Zweiter Weltkrieg Polen bekommen ein eigenes Denkmal in Berlin

Sechs Millionen Polen starben im Zweiten Weltkrieg während der deutschen Besatzung. Nach langer Diskussion stimmte der Bundestag heute für ein eigenes "Polendenkmal" in Berlin.

Die Entscheidung am 30.10.2020 Der Bundestag hat sich am Freitag mit großer Mehrheit
dafür ausgesprochen, dass in Berlin ein eigener Ort zur Erinnerung an die polnischen Opfer des Nationalsozialismus entsteht. Alle Fraktionen mit Ausnahme der AfD stimmten für das Projekt, das auch die Auseinandersetzung und die Begegnung mit dem deutschen Nachbarstaat fördern soll. Zwei Anträge lagen den Abgeordneten zur Abstimmung vor. Lesen Sie hierzu den Hintergrund.

Zwei Vorschläge für eine neue Gedenkstätte

Seit einiger Zeit existierten zwei Vorschläge für eine neue Gedenkstätte in Berlin nebeneinander und es wurde heftig darüber debattiert. Der eine Vorschlag griff eine Anregung des Holocaust-Überlebenden und ehemaligen polnischen Außenministers Władysław Bartoszewski auf. Bartoszewski wollte einen Ort in Berlin, an dem ausschließlich an die sechs Millionen polnischen Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft erinnert wird. Der andere Vorschlag warb für eine Gedenkstätte, an der aller Staaten und Ethnien gedacht wird, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden.

Der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski spricht im Günter-Grass-Haus.
Der ehemalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski setzte sich für deutsch-polnische Versöhnung ein. Bildrechte: dpa

Unverständnis in Polen

In Polen gab und gibt es immer wieder bittere Klagen darüber, dass ihre Nation, die am 1. September 1939 von Hitlers Truppen überfallen wurde und für ihren Widerstand mit einem ungeheuerlichen Blutzoll bezahlen musste, bis heute keinen Gedenkort in Deutschlands Hauptstadt besitzt. Und übrigens nie besaß – weder in der alten Bundesrepublik noch in der DDR. Und auch das vereinigte Deutschland tat sich schwer mit dem Gedanken, Polen einen eigenen Erinnerungsort in Berlin zu schaffen.

Polens Leiden unter Deutschland

Dabei hat die polnische Nation ganz besonders unter dem nationalsozialistischen Terror gelitten. Hitler war es von Anfang an um die komplette Auslöschung Polens gegangen: "Vernichtung Polens und Beseitigung seiner lebendigen Kraft", forderte er in einer Rede vor Offizieren der Wehrmacht Ende August 1939. Und bereits kurz nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen begann dann auch bereits die systematische Vernichtung der polnischen Elite. Insgesamt fanden mehr als sechs Millionen Polen während der deutschen Besatzung den Tod.

Deutsche Truppen beim 1939 beim Vormarsch nach Polen.
Deutsche Truppen 1939 beim Überfall auf Polen. Bildrechte: imago/United Archives

Initiative für eine polnische Stätte des Gedenkens

"Verdienen diese unsäglich großen Opfer und Leiden der Polen durch die verbrecherische deutsche Besatzung nicht ein eigenes Zeichen des Gedenkens in der Mitte der deutschen Hauptstadt?", hieß es im November 2017 in einem Aufruf der sogenannten "Polendenkmal-Initiative". "Ein Denkmal für die Opfer der deutschen Besatzung 1939 bis 1945 ist seit langem ein gemeinsames Anliegen vieler sich um Verständigung bemühender Polen und Deutscher." Zu den Unterzeichnern des Aufrufs gehörten unter anderem Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse.

Kritik an einer "Nationalisierung" des Gedenkens

Doch der Aufruf für ein Polendenkmal stieß zunächst auf ähnlich heftige Gegenwehr wie seinerzeit das Holocaust-Mahnmal. Kritiker eines eigenen "Polendenkmals" verwiesen auf die Gefahr einer "Nationalisierung" des Gedenkens. So etwa auch der SPD-Politiker Markus Meckel. Der einstige Außenminister der DDR sagte, er fände es schwierig, den NS-Opfern "nun nach Nationen getrennt zu gedenken". Wer damit anfängt, müsse dann auch Denkmäler für die Opfer anderer Nationen und Ethnien errichten - für Ukrainer, Belarussen, Russen und viele andere.

Markus Meckel lacht bei einer Buchpräsentation
Der SPD-Politiker Markus Meckel ist gegen ein "Polendenkmal". Bildrechte: dpa

Ganz in diesem Sinne argumentierten die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann sowie die Historiker Martin Aust und Heinrich August Winkler in einem Brief vom Mai 2020 an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Darin forderten sie die Schaffung eines Ortes der "Dokumentation deutscher Besatzungsherrschaft in ganz Europa und des Gedenkens an die Opfer des deutschen Vernichtungskrieges insbesondere in Polen und der Sowjetunion".

Breite Zustimmung in Polen für ein eigenes Denkmal

In Polen stößt die Initiative für ein eigenes "Polendenkmal" indes auf breite Zustimmung. "Deutsche wollen ein Denkmal für Polen", titelte die links-liberale "Gazeta Wyborcza" nach dem Aufruf der "Polendenkmal-Initiative". Und auch die national-konservative PiS-Regierung ist von dem Projekt überzeugt. In diesem Sinne äußerte sich auch schon mehrfach der ehemalige polnische Außenminister Jacek Czaputowicz.

Die Idee, ein gemeinsames Denkmal für sämtliche osteuropäischen Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu errichten, findet in Polen hingegen kaum Anklang. "Kein großer Sack für alle Slawen", schrieb der polnische Historiker Paweł Ukielski unlängst in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit Verweis auf den Einmarsch sowjetischer Truppen in Polen am 17. September 1939. Die Sowjetunion war damals Hitlers Verbündeter.

"Einzigartigkeit des polnischen Leidens"

In Anbetracht dessen, wieviel Leid Deutschland Polen angetan hat, wäre es laut Befürwortern geboten, dem Gedenken an die polnischen Opfer endlich einen eigenen Rahmen zu schaffen. "Der Vorschlag eines 'Polendenkmals' hebt die Einzigartigkeit des polnischen Leidens hervor", schrieb Thomas Schmid im August 2020 in der "Welt", "der Vorschlag eines alle Opfergruppen umfassenden Denkmals aber lässt die Besonderheit Polens verschwinden."

(sl)

Dieses Thema im Programm: Titel Thesen Temperamente | 05. Juli 2020 | 23:30 Uhr

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