MDR KLIMA-UPDATE | 7. Oktober 2022 Kurz und bündig: Es ist alles gesagt

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Zur Klimakrise ist alles gesagt. Nur noch nicht aus jedem Alltagsbereich. Die Konferenz "Bits & Bäume" setzt sich für nachhaltige Digitalisierung ein. Ein Vortrag aus diesem Jahr ist "Hört auf, Bäume zu pflanzen!". Bei ihm hören wir genauer hin.

Logo Klima Newsletter: Bitcoin-Münzen im Wald, aus denen kleine Setzlinge wachsen.
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Einen schönen guten Tag!

Einen schönen guten Tag! Eine kurze Woche geht zu Ende. Und weil sie so kurz war, mache auch ich es heute kurz und bündig.

Und kurz und bündig heißt in der Klimakrise schon längst: Es ist alles gesagt. Schon lange und von vielen. Denn die großen Entwicklungslinien der Klimakrise und ihre Folgen sind lange benannt und vorhergesagt.

Bei konkreten Umsetzungen und Alltäglichkeiten sieht es allerdings anders aus. Darum soll es heute gehen.

[#] Zahl der Woche

35 Prozent

… des Bitcoin-Marktwertes sind für Klimaschäden verantwortlich. Damit rangiert die digitale Kryptowährung zwischen der Rindfleischproduktion und dem als Benzin verbrannten Rohöl. Das "digitale Gold" wirkt aus Sicht der Klimaschäden eher wie "digitales Rohöl", schreiben US-Ökonomen

Keine digitalen Kleinigkeiten

Falls Sie noch nichts von Bitcoin gehört haben: Es ist eine von vielen digitalen Kryptowährungen. Damit kann man tatsächlich auch bei dem ein oder anderen Onlinehändler einkaufen. Bitcoin basiert auf einer Datenbank, der Blockchain, die eine Art digitales Kassenbuch ist. In der Blockchain wird jede Transaktion eingetragen. 

Auch wenn Sie nichts mit Bitcoins anfangen können, sehen Sie, dass es mit Computern zu tun hat. Und die müssen permanent in Betrieb sein, um Bitcoins zu erschaffen und "am Leben" zu erhalten.

Dass das viel Energie kostet, zeigen drei US-Forscher in einem Diagramm. Darin sieht man, wie groß der Anteil an Klimaschäden am Rohstoffmarktpreis von Bitcoin, Kohle, Gas, Wasserstoff, Rindfleisch etc. ist.

Die Bitcoin-Falle

Sie sehen, eine digitale Währung ist eher kontraproduktiv in der Klimakrise. Und Bitcoin ist vor allem im Gespräch, weil Kriminelle glauben, damit anonym zu bleiben. Aber spätestens, wenn Bitcoins in herkömmliches Geld umgetauscht werden, ist dafür ein klassisches Bankkonto nötig. Es gibt auch Automaten, die Bitcoin anonym in kleinen Margen echten Geldes auszahlen. Aber auch das ist nicht 100-prozentig anonym. Das zeigt zum Beispiel das spannende Radiofeature "Die Bitcoin-Falle: Doku über Abzocke mit Kryptowährungen". Dort wird die Geschichte eines Mannes aus Sachsen erzählt, der mehrere zehntausend Euro an Betrüger verloren hat. 

Kryptische Digitalwährungen verbrauchen also Energie und Ressourcen. In Rechenzentren, aber auch, weil Bits durch Glasfaserleitungen und "Verstärkerstationen" geschickt werden. Auch schlampig programmierte Software sorgt für unnötigen Energieverbrauch. Dessen sind sich viele Digital-Expertinnen und Experten bewusst.

(Die erste Software, die zum Beispiel das Siegel "Blauer Engel" hat, ist KDE Okular, ein PDF- und Dokumenten-Betrachter. Empfehlenswert!)

Bits und Bäume

So heißt eine jährliche Konferenz, die sich mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit beschäftigt und die am vergangenen Wochenende hybrid stattfand. Das Netzwerk der Organisatoren hat bereits 2018 gesagt, eine andere (nämlich nachhaltige) Digitalisierung sei möglich. 

Eine Rednerin in diesem Jahr sagt: "Heute sind wir vier Jahre weiter, aber nicht annähernd genug vorangekommen."

Alles ist gesagt und die Ziele sind klar wie Kloßbrühe:

  • CO2-Ausstoß auf null bringen
  • CO2 in der Atmosphäre verringern

Und trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, wie schwer sich unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft, unsere Welt damit tut.

Logo Konferenz Bits&Bäume
Bildrechte: bits&bäume

Bei "Bits & Bäume" habe ich zum Beispiel den Vortrag von Sven Selbert gesehen. Er arbeitet als Waldreferent beim NABU. Auf der Konferenz hat er eher als Privatperson gesprochen, streckenweise sarkastisch, aber mit einem klaren Punkt:

Hört auf, Bäume zu pflanzen!

So war sein Vortrag überschrieben. Ja, auch ich wurde stutzig und wenn Sie mögen, können Sie den Vortrag des NABU-Waldexperten hier selbst ansehen:

Sven Selberts wichtigste Argumente sind diese:

  • Baumsetzlinge sind keine Wälder.
  • Um eine große Buche zu ersetzen, bräuchte man wohl 10.000 Setzlinge.
  • Eichensetzlinge brauchen 140 Jahre, um ordentlich CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen.
  • Aber die CO2-Aufnahme der gepflanzten Eichen wird schon heute verbucht. Dabei reichen Klimamodelle "nur" bis 2100 und nicht bis 2170, wenn eine heute gepflanzte Eiche ausgewachsen wäre.
  • Bäume pflanzen ist in Deutschland oft keine zusätzliche Klimaschutzmaßnahme, weil Waldbesitzer ohnehin gesetzlich verpflichtet sind, aufzuforsten.
  • Bäume pflanzen ist die billigste Art, um CO2 in der Atmosphäre zu senken.
  • Bäume pflanzen geht aber noch billiger: mit Eichelhäher, Eichhörnchen, Elster und Co.

Für Menschen und Unternehmen, die sich CO2-neutral rechnen wollen, ist Bäume pflanzen also eine einfache und billige Methode; "low hanging fruits", sagt Selbert.

Selbert sagt außerdem, dass in Deutschland immer mehr Holz verbrannt werde. Und er sagt, der Baumverlust in Deutschland sei höher als lange gedacht: Fünf Prozent der gesamten deutschen Waldfläche sei verschwunden - eine Fläche, mehr als sieben Mal so groß  wie Berlin.

Walduntergang

nennt Selbert das schon mal in einem Tweet, in dem er eine Grafik der "Zeit" teilt, die den Zustand der deutschen Wälder zeigt.

Schützt bestehende Wälder!

Und der NABU-Waldexperte sagt: "Der beste Schutz der Wälder ist es, zu protestieren und sich politisch zu engagieren."

Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Natürlich findet Selbert es gut, Bäume zu pflanzen. Aber wenn ich ihn richtig verstehe, geht es ihm darum, dass in der Klimakrise viel, viel mehr getan werden muss.

Denn gleich zu Anfang seines Vortrags klingt Selbert wenig optimistisch, wenn er sagt, dass die Menschheit noch eine 50-Prozent-Chance auf eine 2,0-Grad-Erwärmung hat. (Der Newsletter "Treibhauspost" schreibt in dieser Woche zum Beispiel, dass 1,5 Grad nur noch theoretisch möglich seien.)

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hat übrigens beim WaldKlimaGipfel in dieser Woche gesagt, gesunde Ökosystem seien natürliche Klimaschützer. Sie mahnte einen Umbau der deutschen Wälder an. Ihre Ziele:

  • Es sollen klimaresiliente, naturnahe Laubmischwälder mit standortheimischen Baumarten langfristig etabliert werden.
  • Alte, naturnahe Buchenwälder müssen aus der Nutzung genommen werden.
  • Waldbesitzer, die weniger Holz produzieren, können Ausgleichszahlungen erhalten, wenn sie über staatliche Vorgaben hinaus Klimaschutz – und Biodiversitätsmaßnahmen durchführen.
  • Deutschland muss seine Waldfläche vergrößern.

Noch bis 28. Oktober hat das Bundesumweltministerium einen Online-Dialog zum Aktionsprogramm "Natürlicher Klimaschutz" eingerichtet.

📰 Klimaforschung und Menschheit

Unklare Landrechte begünstigen Amazonas-Abholzung

Unklar definierte Landrechte in Brasilien haben einen Einfluss darauf, wie schnell Bäume im Amazonas-Regenwald gefällt werden, um Platz für Ackerland zu machen. Das ist das Ergebnis einer Studie vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig. Demnach wurden Waldflächen mit unklaren Landrechten in öffentlichem Eigentum deutlich schneller abgeholzt als alle anderen Besitzformen. Deshalb könnte eine Privatisierung solcher Flächen den Verlust des wertvollen Tropenwalds bremsen, wenn sie mit hohen Umweltauflagen verbunden werden, so ein Ergebnis der Studie im Fachmagazin "Nature Communications"

Trotz Energiekrise: Klimawende wird für Menschen wichtiger

Die Ergebnisse des jährlichen "Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers" zeigen, dass die Menschen in Deutschland weiter an der Energiewende festhalten wollen – auch wenn es teurer wird. Durchgeführt hat die repräsentative Befragung von mehr als 6.500 Menschen das Potsdamer Institute for Advanced Sustainability Studies. 70 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, erneuerbare Energien durch einfachere Genehmigungen schneller auszubauen. Mehr als 60 Prozent der Befragten sind mit den Fortschritten in der Verkehrswende unzufrieden (2021: 55 Prozent). 40 Prozent halten die geplanten Maßnahmen für die Verkehrswende für nicht zielführend (2021: 23 Prozent). Das "Soziale Nachhaltigkeitsbarometer" kann online nachgelesen werden

Ohne Kohle: Wirtschaft in der Lausitz

Ein Drittel der jährlich geförderten Braunkohle stammt aus der Lausitz. Szenarien zeigen jetzt, dass die Lausitz im Jahr 2040 mit Energiewende-Technologien fast eine halbe Milliarde Euro erwirtschaften kann. Das geht aus einer Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg hervor. Demnach sollte der Bund Energiegenossenschaften fördern und ermöglichen, dass sich Kommunen an Erneuerbare-Energien-Anlagen beteiligen. Außerdem brauche die Lausitz eine Fachkräfteoffensive, so die Forscher.

North-Stream-Lecks: Wie groß ist die gefahr für das Klima?

An den vier Lecks der Gasleitungen in der Ostsee ist vor allem Methan ausgetreten. Experten schätzen die Menge auf etwa 115.000 Tonnen. Das Gas hat einen stärkeren Treibhauseffekt als CO2. Die Menge entspricht etwa den CO2-Emissionen, die zwei Millionen Autos in einem Jahr erzeugen. Er mache aber "nur" 0,14 Prozent der weltweiten jährlichen Methangasemissionen der Gas- und Ölindustrie aus. Genaue Messungen fehlen noch, auch weil Satelliten nicht durch die Wolkendecke schauen können, berichtet "Nature".

📻 Klima im MDR

🗓 Klimatermine

DIENSTAG, 11. OKTOBER, DRESDEN

Kathedralforum Dresden: Krieg. Klima. Kirche. Der Augsburger Bischof ist zu Gast und geht der Frage nach, wie wir angesichts der multiplen Krisen hoffnungsvoll in die Zukunft blicken können und ob ein christlicher Blick auf "Zeitenwenden" helfen kann, "krisenfester" zu werden. Mehr Infos hier.

MITTWOCH 12. OKTOBER, JENA

Thüringer Nachhaltigkeitsforum: Biodiversität, Handel und Ernährung. Eine Veranstaltung des Thüringer Ministeriums für Umwelt, Energie und Naturschutz und des Thüringer Nachhaltigkeitsbeirats. Impulsvorträge, Podiumsdiskussion und Workshops über existenzielle Themen. Zur Anmeldung.

DONNERSTAG 13. OKTOBER, BERIN

PräventionsDialog: Wie schützen wir die Gesellschaft vor Naturgefahren? Darüber redet die deutsche Versicherungswirtschaft. Sollte es eine Pflichtversicherung geben? Zur Anmeldung.

DONNERSTAG 13. OKTOBER. LEIPZIG

Tax-Talks: Die Lenkungswirkung von Steuern für eine klimagerechte Wirtschaftspolitik. Ein Podiumsgespräch bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Ein Politiker, Ökonomen und einer Aktivistin vom "Konzeptwerk Neue Ökonomie Leipzig" fragen sich, wie eine gerechtere Gesellschaft geht und ob Steuern eine vorbeugende Wirkung haben können. Zur Anmeldung.

FREITAG 14. OKTOBER, ERFURT

vollehalle: Die Klimashow. Über die ermutigende Show hatten wir im Juni hier bereits geschrieben. Sie stellt bislang noch nicht so bekannter Denker und Macherinnen vor und macht Lust auf Veränderung. Am Freitag ist die Klimashow in Erfurt bei der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung zu Gast. Eintritt kostet sechs, ermäßigt vier Euro. Mehr Infos hier.

IMMER FREITAGS, BERLIN

KlimaAfterWork: Musik, Drinks, Speaker, Friends & Family – treffen, quatschen, zuhören und gemeinsam vor dem Klimaministerium ins Wochenende starten! Dazu rufen jeden Freitag mehr als 30 Initiativen auf. Zur Anmeldung.

👋 Zum Schluss

Die große Richtung in der Klimakrise ist klar. Und daran müssen auch digitale Entwicklungen mitwirken.

Vor ein paar Wochen war ich auf dem IT-Kongress des IT-Clusters Mitteldeutschland. Dort habe ich zwei neue "Klima"-Dinge gelernt:

  • An Glasfaserleitungen ist alle 80 Kilometer ein Verstärker nötig. Sie brauchen Energie und Wartung. Der neue Internetknoten, der in Leipzig eröffnet, kann dabei helfen, an dieser Stelle Energie zu sparen.

  • Weil es mehr Extremwetter-Ereignisse geben wird, sind auch die Notruf-Nummern häufiger überlastet. Die Großleitstelle Oldenburger Land hat deshalb einen neuen Service: Kein Notruf. Er soll helfen, die Notruf-Leitungen freizuhalten und Notfälle zu priorisieren.

Sie sehen: Das Große ist zur Klimakrise längst bekannt. Aber kleine, alltägliche Auswirkungen kann niemand vorhersehen.
Beste Grüße
Marcel Roth