Corona-Antikörperstudie Covid-19: Jede dritte Infektion in Deutschland ohne Symptome

Seit Juni 2020 untersuchen ein Forscher an acht Orten in Deutschland die Immunität gegen Sars-CoV-2. Weniger als zehn Prozent haben die Krankheit durchgemacht, ein Drittel davon hat von der Infektion nichts mitbekommen.

Blutprobe in einem Labor
Anhand von Blutproben können die Helmholtz-Forscher bestimmen, wie viele Menschen bereits Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet haben (Symbolbild). Bildrechte: IMAGO / Westend61

Dass viele Menschen von einer Infektion mit Sars-CoV-2 nichts merken, macht das Virus so schwierig beherrschbar. Die sogenannten asymptomatischen Patienten fühlen sich gesund, verbreiten aber die Krankheit ohne es zu merken. Zugleich stellt sich für diese Menschen auch die Frage: Bauen sie eine Immunität gegen das Virus auf, wenn sie nicht oder kaum erkrankt waren?

Wie hoch der Anteil von Menschen mit Antikörpern in der Bevölkerung ist und wie lange die Immunität anhält sind zwei der Forschungsfragen, die ein Team vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig (HZI) mit der MUSPAD-Studie beantworten will. Seit Juni 2020 untersuchen die Wissenschaftler die Immunität der Bevölkerung in acht deutschen Städten und Landkreisen. Aktuell ist der Landkreis Vorpommern-Greifswald an der Reihe.

Antikörpertests: Bestimmung von Virusvariante oder Impfung möglich

In den Untersuchungsgebieten – neben dem Nordosten waren das Reutlingen, Aachen, Freiburg, Magdeburg, Chemnitz, Osnabrück und Hannover – erhalten jeweils rund 8.000 Einwohnerinnen und Einwohner nach einer repräsentativen Zufallsauswahl eine Einladung, den Antikörperstatus bestimmen zu lassen. Dazu müssen sie eine Blutprobe abgeben. Die wird dann unter anderem am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) an der Universität Tübingen in einem sogenannten Multiplex-Antikörpertest untersucht.

Das Besondere am NMI-Verfahren: Hier werden nicht nur verschiedene Antikörpertypen IgA, IgG oder IgM bestimmt. Es lässt sich auch untersuchen: Wurden sie durch eine Impfung gebildet oder durch einen Kontakt mit dem Virus. Und falls eine Infektion die Ursache war, welche Virusvariante war der Grund dafür. Insgesamt sollen im Rahmen der Studie in den Untersuchungsgebieten 60.000 Menschen erfasst werden. Etwa 20.000 Menschen haben bereits teilgenommen.

Weniger als 10 Prozent aller Menschen immun

Professor Gérard Krause, Epidemiologe am HZI und Leiter der Studie, stellt mit Blick auf die bereits ausgewerteten Daten fest: "Nach der ersten Infektionswelle lag der Anteil der Menschen, die Antikörper gegen das Virus gebildet hatten, selbst in den Gebieten mit starken Ausbrüchen im niedrigen einstelligen Prozentbereich." So lag Reutlingen im damals stark betroffenen Baden-Württemberg bei 2,4 Prozent.

Inzwischen habe sein Team einige Orte bereits ein zweites Mal untersucht und einen Anstieg festgestellt. In Aachen nahm der Anteil der Menschen mit Antikörpern beispielsweise von 2,4 Prozent auf 5,4 Prozent zu. Magdeburg lag im November und Dezember noch bei etwa 2,4 Prozent. Die Forscher gehen davon aus, dass bei der zweiten Welle im Winter jeweils noch etwa zwei bis fünf Prozent dazugekommen sind. Alles in allem hätten also nach wie vor weniger als zehn Prozent der Menschen durch eine Infektion Antikörper gebildet. Ohne Impfungen kann eine Herdenimmunität noch lange nicht erreicht werden.

Mehr als ein Drittel hat Covid-19 ohne Symptome

Zugleich zeigen die Daten, dass trotz deutlich ausgeweiteten PCR-Tests immer noch sehr viele Ansteckungen übersehen werden. "Es werden mitnichten alle Infektionen erfasst. Sie werden auch nicht überall gleich gut erfasst", sagt Krause. Die Untersuchung der Antikörper gebe zugleich die Möglichkeit herauszufinden, wie das Infektionsgeschehen in der Vergangenheit verlaufen sei.

Die vorab auf einem Preprint-Server veröffentlichten Studiendaten zeigen unter anderem, dass etwa 38 Prozent der Menschen mit Antikörpern sich nicht an Symptome der Infektion erinnern kann. Da die Angabe auf Selbstaussagen in Befragungen basieren, könne es sein, dass der eine oder andere Befragte Anzeichen der Erkrankung übersehen oder vergessen habe. Insgesamt ergibt sich jedoch das recht klare Bild, dass mehr als ein Drittel aller Covid-19-Erkrankungen ohne äußere Anzeichen verlaufen.

Acht Menschen in Quarantäne verhindern eine Infektion

Eine weitere Erkenntnis betrifft die Effektivität von Quarantäne-Anordnungen. Demnach werde durch acht Menschen, die in Quarantäne geschickt würden, etwa eine Infektion verhindert.

Symptomatische und Asymptomatische Infektionen
Untersuchungsgebiet Reutlingen Freiburg Aachen Osnabrück Magdeburg Gesamt
Symptomatisch 1.155 (49.1%) 2.075 (72.2%) 1.352 (66.5%) 1.773 (60.0%) 1.650 (60.4%) 8.005 (61.8%)
Asymptomatisch 1.195 (50.9%) 797 (27.8%) 681 (33.5%) 1.183 (40.0%) 1.082 (39.6%) 4.938 (38.2%)

20 Kommentare

MDR-Team vor 18 Wochen

@KeineAusreden Warum sollten in Ihrem Landkreis nicht alle gleich sein? In der von Ihnen geschilderten Situation müsste dann auch eine Strafe verhängt werden, wobei Sie sich weiterhin an die bestehenden Vorschriften halten sollten. LG, das MDR-Wissen-Team

MDR-Team vor 18 Wochen

@KeineAusreden Es stimmt, dass die Ausbreitung des Coronavirus offenbar auch vom Klima abhängt. Das bedeutet allerdings auch, dass wir uns im Winter wohl wieder auf höhere Infektionszahlen einstellen müssen (https://www.mdr.de/wissen/wetter-klima-corona-vorhersage-modell100.html). LG, das MDR-Wissen-Team

KeineAusreden vor 18 Wochen

Wer es wissen will, unter Tagesschau.de sieht man das die Zahlen derzeit mindestens europaweit zurück gehen. Ob lockdown oder nicht, harte Massnahmen oder weiche, Bundesnotarende, fast gar nichts gemacht. Die Zahlen gehen dort zurück, wo das Wetter schöner wird. Das ist meine Erkenntnis. Damit kann man sich natürlich nicht zu einer Wahl brüsten.