Was wir lesen

Wissen, was wir lesen Das Ende von allem – astrophysikalisch betrachtet

Gerald Perschke
Bildrechte: Frank Laudan

Gut, dass dieses Buch im September erscheint. Wer will sich schon im Sommerurlaub mit dem Ende der Welt beschäftigen. Und damit ist nicht nur die Erde oder unser Sonnensystem gemeint, sondern das gesamte Universum. Das macht man besser bei einer schönen Tasse Kakao am unechten Kaminfeuer seines Tablets.

Cover Das Ende von allem
Bildrechte: Piper Verlag

Worum geht’s hier eigentlich?

Es geht um das Ende. Nicht nur das Ende der Welt, wie wir sie kennen (wie es bei R.E.M. im gleichnamigen Song heißt, der dem Film "Independence Day" seinen Sound gab), sondern um das Ende des gesamten Universums, also von allem, das uns rund neunzig Milliarden Lichtjahre weit umgibt. Und wenn Sie jetzt sagen: Interessiert mich nicht, passiert ja erst in 10 hoch x Billionen Jahren, dann könnten Sie recht haben. Müssen Sie aber nicht, denn vielleicht ist das Ende schon geschehen und rast mit Lichtgeschwindigkeit auf uns zu. Und das ist nur einer der Gründe, warum es sich lohnt, das Buch zu lesen.

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Offen, geschlossen oder flach – die Grafik zeigt, wie Universen je nach Theorie aussehen könnten. Bildrechte: Piper Verlag / Nick James

Dürfen Kosmologinnen witzig sein – und was ist das überhaupt?

Fangen wir mit dem zweiten Teil an. Denn dieses Buch gibt ganz nebenbei Einblick in einen Wissenschaftszweig der immer noch relativ jung ist: die Kosmologie. Dieser Forschungsbereich bietet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit, sich nicht nur mit Astrophysik und Astronomie und damit riesigen (Galaxien) oder zeitlich weit entfernten Dingen (Urknall) zu beschäftigen, sondern auch mit den kleinsten Teilen, wie Protonen, Neutronen oder Quarks. Denn Kosmologinnen und Kosmologen schauen auf das Universum als Ganzes, seine Entstehung, Entwicklung und sein Ende.

Und dann finden Sie sich wieder auf einem felsigen Planeten, der einen gewöhnlichen Stern nahe dem Rand einer Spiralgalaxie umkreist, der Leben hervorbrachte, "zum Beispiel spindeldürre zweibeinige Säugetiere, die Computer benutzen, Politikwissenschaft treiben und zum Spaß Physikbücher lesen". Und mit diesem – ein wenig nach Douglas Adams klingenden – Satz meint die Autorin natürlich uns.

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Gravitationswellen. Wenn wir ihre Wirkung auf den menschlichen Körper messen könnten, dann würden wir feststellen, wie sie uns mal größer und mal kleiner machen. Bildrechte: Piper Verlag / Nick James

Erfahren wir wirklich, wie alles endet?

Was das Buch leistet, ist ein kurzweiliger Überblick über den aktuellen Stand der Kosmologie zum Ende von allem. Mack bietet fünf Szenarien, wie alles enden wird. Meistens gut verständlich, ohne wissenschaftliche Formeln, aber immer mit einer nötigen Einordnung in den dazugehörigen Stand der Astro- oder Teilchenphysik. Und spätestens, wenn Sie das Gefühl haben, dass das Lesen gerade ein wenig anstrengend war, kommt ein: Aber es wird noch seltsamer. Der Leser ist erstaunt – und wieder bei der Sache. Am Ende wirft sie außerdem einen Blick in die "Zukunft der Zukunft". Und die ist geprägt von Daten, die vielleicht zu neuen Theorien führen, wenn wir sie endlich alle ausgewertet haben.

Cover Das Ende von allem
Bildrechte: Piper Verlag

Die Daten zum Buch Katie Mack: Das Ende von allem - astrophysikalisch betrachtet, übersetzt von: Jens Hagestedt, Piper 2021, 272 Seiten, 22 €, ISBN 978-3-492-07080-5

AstroKatie liebt, was sie macht

Es ist das erste Buch der Astrophysikerin und Kosmologin Dr. Katie Mack (Assistenzprofessorin am Fachbereich Physik der North Carolina State University), die ihre mehr als 400.000 Follower auf twitter als AstroKatie kennen. Was man dort und in ihrem Buch auf jeder Seite sieht, ist die unglaubliche Begeisterung für ihr Fach und für das Universum. Und sie lässt uns teilhaben an ihrer Freude, etwa, wenn in der Kosmologie neue Dinge geschehen.

Es kommt nicht oft vor, dass jemand den gewohnten Blickwinkel verschiebt, einen Wert minimal nach unten korrigiert, dabei herausfindet, dass der neue Wert DAS GESAMTE UNIVERSUM ZERSTÖREN WIRD.

Katie Mack

Mack liebt kosmische Katastrophen, daraus macht sie keinen Hehl. Da muss man schon mal zu Großbuchstaben greifen (wie der Tod bei Terry Pratchett). Und sie ist auch nicht allein damit. Sonst würden wir alle keine Katastrophenfilme schauen, oder fasziniert nachsehen, ob denn Beteigeuze nun zur Supernova wird oder nicht. Selbst, wenn unser Verhältnis zum Untergang von allem, mindestens philosophisch gesehen, trotzdem ein wenig kompliziert ist. (Oder, um Nietzsche zu zitieren, der auch in ihrem Buch seinen Platz findet: Gott ist tot.) Dann bleibt auch Mack nur die Frage: Welchen Sinn hat das alles?

Und zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Buches haben wir noch immer keine gemeinsame Antwort gefunden.

Katie Mack

Das ist aber auch kein Wunder. Wenn 95 Prozent des Universums aus Dunkler Materie und Dunkler Energie bestehen, von der wir immer noch nicht wissen, wie sie sich zu unserer Physik verhalten, wissen wir eigentlich nichts, so zitiert Mack einen Kollegen (Andrew Pontzen). Nichts wissen? Alles noch ergründen können? Für Forscherinnen wie Mack vermutlich das Paradies.

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Diese Grafik zeigt, wie sich das Licht durch die Raumzeit bewegt. Bildrechte: Piper Verlag / Nick James

Was ist mit dem CERN?

Für alle Fans der Teilchenphysik und der Kosmologie ist das natürlich wichtig. Und ja, Katie Mack war sogar für die Recherche zum Buch im CERN, dem berühmten europäischen Kernforschungszentrum, das beim Thema Weltuntergang gern genannt wird (geben Sie das einfach mal in eine Suchmaschine Ihrer Wahl ein). Sie hat den Großen Hadronen-Speicherring gesehen, dessen noch viel größerer Nachfolger (Future Circular Collider/FCC) schon seit Jahren geplant wird. Auch die anderen Großprojekte der Astronomie und Astrophysik kommen natürlich im Buch vor, angefangen vom Gravitationswellenobservatorium LIGO bis zum James-Webb-Teleskop, dem lange erwarteten Nachfolger des Hubble-Teleskops, das in diesem Jahr nun endlich starten soll.

Ein Tipp zum Schluss, weil wir gerade beim CERN waren: Wenn Sie auf der nächsten Party eine Kosmologin oder einen Teilchenphysiker treffen, dann fragen Sie sie nach dem Gottesteilchen ("siehe Higgs-Boson", wie es im Erklärteil des Buches heißt). Das wird bestimmt lustig.

Und übrigens das noch

"Das Ende von allem – astrophysikalisch betrachtet" wirbt im Untertitel auch mit "zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen". Ganz ehrlich, die gibt es (siehe die Grafiken oben im Text). Aber versprechen Sie sich nicht zu viel davon. Sie sind nicht schön, helfen aber, einige der Aussagen besser zu verstehen.

Gerald Perschke
Bildrechte: Frank Laudan

Der Rezensent Ist bei MDR WISSEN für den Onlinebereich zuständig – kennt (dank Apps) den Zilpzalp und die Späte Traubenkirsche, und liebt es, nachts in den Himmel zu schauen. Vor allem im Sommer und wenn die ISS über den Saalekreis fliegt.

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