Zu große Kita-Gruppen Studie sieht Erziehermangel in Thüringen

01. November 2022, 05:00 Uhr

In Thüringen fehlen nicht nur Lehrer. Auch Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten. Zumindest kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zu diesem Ergebnis. Die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus: Das Bildungsministerium verweist auf eingehaltene Betreungsschlüssel, die Opposition fordert eine Reform der Ausbildung.

Jan Bräuer
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Spielzeit ist an diesem Vormittag im Ostthüringer Kindergarten Lederhose in der Nähe von Gera. Sechs Erzieherinnen kümmern sich hier um die 28 Kinder. Aufgeteilt in zwei Gruppen: die Ein- bis Dreijährigen und die Vier- bis Sechsjährigen. Eine kleine Einrichtung, umgeben von Wiesen und Feldern. Der Wald ist nicht weit weg.

Fast alle Kindergartengruppen sind zu groß

In Lederhose erscheint die Kindergarten-Welt in Ordnung. Für ganz Thüringen gilt das nur mit Blick auf die vorhandenen Plätze. Knapp 95.000 stehen zur Verfügung, etwa 83.000 Kinder besuchen eine Kindertagesstätte. Eltern müssen sich also keine Sorgen machen, für den Nachwuchs einen Kindergartenplatz zu bekommen.

Allerdings sind dort knapp 91 Prozent der Gruppen zu groß, sagt das Länder-Monitoring "Frühkindliche Bildungssysteme" der Bertelsmann-Stiftung. Heißt übersetzt: Erzieherinnen und Erzieher müssen sich um zu viele Kinder kümmern. Ein Problem, das Nadine Hübener von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) seit Jahren sieht und das hausgemacht ist, wie sie sagt: "Wir haben in Thüringen eine große Herausforderung insofern, als wir sechs unterschiedliche Personalschlüssel haben."

Für jede Altersstufe ein anderer Schlüssel. Der regelt, wie viele Kinder von einer Erzieherin oder einem Erzieher betreut werden. Bei gemischten Gruppen - wie es sie im Freistaat gibt - wird das zur Rechenaufgabe. Zumal die Personal-Schlüssel die Unwägbarkeiten des Lebens nicht berücksichtigen, sagt Hübener: "De facto sind Kolleginnen krank, zur Fortbildung, haben Urlaub. Die Zahlen spiegeln nicht die Praxis wider. Sie sind viel zu gering angesetzt."

Thüringer Bildungsministerium sieht keinen Fachkräftemangel

Und so kommt die Bertelsmann-Stiftung in ihrer Studie zum Ergebnis: Sollen Thüringer Kindertagesstätten ihren Bildungsauftrag erfüllen, braucht es künftig mehr Personal. Nadine Hübener von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kann dem nur zustimmen: "Bertelsmann spricht von 10.000 Beschäftigen, die in den nächsten Jahren in die Einrichtung kommen müssten, wenn wir einen Personalschlüssel haben wollen im Bereich der Über-Dreijährigen von 1:7,5 und im Bereich der Unter-Dreijährigen von 1:3. Und das ist auch das, was die GEW fordert, das sind wissenschaftlich erwiesene Schwellenwerte."

Bereits ausgerechnet ist, was diese Neueinstellungen kosten würden: mehr als 558 Millionen Euro pro Jahr. Gut angelegtes Geld - so sieht es die Gewerkschaft. Im Thüringer Bildungsministerium hat man einen anderen Blick und widerspricht den Bertelsmann-Berechnungen. In einem schriftlichen Statement heißt es: "Gemessen an den in Thüringen geltenden Regelungen zur Betreuungs-Relation gibt es derzeit keinen signifikanten Fachkräftemangel. Die gesetzlich vorgeschriebenen Größen werden in der Regel erreicht."

Nach Ministeriumsangaben hat sich die Zahl der pädagogischen Fachkräfte in den Kindertagesstätten in den letzten Jahren deutlich erhöht: von 14.226 im Jahr 2018 auf 14.954 in diesem Jahr. Auch für die Zukunft sieht man den Freistaat gut aufgestellt. Pro Jahr würden etwa 1.000 Erzieherinnen und Erzieher an den Fachschulen ausgebildet, hinzu kämen etwa 800 Hochschulabsolventen. Das Bildungsministerium schreibt: "Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Absolventen ausreichend ist, die bestehenden altersbedingten Abgänge von pädagogischen Fachkräften adäquat ersetzen zu können."

CDU fordert kürzere Ausbildung

Christian Tischner, der bildungspolitische Sprecher der oppositionellen CDU-Fraktion im Landtag, hat da so seine Zweifel. Er schüttelt den Kopf und verweist auf eigene Erfahrung: "Wir hatten vor ein paar Wochen ein sehr großes Kindergarten-Forum hier mit der CDU-Fraktion gemacht. Und da haben uns alle Leiterinnen - es waren über hundert da - bestätigt, dass es ganz, ganz schwer ist, geeignetes Personal zu finden."

Der CDU-Politiker möchte deshalb die Erzieher-Ausbildung attraktiver machen: mehr Praxis, weniger Theorie. Und er möchte ran an die Ausbildungszeit, sie verkürzen. Von fünf auf vier Jahre.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 01. November 2022 | 06:00 Uhr

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