
Informationsveranstaltung Kirchberg: Lebhafte Diskussion um mögliches Atommüll-Endlager
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20. November 2024, 19:11 Uhr
Zufällig am gleichen Abend, an dem sich von Frankreich aus wieder einmal ein Castor-Transport mit radioaktivem Müll in ein Zwischenlager nach Deutschland auf dem Weg macht, wird in Kirchberg bei Zwickau über die Standortsuche für ein atomares Endlager diskutiert. Denn trotz der Nähe zum Vogtland, das wegen der häufig auftretenden Schwarmbeben als Standort ausgeschlossen wurde, ist Kirchberg noch nicht aus dem Rennen. Das wirft bei den Einwohnern viele Fragen auf.
Der Festsaal im Kirchberger Rathaus ist am Dienstagabend fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Die versammelten Einwohner treibt eine Frage um: Wie wahrscheinlich ist es, dass ihre Gemeinde als Standort für ein atomares Endlager geeignet ist?
Das Kirchberger Granitgebiet liegt in einem der 90 Teilgebiete in Deutschland, das von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) als weiterhin untersuchungswürdig eingestuft wird. Seit 2017 suchen Geophysiker der (BGE) nach Gesteinsformationen, die radioaktiven Abfall in Zukunft für eine Million Jahre sicher einschließen sollen.
Eingeladen zu der Informationsveranstaltung hat Kirchbergs Bürgermeisterin Dorothee Obst. Sie will die fachliche Expertise der BGE-Experten einholen, um die Diskussion um Kirchberg auf eine sachliche Ebene zu stellen. "Ich gehe davon aus, dass unser kristallines Wirtsgestein, unser Granit, nicht dafür geeignet ist. Aber ich möchte das gern untermauern und durch fachliche Stellungnahmen diesen Beweis erbringen."
Geophysiker suchen strikt nach wissenschaftlichen Kriterien
Für die BGE ist Frank Meier nach Kirchberg gekommen. Er berichtet von der Suche nach einer Endlagerstätte, die mit einer weißen Landkarte begonnen habe. Mittlerweile hätten die Geophysiker mehr als die Hälfte der Fläche der Bundesrepublik ausgeschlossen. "Das ist ein wissenschaftliches Verfahren. Anhand der strengen wissenschaftlichen Kriterien, die wir dort angesetzt haben, werden die Gebiete immer weiter eingeengt."
Ergebnis für Kirchberg wird noch im November erwartet
Meier erläutert, dass der gesamte Prozess in drei Phasen eingeteilt ist. Im Moment befinde man sich noch in Phase 1. Noch im November soll ein neuer Arbeitsstand veröffentlicht werden. "Dort wird man sehen, ob die Region Kirchberg noch dabei ist." Dem könne er aber nicht vorgreifen. "Wir können Prognosen nur anhand der Daten aus der Vergangenheit geben", sagt Meier. "Wenn wir die tektonischen Vorgänge der Erdgeschichte verstehen, können wir daraus ableiten, was in der Zukunft passieren wird mit den Auswirkungen auf die einzelnen Regionen."
Wir schauen in die Vergangenheit, um daraus Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen.
Die augenscheinlich gut vorbereiteten Einwohner haben viele Fragen: Wie genau läuft das Verfahren ab? Welche wissenschaftlichen Ausschlusskriterien kommen zur Anwendung? Wie könnte sich ein atomares Endlager auf die Bewohner auswirken? Wie würde so ein Bergwerk aussehen?
Finnland beim Thema Atommüll entspannt
Die Geophysiker antworten geduldig. Sie verweisen auf weitere Faktoren, die in dem mehrstufigen Verfahren geprüft werden wie beispielsweise Naturschutz, Trinkwasservorkommen und Wohngebiete. Sie berichten von Erfahrungen aus Finnland, wo der Umgang mit Atommüll ganz anders verläuft und sich Gemeinden sogar bewerben, um Endlager zu werden.
Sie machen an diesem Abend auch klar, dass sich alles noch mal ändern könnte, sollte Deutschland eines Tages doch wieder Atomkraftwerke betreiben. "Dann verändern sich die Mengen und wir fangen von vorn an zu suchen." Und die BGE-Vertreter weisen immer wieder darauf hin, was ihre Aufgabe ist: wissenschaftliche Daten erheben. Sie sind nicht diejenigen, die am Ende über einen Standort entscheiden.
Diskussion kann nicht alle Bedenken ausräumen
Trotz aller Aufklärung: Die Wissenschaftler können nicht bei allen Besuchern die Vorbehalte zerstreuen. Sie fragen sich, warum gerade das kleine Gebiet um den Ort Kirchberg noch nicht von der Liste möglicher Atommüll-Endlager gestrichen wurde. Schließlich grenze es unmittelbar an das Vogtland, das häufig von sogenannten Schwarmbeben erschüttert wird. Auch in Kirchberg seien die Erdbeben zu spüren. Die Wissenschaftler verweisen wiederholt darauf, dass die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen seien.
Bürgermeisterin: Natürlich haben die Menschen Angst
Für Kirchbergs Bürgermeisterin Dorothee Obst ist die Veranstaltung dennoch ein Erfolg. Ihr sei wichtig gewesen, die Informationen, die aktuell vorhanden seien, zu teilen. "Natürlich haben Menschen Angst und natürlich gibt es in der Bevölkerung immer Menschen, die Verschwörungen und Verschwörungstheorien vermuten. Das konnten wir heute, glaube ich, ein Stück weit entkräften." Die Einwohner hätten sehen können, dass Standortregionen auf einer wissenschaftlichen Basis ausgesucht würden. "Am Ende wird trotz allem die Politik die Entscheidung treffen", schränkt sie ein.
Auch Geophysiker Frank Meier ist zufrieden. "Es war eine sehr angeregte Diskussion. Am Ende gehen die Leute hoffentlich etwas beruhigter nach Hause, weil sie das Gefühl für unser seriöses, streng wissenschaftliches und transparentes Verfahren bekommen haben."
Endlagersuche könnte noch 50 Jahre dauern
Auch wenn die Wissenschaftler betonen, dass sie ihre Arbeit bei der Standortsuche so schnell wie möglich erledigen wollen: Das komplizierte mehrstufige Verfahren steht ganz am Anfang. Laut einer Studie des Öko-Instituts e.V. könnte die endgültige Entscheidung für ein atomares Endlager in Deutschland erst 2074 fallen. Bis dahin werden die 16 Zwischenlager weiterhin gebraucht. Die Diskussionen in den Regionen, die in den kommenden Jahren in die engere Wahl für das Endlager kommen, beginnen gerade erst.
Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 20. November 2024 | 09:00 Uhr