MDR Kultur | 16.02.2024 | Wochenabschnitt "Teruma" Schabbat Schalom mit Rabbiner Elischa Portnoy: Ein mysteriöser Gast

15. Dezember 2023, 10:29 Uhr

Wer die Tora aufmerksam liest, wird immer wieder mit spannenden Geschichten und rätselhaften Fragen konfrontiert, meint der Hallenser Rabbiner Elischa Portnoy in seiner Auslegung des Wochenabschnitts "Teruma".

An diesem Schabbat wird der Wochenabschnitt "Teruma" (Hebe) gelesen. Dieser Wochenabschnitt unterscheidet sich stark von den vorherigen Wochenabschnitten des 2.Buches Mose „Exodus“. Bis jetzt ging es um die Versklavung des jüdischen Volkes in Ägypten, den wunderbaren Auszug aus Ägypten und den beeindruckenden Empfang der Tora am Berg Sinai.

Der Wochenabschnitt "Teruma" beginnt ein ganz neues Thema: den Bau des mobilen Heiligtums "Mischkan". Der Mischkan war der Vorgänger des heiligen Tempels in Jerusalem. Auch im Mischkan gab es all die speziellen Geräte, die später auch im Tempel standen, wie den Altar, den siebenarmigen Leuchter, die Bundeslade und die anderen Gegenstände.

In unserem und den darauffolgenden Wochenabschnitten wird genau beschrieben, wie und aus welchen Materialien alle diese Geräte hergestellt werden sollen. Diese Wochenabschnitte sind nicht leicht zu lesen und können höchstens Architekten und Handwerker begeistern. Doch wie immer, wenn wir die Tora lesen, lohnt es sich den Text aufmerksam zu betrachten, und man wird mit interessanten Entdeckungen belohnt.

So zählen zu den Materialien die Felle verschiedener Tiere, die zur Überdachung bzw. als Wände dienten. Wenn man die Auflistung dieser Felle aufmerksam liest, merkt man schnell, dass eins der Tiere ziemlich merkwürdig ist. So steht zum Beispiel bzgl. der Überdachung für das Heiligtum: "Und mache eine Decke zum Zelt von rotgefärbten Widderfellen, und eine Decke von Tachaschfellen darüber".

Um welche Tiere handelt es sich?

Ein rotgefärbtes Widderfell können wir uns leicht vorstellen. Doch was ist dieser Tachasch, dessen Fell auch aufgelistet wird?! Der Haupt-Kommentator der Tora, Raschi, erklärt es folgendermaßen: "Eine Art Wild; es lebte nur damals und hatte viele Farben". Die Tora ist ja kein Märchen-Buch und keine Mythen-Sammlung. Auch wenn der Tachasch später ausgestorben sein sollte, sollte es doch ein echtes Tier gewesen sein. Und die Paläontologen hätten seine Überreste gefunden.

Die anderen Kommentatoren meinen, es müsse nicht sein, dass diese schönen Tiere nach dem Bau des Mischkans sofort ausstarben. Es könne ja auch sein, dass sie einfach weiterzogen und irgendwo immer noch lebten. Also, um welche Tiere handelt es sich in unserem Wochenabschnitt?

Es ist logisch anzunehmen, dass die Zeitgenossen der Wüstenwanderung den Tachasch gesehen haben und ihren Nachkommen über ihn erzählten. Und tatsächlich wurde seine Beschreibung durch die rabbinische Literatur überliefert. So wird der Tachasch in Midraschim als wildes Tier mit schönen schillernden Farben beschrieben. Dazu sollte dieses Tier koscher gewesen sein (es durfte also nach jüdischen Speisegesetzen verzehrt werden) und mitten auf der Stirn ein Horn besessen haben.

Es lohnt, die Tora aufmerksam zu lesen

Spätere Forscher der Tora wie Rabbiner Amitaj ben David kommen auf eine überraschende Idee: dieser Tachasch könnte eine Giraffe gewesen sein! Giraffen haben schönes Fell, ein kleines Horn auf der Stirn und sind auch entsprechen den Kaschrut-Gesetzen koscher. Damit entspricht die Giraffe allen Merkmalen des biblischen Tachasch!

Es könnte also durchaus sein, dass G’tt eine Herde der Giraffen in die Sinai-Wüste wandern ließ, um schönes Fell für den Mischkan bereitzustellen. Und diese Theorie widerspricht nicht einmal der geschätzten Meinung von Raschi. Denn der große Kommentator lebte ja im Europa des 11.Jahrhunders. Deshalb wäre es auch nicht unmöglich gewesen, dass er über die Tiere, die in der fernen Savanne Afrikas leben, einfach nichts wusste. 

Die Angelegenheit mit dem Tachasch zeigt einmal mehr, dass die Tora aufmerksam gelesen werden sollte, und dass man auch in der Übersetzung oft spannende Geschichten finden kann.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Rabbiner Elischa M. Portnoy Rabbiner Elischa M. Portnoy wurde 1977 in Nikolaew in der Ukraine geboren. Seit 1997 lebt er in Deutschland. 2007 erwarb er sein Diplom als Ingenieur für Elektrotechnik an der TU Berlin. 2012 schloss er seine Ausbildung am Rabbinerseminar zu Berlin ab und erhielt die Smicha.

Elischa M. Portnoy arbeitet als Militärrabbiner der Bundeswehr am Standort Leipzig und betreut die Jüdische Gemeinde in Halle / Saale. Er ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD). Er ist verheiratet mit Rebbetzin Katia Novominski und Vater von vier Söhnen.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Rabbiner Elischa Portnoy 4 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 16. Februar 2024 | 15:45 Uhr

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