28.04.2020 | 20:00 Uhr Beschäftigte von Behindertenwerkstätten sehnen Wiederöffnung herbei

In Sachsens Behindertenwerkstätten gilt seit Ende März wegen der Corona-Maßnahmen ein Betretungsverbot. Die Mehrheit der Beschäftigten muss zu Hause bleiben. Das macht nicht nur den Menschen mit Behinderung zunehmend zu schaffen, sondern auch deren Angehörigen.

Frauen in einer Schneiderwerkstatt
Eine Aufnahme aus besseren Tagen - in vielen Behindertenwerkstätten der Oberlausitz ruht derzeit die Arbeit (Archivbild einer Werkstatt in Niesky). Bildrechte: MDR/Viola Simank

"So geht es nicht weiter", sagt Angelika Stoll verzweifelt. "Unsere Nerven liegen blank." Sie befürchtet ihren Sohn Ingolf in die psychiatrische Klinik bringen und sich selbst gleich mit einliefern zu müssen. Seit fast sechs Wochen ist Ingolf zu Hause. Er kann nicht mehr an seinen Arbeitsplatz in der Behindertenwerkstatt der Diakonie in Löbau. Die musste ihren Betrieb nach der Corona-Schutzverordnung weitestgehend einstellen.

In der Werkstatt arbeitet Ingo in der Verpackung und Montage. "Da kann er sich beweisen. Da hat er selber auch das Gefühl: ich werde gebraucht", berichtet Vater Harald Stoll. "Wenn er da für seine Arbeit gelobt wird, tut ihm das sehr gut. Das ist seine Welt." Diese Welt fehlt ihm jetzt.

Angstzustände setzen zu

Täglich kreisen Ingolfs Gedanken um seine Arbeitsstelle, berichten seine Eltern. Ihn beschäftigt immer wieder die Frage: Wann kann er wieder arbeiten gehen? Wird die Werkstatt je wieder aufmachen? "Das fragt er zigmal, nicht einmal, nicht zehn Mal", schildert Harald Stoll. "Er wird mittlerweile schwermütig, bekommt Angstzustände."

Dabei versuchen die über 70-jährigen Eltern alles, um ihren Sohn abzulenken und ihm eine feste Tagesstruktur zu geben. "Wir sind in der glücklichen Lage ein kleines Haus zu haben, wo man draußen kleine Arbeiten ums Haus oder im Garten verrichten kann", berichtet Harald Stoll. Ingo, wie er von Vielen gerufen wird, packt beim Laub rechen und kehren mit an. "Wir haben jetzt Vogelhäuser gebaut. Da macht er schon mit. Aber solche Arbeiten hat man ja nicht so viele parat", schildert Ingos Vater. Auch mit Spaziergängen und kleinen Wanderungen lässt sich Ingo nicht lange ablenken. Ständig kehren seine Gedanken zum gleichen Thema zurück: Werde ich wieder arbeiten können?

Tabletten zur Beruhigung

Dann regt er sich dermaßen auf, dass sein Blutdruck bedenklich steigt. Weil sie einen Herzinfarkt befürchtete, ging Mutter Angelika mit ihm zur Hausärztin. Die verschrieb Blutdrucktabletten und beruhigende Medikamente. Angelika Stoll beobachtet aber auch ein anderes Extrem: "Ingo sitzt depressiv in der Ecke und redet kein Wort", berichtet die Mutter. "Das ist kein Zustand, der noch ein halbes Jahr so bleiben kann."

Mehrfach erkundigte sich Familie Stoll bei der Behindertenwerkstatt, ob Ingo nicht zeitweise zum Arbeiten wieder in die Einrichtung dürfe. Sie baten um Aufgaben und Material, woran er zu Hause arbeiten könnte. Doch in der Werkstatt habe man ihnen nicht weiterhelfen können. "Erst Anfang Mai dürfen wir wieder anfragen", erzählt Harald Stoll zerknirscht. Auch aus der Politik hoffte die Familie bislang vergebens auf ein Zeichen, wie es mit den Behindertenwerkstätten weitergehen könnte. "Wir fühlen uns allein gelassen", sagt Angelika Stoll.

Seit sechs Wochen kann Ingolf Stoll (Mitte) nun schon nicht mehr an seinen Arbeitsplatz. Seine Eltern Harald und Angelika Stoll sorgen sich deshalb um seinen Gesundheitszustand.
Seit sechs Wochen kann Ingolf Stoll (Mitte) nun schon nicht mehr an seinen Arbeitsplatz. Seine Eltern Harald und Angelika Stoll sorgen sich deshalb um seinen Gesundheitszustand. Bildrechte: MDR/privat

Tränen bei der Schließung

Arend Flohe-Meusel kann die Sorgen der Eltern nachvollziehen. Dass die sechs Behindertenwerkstätten des Diakoniewerks Oberlausitz "quasi über Nacht" nahezu vollständig geschlossen werden mussten, hätten die Beschäftigten ganz unterschiedlich aufgenommen, berichtet der Geschäftsführer der Oberlausitzer Werkstätten. "Einige haben sich zunächst über die Freizeit gefreut. Der Großteil war bedrückt bis zum Ausbruch von Tränen."

1.150 Menschen mit Behinderungen arbeiten in den Oberlausitzer Behindertenwerkstätten des Diakoniewerks. Nur rund zehn Beschäftigte je Einrichtung halten dort noch einen Notbetrieb aufrecht, um einzelne Kunden wie Krankenhäuser und Automobilzulieferer weiter bedienen zu können. Für viele andere Beschäftigte sei mit dem Betretungsverbot in den Einrichtungen ihre Tagesstruktur zusammengebrochen. Ohne die Werkstatt fehlten ihnen soziale Kontakte, stellt Flohe-Meusel fest.

Mitarbeiter der Werkstatt fehlen als Ansprechpartner

Eine junge Frau bindet sich einen Mundschutz um
Allein in der Privatwohnung fehlt vielen Beschäftigten der Behindertenwerkstätten der Austausch, um Nachrichten zum Corona-Virus besser einordnen zu können. Bildrechte: imago images/Independent Photo Agency Int.

Gerade um die Beschäftigten, die allein wohnen, sorgt sich der Geschäftsführer der Oberlausitzer Werkstätten. "Die haben niemanden mehr, mit dem sie reden können. Sonst sind unsere Fachkräfte erste Ansprechpartner. Die versuchen dann, was in der Zeitung steht, nochmal in einfacher Sprache zu erklären und zu filtern, damit die sich keine Gedanken dazu machen." Was passiert jetzt? Wie gefährlich ist das Virus? Können wir überhaupt wieder arbeiten? Solche Fragen könnten die Behinderten nur schwer einordnen.

Deshalb fordert Arend Flohe-Meusel, dass die Politik die Situation der Behinderten stärker in den Blick nimmt. "Es fehlt ein klares Bekenntnis zu den Werkstätten", kritisiert der Geschäftsführer. In der Diskussion um Lockerungen würden Einrichtungen der Wiedereingliederung "stiefmütterlich" behandelt. Dabei müsste zeitnah entschieden werden, wie es nach dem Auslaufen der aktuell gültigen Allgemeinverfügung am kommenden Sonntag weitergeht. Zuletzt wurden Entscheidungen übers Wochenende getroffen. Diesmal ist noch ein Feiertag dazwischen. "Da ist es für uns ziemlich schwierig zu reagieren und Dinge umzusetzen", moniert Flohe-Meusel. "Wenn nichts Neues kommt, bedeutet das für uns: Wir sind ab 4. Mai wieder komplett geöffnet."

Rückkehr unter Auflagen

Auch unabhängig davon, wie die Landesregierung in den nächsten Tagen entscheidet, bereitet sich das Diakoniewerk darauf vor, mehr Beschäftigte in die Werkstätten zurückzuholen. Denn Arbeit sei reichlich da, erklärt Flohe-Meusel. In der Werkstatt in Löbau sollen deshalb ab Montag 50 zusätzliche Beschäftigte unter Auflagen wieder anfangen können. Arbeitsbereiche wurden weiter auseinander gelegt. Dort, wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, ist ein Mundschutz zu tragen. Jeder, der an seinen Arbeitsplatz zurückwill, muss schriftlich bestätigen, in den vergangenen zwei Wochen keine Symptome für COVID-19 gezeigt zu haben und dass auch im privaten Umfeld keine Verdachtsfälle aufgetreten sind.

Für eine weitere Öffnung stellt sich Flohe-Meusel einen Stufenplan vor. Zunächst könnten die Beschäftigten in die Werkstätten zurückkehren, die in eigener Häuslichkeit wohnen, drei, vier Tage später Beschäftigte, die in Außenwohngruppen leben und zum Schluss die Bewohner der Wohnheime.

Auch für ein anderes Szenario hat das Diakoniewerk Oberlausitz vorgesorgt. Die Werkstätten haben Kurzarbeit beantragt und bewilligt bekommen, berichtet Arend Flohe-Meusel. Sollten die Behindertenwerkstätten unter dem Eindruck einer zweiten Infektionswelle komplett schließen müssen, werden dann auch die Mitarbeiter nach Hause geschickt.

Quelle: MDR/mk

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