eine Frau mit lila haaren in einem Raum (Beratungsstelle) mit vielen Deko-Elementen in Regenbogenfarben, Flyer und ein Plakat vom Queeren Weihnachtsprogramm, eine Drag-Queen auf einem Stuhl, die einen Monitor anschaut
Auch Spieleabende standen auf dem queeren Adventsprogramm in Thüringen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Familienfest Warum Weihnachten für queere Menschen oft schwer ist

18. Dezember 2022, 18:00 Uhr

Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Familie. Aber für viele Menschen ist es auch ein Fest der Einsamkeit. Insbesondere für LGBTQ+-Personen kann Weihnachten schwierig sein. An Familienfeiern kommt es oft zu Vorwürfen und Ablehnung. Manche LGBTQ+-Personen haben aufgrund der Intoleranz ihrer Familie keinen Kontakt mehr oder sind gar nicht erst erwünscht.

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Weihnachten ist die Zeit der Familie. Besinnlichkeit, Harmonie, Geschenke - viele Familien kommen nur dieses eine Mal im Jahr zusammen. Was aber ist mit Menschen, für die die Herkunftsfamilie - also die Familie, in der man aufgewachsen ist - kein angenehmer, sicherer Ort ist? Nicht alle erwartet dort ein unterstützendes Umfeld und gerade queere Menschen können in der Familie auch negative Erfahrungen machen.

Versteckspiel oder Spießrutenlauf

Theresa Ertel von der LSBTIQ*-Koordinierungsstelle kennt das Problem: "Wer sich dort noch nicht geoutet hat, muss die eigene geschlechtliche oder sexuelle Identität verstecken", sagt sie. Die klassischen Fragen von Verwandten wie "Hast du denn inzwischen einen Freund?" können so zum unangenehmen Spießrutenlauf werden und Druck erzeugen. Aber selbst Menschen, die sich schon geoutet und ihre Identität offengelegt haben, sind nicht immer sicher, denn nicht alle haben das Glück einer akzeptierenden Herkunftsfamilie.

Zum Aufklappen: Was bedeutet LSBTIQ*?

LSBT, LSBTI, LSBTIQ, LSBTI* oder ähnliche Zusammensetzungen dienen als Abkürzung für "Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans-, intergeschlechtlicheund queereMenschen". "Lsbtiq" steht entsprechend für "lesbisch, schwul, bisexuell, trans-, intergeschlechtlich und queer".
Diese Abkürzungen beschreiben strategische Allianzen zwischen Menschen mit sehr verschiedenen Lebensrealitäten, Bedarfen und Zielen, die jedoch alle von Diskriminierungenbetroffen sind, weil sie den herrschenden Vorstellungen über Geschlecht und Begehren nicht entsprechen.
In manchen Schreibweisen werden weitere Buchstaben wie zum Beispiel "a" für asexuelloder ein Sternchen (*) als Platzhalter für weitere Selbstbezeichnungen hinzugefügt. Synonyme: LSBT, LSBTI, LSBTIQ, LSBTI*, LSBTIQ-Vertreter, LSBTQ, LSB, LSBQ, LGBTI
(Quelle: Regenbogenportal.de)

Alex aus Weimar beispielsweise ist 14 Jahre alt und hat jedes Jahr mit Oma Plätzchen gebacken im Advent. Allerdings als Enkeltochter. Dass Alex jetzt kein Mädchen mehr ist, damit kommt Oma überhaupt nicht klar. "Wenn du kein Mädchen mehr bist, bist du ja auch nicht mehr meine Enkeltochter. Dann können wir keinen Kontakt mehr haben", soll die Großmutter gesagt haben. Für Alex war das sehr schwer, erwartet man doch in der Familie zuerst Verständnis und bedingungslose Liebe.

Kein sicherer Hafen in der Familie

Zum Teil werden queere Menschen nicht nur nicht akzeptiert, sondern erfahren Diskriminierung in der eigenen Familie in Bezug auf ihre geschlechtliche Identität, sexuelle Orientierung oder Beziehungsform, erzählt Theresa Ertel. "Das kann sogar so weit gehen, dass von Eltern, Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern psychische sowie physische Gewalt ausgeht und die queeren Menschen dort nicht sicher sind." Bereits das Verwenden falscher Pronomen oder des Deadnamens - also des alten, abgelegten Namens - können belastend sein und so die Familienzeit zur großen Herausforderung machen.

eine Frau mit lila haaren in einem Raum (Beratungsstelle) mit vielen Deko-Elementen in Regenbogenfarben, Flyer und ein Plakat vom Queeren Weihnachtsprogramm, eine Drag-Queen auf einem Stuhl, die einen Monitor anschaut
Gerade zu Weihnachten wünscht man sich Liebe und Zuwendung von der Familie. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Weihnachten in Wahlfamilie

Was also machen mit der Weihnachtszeit? Oft besteht familiärer und auch gesellschaftlicher Druck, diese Zeit in der Herkunftsfamilie zu verbringen. Wenn das aber herausfordernd, belastend oder gar ein Risiko für die psychische oder physische Gesundheit ist, will man vielleicht über die Feiertage nicht zur Familie fahren.

Manche Menschen suchen sich deswegen eine Wahlfamilie: ein unterstützendes Umfeld, das ein gutes Familiengefühl erzeugt. Diese Wahlfamilie kann an Gewicht gewinnen, je schwieriger der Umgang in der Herkunftsfamilie ist. Für queere Menschen sind das oft andere queere Menschen, also die Community - eine queere Wahlfamilie.

Pandemie macht Feiern mit Wahlfamilie unmöglich

In den vergangenen Jahren, in denen die Weihnachtszeit auch von der Pandemie geprägt war, setzte auch die Politik den Fokus auf die Herkunftsfamilie. So waren für die Feiertage die Kontaktbeschränkungen lockerer für Familienmitglieder der Herkunftsfamilie - die Wahlfamilie war hier oft nicht bedacht. Also doch zur Herkunftsfamilie? Weihnachten allein verbringen? Regeln ignorieren?

Wohlige Adventszeit für alle

Die LSBTIQ*-Koordinierungsstelle und das Queere Zentrum Erfurt wollen Abhilfe schaffen und haben gemeinsam mit vielen Organisationen in Thüringen jetzt zum dritten Mal den "Queeren Dezemberkalender" aufgelegt. Ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm, damit queere Menschen sich begegnen, austauschen und einfach Zeit in der Community verbringen können.

Es gibt Filmabende, Vorträge, Lesungen, Workshops, Weihnachtsmarktbesuche und vieles mehr. Natürlich werden auch Plätzchen gebacken und verkostet. 24 Organisationen haben insgesamt fast 50 Veranstaltungen für einen bunten Dezember mit der queeren Wahlfamilie beigesteuert. "Der Dezember sollte für alle Menschen eine angenehme Zeit sein", sagt Theresa Ertel von der LSBTIQ*-Koordinierungsstelle.

"Deswegen versuchen wir, mit vielfältigen Veranstaltungsformaten kleine, schillernde, queere Ablenkungen im weihnachtlichen Alltag zu bieten und aufkommende Langeweile oder Vereinzelung aufzubrechen."

Einsamkeit ist Risiko für Depressionen

Denn wie eine Studie der Charité Berlin zur Corona-Pandemie gezeigt hat, ist das Risiko der Vereinsamung für queere Menschen besonders groß. Bereits beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 hatte die Charité eine entsprechende Untersuchung durchgeführt und bei der ersten Befragung hatten damals 2.641 Menschen einen Online-Fragebogen, der sich speziell an die queere Community richtete, ausgefüllt - bei der zweiten Befragung waren es sogar 4.143.

Die Forschenden maßen Einsamkeit mit Hilfe der De Jong Gierveld Short Scale. Asexuelle Menschen, trans* Menschen und nicht-binäre Menschen waren demnach besonders ausgeprägt von Einsamkeit betroffen, auch wenn sie in einer Partnerschaft lebten. Einsamkeit sei gefährlich, da sie klar mit einer erhöhten Depressivität assoziiert sei, so die Wissenschaftler.

Verständnis und Akzeptanz als Weihnachtswunsch

Theresa Ertel jedenfalls würde sich wünschen, dass mehr Familien wirklich liebevoll sind und ihre Kinder einfach akzeptieren, wie sie sind. "Eigentlich wollen Eltern doch vor allem, dass die Kinder glücklich werden."

Eltern müssen nicht alles verstehen, aber ihre Kinder unterstützen und ihnen einen sicheren Hafen bieten, sagt sie. "Und für alle Menschen, bei denen das nicht der Fall ist, wünsche ich mir, dass sie eine Wahlfamilie finden, in der sie sich wohlfühlen. Jemanden, der ihnen eben diesen geschützten Raum geben kann, den vielleicht die Herkunftsfamilie in dem Moment nicht bieten kann."

Denn vielleicht kommen auch Familienmitglieder mit zu den Veranstaltungen der queeren Community und gehen so den ersten Schritt, ihre Kinder zu verstehen und zu akzeptieren, wie sie sind.

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 25. Dezember 2022 | 18:00 Uhr

66 Kommentare

astrodon am 20.12.2022

Ich möchte den "Universum"-Vergleich gerne nochmal erläutern: Was wir da sehen, sind Prozesse aus der Vergangenheit. Umgekehrt ist es mit menschlichen Verhaltensmustern - da setzen wir heute Prozesse in Bewegung, deren Ergebnisse erst in der Zukunft zu erwarten sind und von denen wir nur die "Hoffnung" haben können, dass es die gewünschten Ergebnisse sein werden.

astrodon am 20.12.2022

@AnitaL: Fatalistisch eher nicht, allerdings glaube ich auch nicht an die Aufgeklärtheit der Menschen in toto oder gar an "edel, hilfreich und gut". Um aber nochmal zum Thema des Artikels zurückzukehren:
"Die ältere Generation muss nicht alles verstehen... ", das wird sie auch nicht. "... solange sie das Kind als Mensch annimmt und ihm Liebe gibt"
- Das würde Akzeptanz bedeuten. Und ist von der Mehrheit der Menschen nicht wirklich zu erwarten, leider oft auch nicht von der eigenen Familie. Wie jeder Minderheit steht auch den LGB+ Toleranz zu. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Die darf und muss eingefordert werden, wenn sie nicht gegeben ist.

Anita L. am 20.12.2022

@astrodon, Sie scheinen mir ein recht fatalistisches Menschenbild zu haben, während ich wohl, obwohl ich mich selbst als pessimistischen Realisten betrachte, eher dem Bild des aufgeklärten Menschen zugewandt bin, der für seine Emanzipation selbst verantwortlich ist. Vielleicht verstehen wir uns deswegen nicht.

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