Finanzielle Not Pfandleihe in Gotha: "Wir helfen Menschen aus der Patsche"

In Ostdeutschland gibt es nicht viele Pfandleihhäuser und die, die es gibt, genießen oft keinen so guten Ruf. Das liegt auch daran, dass die meisten Menschen ein verzerrtes Bild von Geldleihgeschäften haben. Tatsächlich ist das Pfandleihgeschäft gesetzlich gut geregelt - und öfter als man denkt, wird die "Bank der armen Leute" zum Helfer in der Not.

Matthias Horn (li.) und André Steinbrück im Pfandleihhaus Gotha
Matthias Horn (li.) und André Steinbrück eröffneten 2017 das Pfandleihhaus Gotha. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Durch das Schiebefenster des kleinen Schalters sind schon manche Gegenstände von unschätzbarem persönlichem Wert gewandert: "Wenn jemand seinen Ehering abmacht, kann man sich schon vorstellen, wie schwer das für denjenigen ist", sagt André Steinbrück, der als Pfandleiher in Gotha-Uelleben arbeitet. Auch wenn der Panzerglas-Schalter keine Nähe zum Kunden zulässt, ist der Geschäftsmann in solchen Fällen dann doch erstmal Mensch: "Ich erkläre dann, dass der Ring ja weiterhin im Besitz des Verleihers bleibt und ich ihn sicher im Safe für ihn verwahre."

André Steinbrück hinter dem Schalter der Pfandleihe
André Steinbrück hinter der Panzerglasscheibe. In der Regel kommen die Verleiher mit kleineren Wertgegenständen ins Pfandleihhaus. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Solche emotionalen Szenen gebe es aber eher selten, berichtet Steinbrücks Geschäftspartner Matthias Horn. Viel häufiger sind die Kunden froh über das Pfandleihgeschäft: "Die Leute, die hier herkommen, sind wirklich glücklich, dass es uns gibt, weil wir den Menschen aus der Patsche helfen." Vor Kurzem habe zum Beispiel ein Lkw-Fahrer sein Navi beliehen, weil er Tankkarte und Portemonnaie vergessen hatte. "Wir haben ihm Geld geliehen und er konnte sich Sprit kaufen, um nach Hause zu fahren", erzählt Horn.

Nach DDR-Verbot: Pfandleihhäuser im Osten noch immer selten

Steinbrück und Horn haben 2017 zusammen das Pfandleihhaus Gotha gegründet. In Thüringen sind sie damit eine echte Rarität, denn im Freistaat gibt es nur noch in Erfurt eine vergleichbare Einrichtung, die Wertgegenstände aller Art beleiht. Außerdem gibt es in Thüringen drei Kfz-Pfandleihen. Im Vergleich zum Westen der Republik sind Pfandleihen im Osten eher eine Seltenheit. Der Kulturanthropologe Dr. Dennis Beckmann führt das in seinem Buch "Pfandleiher in Deutschland" auf ein Verbot in der DDR und das sozialistische Wirtschaftssystem zurück:

"In der DDR waren Pfandhäuser zunächst ganz verboten, später wurden öffentliche Pfandhäuser in geringem Umfang zugelassen […]. Zudem darf man nicht vergessen, dass die Schwierigkeit, ein begehrtes Konsumgut zu kaufen, im Osten, im Gegensatz zum Westen, oft nicht durch einen Mangel an Geld, sondern durch einen Mangel an verfügbaren Konsumgütern begründet war." (Beckmann, S.44)

Ein Blick in den Auktiossaal. Im Raum stehen verschiedene alte Möbelstücke
Ein Blick in den Auktionssaal, wo schon die ersten Güter für die kommende Auktion bereitstehen. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Dass sich Pfandleihhäuser auch nach der Wende kaum in Thüringen durchsetzen konnten, liegt womöglich am Geschäftsmodell selbst. Den Wert ständig wechselnder Gegenstände zuverlässig einschätzen zu können, erfordert jede Menge Erfahrung. Matthias Horn etwa beschäftigt sich seit 40 Jahren mit Antiquitäten. Hauptberuflich ist er Geschäftsführer einer Firma für Insolvenzwaren und Sonderposten. André Steinbrück hingegen ist hauptberuflich im EDV-Bereich tätig und daher Experte für technische Geräte. Im Pfandleihgeschäft ergänzen sich die beiden gelernten Kaufleute mit ihrem Fachwissen. "Allein ist die Pfandleihe kein einträgliches Geschäft, aber zu zweit im Nebenberuf und mit unserer Erfahrung, funktioniert es", sagt Steinbrück.

Pfandgeschäfte sind in Deutschland gesetzlich geregelt

Bei vielen hat sich das Pfandleihhaus Gotha in den zurückliegenden fünf Jahren rumgesprochen. "An manchen Tagen klingelt das Telefon zweimal, an anderen 20-mal", schätzt Horn. Die meisten Kunden rufen an, weil das Pfandgeschäft tagsüber nicht immer besetzt ist. "Wozu auch? Wir sind kein An- und Verkaufsladen. Hier kann niemand reinkommen und etwas kaufen."

Eine grüne Simson steht für die nächste Auktion im Pfandleihhaus Gotha bereit.
Bei der nächsten Auktion kommt sie unter den Hammer: eine grüne Simson im Orginalzustand. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Obwohl Pfandleihhäusern oft ein zwielichtiger Ruf anhaftet, ist dieser in der Regel unbegründet. Die Gewerbeanmeldung, aber auch das Pfandleihgeschäft ist gesetzlich geregelt. Sogar die Zinsen und Gebühren sind bis zu einem Leihbetrag von 300 Euro durch die Pfandleihverordnung festgelegt. Geht es über diesen Betrag hinaus darf der Pfandleiher den Zins selbst festlegen. "Bei uns sind es dann zehn Prozent des Leihwerts, da sind dann aber alle Gebühren und Versicherungen mit dabei", sagt Steinbrück, holt zwei Goldmünzen aus dem Tresor und legt sie behutsam auf den Tisch.

Voraussetzungen für ein Pfandleihgeschäft in Thüringen (zum Aufklappen)

  • Ein Pfandleiher muss sein Geschäft bei dem zuständigen Gewerbeamt anmelden.
  • Der Pfandleiher muss Sicherheiten für einen sechsmonatigen Betrieb vorweisen können.
  • Es muss eine Versicherung gegen Feuer- und Wasserschäden sowie Einbruchdiebstahl und Beraubung vorliegen.
  • Ein Tresor muss für die Beleihung von Schmuckwaren zur Verfügung stehen.
  • Sämtliche Räumlichkeiten müssen gegen Einbruch gesichert und mit einer Alarmanlage versehen sein.
  • Ein Pfandleiher darf in den vergangenen fünf Jahren nicht straffällig geworden sein.

"Diese beiden Münzen zum Beispiel haben wir kürzlich mit 600 Euro beliehen", erklärt er. Es handle sich um russische Sammlerstücke aus echtem Gold. "Beide Münzen haben wir auf rund 1.200 Euro geschätzt. Bei Edelmetallen beleihen wir es mit 50 Prozent des Materialwerts." Elektronische Geräte oder Antiquitäten werden niedriger beliehen. "Die Dame, der die Münzen gehören, hat jetzt drei Monate Zeit, sie für 660 Euro auszulösen", so Steinbrück.

Zwei aufgeklappte Schachteln. Auf Samtkissen liegt jeweils eine Goldmünze.
Zwei russische Goldmünzen: Leihwert 600 Euro Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Pfandleiher müssen Mehrerlös bei Auktionen ausbezahlen

Etwa jedes fünfte Objekt wird nicht mehr abgeholt. Nach den drei Monaten sind die Pfandleiher verpflichtet, ihre Kunden anschreiben. Kommt innerhalb eines Monats keine Antwort, kommt der Gegenstand in die Versteigerung, die üblicherweise halbjährlich stattfindet. "Uns ist es eigentlich am liebsten, wenn es wieder abgeholt wird, denn dann haben wir weniger Arbeit", sagt Horn, der die Auktionen organisiert.

Dafür werden sämtliche Auktionsgüter fotografiert, beschrieben und in einem Online-Katalog erfasst. Bieter können vorab Gebote schicken oder sich im Auktionssaal mit den anderen Gästen ein Wettbieten liefern. Rund 120 Gäste tummeln sich dann auf dem sonst so ruhigen Gehöft. Es gibt Bratwurst und Getränke, für viele Bieter sind die Auktionen ein spannender Wochenendausflug, der so manche Überraschung bereithalten kann.

Matthias Horn am Telefon
Ständig am Telefon: Matthias Horn hat gerade in Vorbereitung einer Auktion jede Menge zu tun. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

So kam bei einer vergangenen Auktion beispielsweise ein altes Walzenspielgerät für 2.800 Euro unter den Hammer. Beliehen war es mit nur 500 Euro. Ein Auktionserfolg, über den sich vor allem der Verleiher gefreut haben dürfte. Denn was viele nicht wissen: Die Pfandleiher behalten nach der Auktion lediglich ihre Unkosten ein. Sämtlichen Mehrerlös müssen sie an den ursprünglichen Verleiher ausbezahlen - auch das ist gesetzlich geregelt.

Profitieren Pfandleiher von der Krise?

Im Volksmund werden Pfandleihhäuser manchmal als "Bank der armen Leute" bezeichnet. Doch auch wenn Deutschland seit Monaten eine deutlich gestiegene Inflation erlebt, gehen bisher kaum mehr Menschen zum Pfandleiher. "Bisher ist keine Veränderung zu spüren, höchstens ein ganz minimaler Anstieg", bilanziert Horn und blickt zu seinem nickenden Kollegen. "Aber wir rechnen damit, dass es in diesem Jahr mehr wird, wenn die Leute ihre Jahresabrechnungen für Strom und Gas bekommen." Gut möglich also, dass die Pfandleiher aus Gotha dann noch so manchem Thüringer aus der Patsche helfen müssen.

Ein Haus mit weißer Fassade, das zu einem Gehöft gehört: Das Pfandleihhaus Gotha in der Boilstädter Str. 2
Das Pfandleihhaus Gotha in der Boilstädter Str. 2 ist Teil eines großen Gehöfts. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

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Durch die Inflation geraten immer mehr Menschen in Not. "Bargeld sofort!" – Das versprechen Pfandleiher, die Branche boomt in der Krise. Wucherzinsen oder ein faires Geschäft? Ein Film von Anna Valtchuk 21 min
Durch die Inflation geraten immer mehr Menschen in Not. "Bargeld sofort!" – Das versprechen Pfandleiher, die Branche boomt in der Krise. Wucherzinsen oder ein faires Geschäft? Ein Film von Anna Valtchuk Bildrechte: MDR/Anja Riediger

MDR (ask)

Dieses Thema im Programm: MDR+ | exactly | 02. Januar 2023 | 08:00 Uhr

3 Kommentare

Gucker vor 1 Wochen

Interessanter Bericht. Und natürlich verdienen die beiden Männer Geld mit den Pfandhaus. Aber es scheint ja gesetzlich da einen festen Rahmen für das Geschäft der Pfandleihe zu geben. Insofern erscheint das schon seriös, was die Typen da machen. Wobei es jetzt nichts für mich wäre ;)

Fakt vor 1 Wochen

@wer auch immer:
>>"...nur für ein Schulterklopfen bei den Job, steht Keiner auf."<<
--------

Behauptet ja auch niemand!

wer auch immer vor 1 Wochen

Auch wenn das seriös klingt, nur für ein Schulterklopfen bei den Job, steht Keiner auf.

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