Porträt Zsolt Balla: Der erste Militärrabbiner der Bundeswehr kommt aus Leipzig

Erstmals seit über 100 Jahren gibt es in Deutschland wieder einen jüdischen Militärseelsorge. Der sächsische Landesrabbiner Zsolt Balla wurde am Nachmittag in Leipzig in das Amt eingeführt. Ein wichtiges Signal in einer Zeit, in der der Bundeswehr rechtsextreme Tendenzen im Inneren vorgeworfen werden. Ein Porträt.

Zsolt Balla, Landesrabbiner in Sachsen, steht am Rande einer Pressekonferenz in der Synagoge.
Zsolt Balla freut sich auf sein neues Amt. Bildrechte: dpa

Das Militär ist für Zsolt Balla kein Neuland. Denn er wurde 1979 in Ungarn als Sohn eines Offiziers geboren. Balla wuchs atheistisch auf. Erst vor dem Ingenieurs-Studium entdeckte er seine jüdischen Wurzeln. Anschließend schrieb sich Balla am orthodoxen Rabbinerseminar in Berlin ein. Seit zwölf Jahren ist er Gemeinderabbiner in Leipzig – jetzt übernimmt er die Leitung der jüdischen Militärseelsorge:

Natürlich ist es eine große Herausforderung, aber ich bleibe Gemeinderabbiner in Leipzig und Landesrabbiner in Sachsen.

Zsolt Balla

Außerdem habe er andere ehrenamtliche Tätigkeiten, die er nicht aufgeben wolle. So wird Balla auch Vorsitzender der Orthodoxen Rabbinerkonferenz bleiben.

Zsolt Balla als Rabbiner in Leipzig Zsolt Balla ist seit 2009 Rabbiner in Leipzig und somit zuständig für eine Gemeinde mit rund 1.000 Mitgliedern, seit 2019 ist er zudem sächsischer Landesrabbiner. Geboren wurde Balla 1979 in Ungarn. Er war einer der ersten beiden orthodoxen Rabbiner, die wieder in Deutschland studieren konnten und hier 2009 ordiniert wurden. Er ist orthodox, sieht sich aber zugleich als weltlich orientiert an.

In Sachsen gehören etwa 2.600 Menschen den jüdischen Gemeinden in Dresden, Chemnitz und Leipzig an.

Als Sohn eines Offiziers in Ungarn geboren

Ballas Vater diente als Oberstleutnant in der ungarischen Volksarmee, als Kommandeur einer Truppeneinheit: "Die Zeiten waren natürlich andere. Aber ich bin dankbar, dass ich von meinen Eltern Werte fürs Leben bekommen habe." Über Freiheit und Menschenwürde habe er viel von seinem inzwischen verstorbenen Vater gelernt, erzählt der 42-Jährige.

Wie viele jüdische Soldatinnen oder Soldaten derzeit in der Bundeswehr dienen, sei nicht bekannt, sagt der künftige Bundes-Militärrabbiner. Aus seiner Arbeit mit jungen Juden und Jüdinnen wisse er, dass ein Militärdienst in Deutschland für sie nicht unbedingt erstrebenswert sei.

Wir haben immer noch diese historischen Reflexe, dass es für eine jüdische Person komisch ist, in der deutschen Bundeswehr zu dienen. Aber wir können sehen, dass sich die Welt geändert hat. Unser Ziel ist, dass es normal für einen jüdischen Soldaten ist, in der Bundeswehr zu dienen.

Zsolt Balla Militärbundesrabbiner

Zentralrat: Jüdische Seelsorge gehört zu pluraler Gesellschaft

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden Bildrechte: dpa

Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, wird mit der Berufung Zsolt Ballas zum ersten Militärbundesrabbiner endlich ein Normalzustand hergestellt. Eine jüdische Militärseelsorge habe es bereits im Ersten Weltkrieg gegeben, sagt Schuster. Er betont, eine moderne Armee in einer pluralen Gesellschaft müsse Soldatinnen und Soldaten verschiedene seelsorgerische und ethische Angebote unterbreiten. Dabei gehe es nicht nur darum, jüdische Soldaten seelsorgerisch zu betreuen: 

Es geht auch darum, mit jüdischen Militärseelsorgern Menschen in der Bundeswehr zu haben, die im sogenannten lebenskundlichen Unterricht ganz authentisch über Judentum und jüdisches Leben berichten können, und die dabei selbstverständlich auch eigene Gläubige mit im Blick behalten.

Josef Schuster Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Erstmals seit 100 Jahren Mit Blick auf die deutsche Geschichte und die Verbrechen der Wehrmacht konnte sich lange "kaum ein Jude vorstellen, in einer deutschen Armee Dienst zu tun", wie es der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, einmal formulierte.

Inzwischen gibt es unter den 180.000 Bundeswehr-Angehörigen schätzungsweise etwa 300 Jüdinnen und Juden. Die Religionszugehörigkeit wird nicht offiziell erfasst.

Die Militärseelsorge richtet sich an die Gläubigen, zugleich sollen die neuen Militärrabbiner und -rabbinerinnen auch über die Konfession hinweg über das Judentum Auskunft geben.

Erstmals seit dem Ersten Weltkrieg, in dem etwa 100.000 Juden auf Seiten des Kaiserreiches kämpften, soll es nun wieder eine jüdische Seelsorge geben, unter den Vorzeichen einer demokratischen und pluralen Gesellschaft.

Balla: Über Konfessionensgrenzen hinweg ins Gespräch kommen

Zsolt Balla in einer Synagoge
Zsolt Balla in der Leipziger Synagoge beim Kabbalat-Schabbat-Gottesdienst als Livestream in Zeiten von Corona Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Er freue sich darauf, mit Soldaten ins Gespräch zu kommen, sagt Zsolt Balla.

Dabei sei er nicht nur für jüdische Bundeswehrangehörige da, sondern auch für Christen, Muslime und Atheisten.

So könnten Vorurteile abgebaut werden, wie er hofft:

Der beste Weg gegen Antisemitismus zu kämpfen, ist, präsent zu sein und zu zeigen, dass wir jüdischen Bürger auch da sind, um das Land, demokratische Werte und die Menschenrechte zu schützen. Wenn wir das aktiv zeigen, könnte das eine große Wirkung haben.

Zsolt Balla Militärbundesrabbiner

Dabei sei ihm klar, dass es in der Bundeswehr auch Soldaten mit rechtsextremer Gesinnung gebe, sagt Balla mit Blick auf entsprechende Vorfälle beim KSK - Kommando Spezialkräfte. Es sei kein Geheimnis, dass es generell in der rechtsextremistischen Szene eine größere Affinität zu den bewaffneten Kräften gebe. Im liberalen und linken Teil der Gesellschaft bestehe hingegen weniger Bereitschaft zu dienen. Daran müsse sich etwas ändern.

"Wir müssen das Beste tun"

Synagogen in Mitteldeutschland
Blick in die Leipziger Synagoge in der Keilstraße Bildrechte: dpa

Auf den neuen Militärbundesrabbiner wartet viel Arbeit. Die Kraft für seinen Dienst zieht Zsolt Balla dabei auch aus der jüdischen Tradition. "Die jüdischen Weisen sagen: 'Du bist nicht dafür verantwortlich, die Arbeit zu Ende zu bringen. Aber Du bist von der Arbeit nicht befreit.' Das heißt, wir müssen das Beste tun, damit sich bestimmte Dinge ändern."

Offiziell ins Amt eingeführt wird Bundes-Militärrabbiner Zsolt Balla am 21. Juni um 15:00 Uhr in Leipzig in jener Synagoge, in der er bislang täglich mit seiner Gemeinde betet. Die Amtseinführung wird im MDR-Livestream übertragen.

Stichwort: Militärbundesrabbiner und - rabbinerinnen Erstmals seit über 100 Jahren wird es in Deutschland wieder eine jüdische Militärseelsorge geben.

Einen entsprechenden Vertrag hatten der Zentralrat der Juden und das Bundesverteidigungsministerium Ende 2019 geschlossen. Analog zu den christlichen Militärbischofsämtern wird ein Militärrabbinat in Berlin geschaffen. Außenstellen sollen in Hamburg, München, Frankfurt/Main und Berlin entstehen.

Unter der spirituellen Leitung durch Zsolt Balla werden bis zu zehn Militärrabbinerinnen und -rabbiner arbeiten. Sie sollen die verschiedenen jüdischen Glaubensrichtungen repräsentieren und sowohl jüdischen wie nicht-jüdischen Uniformierten in ethischen Fragen zur Seite stehen.

Neben der Seelsorge geben sie auch den so genannten Lebenskundlichen Unterricht, um Soldatinnen und Soldaten mit dem Judentum vertraut zu machen. Auch die temporäre Begleitung bei Auslandseinsätzen gehört zu den möglichen Aufgaben.

Die Geistlichen werden für zunächst sechs Jahre als Beamte bzw. Beamtinnen auf Zeit berufen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Mai 2021 | 11:30 Uhr