Zwei Polizisten stehen vor einer Schule.
Polizeieinsatz an einer Thüringer Schule. Die Polizei hat jüngst einen Brief verteilen lassen, in dem steht, wie sich Eltern von Schülern sich bei Bedrohungslagen verhalten sollen. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Alexander Reißland

Der Redakteur | 28.05.2024 Elternbrief der Polizei zu Bedrohungslagen an Schulen: Panikmache oder wichtig?

28. Mai 2024, 18:27 Uhr

Bombendrohungen scheinen "hipp" zu sein, was folgt sind Aufregung, Evakuierungen und Ängste, die oft nachhaltig sind. Was will der Elternbrief der Thüringer Polizei erreichen und was wird außerdem für die Sicherheit getan?

Schulfremde Personen fallen aufmerksamen Lehrern sicher auf. Aber diese sind bei Bombendrohungen ohnehin selten das Problem. Meistens kommen diese "Dumme-Jungen-Streiche" aus dem schulischen Umfeld - sei es aus Prüfungsangst und Verzweiflung, als Mutprobe, Machtgefühl oder als indirekter Hilferuf nach einer Kette von Demütigungen.

Daraus ergibt sich, dass mehr als 98 Prozent dieser Drohungen eben nur das sind: eine Drohung, ein Anruf, mehr nicht.

Laut Kriminalwissenschaft geht nur ein geringer Teil von Bedrohungen ernsthaft in die Umsetzung, wir sprechen hier von maximal zwei Prozent.

René Treunert, Landeskoordinator polizeiliche Betreuung bei der Landespolizei Thüringen

Könnte man die Drohungen nicht einfach ignorieren?

Der Ansatz, eine Drohung zu ignorieren, ist verführerisch, aber aus Sicht von Sicherheitsexperten abwegig. Wer will diese Entscheidung treffen und verantworten? Eine solche Entscheidung muss auch immer auf Fakten basieren.

Bombendrohung Schulzentrum Annaberg
Polizeiabsperrung an einer Schule. (Archivbild) Bildrechte: Bernd März

Deshalb empfiehlt René Treunert von der Thüringer Polizei den Einschätzungen der Polizei zu vertrauen. Er will nicht alles verraten, aber es werden zu solchen "Lagen" Experten geschickt, die wissen, wo sie ansetzen müssen, Indizien kennen und am Ende eine Entscheidung treffen, ob eine wirkliche Gefährdung besteht oder nicht. Er war selbst viele Jahre lang als Einsatzleiter im Dienst. Er weiß also, wovon er spricht.   

Da sind viele Informationen, die wir intern verarbeiten müssen. Das ist nichts, was man über die Medien transportiert oder in der Schule kommunizieren sollte.

René Treunert Thüringer Polizei
René Treunert, Landeskoordinator polizeiliche Betreuung bei der Landespolizei Thüringen 19 min
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19 min

René Treunert ist Landeskoordinator polizeiliche Betreuung beantwortet Fragen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 28.05.2024 16:40Uhr 19:03 min

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Die Punkte, die die Polizei abarbeitet, haben auch eine Ermittlungsrelevanz und die Täter werden häufig auch schnell identifiziert, besonders wenn sie aus dem schulischen Umfeld kommen.

Die "Spaßvögel" sollten wissen: Der Aufwand für den Einsatz von Rettungskräften ist hoch und die folgende Rechnung auf jeden Fall fünfstellig.

Warum soll ich mein Kind nicht anrufen oder anholen?

Eine Bitte aus dem Elternbrief ist, dass man sein Kind nicht anrufen oder anholen sollte bei einem solchen Fall. Und dies auch wenn man weiß, dass sich in der Praxis nicht alle daran halten werden. Doch Silvester zeigt es fast jährlich: Wo viele Menschen gleichzeitig kommunizieren, kann es auch mal eng werden.

Auch René Treunert und seine Polizeikollegen bemerken, dass die Mobilfunknetze schwächeln bei solchen Vorkommnissen an Schulen und bitten deshalb Kinder und Eltern, auf Anrufe und ähnliches zu verzichten.

Die Polizei ist geschult, die Schulverantwortlichen sind es auch und so werden Kinder in einem Notfall in sichere Räume geleitet. Und sollte das nicht sofort möglich sein und die Kinder werden stattdessen aufgefordert, sich absolut ruhig zu verhalten oder gar zu verstecken, dann wäre es sehr gefährlich, wenn überall die Handys klingeln.

Ein Kind legt seinen Kopf zwischen die Arme.
Geschultes Personal soll den Kindern sagen, wie sie sich bei einem Bedrohungsfall verhalten sollen. Bildrechte: IMAGO / Kirchner-Media

Auch ist es absolut nicht zu empfehlen, sich als "besorgte Eltern" zur Schule zu begeben.

Im Ernstfall ist die Situation unübersichtlich. Jede fremde Person kann auch schnell selbst zum Verdächtigen werden. Die Polizei wird nämlich mitunter robust verhindern, dass Personen in die Schule laufen.

Radio, Fernsehen, Pressesprecher

Wenn die Informationen nur spärlich gesät sind, sprießen die Gerüchte. Die Kommunikation zwischen den Medien, die auch wissen, was sie tun (dürfen), und der Polizei, hat sich in den vergangenen Jahren durch den schnellen Vor-Ort-Einsatz von Pressesprechern deutlich verbessert.

So kommen in ernsten Lagen erstens verifizierte Informationen an die Öffentlichkeit und dann auch nur solche, die keine Gefährdung für Personen darstellen, die noch nicht in sicheren Räumen sind.

Presseausweis, Kugelschreiber und Zeitungsartikel
Pressevertreter können sich mit einem Presseausweis ausweisen. Bildrechte: IMAGO / U. J. Alexander

Investigativ und kritisch sollte der Einsatz erst im Nachgang aufgearbeitet werden. Ohne ins Detail zu gehen: Auch Täter verfolgen die Medien mitunter und die Polizei weiß das auch. Entsprechend kommuniziert sie "zielorientiert". Während seriöse Medien auf die Bitten der Polizei eingehen, gewisse Dinge zumindest jetzt noch nicht zu publizieren, kann der stolze Super-Blogger ("die Systemmedien vertuschen mal wieder!") mit seiner Offenheit womöglich ein extremes Sicherheitsrisiko darstellen.

Was gibt es über den Elternbrief hinaus?

Erste Ansprechpartner für die Kinder in Gefährdungslagen sind immer die Lehrer, Schulpsychologen und die Schulleitung. Diese sind und werden auch entsprechend geschult. Es gibt in allen Schulen Materialien und Informationen, die gemeinsam mit der Polizei und anderen Behörden ausgearbeitet wurden. Dazu gehört auch, dass sich Schulleiter und Einsatzleiter der Polizei möglichst kennen sollten. Auch das ist Teil der Arbeit vom Landeskoordinator polizeiliche Betreuung, René Treunert. Er soll diese Verbindungen herstellen. Wer sich kennt, wichtige Dinge im Vorfeld besprochen hat, kann auch im Ernstfall viel besser und vertrauensvoller zusammenarbeiten.

Wir stehen im Kontakt mit dem Lehrer-Fortbildungsinstitut in Bad Berka und wollen den Krisenordner "Schule" und die Handreichungen des Kultusministeriums auf den neuesten Stand bringen.

René Treunert Thüringer Polizei

So will die Polizei mit dem Lehrer-Fortbildungsinstitut die Handreichungen des Landes Thüringen verbessern. Wegen neuer Entwicklungen sollen Schulleiter, aber auch Lehrer in die Lage versetzt werden, mit solchen Lagen richtig umzugehen, erklärt Treunert. Im besten Fall bräuchten die meisten Lehrer das nie in ihrer Schulkarriere. Aber die, die in eine solche Situation kommen, sind dankbar für alles, was ihnen hilft.

Das gilt für Gefährdungslagen wie Bombendrohungen genauso wie für ein Feuer. Denn leider kommt oft erst im Nachhinein heraus, dass das große Drama nur deshalb entstanden ist, weil die Regeln missachtet wurden. Zum Beispiel, weil ganz banal Fluchtwege verstellt waren oder niemand so richtig wusste, wie man einen Feuerlöscher richtig einsetzt.

MDR (dvs)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 28. Mai 2024 | 16:40 Uhr

25 Kommentare

Sozialberuflerin vor 1 Wochen

Ein "dumme jungen Streich" bezeichnet einen unüberlegten törichten Streich!

Wenn sie mir damit die Aussage "dumme Kinder" zuschieben wollen, unterstützt das nur meine Ansicht, dass sie keinerlei Diskussionsgrundlage bieten!

astrodon vor 2 Wochen

@Mira: "Das hatte ich schon vermutet, dass Sie nicht vom Fach sind." - auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: ich bezweifle, das SIE das beurteilen können. Mit wie vielen Suizidgefährdeten habe Sie schon gesprochen? Ich komme, in über 40 Berufsjahren, auf Hunderte. So gesehen, bin ich durchaus "vom Fach".

astrodon vor 2 Wochen

@Sozialberuflerin: Die "dummen Kinder" habe ich vion Ihnen ("dumme-Jungen"-Streiche"). Meine Meinung beruht auf den Berichten über die bisher ermittelten Urheber solcher Drohungen.
Wer wie Sie nur allem anderen, vom Umfeld biss zur großen Politik, die Schuld zuweist verkennt die Realität.

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