal schwierig, denn die meisten sind nach ihrer Flucht traumatisiert. Sie müssen erst einmal verstehen, dass sie in einem Land leben, wo sie sicher sind, wo sie Rechte haben und auch Pflichten."

Refugium hilft alleinreisenden Minderjährigen seit 1997

Als Refugium 1997 gegründet wurde, war Monika Schwenke bereits dabei. "Wir haben festgestellt, dass in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber sehr viele allein reisende Minderjährige ankamen." Die Jugendlichen ohne Eltern brauchten besondere Unterstützung. Gemeinsam gründeten die Caritas, das Sozialministerium und Kirchgemeindemitglieder den Verein, der sich bis heute um unbegleitete minderjährige Geflüchtete kümmert.

Zwischen Yusuf und seinem Vormund entstand eine enge Verbindung, die bis heute anhält, obwohl Yusuf längst volljährig ist. Yusuf lernte pausenlos. Nach den Sommerferien wurde er eingeschult. Zuerst in eine berufsorientierte Schule, wo er schnell merkte, dass er den Stoff bereits aus seiner Heimat kannte. Ein Syrer erklärte ihm das deutsche Bildungssystem, und Roland Bartnig half ihm schließlich, dass er nach einem Monat aufs Gymnasium wechseln konnte.

Yusuf lernt pausenlos, um sein Ziel zu erreichen

"Bumm, das war wirklich sehr schwer", blickt Yusuf zurück. "Ich dachte, dass ich die Sprache richtig gut verstehen kann, aber die Fachbegriffe kannte ich nicht, und in der 9. Klasse hat man am Gymnasium die meisten Fächer." Yusuf büffelte. Jede Minute hockte er in seinem Zimmer, vergrub sich in Büchern. Wenn andere spielten, Freizeit hatten, lernte er. So viel, dass ihm die Betreuer im Heim die Bücher wegnehmen mussten.

Ein Mann sitzt an seinem Schreibtisch vor einem Computer.
Yusufs Ziel: Er will noch studieren. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Yusuf schaffte den erweiterten Realschulabschluss, danach sein Fachabitur. Da fragten die Firmen schon bei ihm an. Mit 18 zog er in seine eigene Wohnung. Roland Bartnig schenkte ihm eine Katze. Sophie.

Immer, wenn Yusuf seine Wohnung betritt, bekommt Sophie als erstes ihre Streicheleinheiten. Magdeburg ist seine Heimat geworden, hier ist er inzwischen angekommen, hilft auch anderen Geflüchteten beim Heimisch-Werden. "Yusuf ist eine ganz wichtige Stütze geworden", sagt Roland Bartnig, "er ist ein gutes Beispiel dafür, dass man es schaffen kann."

Yusufs nächstes Ziel: ein Studium

Am Ziel ist der junge Somalier noch lange nicht. Yusuf will noch studieren, seine eigene Firma gründen. Und er will laufen. Das hat er schon in seiner Heimat Somalia getan. Seine Bestzeit über die Marathondistanz liegt bei 2:39. Er trainiert hart dafür, diese Zeit noch zu toppen. Man trifft ihn am Elbufer, im Stadtpark, im Leichtathletikstadion des SCM. "Mein Ziel sind 2 Stunden 20", verrät er. Eine Zeit, die Profis laufen. Aber so ehrgeizig, wie Yusuf ist, kann er das schaffen.

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MDR (Annette Schneider-Solis, Maximilian Fürstenberg)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Januar 2023 | 19:00 Uhr

65 Kommentare

Tom0815 vor 3 Wochen

@DanielSBK
Ich arbeite in der IT und kann das von Ihnen beschriebene absolut nicht bestätigen!!! Im Gegenteil. In der IT werden -mal ganz pauschal gesagt- nach wie vor händeringend Leute gesucht und dazu muß man nichtmal umziehen. Seit Corona ist die Zahl der Remote-Arbeitsplätze in die Höhe geschossen.
Und Internationalität wird in der IT schon immer groß geschrieben und es ist hier alles andere als selten, dass man mit Leuten aus der ganzen Welt zusammenarbeitet. Arbeitssprache ist ja eh oftmals Englisch.

Also keine Ahnung wo Sie immer hören, dass x-Leute aus der IT stempeln gehen müssen, aber ich würde Ihnen empfehlen Ihre Quelle mal auf Glaubwürdigkeit zu prüfen. Dann müssen Sie sich in Zukunft hoffentlich auch nicht mehr so oft die Augen wischen

Anita L. vor 3 Wochen

"Menschen wie ihnen ist einfach nicht mehr zu helfen."

Da haben Sie wohl Recht, Tiger im Schlamm. Wenn Menschen von Neid und Missgunst gegen den Erfolg anderer so derart zerfressen sind, dass sie sich nicht anders mehr zu helfen wissen, als den Betreffenden mit Hass, falschen Unterstellungen und Lügen zu diffamieren, dann ist ihnen nicht mehr zu helfen.

Anita L. vor 3 Wochen

@Magdeburger Jung, wenn Sie den Wikipedia-Artikel weiterlesen, werden Sie feststellen, dass er ganz genau Ihr Diskussionsverhalten beschreibt. Anstatt sich mit dem Thema des Textes, einem Verein, der jungen Geflüchteten hilft, in unserem Land anzukommen und Struktur zu finden, zu beschäftigen, versuchen Sie mit der tu quoque-Taktik auf andere Themen (Silvesterkrawalle) abzulenken. Das ist gelebter Whataboutismus, gemäß dem Motto "ja, aber". Die "Realität", die Sie "leider" sehen (wollen), ist eben nicht "die Realität", sondern nur ein Teil davon. So wie Yusuf und alle anderen jungen Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft finden, auch. Ohne "ja, aber". In Summe wiegen die Yusufs weit mehr als die hundert Idioten einer Silvesternacht. Sie sind nur nicht so laut.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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