Entscheidung naht Abstraktes Gefasel oder Jahrhundertprojekt: Wie die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Magdeburg verändert

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

In nicht einmal drei Wochen entscheidet eine Jury, ob Magdeburg Kulturhauptstadt wird. Dabei geht es um viel: Wirtschaft, kulturelle Identität und europäische Ausrichtung. Trotzdem ist die Bewerbung für viele Menschen abstrakt. Im Gespräch schildern Kulturschaffende, Europainitiativen und Magdeburgs Beigeordnete für Kultur ihre Wahrnehmungen. Dabei wird deutlich: Trotz Missständen gibt es eine positive Entwicklung.

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Am 28. Oktober entscheidet die Jury, wer Europas Kulturhauptstadt 2025 wird. Bildrechte: MDR/Anna Wulffert

Magdeburg befindet sich im Endspurt um den Titel als europäische Kulturhauptstadt. Am 28. Oktober entscheidet eine internationale Jury darüber, wer den Titel bekommt – eine Jahrhundertentscheidung für Magdeburg: Ein möglicher Titel hält neben finanziellen Mitteln enorme Chancen bereit, einen Aufschwung für die gesamte Region einzuläuten. Es geht um kulturelle Identität, um internationale Sichtbarkeit und um Konzepte zur Stadtentwicklung. Trotzdem bleibt für viele Magdeburgerinnen und Magdeburger der Begriff Kulturhauptstadt abstraktes Gefasel. "Wieso denn Magdeburg? Was gibt es denn hier an Kultur? Niemand braucht Kasperletheater!" sind immer noch Äußerungen, die im Zusammenhang mit dem Thema "Bewerbung zur Kulturhauptstadt" fallen.

Der Titel "Kulturhauptstadt" als soziokultureller und wirtschaftlicher Motor

Gut zu beobachten sind die starken Effekte eines Titelgewinns im Ruhrgebiet, das sich mit dem Titel der Kulturhauptstadt 2010 neu entdeckte und es schaffte, sein Image vom verrußten, verarmten Kohleloch zu einem Ort zu verwandeln, an dem man stolz ist auf seine Region und den eigenen Charme. Plötzlich entdeckte man dort unheimlich viele Kulturgüter, die vorher selbstverständlich erschienen und unsichtbar für die Welt vor sich hindämmerten. Auch zehn Jahre später verzeichnet das Ruhrgebiet erhöhte Besucherzahlen, gestärkte Kulturbetriebe, und verstärkte europäische Anbindung, die nach wie vor Geld in die Städte spülen. Vor allem aber hat sich die Stimmung verändert. Auch im Ruhrgebiet konnten zunächst viele Menschen nichts mit der Bewerbung zur Kulturhauptstadt anfangen. Doch irgendwie gelang es, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie wichtiger Teil eines kulturellen Konstruktes sind, und eine kraftvolle Dynamik zu erzeugen.

Bei den skeptischen Stimmen stellt sich die Frage: Ist in Magdeburg die nötige Entschlossenheit zu spüren, den Titel zu gewinnen? Und unterstützt die Politik die Kulturbereiche im ausreichenden Maße, um diese Entschlossenheit zu demonstrieren?
Wenn man sich die Entwicklungen in der Stadt von außen anschaut, wirkt es auf den ersten Blick nicht so. Wichtige Kulturbetriebe kämpfen ums Überleben oder haben bereits aufgegeben, während die Kosten für die Tunnelbaustelle explodieren. Corona hat Großteile des kulturellen Lebens lahmgelegt. Aufbruchstimmung? Auf den ersten Blick Fehlanzeige. Doch was, wenn man genauer hinsieht?

Der Magdeburger Dom spiegelt sich in einer Scheibe auf der Magdeburg 2025 steht.
Magdeburg will Kulturhauptstadt 2025 werden. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Ein Clubbesitzer findet: Eine Errungenschaft der Bewerbung sind mehr Kommunikation und Wertschätzung für Kulturszene

Michael Conrad, DJ und Betreiber des Magdeburger Clubs "Insel der Jugend", erzählt, dass auch er zunächst skeptisch auf die Bewerbung geschaut habe. Die Clubszene insgesamt habe sich übersehen und in ein Schmuddelimage gedrängt gefühlt. Auch das erste Bewerbungsbuch "Raus aus der Leere" sei ihm viel zu abstrakt vorgekommen, zu weit weg von der Stadt und ihren Projekten.

Ich habe damals gedacht: Wenn sich das Kulturhauptstadtbüro so wenig mit der Kultur seiner Stadt befasst, dann hat es diesen Titel auch nicht verdient.

Mittlerweile, erzählt Conrad, habe sich sehr viel getan. Besonders die Kommunikation habe sich deutlich verbessert, es habe klärende Gespräche gegeben. Dadurch sei das gegenseitige Verständnis für Projekte und Aufgaben gewachsen und habe auch die freie Kulturszene noch stärker zusammenwachsen lassen. Zunehmend sei die Kulturszene auch aktiv in den Bewerbungsprozes einbezogen worden.

Dem Kulturhauptstadtbüro ist zum ersten mal bewusst geworden, welche Kraft die einzelnen Akteure, ob jetzt Theater, Kabaretts, Clubs, freie Veranstaltungshäuser, Personen und Institutionen besitzen.

"Ich habe inzwischen große Achtung vor dem Job, den das Bewerbungsbüro da leistet. Gerade jetzt, zu Corona!" sagt Michael Conrad. Er glaubt, dass Magdeburg von allen Städten die größte Chance hat, Kulturhauptstadt zu werden, freut sich aber auch, wenn andere Städte gewinnen. "Wir müssen auch als Städte zusammenrücken!" meint er.

Raus aus der Leere: Der Fokus der ersten Bewerbung

Das erste Bewerbungsbuch der Stadt, mit dem unter anderem Städte wie Dresden "besiegt" werden konnten, knüpfte da an, wo viele Menschen Magdeburg wahrnehmen: Eher etwas leer. Es konzentrierte sich auf die vielen Herausforderungen und Potentiale, die die Stadt hat, aber noch nicht so richtig abrufen kann, und spann Utopien, welche Entwicklungsmöglichkeiten der Stadt damit offen stehen. Das Buch, von vielen als zu abstrakt und nicht stadtnah genug kritisiert, wurde von der Jury aber in die nächste Runde gewählt. Dort sind neben Magdeburg noch Hannover, Chemnitz, Hildesheim und Nürnberg im Rennen um den Titel als europäische Kulturhauptstadt 2025.
Bei dem Titel geht es nicht nur darum, wer schon besonders viel Kultur und Europabezug vorweisen kann, sondern auch darum, welche Städte diese Pfeiler besonders gut aufbauen und entwicklen und damit zu einem langfristigen Partner in europäischer Zusammenarbeit werden können.

Das zweite Bewerbungsbuch "Anziehungskraft"

Das zweite Bewerbungsbuch konzentriert sich stärker als das erste auf die Ressourcen und Möglichkeiten, die die Stadt Magdeburg schon jetzt hat, und die mit klugen Konzepten und Förderung in der Lage sind, die empfundene Leere in Magdeburg zu füllen und das Stadtleben lebendig und stark zu gestalten. Besonders viel Aufmerksamkeit bekamen hier auch kleine Betriebe und die freie Kulturszene, die als eine Art Graswurzelbewegungen wichtige Pfeiler der kulturellen Strategie sind und werden sollen.

Kabarettist Johansen fordert mehr Partizipationsmöglichkeiten und Weltoffenheit

Der Magdeburger Kabarettist Lars Johansen steht auf dem Magdeburger Markt unter Schirmen
Für Lars Johansen war die Bewerbung Magdeburgs zur Kulturhauptstadt schon jetzt ein Erfolg. Trotzdem fordert er Entwicklungen. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Obwohl auch Lars Johansen, Magdeburger Kabarettist, Autor und häufiger Kritiker städtischer Politik, insgesamt lobende Worte für die Entwicklungen findet, hat er besonders zwei Kritikpunkte anzumelden. Er fordert mehr Weltoffenheit und bessere Partizipationsmöglichkeiten im Bewerbungsprozess. Durch bessere Absprachen und gezielte Projekte, wie sie z.B. das Puppentheater initiiert habe, könnten etwa abgelegene Stadtteile belebt und besser in die Stadt eingebunden werden.

Die (vom Team des Bewerbungsbüros, Anm. d. Red.) sind ein bisschen wie ein Raumschiff, was von oben draufguckt und von oben nicht alles sieht. Man muss auch reingehen, unten sein.

Besonders wichtig ist Johansen außerdem, dass Magdeburg den Europabezug der Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt stärker in den Fokus nimmt als bisher. Von dieser Kritik nimmt er auch Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) nicht aus, den er "im Umgang mit Migrant:innen als nicht immer adäquat" empfindet.

Was Magdeburg auf jeden Fall brauchen kann, ganz wichtig, ist eine größere Weltoffenheit. Das beginnt erstmal im Kopf. (...) Das ist unser ganz großes Manko, finde ich.

Insgesamt bewertet Johansen die Entwicklung während der Bewerbung aber als sehr positiv und lobt, wie sein Vorredner auch, vor allem, dass sich trotz seiner Kritik die Kommunikation und der Stellenwert von Kultur in der Stadt verbessert habe. "Selbst wenn wir nicht Kulturhauptstadt werden: Das, was wir bisher schon erreicht haben, wenn die Entwicklung weitergeht, dann reicht mir das eigentlich schon. So weit gekommen zu sein ist ein riesen Erfolg", findet er.

Magdeburgs Kulturbeigeordnete sagt: Magdeburg ist eine Liebe auf den zweiten Blick

Die Kulturbeigeordnete von Magdeburg, Regina-Dolores Stieler-Hinz steht vor einem Bild, auf dem die Magdeburger Hubbrücke zu sehen ist.
Regina-Dolores Stieler-Hinz, die Kulturbeigeordnete von Magdeburg, ist überzeugt davon, dass Magdeburg beste Chancen auf den Titel Kulturhauptstadt hat. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Regina-Dolores Stieler-Hinz ist seit drei Monaten Kulturbeigeordnete Magdeburgs und begeistert von der Stadt. Sie sagt, die Stadt habe sie nicht gleich in den ersten Wochen erobert, aber auf den zweiten Blick habe sie sich verliebt.

Wenn man diesen zweiten Blick wirft, entdeckt man so viel an Schönheit, Interessantes, Lebendigkeit und Potential, dass ich mich inzwischen als Magdeburgerin fühle, weil ich gelernt habe, diese Stadt zu lieben.

Regina-Dolores Stieler-Hinz, Kulturbeigeordnete Magdeburgs

Besonders beeindruckt ist sie von der positiven Entwicklung der Stadt. Gerade, weil die Stadt noch nicht fertig ist, sondern so vieles entsteht, glaubt sie, dass Magdeburg beste Chancen auf den Titel hat. Sie hofft, dass die Magdeburgerinnen und Magdeburger zukünftig ein bisschen stolzer sind auf das, was sie hier schon erreicht haben.

Eine der wichtigsten Errungenschaften des Bewerbungsprozesses findet sie die verbesserte Zusammenarbeit zwischen der Kulturszene und der Stadt Magdeburg. Sie hat vor, diese Entwicklung zu stärken und die Anliegen der Kulturschaffenden in die städtischen Konzepte zu integrieren: "Nichts wäre schlimmer, als wenn diese Arbeit des Miteinanders jetzt einfach beendet wäre, nur weil der Bewerbungsprozess beendet wäre. Das ist einer der wichtigsten Punkte. Auch die inhaltlichen Punkte müssen kompatibel gemacht und übersetzt werden in die städtische Kulturstrategie."

Kultur: Die Hefe der Gesellschaft

FCM-Fans beim Spiel Magdeburg gegen Darmstadt.
Nicht immer nur an Oper denken: Auch Kulturangebote wie Fußball sind für Kulturbeigeordnete Stieler-Hinz wichtige Teile der kulturellen Stadtstrategie. Bildrechte: imago/VIADATA

Den kulturellen Austausch und den identitätsstiftenden Charakter einer eigenen Kultur sieht Stieler-Hinz als wichtige Grundlage von gesellschaftlichem Zusammenleben. Eine eigene kulturelle Identität würde es ermöglichen, ohne Angst andere Kulturen wahrzunehmen und sich zu begegnen, sagt sie. Ähnlich wie Lars Johansen betrachtet sie Kultur dabei als "Hefe der Gesellschaft".
Auch die europäische Geschichte Magdeburgs mit dem Magdeburger Recht oder Kaiser Otto könnten ihrer Meinung nach in einem kulturellen, internationalen Austausch am besten gelebt und erlebt werden. Besonders auf Grund seiner Geschichte empfindet sie Magdeburg als europäischste der Bewerberstädte.

Stieler-Hinz findet, Magdeburg sei kulturell ingesamt gut aufgestellt. Auch wenn sie zugibt, bei der Verhältnismäßigkeit von Ausgaben bei Großbauprojekten (z.B. Tunnelbaustelle) zu Kulturausgaben manchmal zu schlucken, findet sie, dass das Kulturbudget einen vergleichsweise hohen Stellenwert im Stadthaushalt hat. Viele Projekte seien nur zu wenig bekannt. Eine der wichtigsten Aufgaben der Kulturstrategie sei es deshalb, auch Menschen zu involvieren, die sonst eher keine Fans "klassischer" Kultur seien. Deshalb würde zum Beispiel auch Kultur wie Fußball stärker in der Bewerbung mitgedacht.

Wenn sie Jurymitglied wäre, würde sie Magdeburg sofort den Titel als Kulturhauptstadt verleihen. "Weil die Stadt einfach so einen riesigen Entwicklungsraum hat, so spannend ist, aber auch schon jetzt so viel zu bieten hat!" verrät sie.

Initiativen hoffen: Die Chance Europa erkennen und nutzen

Johannes Bergunder und Christian Scharf von der Magdeburger Bildungsstätte GoEurope stehen vor ebendieser
Johannes Bergunder und Christian Scharf von der Magdeburger Bildungsstätte GoEurope hoffen, dass Magdeburg seine europäische Seite weiter verstärken wird. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Christian Scharf von der europäischen Bildungsstätte GoEurope in Magdeburg findet, dass die Menschen in Magdeburg die Bedeutung von europäischen Initiativen häufig unterschätzen.
"Wir leben in einer globalisierten Welt. Die Wirtschaft, die Firmen, die denken schon längst nicht mehr in Grenzen. Aber uns wird beigebracht, in Grenzen zu denken. Und das ist etwas, was wir mit unserem Programm aufbrechen können. Das heißt das Verstehen, globaler Zusammenhänge, ein interkulturelles Verständnis. Dass wir in der Arbeitswelt von Morgen in der Lage sein müssen, international in Teams zu arbeiten, all diese Dinge lerne ich in Begegnung. Ich öffne mich, stelle Vorurteile in Frage, entwickle eine ganz andere, ganzheitliche Persönlichkeit, als es mir möglich wäre, wenn ich das nur in meiner eigenen Region lerne. So lernen wir, dass echter Austausch nicht nur eine Sache ist eines friedlichen Europas, einer friedlichen Welt, zu der wir beitragen wollen, sondern dass auch die Entwicklungschancen junger Menschen davon abhängen, ob sie sowas kennenlernen konnten oder nicht."

Dazu, findet Scharf, müssten die Menschen begreifen, dass kultureller europäischer Austausch nicht die Kirsche auf der Sahnteorte sei, sondern ihr Boden. In Magdeburg würde Europa zu oft als Integrationsaufgabe und zu wenig als Chance begriffen. Investitionen in europäische Zusammenarbeit zahle sich, gerade bei Firmen, oft zehnmal aus.
Scharf findet, die Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt habe dazu beigetragen, das Thema Europa in der Stadt präsenter zu machen und hoffentlich in Zukunft auch Wirtschaft, Verwaltung und andere Stellen neben der Kultur stärker in die europäische Richtung zu entwickeln.

Fazit: Positive Entwicklung nicht abreißen lassen

Obwohl es laut den verschiedenen Akteuren noch viel zu tun gibt, ist der Tenor rund um die Bewerbung zur Kulturhauptstadt sehr positiv. Unabhängig von der Entscheidung der Jury am 28. Oktober begrüßen alle die verbesserte Kommunikation und Zusammenarbeit. Sie hoffen, dass diese Entwicklung beibehalten wird und Magdeburg sich weiterentwickelt, zu einer europäischeren, kulturell sichtbareren und sogar stolzen Großstadt. Die Bewerbung hat die Stadt schon jetzt geprägt und zusammengeschweißt, hat für Anerkennung gesorgt und in kurzer Zeit neue Konzepte entstehen lassen. Um es mit den Worten von Lars Johansen zu sagen: Die Bewerbung hat sich schon jetzt gelohnt.

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Leonard Schubert arbeitet seit Februar 2020 in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Interessensschwerpunkte sind Politik, Umwelt und Gesellschaft. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er beim Charles Coleman Verlag, für das Outdoormagazin Walden und beim ZDF.

Nebenher arbeitet er an seinem Masterabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Über den Umweg Leipzig kam der gebürtige Kölner 2016 nach Magdeburg, wo er besonders gern im Stadtpark unterwegs ist. In seiner Freizeit steht er mit großer Leidenschaft auf den Poetryslambühnen Sachsen-Anhalts oder sitzt mit einem Eisbärbier am Lagerfeuer, irgendwo in Skandinavien.

Quelle: MDR/ls

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 13. Oktober 2020 | 11:00 Uhr

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