Covid-19-Behandlung Werden Corona-Patienten zu früh invasiv beatmet?

Die künstliche Beatmung über einen Schlauch in der Luftröhre ist wohl das schlimmste Szenario, dass man sich bei der Behandlung von Covid-19 vorstellen kann. Zwar betrifft das nur rund drei Prozent der Erkrankten, aber trotzdem ist diese sogenannte invasive Beatmung zuletzt immer wieder in die Kritik geraten: Wurde etwa zu früh beatmet? Hätte es andere Möglichkeiten gegeben, als diese hoch risikoreiche Intensivbehandlung?

Es ist ein dramatischer Apell, den der Notfallmediziner Cameron Kyle-Sidell auf die Videoplattform Youtube hochgeladen hat. So etwas wie Covid-19 hat er noch nie gesehen, sagt er da. Die Krankheit sei nicht wie andere Lungenerkrankungen. Statt Erkrankte schnell an ein Beatmungsgerät zu hängen, sei es besser ihnen erst einmal nur Sauerstoff zu geben. Manche sähen nämlich aus, als seien sie ohne Eingewöhnungszeit auf dem Mount Everest abgeworfen worden, sagt der New Yorker Arzt:

Alles, was ich in den letzten neun Tagen gesehen habe. All die Dinge, die einfach keinen Sinn ergeben. Die Patienten, die Lungen, die ich versuche zu verbessern, lassen mich glauben, dass Covid-19 anders ist und wir unter einem medizinischen Paradigma arbeiten, das nicht stimmt.

Cameron Kyle-Sidell - Intensivmediziner NYC

Tatsächlich lauteten die Empfehlungen in den vergangenen Wochen, Erkrankte möglichst früh zu intubieren - sie also in Narkose zu legen und über einen Schlauch in der Luftröhre künstlich zu beatmen.

Mann mit Brille
Michael Pfeifer Bildrechte: UKR

Das beruhte auf den Erfahrungen aus China und Italien, erläutert Professor Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Länder also, in denen Erkrankte erst sehr spät in die Kliniken kamen. Doch mittlerweile wisse man: Das, wovon der New Yorker Notfallmediziner berichtet, entspricht der Frühphase von Covid-19.

Wir haben gelernt, dass sich diese Erkrankung in der Frühphase anders verhält als das klassische ARDS, sodass tatsächlich die Therapieempfehlungen, die zum klassischen ARDS publiziert wurden, in diesem Fall in der Frühphase zumindest nicht ganz zutreffen.

Prof. Dr. Michael Pfeifer - Präsident DGP

ARDS?

ARDS ist die Abkürzung für Acute Respiratory Distress Syndrome, auf deutsch: Akutes Atemnotsyndrom. Der Begriff beschreibt eine schwere, oft tödlich verlaufende, entzündliche Erkrankung der Lunge, meist als Folge anderer Erkrankungen.

Heißt: Sauerstoff statt Tubus. Schon vor einigen Tagen hatte auch Lungenspezialist Thomas Voshaar vom Verband Pneumologischer Kliniken kritisiert: Covid-19 nicht zu früh intubieren!

Also wirklich, dass man das strategisch verfolgt, nicht individualisiert vorgeht, sondern wirklich strategisch verfolgt, dass man Patienten sehr früh intubiert, weil es eben diese Empfehlungen gibt. Ja das wird gemacht - definitiv.

Dr. Thomas Voshaar, Bethanien Krankenhaus

In den USA würden sogar Menschen intubiert, die noch laufen und sprechen könnten. Das sei eigentlich völlig unüblich.

DGP-Präsident Pfeifer glaubt nicht, dass auch in Deutschland zu früh zur Beatmungsmaschine gegriffen wurde. Wegen der geringeren Fallzahl habe man sich in den Kliniken viel individueller um die Erkrankten kümmern können. Dennoch hätten sich verunsicherte Kollegen und Kolleginnen bei der Fachgesellschaft gemeldet. Die habe deshalb am vergangenen Freitag ein Positionspapier mit konkreten Behandlungsempfehlungen herausgegeben, so Pfeifer. Ziel sei, den richtigen Zeitpunkt für die invasive Beatmung zu kennen.

Wir wissen, dass die Patienten, die zu spät intubiert werden, einen schlechteren Verlauf zeigen können und ein höheres Risiko haben, sich so zu verschlimmern, dass sie sterben. Auf der anderen Seite ist jede mechanische Beatmung immer auch ein Eingriff in das System der Lunge, sodass eine zu frühe Beatmung auch vermieden werden soll.

Prof. Dr. Michael Pfeifer

Die neue Empfehlung enthält eine Art Algorithmus als Entscheidungshilfe: Demnach soll bei der Covid-19-Behandlung zunächst Sauerstoff gegeben und nicht-invasiv beatmet werden - also etwa mithilfe von Masken und bei eigenständiger Atmung des Patienten. Erst im letzten Schritt ist unter Abwägung mehrerer Faktoren eine intensivmedizinische Beatmung an einem Beatmungsgerät vorgesehen.