Biologie Neuer Job, langes Leben – bei Ameisen klappt's!

Ein Perspektivwechsel ist gut, ein Wechsel der sozialen Schicht besser: Das zeigen zumindest Ameisen aus Indien, die durch sozialen Aufstieg ihre Gesundheit verbessern können.

Seitenansicht Nahaufnahme von zwei Ameisen (Insekten mit langem Körper aus mehreren Knubbeln und dünnen Beinchen): Eine Ameise steht auf einer Blatt- oder Spahnspitze und drängt eine zusammengerolle invasive Ameise weg, die in der Luft hängt.
Raus hier: Die Kolonien von Indischen Sprungameisen werden von den Tieren klein gehalten. Bildrechte: imago images/Nature Picture Library

Vielleicht möchten Sie sich aus einer Laune heraus mal gern in den Sessel Ihrer Chefin oder Ihres Chefs setzen. Oder der Bürgermeisterin oder des Bürgermeisters. Vielleicht auch in den der Bundeskanzlerin? Sie hätten einen guten Grund: Zumindest bei Ameisen scheint dieser Perspektivwechsel gesundheitsfördernd zu sein.

Kann hüpfen und kann Königin

Genauer gesagt: Die Indische Sprungameise (Harpegnathos Saltator) macht das so. Diese Art ist unter den Ameisenarten ohnehin höchst auffällig. Erstmal: Sie kann hüpfen, ein paar Zentimeter weit, deswegen heißt sie auch so. Außerdem sind ihre Kolonien klein und die sozialen Unterschiede zwischen arbeitenden Tieren und Königinnen nicht so groß. Das führt zu einem weiteren bemerkenswerten Verhalten: Neue Kolonien werden durch Königinnen gegründet, aber wenn die altern, können einige Arbeiterinnen das Kolonieoberhaupt ersetzen. Denn auch die sozial untergeordneten Bewohnerinnen sind in der Lage, sich zu paaren und Eier zu legen. Biologen nennen sie Gamergates, mehrere von ihnen ersetzen bei Bedarf eine Königin.

Künstlerische Darstellung einer Ameisen-Gehirnsektion: Kleine Waben über das gesamte Bild verteilt, die meisten weiß, viele in der Mitte farbig, so dass sie in der Gesamtheit ein Gehirn-Objekt ergeben.
Schon mal das Gehirn einer Ameise gesehen? So zumindest sieht eine Sektion des Gehirn der Indischen Sprungameise aus (künstlerische Darstellung). Bildrechte: Roberto Bonasio

Das ist in etwa so, als würden Sie und ihre besten Freunde im Rathaus Platz nehmen, weil die Bürgermeisterin schon etwas sehr lange im Dienst war. Für diese Aktion gibt es sogar noch Rückhalt in der Bevölkerung. Nicht nur bei einer etablierten Königin, sondern auch bei aktiven Gamergates sorgen andere Arbeiterinnen dafür, dass nicht einfach irgendwelche neuen Arbeiterinnen Eier legen und eliminieren die Eier, wenn es Nicht-Eier-Autorisierte trotzdem probieren.

Veränderungen in den Gehirnzellen beobachtet

Forschende der University of Pennsylvania in Philadelphia haben jetzt herausgefunden, was das Verhalten der Thronübernahme mit den begünstigten Arbeiterinnen macht. Kurz gesagt: Der soziale Aufstieg kann ihr Leben um das fünffache verlängern. Statt nur sieben Monate können die Gamergates bis zu drei Jahren leben. Es wurde bereits vermutet, dass dafür physische Veränderungen im Gehirn verantwortlich sind. Das Forschungsteam hat jetzt herausgefunden, dass vor allem eine Zusammensetzung der sogenannten Gliazellen maßgeblich dazu beiträgt. Glia ist griechisch und bedeutet Leim. Das trifft es ganz gut, denn anders als die Nervenzellen sorgen die Gliazellen im Gehirn für die notwendige Stabilität, die Isolation und schlicht den Schutz. Die Ameisen haben in ihrer sozialen Transformation mehr sogenannte umhüllende Glia erhalten, die für die Gesundheit des Gehirns förderlich ist.

Von wegen lästig: Die Ameise

Ameisen polarisieren: Wer sich mit ihnen freiwillig befasst, liebt sie und greift zur Lupe, wenn er sie in der Küche trifft. Alle anderen begeben sich in einen kräftezehrenden Kampf gegen gewaltige Heere.

Portrait einer Rossameise
Der Biss der Rossameise Camponotus ligniperda schmerzt ganz schön. Normalerweise leben sie dort, wo es Laubgehölze gibt - aber sie nisten sich auch gern in Häusern ein. Bildrechte: IMAGO/blickwinkel
Portrait einer Rossameise
Der Biss der Rossameise Camponotus ligniperda schmerzt ganz schön. Normalerweise leben sie dort, wo es Laubgehölze gibt - aber sie nisten sich auch gern in Häusern ein. Bildrechte: IMAGO/blickwinkel
Kopf einer Braunschwarzen Rossameise in Aufsicht
Bis zehn Jahre werden die Arbeiterinnen dieser Art alt. Bildrechte: IMAGO/blickwinkel
Mikrofoto einer Ameise
Je näher man den Ameisen kommt, Bildrechte: IMAGO
Kopf einer Ameise
...um so menschlicher werden ihre Gesichtszüge. Ähnlich wie wir wohnen sie in hochkomplexen Staaten- und Organisationsgebilden. Bildrechte: imago/blickwinkel
Ameisenhaufen im Wald
Hier sehen sehen wir die eine Hälfte eines Ameisenbaus - die andere ist mindestens genauso groß und liegt unter der Erde. In einem Nest der Roten Waldameise leben beispielsweise zwischen 100.000 und einer Million Ameisen. Bildrechte: imago/blickwinkel
Arbeiter der Blattschneiderameisen (Atta cephalotes) transportieren Blattstücke in ihr Nest
Blattschneiderameisen sammeln Blätter, morsches Holz und Blüten, zerkauen und versetzten den Brei mit Kot und züchten sich so einen Pilz als Nahrung. Bildrechte: imago/imagebroker
Schwarze Bohnenläuse werden von Wegameisen als Sklaven gehalten
Andere Arten sind regelrecht bäuerlich unterwegs: Wegameisen halten sich für die Nahrungsproduktion Helfer - Bohnenläuse, die sie melken. Tropische Wanderhirtenameisen tragen Wolläuse zu deren "Weidegründen". Bildrechte: imago/blickwinkel
Honigtopfameise
Bei den Honigtopf-Ameisen in Nordamerika werden einzelne Arbeiterinnen als "Honigtöpfe" genutzt. Sie werden gefüttert und sind mit erbsengroßen Hinterleibern voller Futtersaft bewegungsunfähig. In der Trockenzeit ernähren sie ihre Artgenossen, indem sie die Flüssigkeit aus dem Kropf würgen. Bildrechte: imago/All Canada Photos
Ein Ameisenkopf, makrofotografiert
Mit ihren Fühlern können Ameisen Duftspuren verfolgen. Ameisenexperte Hölldobler sagt: "Ein Milligramm einer Substanz ist genug, um eine effktive Spur dreimal um den Erdball zu legen. Ein Tausendstel Gramm = 120.000 Kilometer." Bildrechte: IMAGO/blickwinkel
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Bei uns hat es anderer Gründe

Da sich hier nicht mal verallgemeinernde Aussagen für alle Ameisen dieser Welt treffen lassen, sondern das Verhalten sehr Art-spezifisch ist, wäre es ein recht abenteuerlicher Sprung, Rückschlüsse auf den Menschen zu ziehen. Aber: Ganz unabhängig davon ist längst bekannt, dass sich auch bei uns der soziale Status auf die Gesundheit auswirken kann. So hat das Robert Koch-Institut zwischen 2009 und 2010 Daten erhoben, aus denen klar hervorgeht, dass Menschen mit einem geringeren sozialen Status auch ihren gesundheitlichen Zustand schlechter einschätzen als privilegiertere Menschen. Sie seien zudem häufiger von chronischen Krankheiten aber auch Unfällen betroffen. Die Gründe dafür dürften aber selbstverständlich gesellschaftlicher und nicht biologischer Natur sein.

flo

Link zur Studie

Die Studie erschien am 19. August 2020 unter dem Titel Social reprogramming in ants induces longevity-associated glia remodeling im Fachjournal Science Advances.
DOI: 10.1126/sciadv.aba9869

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