Corona Pathologen fordern Obduktion von verstorbenen Covid 19-Erkrankten

Sollten möglichst viele an Covid-19 erkrankte Menschen, die gestorben sind, obduziert werden oder nicht? Ja, unbedingt, sagen die Fachgesellschaften für Pathologie. Das Robert-Koch-Institut hatte bisher empfohlen, möglichst auf eine Obduktion zu verzichten aus Infektionsschutzgründen. Diese Empfehlung hat im Internet für die ein oder andere verschwörerische Theorie gesorgt. Die Pathologen halten die Empfehlung für übertrieben. Durch ihre Initiative ist Bewegung in die Sache gekommen.

Prof. Dr. habil. Rüdiger Lessig ist Institutsdirektor der Fakultät für Rechtsmedizin an der Martin-Luther-Universität in Halle
Prof. Dr. habil. Rüdiger Lessig ist Institutsdirektor der Fakultät für Rechtsmedizin an der Martin-Luther-Universität in Halle Bildrechte: MDR/Lea Jürgens

Die Welt kennt die Erkrankung Covid-19 erst seit wenigen Monaten und die Lage entwickelt sich dynamisch: So auch bei der Kritik der Pathologie-Fachverbände an einer Empfehlung des Robert-Koch-Instituts. In dieser Empfehlung hieß es: "Eine innere Leichenschau, Autopsien oder andere aerosolproduzierende Maßnahmen sollten vermieden werden."

Empfehlung des RKI wird geändert

Diese Formulierung sei unscharf gewesen und wurde mittlerweile beseitigt, teilte das RKI inzwischen mit. In Absprache mit den Fachverbänden der Pathologen würden neue Empfehlungen herausgegeben. In einzelnen Fällen seien dem RKI Schwierigkeiten bei der Abwägung zwischen der Notwendigkeit einer Obduktion und dem Schutz des Personals mitgeteilt worden. Nun also die Neuausrichtung. Damit ist der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, Professor Gustavo Baretton vom Universitätsklinikum Dresden, zufrieden.

Ich glaube, dass durch diese Flut von neuen Dingen, die mit dieser Corona-Epidemie und Pandemie einhergehen, vielleicht auch beim RKI ein bisschen überreagiert wurde.

Prof. Dr. Gustavo Baretton – Uniklinik Dresden

Covid-19-Verstorbene könnten mit entsprechender Schutzausrüstung ganz normal obduziert werden – so, wie man es auch mit anderen infektiösen Leichen mache. Auch Professor Rüdiger Lessig von der Martin-Luther-Universität Halle war deshalb von der Empfehlung irritiert, erzählt der Rechtsmediziner. Denn nur durch Obduktionen könne zweifelsfrei gesagt werden, was die genaue Todesursache gewesen ist. Außerdem können die Fachleute die Krankheit dadurch besser verstehen, ergänzt Lessig. Warum sind etwa manche Krankheitsverläufe so unvorhersehbar?

Der Laborwert ist das Eine. Der Befund am Organ ist das Andere. Es muss nicht unbedingt immer zusammenpassen. Gerade bei solchen neuen Erkrankungen ist es ganz wichtig: Wie verhalten sich die Organe bei dieser Viruslast und was haben wir für Laborwerte? Wie passt das zusammen?

Prof. Dr. Rüdiger Lessig

Erkenntnisse aus Obduktionen werden in Aachen gebündelt

Nur wenn Zusammenhänge und Ursachen bekannt sind, können Therapien entwickelt werden, erläutert Professor Baretton. Es gebe noch zahlreiche offene Fragen und bisher seien bundesweit verhältnismäßig wenige Obduktionen durchgeführt worden. In Dresden wurde Anfang der Woche der erste Covid-19-Todesfall obduziert.

Wir haben jetzt bei diesem ersten Fall auch festgestellt, dass eine sehr starke Herzbeutel-Entzündung mit beteiligt war. Der wurde eben erst am Montag obduziert. Das heißt die feingeweblichen Untersuchungen stehen noch aus.

Prof. Dr. Gustavo Baretton – Uniklinik Dresden

Die Ergebnisse werden dann auch anderen Pathologen zugänglich sein: In einem neuen Register an der RWTH Aachen werden die Obduktionsergebnisse künftig anonym gesammelt.

Damit die Datenbank schnell wächst, sei es aber wichtig, dass möglichst viele Angehörige die Obduktion ihrer verstorbenen Angehörigen ermöglichen.

Verschwörungstheorie über Zahl der Gestorbenen

Die Diskussion um Empfehlungen des RKI hat nicht nur Fachleute verwundert - und im Internet sogar die Verschwörungstheorie befeuert, dass die Anzahl der Verstorbenen viel zu hoch angegeben sei und die wahre Zahl verschleiert werde. Solche Vorwürfe weist der Hallenser Rechtsmediziner Lessig klar zurück:

Möglicherweise sind die Angaben zu den Verstorbenen etwas zu hoch. Aber das spielt aus meiner Sicht für die Epidemiologie nicht die entscheidende Rolle. Man muss schlicht und ergreifend von der Gefährlichkeit des Virus ausgehen – auch was die Todesfälle angeht.

Prof. Dr. Rüdiger Lessig

Ob dann ein paar Todesfälle in der Statistik auftauchen, bei denen das Virus nicht die entscheidende Rolle gespielt hat, ist aus epidemiologischer Sicht zu vernachlässigen, ergänzt Lessig. Und auch Pathologie-Professor Baretton ärgern solche Verschwörungstheorien. Das meiste davon seien an den Haaren herbeigezogene Dinge:

Ich kann nur sagen, sowohl das RKI als auch die akademische Pathologie in Deutschland, die arbeiten nach allen Regeln der ärztlichen Kunst und auch der wissenschaftlichen Methodik. Da wird nichts verschleiert. Im Gegenteil: Wir wollen ja aufklären, wir wollen ja zu neuen Erkenntnissen kommen, die dann auch publiziert werden und den Lebenden weiter zu Gute kommen sollen.

Prof. Dr. Gustavo Baretton