Energiekrise Deutschland spart Gas: Positive Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr

Daten der Bundesnetzagentur zeigen: Die Einsparbemühungen der Deutschen beim Gas tragen erste Früchte, der Verbrauch ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Ein Problem für Verbraucher ist vor allem Informationsmangel.

Gasheizung und Warmwasserspeicher im Heizungsraum in einer Privatwohnung.
Am Gaszähler allein lässt sich der Erfolg der eigenen Sparbemühungen kaum ablesen, da viele Kontextinformationen wie der Vorjahresverbrauch und die Umgebungstemperatur fehlen. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Wolfgang Maria Weber

Zumindest für den September sehen die Werte schon einmal gut aus: Wie die Bundesnetzagentur am Donnerstag in ihrem Bericht zum aktuellen Stand der Gasversorgung mitteilt, haben Deutschlands Privatverbraucher und Wirtschaftsbetriebe im September eine deutliche Menge Gas eingespart. Die Sparbemühungen tragen also offenbar erste Früchte.

Klar ist aber auch, dass die Anstrengung gerade erst begonnen hat. Immer noch droht eine akute Gasmangellage, bei der dann die Versorgung einzelner Abnehmer ganz eingestellt werden müsste, weil kein Gas mehr vorhanden wäre. Um dieses Szenario auszuschließen müsse der Verbrauch während des gesamten Winters um etwa 20 Prozent unter dem der Vorjahre liegen, schätzen Expertinnen und Experten.

Was kostet das Gas aktuell eigentlich? Haushalten fehlen oft grundlegende Informationen

Doch gerade für die einzelnen privaten Gaskunden ist es gar nicht so einfach, herauszufinden, welche Sparmaßnahmen besonders effektiv sind. Sie wissen zwar, dass es sinnvoll ist, nur noch einzelne Räume in der Wohnung und die nur auf maximal 19 Grad zu heizen oder auch am warmen Wasser unter der Dusche zu sparen. Doch was solche Methoden im Einzelnen bringen, ist im Einzelfall nicht klar. "Es ist schwierig am eigenen Gasverbrauch zu messen, wie wirksam sind die Maßnahmen, die ich ergriffen habe", fasst Dirk Müller das Problem zusammen. Er ist Professor am Lehrstuhl für Gebäude- und Raumklimatechnik der RWTH-Aachen.

Ein Problem: Ob jemand mehr oder weniger Gas verbraucht als erforderlich, ergibt sich nur, wenn man auch die Außentemperatur einberechnet. Klar, je wärmer es ist, desto leichter ist der Verzicht auf zusätzliches Heizen. Felix Müsgens, Professor für Energiewirtschaft an der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, sieht hier die Gasversorger in der Pflicht. Sie könnten am ehesten sehen und kommunizieren, was einzelne Kunden aktuell sparen und welche Kosten dadurch später auf sie zukommen. Doch meistens fehlt es den Kunden an noch grundlegenderen Informationen. "Nach meiner Kenntnis wissen viele Haushalte noch gar nicht, ob sich ihr Gasbezugsvertrag bereits erhöht hat oder nicht."

Smarte Heizungen zeigen Verbrauch im Vergleich zur Nachbarschaft

Die bisherige Regelung, das Abrechnungen erst am Ende des Winters kommen, berge die große Gefahr, dass dann das große Zähneklappern komme, sagt Ortwin Renn, wissenschaftlicher Direktor am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam. "Man müsste in Echtzeit wissen, wie viel man verbraucht und was das kostet."

Beispiele für solche smarte Heiztechnik gebe es in anderen Ländern, sagt Renn. Dort können Verbraucher an den Geräten sehen können, wie sich der eigene Verbrauch im Vergleich zur Nachbarschaft entwickelt. "Da gibt es dann eine Ampel, bei der grün heißt, ich verbrauche weniger, gelb ich verbrauche in etwa genauso viel und rot, mein Verbrauch ist höher", sagt er.

Hohe Preise für mangelnde Sparbereitschaft notwendig

In Deutschland ist das bislang allerdings Zukunftsmusik, jedenfalls was den flächendeckenden Einsatz solcher Geräte angeht. Verbraucher erfahren also meistens nicht, wo sie aktuell stehen. Die Expertinnen und Experten glauben daher, dass sich der Mangel an Gas weiterhin am Preis bemerkbar machen muss, zumindest oberhalb eines preislich gedeckelten Verbrauchs von 80 Prozent der Vorjahresmenge. "Preisdeckel und Energiesparen, eigentlich geht das nicht zusammen", befürchtet Felix Müsgens. Was die aktuell vorgeschlagenen Maßnahmen angehen, ist er jedoch optimistisch. "Die Einsparwirkung der Preise bleibt erhalten."

Preise seien auch wichtig, um einen Freerider-Effekt zu verhindern, also Situationen, in denen einzelne beim Sparen nicht mitziehen, weil sie glaubten, ihr eigener Verbrauch mache im Vergleich zum Gesamtverbrauch doch kaum einen Unterschied, nach dem Motto: "Ich kann doch weiter meine Räume auf 25 Grad heizen, das merkt doch keiner." Renn ist sich sicher: "Wenn das alle tun, haben wir ein riesen Problem."

Stromnetze müssen ausgebaut werden

Klar ist allerdings auch, dass der kommende Winter wahrscheinlich erst der Anfang ist. Mit einer Rückkehr des billigen Gases aus Russland rechnet aktuell keiner der Experten. Auch in Bezug auf den Klimawandel seien langfristig Einsparungen bei den fossilen Brennstoffen dringend nötig. Hier sehen die Forscher aber eine positive Tendenz. "Manche Weiche ist schon ganz gut gestellt", sagt Müsgens. So habe die Förderung von Wärmepumpen dazu beigetragen, dass viele Heizungen nicht mehr mit Gas sondern mit Strom betrieben würden und klimaschonender seien. Nun fehle allerdings noch ein deutlicher Ausbau der Stromnetze, um die absehbar wachsenden Lasten schultern zu können.

Links/Studien

(ens/smc)