Was heißt persönliche Assistenz? "Die Chefin bin ich": Wie Sarah Lenz für selbstbestimmtes Leben kämpft

Fabian Stark
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Mit 20 Jahren ins Pflegeheim zu gehen, war für Sarah Lenz aus Leipzig keine Option. Sarah lebt mit Muskelschwund und in ihren eigenen vier Wänden, eine persönliche Assistenz leiht ihr Arme und Beine. Was für andere selbstverständlich ist, wird für Sarah so erst möglich: essen, aufs Klo gehen und Freundinnen und Freunde treffen, wann und wie sie das möchte. Bis heute kämpft Sarah um kleine Freiheiten, für sich selbst und andere Menschen mit Behinderung.

Sarah Lenz aus Leipzig 15 min
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Sarah wurde mit spinaler Muskelatrophie geboren. Die Krankheit führt dazu, dass die Muskeln schwinden. Sarah kann ihren Kopf noch bewegen und ihre Hände. Und sie weiß, was sie will.

In einer eigenen Wohnung leben, einen Hund haben, Freunde und Familie treffen: Mit Assistenz kann ich diese Dinge tun, wann und wie ich das möchte. Das ist für mich Selbstständigkeit.

Sarah Lenz Über ihr Leben mit persönlicher Assitenz
Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Sarah Lenz mit ihrem Hund Fito im Leipziger Friedenspark Bildrechte: MDR/Fabian Stark

Für ihre Assistentin Ulrike ist Sarah Arbeitgeberin und Chefin. Wasser einschenken, die Tür aufmachen, Nagellack bringen – nicht Pflege, sondern alltägliche Handgriffe stehen für Ulrike im Vordergrund ihrer Arbeit. Sarah weist an, Ulrike führt aus:

"Bei Sarah ist es eben so, dass sie einen sehr starken Willen hat. Ich unterstütze sie durch meine körperliche Kraft." Würde Ulrike ihrer Klientin ein Kissen bringen, nur weil sie vermutete, Sarah könnte es brauchen: Damit würde sie als Assistenz wohl schon eine Grenze verletzen – eine Gratwanderung. 

Ich suche keine Freundin, sondern eine Assistenz, habe ich am Anfang gesagt. Das hat, glaube ich, einfach ein bisschen Druck weggenommen – die Freundschaft hat sich dann entwickelt.

Ulrike ist eine von fünf Haupt-Assistenzen, die sich nach Dienstplan abwechseln. Die Kosten belaufen sich auf etwa 15.000 Euro im Monat. Andernorts kann der finanzielle Aufwand für eine 24-Stunden-Assistenz anders ausfallen, denn die Kommunen bzw. Träger entscheiden über die Höhe der Entlohnung.

Fest steht: Es ist Geld, das sie oft nicht bereit sind aufzubringen. Das Recht auf Assistenz ist zwar gesetzlich verankert – aus Kostengründen schlagen die Träger aber Pflegedienste vor oder ein Leben im Heim.

Zwei Frauen, eine macht ein Selfie 3 min
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"Ich leihe ihr nur meine Arme und Beine", so erklärt Ulrike, wie sie ihre Aufgabe als persönliche Assistenz von Sarah versteht.

Do 26.11.2020 18:53Uhr 03:10 min

https://www.mdr.de/religion/video-persoenliche-assistenz-aus-zwei-perspektiven100.html

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Dass Sarah mit Assistenz in ihrer eigenen Wohnung leben darf, hat sie sich vor Gericht erstritten. Der Streit ging bis in die zweite Instanz und dauerte über zwei Jahre – ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen, ist für viele Menschen mit Behinderung noch lange keine Selbstverständlichkeit.

Was Teilhabe bedeutet

Sarah regt das auf. Niemand beantrage eine 24-Stunden-Assistenz, weil ihm oder ihr nichts anderes einfalle, sondern weil Hilfe im Alltag nötig sei: "Prinzipiell ist jeder Mensch froh, so viel wie möglich selbst zu machen. Da hole ich mir nur Unterstützung, wenn es anders nicht geht", sagt sie auch mit Blick auf ihre Begegnungen im Muldentaler Assistenzverein. Dort berät sie 25 Stunden die Woche Menschen, die wie sie eine Assistenz oder mehr Unterstützung brauchen.

Leben mit Assistenz: Einblicke in Sarahs Alltag

Fabian Stark hat Sarah Lenz durch ihren Alltag begleitet. Sie arbeitet als Beraterin beim Muldentaler Assistenzverein, momentan von zu Hause aus, sie liebt Spaziergänge mit dem Hund - und rote Nägel.

Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Sarah Lenz mit ihrem Hund Fito im Leipziger Friedenspark Bildrechte: MDR/Fabian Stark
Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Sarah kann Stunden beim Schminken verbringen. Gut auszusehen, ist ihr wichtig, sagt sie. Ihre Nägel ohne Lack würden sich nackig anfühlen. Am liebsten mag Sarah ihre Augen. Bildrechte: MDR/Fabian Stark
Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Fito ist Sarahs Assistenzhund. Er kann Sachen vom Boden aufheben, auf Handzeichen bellen und konnte mal den Schalter an der Ampel drücken. Das muss Fito aber erst wieder lernen. Bildrechte: MDR/Fabian Stark
Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assistenz und Hund
Fito im Porträt als Gentleman Bildrechte: MDR / Fabian Stark
Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Ihren Freund Daniel kennt Sarah schon aus der Schule, da fand sie ihn aber noch doof. Daniel ist oft bei Sarah, sein Stammplatz ist die Küche, er kocht gerne, zum Frühstück gibt es Omelett mit gebratenem Speck. Bildrechte: MDR/Fabian Stark
Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Sarah und Ulrike sind in den letzten vier Jahren Freundinnen geworden. Sie gehen gerne shoppen in der Leipziger Innenstadt – oder Sarah bestellt zum Anprobieren nach Hause. Sarah und Ulrike planen, bald gemeinsam den Fontaneweg zu wandern. Bildrechte: MDR/Fabian Stark
Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Sarah Lenz mit ihrem Hund Fito im Leipziger Friedenspark Bildrechte: MDR/Fabian Stark
Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Sarah arbeitet als Peer-Beraterin beim Muldentaler Assistenzverein, momentan von zu Hause aus. Im Verein hilft sie anderen Menschen, die auf Assistenz angewiesen sind, sich ein selbstbestimmtes Leben zu schaffen. Zum Beispiel unterstützt sie bei der Suche nach einem Anwalt oder einer Anwältin. Bildrechte: MDR/Fabian Stark
Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Über die Uhr am Tacho telefoniert Sarah, am Joystick hängt ein Schalter, über den Sarah per Funk bei ihrer Assistentin Ulrike klingeln kann.
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Keine Unterschiede mehr

Sarah findet den Begriff inzwischen "ausgeleiert". Sie sagt, viele würden nicht wissen, was Inklusion überhaupt bedeute: Eben nicht, dass behinderte Menschen als besondere Gruppe auch am gesellschaftlichen Leben teilhaben könnten, sondern dass "Gesellschaft so gestaltet ist, dass es keine Unterschiede gibt zwischen behindert und nicht behindert". Also keine Sonderschulen mehr, egal unter welchem Namen, die Möglichkeit, zu studieren und zu arbeiten, ein Zugang zu Kneipen, Kino und Konzerten – nicht als Sonder-Event, sondern als Selbstverständlichkeit. Wann, wie und wo ein Mensch das möchte.

Sarah will dann mal weg ...

Sarah Lenz lebt selbstbestimmt dank persönlicher Assitenz
Rollstuhl und natürlich auch Hund Fito verhelfen Sarah zu mehr Autonomie. Bildrechte: MDR/Fabian Stark

Autonomie verschaffe ihr vor allem der Rollstuhl, sagt Sarah. Schaltet sie auf Höchstgeschwindigkeit, hält man als Fußgänger kaum mit. Bei Konzerten, erzählt sie, könne sie den Rollstuhl hochfahren, um die Bühne besser zu sehen. Eine kleine Freiheit, von der sie sich mehr wünschte. Beispielsweise, dass nicht allein öffentliche Gebäude, sondern jedes Geschäft mit dem Rollstuhl zugänglich wäre. Erleichterungen verspricht sie sich von der fortschreitenden Technologie, von einem Smart Home mit einem Türschloss oder einem Bett, dessen Höhe sie per App verstellen könnte.

Für nächstes Jahr plant Sarah eine lange Pilgerwanderung, gemeinsam mit Ulrike. Und sie träumt davon, nach New York zu fliegen.

Faktencheck: Wie das Recht auf Assistenz geregelt ist

Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, ein persönliches Budget und die Assistenz ist im Bundesteilhabegesetz (BTHG) festgeschrieben.

Das BTHG soll für behinderte Menschen die "volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft" fördern, "Benachteiligungen vermeiden oder ihnen entgegenwirken". Dazu gehören Assistenz-Dienste, die in vielen verschiedenen Bereichen des Alltags geleistet werden können, bei der Arbeit, bei der Lebensplanung, in der Freizeitgestaltung. Assistenz wird von Pflegediensten bereitgestellt oder beruht – wie bei Sarah – auf dem Arbeitgeber:innen-Modell. Dabei tritt der Mensch mit Assistenzbedarf als Chef bzw. Chefin auf, stellt Dienste ein und verteilt Schichten. Die Kosten werden je nach Fall von unterschiedlichen Stellen getragen, zum Beispiel vom Sozialamt, der Kranken- oder Pflegekasse, der Renten- oder Unfallversicherung oder der Arbeitsagentur. Je nach dem, woher eine Erkrankung oder Behinderung rührt oder in welchen Lebensbereichen die Assistenz Teilhabe ermöglichen soll.

Häufig braucht es ein Zutun, damit diese Rechte umgesetzt werden.
Ergänzende Unabhängige Teilhabe-Beratungsstellen (EUTB) leisten Unterstützung – wie etwa der Muldentaler Assistenzverein, für den Sarah arbeitet. Auf Bundesebene setzt sich die Initiative Selbstbestimmt Leben für Menschen mit Assistenzbedarf ein.

Es besteht keine amtliche Statistik darüber, wie viele Menschen in Deutschland Assistenz-Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Das Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz (NITSA e.V.) schätzt auf Anfrage des MDR, dass im Land Sachsen 400 bis 500 Menschen mit Assistenz leben.

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Sarah Lenz 5 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 13. Juni 2021 | 08:00 Uhr