Covid-19 Corona-Impfung mit Astrazeneca: Nutzen überwiegt Risiken bei weitem

Wegen seltener Nebenwirkungen steht der Impfstoff von Astrazeneca in der Kritik. Forscher zeigen aber eindeutig: Die Probleme können behandelt werden und der Nutzen des Impfstoffs überwiegt die Risiken deutlich.

Impfstoffe
Impfstofffläschchen (Symbolfoto): Verschiedene Forscher argumentieren, dass der Nutzen einer Astrazeneca-Impfung die Risiken deutlich überwiegt. Bildrechte: imago images/ANP

Die Impfung mit Vaxzevria von Astrazeneca führt in seltenen Fällen zu Blutgerinnseln in der Sinusvene im Gehirn – diese Nebenwirkung zeigte sich erst, nachdem bereits mehrere Millionen Menschen eine Dosis erhalten hatten. Grund dafür: Die Sinusvenenthrombosen (SVT) treten nur bei sehr wenigen Menschen auf, meist jüngere Frauen im Alter zwischen 20 und 55 Jahren, der Mechanismus ist nach wie vor nicht ganz aufgeklärt und kompliziert. Die europäische Arzneimittelagentur EMA hat bis Anfang April insgesamt 62 Fälle gezählt, in 13 davon starben die Betroffenen.

Sinusvenenthrombosen sind nachvollzieh- und behandelbar

Das Team des Greifswalder Mediziners Andreas Greinacher hat das Phänomen in den vergangenen Wochen eingängig studiert und bereits einige gute Ergebnisse erzielt. So kann die etwa vier bis fünf Tage nach der Impfung auftretende Nebenwirkungen mit zwei Tests eindeutig nachgewiesen und behandelt werden.

Nach aktuellem Stand enthält der Impfstoff einige Proteine, die in seltenen Fällen problematisch werden können, darunter Eiweiße der Hülle der Adenoviren, die als Impfvektoren dienen, aber auch ein Zusatzstoff namens EDTA. Sie lösen offenbar eine Reaktionskette aus, an deren Ende das Immunsystem der Betroffenen einen speziellen Antikörper herstellt, der Blutplättchen bindet, wodurch einerseits ein Blutplättchenmangel entsteht, der zu Blutungen führen kann, andererseits Blutgerinnsel entstehen, die die Thrombosen auslösen.

Wird der Autoimmunantikörper im Test nachgewiesen, können die Betroffenen mit Medikamenten behandelt werden, etwa mit Blutverdünnern und im Immunglobulinen, um bestehende Klümpchen im Blut aufzulösen und die Entstehung neuer Thromben zu verhindern.

Jeder Tag mit weniger Impfungen kostet mehr Menschen da Leben

Diese Erkenntnisse dürften zusammen mit einer neuen Modellrechnung aus Frankreich und Italien die Frage aufwerfen, ob die Impfempfehlung, Astrazeneca nur bei über 60-Jährigen anzuwenden, nicht erneut angepasst werden sollte, ob der Impfstoff nicht besser für alle Impfwilligen freigegeben werden sollte, wie es Sachsen bereits beschlossen hat.

Denn die Wissenschaftler um Davide Faranda vom Centre national de la recherche scientifique (cnrs) in Frankreich kommen in einer Modellrechnung zum klaren Ergebnis: Jeder Tag, an dem weniger Astrazeneca verimpft wird, als möglich wäre, bringt mehr Tote, die an einer Covid-19-Erkrankung sterben, als gerettete Leben durch verhinderte Sinusvenenthrombosen.

Das Team berechnete für Frankreich und Italien mit Hilfe eines gewöhnlichen SIR-Modells, wie viele zusätzliche Tote durch das Aussetzen einer Impfung mit Vaxzevria pro Tag zu erwarten sind. SIR-Modelle werden in der Epidemiologie häufig verwendet und berechnen relativ einfach, wie viele Menschen angesteckt werden können, wie viele die Infektion gerade haben und wie viele bereits genesen sind. Mit diesen Modellen konnte bisher die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie relativ zuverlässig vorhergesagt werden.

Mehr Tote durch weniger Impfungen als durch Nebenwirkungen

Feranda und Kollegen stellten die durch die Verzögerung der Immunität erwarteten zusätzlichen Todesfälle denjenigen gegenüber, die durch Sinusvenenthrombosen zu erwarten sind. Das Ergebnis war klar: In drei Tagen ohne Astrazeneca-Impfung sind laut Modell für Frankreich 260 Tote mehr zu erwarten und etwa 130 Todesfälle in Italien. Fatal daran: Der Zeitverlust ist laut der Simulation kaum aufzuholen. Selbst wenn die Impfgeschwindigkeit nach der Wiederaufnahme der Impfungen verdoppelt werde, seien immer noch mehr Tote durch das Aussetzen zu erwarten, als durch die Nebenwirkungen, schreiben die Forscher in ihrem Beitrag im Fachmagazin Chaos.

Greinacher et.al.: Towards Understanding ChAdOx1 nCov-19 Vaccine-induced Immune Thrombotic Thrombocytopenia (VITT), Preprint

Faranda et.al: Interrupting vaccination policies can greatly spread SARS-CoV-2 and enhance mortality from COVID-19 disease: The AstraZeneca case for France and Italy, Chaos

2 Kommentare

MDR-Team vor 20 Wochen

Lieber @Mark_Anton, die Aussage stammt nicht von uns und wir sind auch nicht diejenigen, die eine solche Einschätzung treffen. Die zuständigen Behörden schätzen tagtäglich Medikamente und ihren wägen Risiko und Nutzen ab. Jedes Medikament und jeder invasive Eingriff birgt Risiken. Wir verstehen Ihre Kritik jedoch und entschuldigen uns, wenn dies in Ihren Augen "lapidar" klingt. Natürlich ist es wünschenswert, wenn kein Mensch eine solch gravierende Nebenwirkung erleiden müsste. Liebe Grüße

Mark_Anton vor 20 Wochen

Natürlich, Hirnvenen-Thrombosen sind "behandelbar", vorausgesetzt, "man schafft es noch rechtzeitig" in eine "Stroke-Unit" eines nahegelegenen Krankenhauses. In der Regel geht das aber "so schnell", daß man "dafür" vermutlich "keine Zeit mehr hat". Und selbst wenn, es besteht selbstredend eine "100%-ige Garantie", daß diese Behandlung auch "erfolgreich und OHNE SPÄTFOLGEN anschlägt", oder irre ich mich etwa ? Und im Falle einer "Hirnblutung" wird das "geplatzte Blutgefäß" im Kopf im "neuro-chirurgischen Handumdrehen" abgedichtet und "alles ist wieder gut" ?? Sorry für meinen "Sarkasmus", aber das alles ist doch "kein Just for Fun-Spaß". Hier stehen u.U. "unsere Gesundheit" und "körperliche Unversehrtheit" auf dem Spiel. @MDR-Redaktion: Mit solchen "prophanen Aussagen": "...Die Probleme können behandelt werden und der Nutzen des Impfstoffs überwiegt die Risiken deutlich...." wird den Leuten eine "trügerische Sicherheit" vermittelt, die es "so nicht gibt"... Das ist NICHT in Ordnung...