Covid-19 Neue Daten aus England: B.1.1.7 wahrscheinlich doch nicht tödlicher

Die britische Corona-Variante B.1.1.7 ist ansteckender. Aber ist sie auch tödlicher? Drei Studien legten das nahe. Zwei neue Untersuchungen mit Krankenhauspatienten kommen jetzt aber zu einem anderen Ergebnis.

3D-Zeichnung des Corona-Virus
Coronaviren (Illustration): Eine neue Studie aus England wirft Zweifel auf, ob die britische Mutation tödlicher ist. Bildrechte: imago images/CHROMORANGE

Die britische Corona-Variante B.1.1.7 verursacht inzwischen 80 Prozent aller neuen Covid-Fälle in Deutschland – weil sie ansteckender ist. Grund dafür ist, dass Infizierte deutliche mehr Viren bilden und ausscheiden. Mehr Viren, mehr Infektionen, diese Gleichung gilt unter Forschern bereits als gesichert. Im März kamen britische Wissenschaftler auf der Basis eines Datensatzes mit 2,2 Millionen positiv getesteten Bewohnern der britischen Inseln zum Ergebnis: B.1.1.7 führt bei Menschen über 55 Jahren auch etwas häufiger zu tödlichen Verläufen. Andere britische Mediziner kommen jetzt aber mit Blick auf Krankenhauspatienten zu dem Ergebnis: Nein, B.1.1.7 ist zwar ansteckender, geht aber nicht mit einem höheren Risiko auf schwere Verläufe und Todesfälle einher.

B.1.1.7 nicht schwerer und nicht tödlicher

Eleni Nastouli und Kollegen greifen für ihre Studie im Fachmagazin "The Lancet Infectious Diseases" auf die Daten von 341 Patienten zurück, die zwischen dem 9. November und dem 20. Dezember im University College London Hospital oder im North Middlesex University Hospital behandelt worden waren und bei denen das Erbgut der Viren vollständig sequenziert worden war. In dieser Zeit war die neue B.1.1.7 Variante gerade auf dem Vormarsch durch das Vereinigte Königreich.

198 Patienten (58 Prozent) waren demnach durch B.1.1.7 Viren infiziert worden, 143 (42 Prozent) dagegen mit den bisherigen, alten Varianten. Innerhalb von 14 Tagen nach einem positiven Testergebnis waren 36 Prozent der B.1.1.7 Patienten (insgesamt 72 Menschen) schwer erkrankt oder gestorben im Vergleich zu 38 Prozent (53 Patienten) der Wildtyp-Gruppe. 28 Tage nach dem positiven Test waren 31 B.1.1.7 Patienten gestorben (16 Prozent) und 24 der am Wildtyp Erkrankten (17 Prozent).

Die Forscher konnten also statistisch keinen Unterschied bei Gefährlichkeit beziehungsweise Tödlichkeit zwischen der neuen und der alten Virenvariante feststellen, auch nicht, nachdem sie die möglichen Erklärungen durch Altersunterschiede, Geschlecht oder soziale Herkunft herausgerechnet hatten. Auffällig sei lediglich gewesen, dass bei B.1.1.7 das Alter der im Krankenhaus behandelten Patienten tendenziell etwas jünger war. 109 B.1.1.7 Erkrankte (55 Prozent) waren jünger als 60 Jahre. Die Analyse der Virenmenge in den Proben über den Ct-Wert bei den PCR-Tests zeigte auch eindeutig, dass B.1.1.7 Patienten eine höhere Virenlast und Ausscheidung hatten.

Covid-App: Nutzer berichten nicht mehr Symptome

Den Unterschied zu den im März veröffentlichten Studien erklären sich an der Studie nicht beteiligte Forscher aus Singapur in einem Kommentar so: "Diese Studie wurde im Zeitraum vom 9. November bis zum 20. Dezember 2020 durchgeführt, also vor dem Höhepunkt der COVID-19-Infektionen in Großbritannien Ende Dezember. Dadurch wurde ein störender Effekt vermieden, der durch die Überlastung des Gesundheitssystems zu Stande gekommen sein könnte", schreiben die Autoren. Allerdings wurden in der neuen Studie weit weniger Patienten berücksichtigt, die Effekte müssen also nochmal bei größeren Untersuchungen bestätigt werden.

Auf die Daten von 36.920 Teilnehmern greift eine zweite, in "The Lancet Public Health" erschienene Studie zurück, die selbst eingegebene Berichte über Symptome aus der englischen "Covid-Symptom App" ausgewertet hat. Hier verfolgten die Forscher Berichte der Nutzer zwischen dem 28. September und dem 27. Dezember. Sie stellten dabei keine Korrelation fest zwischen dem durch Tests festgestellten Anteil von B.1.1.7-Infektionen in einem Gebiet und den in der App berichteten Symptomen sowohl was deren Menge, als auch Schwere, also auch anhaltende Dauer über das Ende der Infektion hinweg anging.

Der Anteil der Zweitinfektion sei niedrig gewesen, nur 0,7 Prozent berichteten von einem zweiten positiven Test mehr als 90 Tage nach dem ersten. Allerdings finden auch sie eine stärkere Ausbreitung des neuen Virus. Der R-Wert lag bei B.1.1.7 etwa um den Faktor 1,35 über dem des Wildtyps. Claire Stevens, Forscherin am Kings College in London, fasst die Ergebnisse so zusammen: "B.1.1.7. hat eindeutig auf den Lockdown reagiert und scheint eine Immunität zu umgehen, die durch eine Infektion mit dem ursprünglichen Virus gewonnenen wurde."

(ens)

7 Kommentare

Tacitus vor 15 Wochen

MDR-Team, ja, die 2 Artikel beweisen das noch nicht. Diese Artikel sind aber ganz neu, gehen auf die früheren anderslautenden Artikel ein. Wir werden sehen, dass diese Artikel die Wahrheit enthalten.
Ich wollte nur darauf hinweisen, dass wir eine offene und breite Diskussion brauchen und nicht alles Kritische sofort als falsch abtun.

MDR-Team vor 15 Wochen

@horst 63,
für die Corona-Impfungen gibt es eine festgelegte Reihenfolge. Diese basiert auf dem Risiko, sich mit COVID-19 zu infizieren und/oder einem schweren bis tödlich COVID-19-Verlauf zu unterliegen. Wer nicht zu diesen Risiko- bzw. Prioritätsgruppen gehört, kann sich aktuell noch nicht impfen lassen.

MDR-Team vor 15 Wochen

@Tacitus,
das ist so nicht richtig. An der erhöhten Ansteckungsrate lässt die aktuelle Studienlage keinen Zweifel. Zwei Artikel beweisen da auch noch nicht das Gegenteil.